„Ist Glauben…

…nicht auch eine Art Philosophie?“, schrieb mir diese Woche ein Freund per email. Und spontan ist mir nichts darauf eingefallen, was ich ihm antworten könnte. Aber dann fand ich mich doch unvermittelt am Anfangspunkt aller meiner Überlegungen wieder. Wenn sich christlicher Glaube, Philosophie und Psychologie in einem Punkt berühren, dann vielleicht im Zweifel an der als so selbstverständlich angesehenen Voraussetzung, dass uns unser Alltagsverstand verläßliche Informationen darüber liefern kann, was und wer wir sind. Die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, könnten aber unterschiedlicher kaum sein. Die Psychologie sagt: Es gibt ein Denkendes, das wir mittels Empirie untersuchen müssen, um die Quelle der Fehlerbehaftetheit unseres Daseins aufzuspüren und, wenn möglich, zu korrigieren. Die Philosophie sagt: Es gibt ein Denkbares, das wir mittels Theorie untersuchen müssen, um die Passung unseres Daseins wiederherzustellen. Der christliche Glaube sagt: Es gibt ein schöpferisches Prinzip, das jenseits des menschlichen Denkens und der menschlichen Erfahrung liegt. Du musst daran glauben, um seiner erlösenden Kräfte teilhaftig zu werden. Der Zen-Buddhismus würde sagen: alle drei geben eine falsch positive Antwort. Da ist nichts, das denkt, gedacht wird oder schöpferisch wirkt. Jeder Versuch des Verstandes, die Erscheinungen zu abgegrenzten Begriffen zu ordnen, stört nur die Harmonie. Das führt mich weiter zu Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Das heißt: in exotisch-esoterischen Höhen wird die Luft dünn für die Philosophie und den Philosophen. Denn dort, wo die Begründung aufhört, beginnt der Glaube, aber nicht als Fortführung der Philosophie mit anderen Mitteln. Die Sehnsucht nach Erlösung, Ganzheit und Vollendung hat eine völlig andere Qualität als das kühle Abwägen von Alternativen. Sie treibt den Menschen hinaus aus seinen brüchigen Behausungen, die er mit philosophischen Steinen notdürftig beschwert hat.

6 Gedanken zu „„Ist Glauben…

  1. Danke für die Blumen…irgendwie tue ich mich mit diesem Lob schwer. Ich weiß gar nicht, was ich darauf antworten soll. Der Text hat sich einfach so…ergeben. LG, WilderKaiser

  2. Im Zweifel reicht ein Danke. ;o)

    Manchmal sind die Texte, die sich einfach so ergeben, am besten. Mir hat es jedenfalls sehr gefallen, wie du „meine“ Gedanken ausgedrückt hast.

  3. Ich freue mich immer wieder, wenn jemand den letzten Satz aus Wittgensteins “Tractatus logico-philosophicus” – Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. – zitiert. Habe das Buch als Siebzehnjähriger gelesen und nichts verstanden. Nur diesen letzten Satz. Den dafür umso besser.

  4. Der Satz heisst übrigens richtig „WOVON man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Habe grade noch mal nachgeschaut. Unterschied zwischen „wovon“ und „worüber“? Hm. Ich schweige.

  5. Du hast Recht, wir wollen hier schließlich philologisch korrekt bleiben, und diesen Satz zitiere ich immer wieder falsch. Aber interessant ist das wovon im Gegensatz zum worüber schon; während das wovon nur von einer Distanz zwischen dem zu Besprechenden und dem Sprechenden ausgeht, impliziert das worüber zusätzlich eine Art logisches Verständnis und eine Art logische Struktur. Was mir bei Wittgenstein auffällt, ist sein Beharren auf einer Isomorphie zwischen der Wirklichkeit und den Gesetzen des Denkens (wohl deshalb hielt er auch die Psychoanalyse von Freud für absolutes Teufelszeug). Dem wovon entspricht jedoch das darüber – für Wittgenstein die einzige Möglichkeit zur philosophischen Souveränität im Verhältnis zu Dingen, die nicht logisch nachvollziehbar sind, aber um den Preis des Verstummens. Ich habe beim Lesen des Tractatus immer das Gefühl, einen Fehler zu erkennen, aber wie Wittgenstein diesen Fehler schlüssig nachweisen, ohne völlig unglaubwürdig zu werden? Danke nochmals für den Hinweis. Ich glaube, dass es außer dem letzten Satz beim Tractatus nicht viel zu verstehen gibt. (Soll mir doch jemand das Gegenteil beweisen. Pah.) LG, WilderKaiser

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