Beiträge vom Februar 2009

Das Hotel und der Schalter

Sonntag, 22. Februar 2009 21:44

Ich habe in einem ungewöhnlichen Hotel Quartier bezogen, dessen Gänge gewunden und sehr eng sind. In einem matt beleuchteten Gang steht mitten auf dem roten Teppich eine Säule, an der ich mich nur mit größter Mühe und Not vorbeiquetschen kann. Leider muss ich, um zu meinem Trakt zu gelangen, immer diesen Gang benutzen. Ich habe außerdem die Aufgabe, einen Schalter zu betätigen, der in einer kleinen und versteckten Nische in einem Quergang untergebracht ist. Mit dem ersten Schalter kann ich die elektrische Versorgung eines anderen Bauteils an- und wieder ausschalten, während ich mit dem zweiten verschiedene bläuliche Licht – und elektrische Effekte erzeugen kann. Kurz darauf erfahre ich auch, dass diese Effekte in einem museumsähnlichen Saal zu Schau gestellt werden. Der Hotelbesitzer hat einen Vertrag mit einem Werbeunternehmen abgeschlossen, in dessen Werbekonzept ich eine tragende Rolle spiele. Ich soll einige Bekannte einladen und sie, ohne dass sie mich sehen können, in diesen Saal lotsen, in dem sie auf mich warten und die Lichteffekte bestaunen sollen. Gleichzeitig soll ich Ihnen das Gefühl vermitteln, ich befände mich bereits unter ihnen, bis ich leibhaftig vor ihnen erscheine. Diese Sequenz mit der abschließenden Überraschung wird filmisch festgehalten und dient als Grundlage für den Werbetrailer eines Luxusprodukts. Als Gegenleistung darf ich umsonst in diesem Hotel nächtigen. Zweimal hintereinander läuft alles tatsächlich so ab, wie es das arg umständliche Drehbuch vorsieht – meine Bekannten strömen aus einer dunklen, kalten und sehr großen Vorhalle in den Saal, ich betätige die Schalter und laufe dann selbst zum Saal, um sie zu begrüßen. Beim dritten Mal jedoch ist es wie verhext – ich komme viel zu spät zum Schalter. Wie um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, drücke ich ihn zu oft und zu heftig. Das Metallgehäuse, in das der Schalter eingelassen ist, löst sich aus der Wand. Dahinter befinden sich die Kabel und ein beleuchteter Hohlraum mit einem Zettel – ein Vertrag, den der Hotelbesitzer aufgesetzt hat. Mit Bleistift hat er darauf den Betrag festgehalten, mit dem meine Unkosten beglichen werden sollen, nämlich 10 Euro für jede Betätigung des Schalters. Als ich das lese, steigt langsam Wut in mir hoch. Ich wußte nicht, dass ihm meine Mitwirkung so wenig wert ist. Dennoch haste ich zum Saal, um zu retten, was noch zu retten ist. Aus dem Saal strömen mir jedoch schon hustend meine Bekannten entgegen. Eine mir unbekannte, junge Frau sieht mich an und meint: “Geh besser nicht hinein…”

An der Rezeption unterhalte ich mich mit den Empfangsdamen. Die Dame links von mir trägt ein rotes, wadenlanges Kleid, während ihre Kollegin mit einem Top aus denselbem Stoff bekleidet ist. Ihre Oberkörper gleichen sich deswegen bis in die Details – sogar das Dekollete der beiden Damen ist nicht zu unterscheiden. Ich kann mich vom Anblick ihrer Brüste, die sich unter der Kleidung abzeichnen, nicht losreißen und bin sehr verwirrt.

Assoziationen: Milgram-Experiment, atmosphärisch stark an den Film “A beautiful mind” erinnernd

Thema: Träume | Kommentare (0)
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R.

