Unterricht

Ich stehe vor einem Kurs mit siebzig, vielleicht achtzig Teilnehmern und soll dort meinen gewohnten Vortrag über das Medizinprodukterecht halten. Der Raum wird im Laufe des Traums immer voller, und ich erkenne flüchtig die Gesichter ehemaliger Klassenkameraden; es herrscht eine fröhlich, ja ausgleassene Stimmung wie kurz vor den Sommerferien oder einer großen Feier. Der Raum ist relativ merkürdig geschnitten, er hat den Grundriss eines ausladenden Kelchs oder einer ausladenden Blüte, und schließt dort, wo er sich verengt, mit einer Art Bühne oder Erhebung ab. Zunächst bereite ich die Medien vor; dazu kurble ich eine Präsentationswand herunter, auf der ich auch schon das Standbild des an der Decke montierten Beamers sehen kann (Gott sei Dank, wenigstens der Beamer funktioniert!). Ich frage, ob das Bild sichtbar und scharf genug ist, aber einige aus den hinteren Reihen verneinen. Das nächste Kunststück besteht darin, meine Präsentation auf einem der angeschlossenen Rechner zum Laufen zu bekommen. Aber es ist zum Verzweifeln – ich komme mit der Oberfläche nicht zurecht und werde immer nervöser, während die Zeit verrinnt und die wartenden Kursteilnehmer sich bereits ganz offen über meine offensichtlich nicht vorhandenen medialen Kompetenzen unterhalten. Nach einem Neustart des PC´s sehe ich ganz andere Menüs, als ich gewohnt bin. Diese öffnen sich erst dann, wenn ich lange genug mit dem Mauszeiger auf dem Namen des Ordners bleibe. Ich klicke wild auf der Oberfläche herum, und Ordner für Ordner öffnet sich. Mein Unvermögen beginnt langsam, für mich peinliche Dimensionen anzunehmen, und ich beginne, heftig zu schwitzen. Um mich herum stehen 10 Menschen, die mir Tipps geben und mir beinahe die Hand von der Maus wegziehen wollen. Egal, so wird das nichts. Nach einem Blick auf die Uhr sind nun bereits 30 Minuten vergangen, in denen nichts passiert ist.

Ich entschuldige mich halb stammelnd vor dem tobenden Kurs für die Verzögerung, aber meine Worte verhallen mehr oder weniger ungehört. Ich sehe aus den Augenwinkeln B. vorbeihuschen und für sich einen Platz suchen. Niemand sonst nimmt von ihr Notiz, aber mir schießen mehrere Fragen durch den Kopf. Warum ist sie hier? Will sie sich auch meinen langweiligen Vortrag anhören? Ihr Gesicht wirkt gar nicht freundlich, sondern eher versteinert. Nachdem sie Platz genommen hat, wendet sich meine Aufmerksamkeit wieder dem aktuellen Chaos im Raum zu. Eine Gruppe von Teilnehmerinnen steht lauthals lachend im Raum, als mich eine Teilnehmerin auf ihren kleinen PC aufmerksam macht, der in einer schicken, weißen Designertastatur versteckt ist. Sie hat ihren PC mit einem riesigen Bildschirm verbunden, der verstaubt in einer dunklen Ecke des Raumes hängt. Ich setze mich hin und stecke meinen USB-Stick seitlich in einen der drei USB-Anschlüsse dirket unter dem Tastaturtableau, aber es ist dasselbe alte Lied: der PC macht einfach nicht das, was ich will. Ich frage die Teilnehmerin perplex: „Wie haben Sie das geschafft?“, und sie erklärt mir ausführlich die Tastenkombinationen ihres sehr neuen und leistungsfähigen PCs. Ich höre jedoch nur mit halbem Ohr hin, während ich mich verzweifelt darum bemühe, wenigstens irgendetwas angezeigt zu bekommen. Aber der Bldschirm ist einfach zu dunkel und zeigt zudem eine Verfärbung, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Es ist völlig verhext, und für einen Augenblick sehe ich wieder B., wie sie mit einer übergroßen Brille und den streng nach hinten gekämmten, grauen Haaren an einem der Tische sitzt und eines der ausliegenden Prospekt studiert. Ein seltsamer Kontrast: während die Teilnehmer un sie herum den Raum in ein mittleres Tollhaus verwandeln, zeigt sie sich davon völlig unbeeindruckt und kann sich völlig auf das Lesen konzentrieren. Ist sie die Ursache für meine Missgeschicke?

