Das Verhör

„Geben Sie es doch zu, und halten Sie uns nicht länger zum Narren.“ Der Kommisar verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Sein Gegenüber, ein blonder, junger Mann Mitte 20, blieb unbeeindruckt. „Ich werde mich nicht dazu äußern, bis mein Anwalt hier ist. Solange werde ich Sie belügen. Ich habe ein Recht darauf, Sie anzulügen.“ „Nein, verdammt, das haben Sie nicht. Immerhin sind Sie ein Verdächtiger in einem Mordfall.“ „Was haben Sie denn schon in der Hand?“ „Ihre Fingerabdrücke sind in der Nähe des Tatorts sichergestellt worden. Auf einer kleinen Wodkaflasche, um genau zu sein.“ „Und? Was heißt das denn schon? Es bedeutet lediglich, dass ich dort war. Aber zwischen diesen Fingerabdrücken und dem Ableben des Herrn Professors klafft eine riesige Lücke, die Sie mit nichts als Ihrer Phantasie ausfüllen können.“ „Wir wissen, wie es gelaufen ist, und Sie wissen es auch. Es ist ja nicht so, dass ein blutendes Loch im Schädel und ein tot herumliegender Mensch selbstverständlich sind.“ „Nun ja, rein fiktiv bin ich natürlich in den Wald gelaufen und habe dort ein mittelgroßes Stück Holz geholt. Anschließend habe ich mit diesem den Herrn Professor hinterrücks erschlagen.“ „Warum sagen Sie eigentlich immer Herr Professor?“ „Ich verachte ihn…“, rief er aus und verstummte plötzlich. Seine Augen wanderten auf den Boden, als betrachte er dort eine interessante Szene. Heiser vor Wut fuhr er fort, ohne den Blick zu heben: „Nein, ich verabscheue ihn nicht einmal. Wie erbärmlich. Ich hasse ihn, aus tiefstem Herzen und mit aller Kraft, derer ich fähig bin.“ Die Tür öffnete sich, und der Anwalt stürmte erregt und mit hochrotem Gesicht in den Raum. „Das Gespräch ist zu Ende“, zischte er und knallte seine Aktentasche auf den Tisch. Angrifflustig sah er den Kommissar an. „Ich decke Sie mit Dienstaufsichtsbeschwerden ein, bis Sie im Archiv den Staub von den Aktendeckeln pusten, da können Sie sicher sein.“