Die Ballade vom guten Herzen

Es war einmal ein Jemand, der lebte am Hofe eines tyrannischen Fürsten und verrichtete dort niedere Dienste. Niemand kümmerte sich um ihn und sein Wohlergehen, bis er eines Tages drei Menschen traf, die seine Freunde sein wollten. Sie versprachen ihm das Glück seines Lebens, wenn er sie zukünftig begleiten werde. Er freute sich über dieses Angebot und zog mit ihnen von dannen, bis das Schloss des tyrannischen Fürsten ganz hinter dem Horizont verschwunden war und ihn dessen starker Arm nicht mehr einholen konnte.

Seine neuen Freunde kamen nach einiger Zeit zu ihm, legten ihm die Hand auf die Schulter und sagten: „Freund, gib uns dein Brot, das du bei dir hast. Du weißt ja, wir erschaffen eine glänzende Zukunft für uns alle, und dafür brauchen wir es.“ Und er gab es ihnen, weil er ein gutes Herz hatte, und sie nannten ihn „Freund“ und lachten und scherzten mit ihm. Das Brot war alsbald aufgezehrt, und seine Freunde vernahmen mürrisch den Klang seiner fröhlich klimpernden Talerchen. Denn während sie sich abmühten, schritt Jemand frei aus und stapfte voller Zuversicht neuen Zeiten entgegen. Da kamen sie zu ihm und sprachen: „Freund, gib uns doch deine Talerchen, die so fröhlich in deiner Tasche klimpern. Du weißt ja, was wir alle für dich tun, und dafür brauchen wir sie.“ Und er gab sie ihnen, weil er ein gutes Herz hatte, und sie nahmen sie schweigend und steckten sie ein, als gehörten sie ihnen und als stünden sie ihnen rechtmäßig zu.

Nun hatte Jemand immer noch ein fröhliches Lied auf den Lippen, während sie voranschritten. Da brüteten sie finster und sannen darauf, wie sie ihm seine Fröhlichkeit nehmen konnten. Und sie kamen zu ihm und sagten: „Freund, bestelle du unseren Garten. Unkraut ist darin und allerlei schadhafter Samen, und du musst ihn mit deinen Händen herausgraben. Benutze kein Gerät, auf dass keine nützliche Pflanze zu Schaden komme.“ Und er tat, wie sie ihm gesagt hatten, und grub den Garten um und verwandte seine liebe Müh und Not darauf. Sie aber hießen ihn einen schlechten und faulen Gärtner, der alles zerstöre, was er anfasse. Doch Jemand saß nach getaner Arbeit im Garten und blickte versonnen in den Himmel hinauf. Da zürnten sie ihm hinter seinem Rücken und riefen: „Wie kann er so unbedacht sein! Während wir uns hier für ihn aufreiben, verhöhnt er uns mit seinen Träumereien! Er weiß nicht, wie ernst die Lage ist!“ Und Jemand wußte wirklich nicht, wie ernst die Lage war.

Es war ihm ganz gleichgültig geworden, wie andere über seine Zukunft dachten, denn es war nicht mehr seine Zukunft, und es war ihm auch ganz gleichgültig, was denn aus ihm werden solle. Da berieten sie im Flüsterton untereinander und wollten ihm nun auch noch das Träumen austreiben. So kamen sie zu ihm und sprachen: „Freund, gib uns doch das Häuschen, das dir gehört, und lass uns darin wohnen. Du kennst uns ja.“ Und er gab es ihnen, weil er ein gutes Herz hatte. Sie aber bespuckten ihn, hielten sich an keine Absprachen, ließen ihm keinen Schlaf und beschmutzten den Boden und die Wände seiner Wohnung. Sie gebärdeten sich wie seine Herren, hießen ihn aber einen bequemen Zeitgenossen, der das Leiden und Arbeiten verlernt habe. Da war alle Ehre und Stolz des Jemand zuschanden, und er dachte sehnsüchtig an den Hof des tyrannischen Fürsten zurück. Er hatte unter ihm zwar keine strahlende Zukunft zu erwarten, aber er konnte sich in den ruhigen Minuten davonstehlen und in den Himmel blicken, ohne dass sich jemand darum kümmerte oder daran störte. Dorthin konnte er aber nicht mehr zurück, denn der Fürst hätte ihn als Verräter in den Kerker werfen lassen.

Da nahm er sich einen Strick und erhängte sich am nächsten Baum, dessen Äste ihm stark genug schienen. Er wollte seinen Freunden nicht mehr zur Last fallen, weil er ein gutes Herz hatte. Diese aber lachten: „Sieh diesen Tölpel! Zu nichts hat er es gebracht, und zu was hätte er uns auch nütze sein sollen! Was für ein schwacher Mensch war er, und welche Hoffnungen hatten wir in ihn gesetzt!“ Und sie hielten sich die Bäuche vor Lachen und feierten erleichtert und erlöst von dem bösen Fluch, der sie heimgesucht hatte, ein Freudenfest.

Zwei scharze Stiere

Ich laufe eine sehr steile Freitreppe nach oben, die zur Außenanlage eines Schlosses oder einer Residenz etwa aus der Zeit des Barock oder des Rokoko gehört, und gelange schließlich atemlos auf eine sehr große, quadratische Plattform. Es ist ein lauer Sommerabend kurz nach Sonnenuntergang, und gegenüber sehe ich das saftige Grün eines schattigen Waldes. Als ich nach unten blicke, sehe ich ein dynamisches Paar von zwei sehr wilden, schwarzen Stieren auf der Treppe nach oben preschen, die bald auf mich als Blitzableiter ihrer ungeheuren Energie treffen werden. Ich stoße sie an den Hörnern wieder zurück und bin freudig überrascht über ihre ungezügelte, überwältigende Kraft. Einer der beiden Stiere gibt jedoch nicht auf und jagt erneut mit einer unglaublichen Geschwindigkeit nach oben, um mich in einem erneuten Versuch mit seinen Hörnern aufzuspießen oder zu Boden zu werfen. Ich überlege kurz, mich auf den schmalen Vorsprung zu retten, der die Treppe säumt. Als ich so hoch über der Stadt herumtänzele, schäumt der schwarze Stier zu meinen Füßen vor Wut. Ich steige die Treppe etwas weiter hoch; rechts von der Treppe befindet sich ein schwarzer, schmiedeeiserner Gitterzaun vor einer Kirche, der eine kleine Altarnische mit darüber angebrachten Kreuz an der Kirchenmauer vor den vorbeieilenden Passanten schützt. Die kleine Türe quietscht in den Angeln, als ich sie öffne. Auf der anderen Seite des Gitters locke ich den schwarzen Stier spielerisch in diesen geschützten Raum, indem ich die Tür provozierend hin- und herschwenke. Als der Stier den Zugang durchquert, verwandelt er sich in einen aufrecht gehenden Menschen mit einem schwarzen Umhang. Hier bekomme ich ihn nun endlich zu fassen und drücke ihn sehr fest in die Altarnische unter das Kreuz. „Glaubst du an Gott?“, frage ich mein Gegenüber, das mich voller Angst ansieht. Ich bekreuzige mich mehrere Male und lasse dann mit der Gewissheit von ihm ab, dass er mich in Zukunft nicht mehr belästigen wird.

Assoziationen: Festung Marienberg in Würzburg, Residenz in Würzburg, Stierkampf, Sternzeichen Stier