Der Skarabäus

Im Haus meiner Eltern findet im Obergeschoss eine Familienversammlung statt, die sehr konzentriert, aber in völliger Stille abläuft. Meine Familie ist um mich herum mit vor Erwartung glühenden Gesichtern gruppiert – mein Bruder sitzt locker auf der Lehne eines Sessels, in dem meine Mutter Platz genommen hat. Mein Vater steht hinter meiner Mutter, ist aber für mich kaum sichtbar, da der Raum ziemlich duster ist. Weiter weg erkenne ich noch mehrere mit dunkelgrünem Samt bezogene Fauteuils. Da sie mich unangenehm anstarren, richte ich meinen Blick auf den Boden und bemerke dort eine schwarz glänzende, sich bewegende Oberfläche…ich schreie auf, was meine Familie missbilligt. Auf dem Boden krabbelt ein riesiger Skarabäus herum, der gut 30 Zentimeter lang ist. Während ich mühsam nach Luft ringe, versucht meine Familie den Skarabäus vor mir zu verstecken. „Nun reg dich doch nicht so auf…“ Aber selbst unter dem roten Samtkissen, unter den meine Familie ihn gesteckt hat, ragen seine sechs Füße hervor. Nein, ich werde mich nicht darauf setzen und so tun, als sei nichts vorgefallen. Schließlich hebt ihn mein Bruder mit einer Miene des Angeekelt-Seins vom Boden auf. Der Skarabäus ist nun ganz flach und sehr weich, wie eine Art bräunlich-durchsichtiger, organischer Gummi. Mein eigener Ekel schlägt in eine heftige Übelkeit um. Als mein Bruder an mir vorbei in Richtung Balkontür geht, um den Käfer hinauszubringen, bemerke ich, dass sein Ekel nicht dem Insekt, sondern meinem Verhalten gilt. Der Skarabäus wird von meiner Familie wie eine äußerst glückverheißende Prophezeiung aufgenommen. Meine Aufregung kann zumindest hier im Raum jedoch kaum jemand nachvollziehen.

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