Donnerstag, 12. Februar 2009 18:18

Thomas Bernhard über Regensburg: “Die Stadt gefiel mir nicht, sie ist kalt und abstoßend…Wie hasse ich diese mittelgroßen Städte mit ihren berühmten Baudenkmälern, von welchen sich ihre Bewohner lebenslänglich verunstalten lassen…Salzburg, Augsburg, Regensburg, Würzburg, ich hasse sie alle, weil in ihnen jahrhundertelang der Stumpfsinn warmgestellt ist.”

Thema: Anders gesagt, Stadtgekritzel | Kommentare (3)
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Balance

Montag, 9. Februar 2009 10:00

Es ist so schwer, die Balance zu halten. Hätte ich einen Stab wie die großen Künstler oder wenigstens ein Seil unter meinen Füßen, ich würde leicht wie eine Feder darüberhüpfen und würde keinen Gedanken daran verschwenden, was hinter mir oder vor mir liegt. So aber taste ich mich wie ein schweres, scheues Tier immer eine Handbreit weiter durch den Nebel vor. Wenn doch jemand käme und mir den Weg zeigte, wenn jemand wüßte, wie es um mich bestellt ist, ich würde ihn fragen können, und er hätte eine Antwort für mich. Obwohl ich schon fehlgehe, obwohl ich schon stürze, ich höre nichts. Es ist, als wäre ich weich gebettet, und ein fürchterlicher Alp hüllte mich ein wie eine wärmende Decke, während er sanft, aber mit Nachdruck auf meine Brust drückte.

Thema: Die blaue Blume | Kommentare (0)
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Spiel des Lebens

Sonntag, 8. Februar 2009 11:46

Früher drehte ich am Glücksrad, fuhr ein flottes Plastikauto und steckte rosa und hellblaue Plastikstecker in die noch freien Plätze, die meine Frau und diverse Kinder symbolisierten. Ich ergriff einen lukrativen Beruf, und zum Schluss kam ich in der herrschaftlichen Villa an und zählte meine unterwegs aufgesammelten Geldscheine.

Nach dieser Woche kommen mir Zweifel an dieser bunten, allzu träumerischen Version des Lebens. Nicht, weil meine eigenen Seifenblasen geplatzt wären, sondern weil ich mich in dieser Woche ganz nahe an andere heranwagte und intensiv deren Wünsche, Sehnsüchte und Ängste spürte. G., die sich nach unserem gemeinsamen Abend im Bistro R. nicht getraut hatte, mich um eine Berührung zu bitten. Nach zwei Tagen sagte sie mir, sie hätte von unserem Spaziergang im Dörnbergpark und von den blauen Lichtern der Taschenlampen geträumt, die wir gesehen hatten. I., der ich davon erzählte und die mich daraufhin voller Eifersucht fast mit vorgehaltener Pistole und mit Geschenken für die bestandene Prüfung dazu zwang, mit ihr am Freitagabend auszugehen. B., der es nicht lassen konnte, sich bei der Kursleitung als Kurssprecher massiv über einen Dozenten zu beschweren und unseren Kurs dazu nötigte, Beurteilungsbögen auszufüllen, während ich den Dozenten nicht ins offene Messer laufen lassen wollte und ihn vor dem Unterricht über das geplante Scherbengericht informierte.

Ich selbst arbeite gerade weg, was sich in meinen Ablagen während der letzten Wochen angesammelt hat, mit dem beruhigenden Gefühl, einen kleinen Wendepunkt in diesem arbeitsintensiven Jahr erreicht zu haben. Meine Gefühle bewegen sich ganz merkwürdig zwischen Himmel und Hölle. Vielleicht auch deswegen, weil von meinen guten Vorsätzen nicht ein einziger übrig geblieben ist – bis auf den, vor Konflikten nicht wegzulaufen, sondern sie auszuhalten. Die herrschaftliche Villa ist noch in weiter Ferne, und das ist auch gut so.

Thema: Zeitlinien | Kommentare (0)
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