Die Ausbrecherkönige

Wir hatten uns einen Plan zurechtgelegt, vorsichtig wie zwei Wühlmäuse, wenn sie auf ein unerwartetes Hindernis stießen, immer bereit zur Flucht oder zum Sich-Tot-Stellen, je nachdem, was gerade angemessener erschien. Er funktionierte, auch deswegen, weil sich der allmächtige Präfekt nicht einmal im Traum vorstellen konnte, dass wir ausbrechen und so seine Allgewalt über uns, die sich selbstverständlich auch auf unseren Schlaf und unsere Träume erstreckte, Lügen strafen würden.

Am Ende unseres mit knarzendem Parkett ausgelegten Flurs befand sich der Waschsaal mit den Toiletten; wenn wir nach Beginn der Nachtruhe dort auftauchten, konnte uns niemand einen Vorwurf machen. Eine Tür weiter lag jedoch ein Zimmer für Seminaristen der Kollegstufe, denen wir Sechstklässler unter keinen Umständen begegnen durften. Darum warteten wir immer, bis keine Laute und kein Licht mehr aus diesem Zimmer drangen, damit wir unbemerkt entwischen konnten, und nicht gerade selten scheiterten die geplanten Ausbruchsversuche an dieser Hürde. Den Flur trennte eine weiße, leichte Flügeltür aus Holz vom übrigen Klostertrakt ab, die zu unserem Vorteil nie verschlossen war oder mit einem Schlüssel geöffnet werden konnte. Wir bewegten uns langsam und ohne allzuviel Lärm zu verursachen auf diese Türe zu, öffneten sie vorsichtig und verschwanden so lautlos wie nur irgendwie möglich im Klostertrakt. Auch dort hatten wir bis zur Steintreppe mehrere Meter knarzenden Parketts zu überwinden, bis wir, unsere Schuhe in der Hand haltend, barfüßig in Windeseile die breite Treppe hinabwuselten, sorgfältig jene Stufen vermeidend, die lose waren und beim Betreten einen xylophonartigen Klang von sich gaben. Schließlich huschten wir innen an dem großen Pfortenraum vorbei und standen vor einer massiven Glastür. Hier musste an der Innenseite ein kleiner Nippel nach oben geschoben werden, damit wir sie später vom Kreuzgang aus wieder öffnen konnten. War das geschehen, befanden wir uns im Kreuzgang nahe der Pforte. Von dort aus liefen wir zwei Türen weiter zu einem relativ unscheinbaren, aber nicht abgeschlossenem Abstellraum mit einer Milchglasscheibe. Wir zogen unsere Schuhe an, öffneten nach zwei Minuten der totalen Stille, in denen wir nur unseren Atem hörten, das Fenster, sprangen nach draußen auf das Kopfsteinpflaster, das zu einem mit einer hohen Mauer umgebenen Parkplatz führte, und zogen das Fenster von draußen zu. Schließlich kletterten wir über einen grünen Maschendrahtzaun auf das benachbarte Abbruchgelände, das wir rasch in Richtung eines holzgetäfelten Bauzauns überquerten. Nachdem wir auch diesen überstiegen hatten, landeten wir auf der Straße vor dem Finanzamt. Die wiedergewonnene Freiheit war berauschend, und wir malten uns tausend Dinge aus, die wir in der Nacht unternehmen würden. Manchmal hatten wir auch den Auftrag, für die ganze Mannschaft Burger und Pommes zu besorgen. Aber das machte uns nichts aus, denn uns befriedigte der Kitzel einer möglichen Entdeckung und der Hauch eines Abenteuers mehr als alles andere, und allein deswegen lohnte sich der Aufwand.

Wir hatten es wieder einmal geschafft, so lachten wir uns lautlos an, wenn wir auf der schlecht beleuchteten Straße vor dem Finanzamt standen. Auch wenn uns Verbote, Strafen und Mauern untertags fesselten, in der Nacht schoben wir sie einfach beiseite, und nichts und niemand konnte uns daran hindern. Wir wurden auch nie erwischt. Eines Tages bekam jedoch ein älterer Mitseminarist mit, was wir nächtens veranstalteten, und drohte, uns beim Präfekten zu verpfeifen. Unter Tränen gestanden wir schließlich einen nächtlichen Ausflug und erwarteten demütig unsere Strafe. Offenbar war das selbst dem Präfekten ein zu geringes Vergehen, denn seine Strafpredigt im Sonntagsgottesdienst fiel vergleichsweise halbherzig und beinahe humorvoll aus. Wir waren bestraft und rehabilitiert in einem.

Wir waren die Könige der Nacht und spazierten herum, wo es uns gerade gefiel. Die Kühlkammer der Küche war ein beliebtes Ziel unserer nächtlichen Beutezüge, aber auch in der direkt angeschlossenen Klosterkirche trieben wir manchen Unfug. So entfernten wir einmal eine riesige Kerze vom Hochaltar und platzierten sie auf der Bank des Organisten. Der Messwein blieb jedoch unerreichbar, auch wenn wir ab und zu einen Blick in die Sakristei warfen. Warum? Nun, einfach so, weil wir es konnten. Eines Nachts füllten wir gerade in der Kühlkammer unsere Taschen, als wir auf dem Gang Schritte hörten, die sich rasch näherten. Was tun? Wir huschten über den Gang in die Klosterkapelle, achteten nicht auf die weit ausschwingenden Flügeltüren, rannten von dort zur Holztreppe, die zur Empore der Klosterkirche führte, und stolperten schließlich hinter der riesigen Orgel die furchtbar enge Wendeltreppe zum Kirchenausgang hinab, bis wir in der Falle saßen, denn am Ende der Treppe war ausnahmsweise die Türe zum Kirchenvorraum verschlossen. Wir hörten zwar, wie die Tür von der Empore über uns geöffnet wurde, aber es stieg niemand zu uns herab. Nach einer Ewigkeit lösten wir uns aus unserer Erstarrung und flüchteten in unsere Schlafsäle und unsere Betten zurück, mit dem heißen Gelöbnis, nie wieder in der Nacht herumzugeistern.

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