Sturm

Ich erwache wie von einem Donnerschlag und stehe sofort auf, da ich ein schlimmes Ereignis befürchte, das unmittelbar bevorsteht. Ich blicke aus dem Fenster und bin für einen Augenblick ziemlich verwirrt: ich blicke wie von einem sehr hohen Punkt aus auf das südliche Tal hinter dem Universitätsklinikum hinab und stehe doch nur an der mir bekannten Fensterfront vor den Kursräumen im rückwärtigen Teil des Klinikums; zudem bin bin überrascht darüber, dass ich vor einem der Kursräume mein Lager aufgeschlagen habe. Über dem Tal türmt sich ein kompakter, gewaltiger Hexenkessel aus pechschwarzen Wolken auf, in dem einzelne Blitze zucken. Er dreht sich in einer rasenden Geschwindigkeit und bildet schließlich einen Tornado, der ganze Häuser wie Streichhölzer in der Mitte auseinanderbricht und wegfegt. Ich bin erleichtert, als ich bemerke, wie sich das Auge des Sturms langsam von den Gebäuden des Klinikums wegzubewegen scheint. In der sich lösenden Anspannung kommt mir plötzlich auch meine grelle Panik zu Bewusstsein.

Nach einem kurzen Schwenk nach links durch die Glastüren, die zur Kinderklinik führen, sehe ich meinen Kollegen M. an einem Patientenmonitor herumhantieren. Er steht etwas weiter weg in einem der rundum verglasten Aufenthaltsbereiche am Ende der C4-Spange und überprüft dort die Netzwerkeinstellungen der Monitore. Ich bin froh, dass er bei uns im Haus arbeitet, da er der einzige ist, der das eben zusammengebrochene Netzwerk wieder instandsetzen kann. Ich bin ihm geistig so nahe, dass es mir irgendwie gelingt, mittels Gedankenübertragung Kontakt zu ihm aufzunehmen. Aber er scheint nur am Rande von mir Notiz zu nehmen, und als ich ihn nach seiner Funknummer frage, antwortet er gedehnt: „Ich habe den 0050-er.“ Er ist auf das Problem mit dem Netzwerk fokussiert, während ich voller Unruhe auf seine Person fokussiert bin und an seinen Lippen hänge. Er allein kann momentan noch die Krise abwenden.