Ich muss mich vor die Klasse stellen, um eine Lösung für meine ausweglos scheinende Situation anzubieten. Als ich mir Gehör verschaffen will , achtet zunächst niemand auf mich; erst als ich die vor mir Stehenden regelrecht anbrülle, geht der Geräuschpegel etwas zurück. Ich frage die Kursteilnehmer, ob sie den Vortrag überhaupt noch hören wollen. Die Antwort ist ein eindeutiges „Ja!“. Ich hoffe, dass ich einen der bekannten Kursräume ergattern kann, in denen die technischen Geräte sehr gepflegt sind und immer funktionieren. Daher schlage ich der Klasse vor, in einen anderen Raum umzuziehen. Auch das findet Anklang. „Wir treffen uns also“ – ich blicke auf die Uhr, aber aufgrund meines starken Schweißausbruchs tropfen mir salzige Schweißtropfen in die Augen, so dass das Zifferblatt immer wieder verschwimmt – „um, äh, in 30, nein, äh, in 15 Minuten an der Rezeption.“ Ich bin so nervös, dass es mir schwer fällt, mich zu orientieren. Es dauert relativ lange, bis die Teilnehmer den Raum verlassen. Da ich B. nicht begegnen will, wenn ich den Raum verlasse, wähle ich den Weg über den geheimen Fallboden der Bühne, der über eine steile Treppe abwärts und ins Freie führt. Sogar der Fallboden steht bereits offen, als ich nach unten gehe. Von links ruft die körperlose Stimme meines älteren Bruders: „Christine, die Luft ist rein, du kannst reinkommen!“, und auf dem gepflasterten Hof vor dem Ausgang fährt ein silberner Audi-Kombi vor, in dem seine Frau und seine Kinder sitzen.

Ah, endlich allein. Offensichtlich findet hier tatsächlich ein Fest statt, da sich eine Frau im schwarzen Abendkleid und ein Herr in einem Smoking miteinander unterhalten und ein Sektglas in der Hand halten. Ich gehe durch eine Art Unterführung und bin vom Gebäude, in dem ich meinen Vortrag halten soll, völlig abgeschnitten. Hinter mir erstreckt sich ein eingezäuntes, dunkles Areal mit verfallenen Hütten und Pappeln, die bedrohlich im Wind rauschen. Ich habe das Gefühl, auf einen Friedhof zu blicken. Schnell weg, hier ist es mir zu unheimlich. Aber nun beginnt das eigentliche Drama, denn die ganze Welt scheint während meiner Abwesenheit in ihre Einzelbestandteile zerfallen zu sein. Ich laufe nur mit Unterwäsche bekleidet herum, es ist tiefe Nacht, und das Fest scheint wirklich sehr rauschend, um nicht zu sagen orgiastisch gewesen zu sein. Alles ist in schwarze Farbe getaucht. Da ich aber meinen Vortrag in weniger als zehn Minuten halten soll, beginne ich meine Kleidung zu suchen. Ich stoße dabei auf ein Haus, das ich zusammen mit anderen bewohne, aber in dem ich, abhängig von dem Eingang, den ich benutze, immer in anderen Stockwerken lande. Überall liegt Wäsche herum, und es ist sehr unaufgeräumt. Das Dachgeschoss, in dem ich mich zuletzt aufhalte, ist zu einer Art Museumszimmer für einen längst vergessenen Philosophen ausgebaut, und für einen Augenblick glaube ich, dass es sich dabei um meine eigene Person handelt. Das Zimmer zeigt einen nicht unwohnlichen, aber sehr düsteren Raum mit der Wachsfigur des Philosophen auf dem Sofa. Eine monotone Stimme, die den Raum überschwemmt, betet einige uninteressante, völlig belanglose Fakten herunter. Auf dem Boden liegt, kaum erkennbar, das Deckblatt irgendeiner Tageszeitung. Hier finde ich jedenfalls meinen Anzug nicht mehr. Ich bin so verzweifelt, dass ich mir vor einem anderen Hauseingang irgendwelchen schwarzen Schuhe schnappe, um wenigstens damit zu beginnen. Sie gehören M., meinem Jugendfreund, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher, dass sie mir auch passen. Die Zeit drängt, aber ich schaffe es nicht, die Puzzleteile der mich umgebenden Welt in der Kürze der Zeit wieder in eine logische und sinnvolle Reihenfolge zu bekommen.

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