Beiträge vom Oktober 2009

Das Gerücht

Montag, 12. Oktober 2009 23:07

Fama schläft nie. (frei nach Vergil)

Ein mir bisher als recht sympathisch bekannter Kollege aus einem anderen Haus hat mich heute überrascht, und zwar extrem negativ. Wir plauderten am Telefon eine Weile über berufliche Probleme, als er gegen Ende des Gesprächs endlich mit seinem wahren Anliegen herausplatzte. Zuerst fragte er mich nach meinem Bruder und danach, ob dieser Klarinette spiele. Ich bejahte und vermutete, es ginge um Volksmusik oder eine Formation, in der mein Bruder aufgetreten ist. Nun ja, sagte mein Gesprächspartner, in seiner Abteilung habe ein neuer Kollege begonnen, der in meinem Heimatdorf wohne oder dort aufgewachsen sei und meinen Bruder kenne. Ich dachte mir immer noch nichts dabei. Mein Bruder war in der Vergangenheit auf unzähligen Volksmusikveranstaltungen präsent, und deswegen kann es natürlich sein, dass er eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, von der sogar in meinem Heimdorf Notiz genommen wurde. Mein Bruder sei aber auch Mitglied in jener Theatergruppe gewesen, nicht? Und der neue Kollege habe ihm von den damaligen Ereignissen erzählt, und was damals so die Runde gemacht habe, und dass wir aus dem Jugendheim geschmissen worden seien. Unter anderem sei von Sexspielchen berichtet worden, haha. “Ja, genau”, sagte ich. “Ich hoffe, ich konnte dir mit deinem Anliegen weiterhelfen.”, beendete ich schließlich freundlich, aber bestimmt das Gespräch.

Nach über 18 Jahren holen mich also die damals verbreiteten Lügen wieder ein. Sich gegen sie zur Wehr zu setzen, gleicht einem Kampf gegen Windmühlen; keiner war dabei, aber jeder glaubt ganz genau zu wissen, was sich damals abgespielt hat. So ein unwiderstehliches und leicht schmutziges Gebräu findet natürlich begeisterte Abnehmer. Ich weiß jetzt ebenfalls mehr – unter anderem, dass ich nicht dorthin wechseln werde, auch wenn ich zeitweise mit diesem Gedanken gespielt habe.

Es geht ja doch nur darum, Zweifel zu säen. Und die Reaktionen zu beobachten. Ich frage mich nur, warum die Menschen um mich herum momentan so vollkommen verrückt danach sind, mich zu enttäuschen – wie wenn es einen Preis zu gewinnen gäbe. Absurd.

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Der Aufbruch

Samstag, 10. Oktober 2009 20:58

Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeutete. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: »Wohin reitet der Herr?« »Ich weiß es nicht«, sagte ich, »nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.« »Du kennst also dein Ziel«, fragte er. »Ja«, antwortete ich, »ich sagte es doch: ›Weg-von-hier‹ – das ist mein Ziel.« »Du hast keinen Essvorrat mit«, sagte er. »Ich brauche keinen«, sagte ich, »die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.«

Franz Kafka

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