Blau

Blau. Er erinnerte sich an den blauen Himmel, der ihn jedes Mal begrüßte, wenn er aus dem stickigen Zimmer auf den Balkon trat. Weite. Himmel. Ferne. Ein übermächtiger Sog, der ihn zu erfassen schien und ihn weit wegtrug, in atemlose Abenteuer, in denen er souverän auf den Wellen des Lebens dahinritt, ungebunden, Sturm im Haar. Blau war der jungfräuliche Morgen, der aus dem Tau der hinteren Gärten stieg, wo die Schafe weideten, wo sich die Männer um ein Schaf sammelten, um es zu töten und zu essen, Barbaren, Wildnis, Stille.

Blau, ein graues, verwaschenes Blau, es zeigte einen virtuosen aus einer unwirklichen Zeit, der auf seinem Instrument Bach spielte, die Kerzen brannten, er saß, auf dem Boden gekauert, mit seinem Bruder, und löschte mit seinen Gedanken die Welt, übrig waren nur sie beide, die auf einem winzigen Stein durchs Weltall rasten, Bach, Wittgenstein, Gould, das musste sich doch berühren, und sei es erst in einer fernen Zukunft, nach ihrem Tod möglicherweise, staunen würden sie alle, die sie nie gekannt hatten, wie sie gemeinsam Fels und Fels aus dem wankenden Turm zogen und ihn zum Einsturz brachten, ungezogene Titanenkinder, die mit letzten Dingen spielten wie andere mit Legobausteinen.

Blau. Blau waren die Fliesen und der Tannenbaum. Blau, nicht grün. Nicht grün. Grün war der Kachelofen gewesen, damals, vor ewigen Zeiten, äonenlang, die Fliesen hallten wider von den Tränen seiner Mutter, die an sie klatschten wie eimerweise Wasser, im Gang standen sie damals, seine Mutter, merkwürdig gekleidet, wie eine Wanderin, mit Gürtel, an dem ein Messer befestigt war, der brüllende Vater, sie wollte in den Wald gehen und sich etwas antun, danach rauschte der blutrote Punsch in den Topf, eine mütterliche Hand verirrte sich im blonden Schopf, nein, wir gehören doch zusammen, jetzt, an Weihnachten, ich habe doch Plätzchen für alle gebacken, das könnte ich euch nie antun.

Blau. Das Bühnenbild war blau, eine Landschaft, linkisch gepinselt, die klatschenden Hände, das Klatschen der Hand, der plötzlich einen Traum zerschneidende Gürtel, den der Vater in der Hand hielt, das Prügeln, der Applaus, wie liebten sie ihn alle, wie wurde er gehasst, warum, ein Kind, die Semmel, auf die arglose Tränchen tropften, sie war nass, niemand konnte sie nun essen, sie gehörte seinem Bruder, der den Waffenschrank aufgefeilt hatte, kein Schuss, nur ein Zittern, das Zischen der Reitgerte, ihr müsst gezüchtigt werden, ihr müsst zerbrochen werden, ihr müsst gekittet werden, die Bühne, schwarzer Samt, in der Kulisse der flammenlodernde Mephisto. “Ich bin es, dein Bruder!” “Ja, du bist mein Bruder.”

Blau war das Geschenkband, es fiel in den Schnee. Lange hatte er gewartet, um ihn zu besuchen, bis zur Schranke war er gekommen, er stand unschlüssig da, hatte anderes zu tun, sie warteten auf ihn, Lichter brannten, ein Braten schmorte im Ofen, nur er, er konnte nicht dabei sein. Er starrte auf die blauen Scheiben, als würden sie ihm antworteten. Minuten, Viertelstunden zerrannen, unterbrochen durch den Glockenschlag der nahen Turmuhr, warum konnte er nicht einfach hineingehen, widerlicher weißer Schnee klebte an seinen schwarzen Schuhen, dann drehte er sich langsam um, auf den Ausgang zu, er ging zunächst mit zögerlichen Schritten, dann immer schneller.

Rot flackerte ihm das Schild “Bezirksklinikum” entgegen.

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