Versuch über das Böse

Philosophie ist nichts mehr für Idealisten. Die Besitzergreifung von Idealen hat in den Stürmen des 20. Jahrhunderts, aber auch in der Postmoderne so sehr um sich gegriffen, dass auch der abscheulichste Diktator nicht mehr ohne eine moralisch lautere Begründung für seine Verbrechen auskommt. Ideale wurden von Pragmatikern der Bewusstseinsindustrie in Versprechen mit Haltbarkeitsdatum umfunktioniert, so dass nicht mehr unterscheidbar ist, ob authentische Motive der Mitte der Persönlichkeit entspringen oder ob sie nur benutzt werden, um den angewandten Mitteln ein freundlicheres Aussehen zu verleihen. Die Sprache wird zum Drehzahlmesser des Absurden – dem Guten glaubt man nicht und dem Bösen misstraut man.

Also wendet man sich der Verpackung zu. Wird in der Theodizee-Frage das Gute des Gottesbegriffs schon in ethischer Richtung gedeutet, geschieht dasselbe nun mit dem Tafelsilber der Ethik: der Inhalt ist sattsam bekannt, es kommt nur noch darauf an, wie er verkauft wird. Am Ende entscheidet das launische Publikum, wann und worüber es den Daumen senkt oder hebt. Die Bewusstseinsindustrie etikettiert jeden Gedanken und jede Idee, seien sie noch so hehr und edel, zu einer Ware um, die im Markt auf Wettbewerber trifft. Am besten gibt sie sich ein seichtes und leichtverdauliches Aussehen, um nicht allzu sauer aufzustoßen. Philosophie ist ein kurzer Bewusstseinserfrischer to go, ein Pausenfüller, bevor der allermodernste Mensch sich wieder seinem digitalen Assistenten zuwendet, um von ihm die Struktur der sich gnadenlos zerdehnenden Stunden des letzten Tages zu erfahren. Thematisch erwartet man die übliche Trias von Tod, Teufel und Apokalypse, aber bitte innerhalb von zehn Minuten, wir müssen noch den Flieger nach Utopia erwischen, das Boarding hat bereits begonnen.

Was sagt zu alldem die professionelle Philosophie? Versucht sie mosaisch das Meer der zuwuchernden Deutungen mit einer machtvollen Geste zu teilen und ihren Anhängern einen sicheren Weg zu weisen? Nichts davon ist bekannt. Es gibt überhaupt nichts zu berichten. Die akademischen Längen werden mit dem Mikroskop gemessen und haben einen Abstraktionsgrad erreicht, der Nichteingeweihte ratlos zurücklässt. Philosophie, die als Universalwissenschaft noch die Chance besäße, der allzu großen Spezialisierung und Zersplitterung der anderen Fachdisziplinen entgegenzuwirken und den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt in einen Deutungsrahmen zu stellen, beschäftigt sich lieber mit der logischen Struktur von Aussagen als mit den unbewältigten Inkohärenzen der Realität. Das Ziel lautet, der Philosophie die reellen Widersprüche auszutreiben. Vielleicht haben wir am Ende ein ungeheuer präzises Werkzeug für die Analyse, haben aber vergessen, wozu wir es benutzen wollten.

Eine zentrale ethische Versuchsanordnung für das Projekt der Moderne lautet doch: wenn die gesamte Menschheit nur einen Schritt vom Wiedereintritt in das Paradies entfernt wäre, und nur ein Mensch stünde dem im Weg, wäre es dann gerechtfertigt, dieses Menschenleben zu opfern? Und unsere Beantwortung der Frage hinge entscheidend davon ab, ob wir das Paradies als etwas Äußerliches, von uns Getrenntes wahrnähmen, an das wir GLAUBEN und das wir uns so ANEIGNEN könnten. Nachdem uns die Transzendenz verlassen hat (“Gott starb in Ausschwitz”, so war letztens zu lesen), sind wir wieder mit Glauben und Güterabwägungen konfrontiert. Es ist schier zum Verrücktwerden. Wir werden die Dämonen nicht los, die uns zu irgendeiner Entscheidung drängen.

Was früher die Gesellschaft als Ganzes erschütterte und bewegte, spielt sich nunmehr auf der Ebene des neuen philosophischen Atoms, des Individuums, ab. Es ist sein Verhalten, aus dem man glasklar seine philosophisch-ethische Konstitution ableiten kann, ungeachtet dessen, was es zu seiner Verteidigung vorbringen mag. Das ist eine bislang ungeahnter moralischer Rigorismus, der da am Ende aller Liberalisierungsbemühungen um das Individuum aufscheint. Psychische Intaktheit ist unter diesem Aspekt eher als Ausnahme zu begreifen und nur mit ungeheuren Verdrängungsleistungen zu erreichen. Das Böse resultiert nun aus dem Versäumnis, seine Entscheidungen nicht hinter die Höhe des eigenen Wissens, der eigenen Kompetenz, ja, der eigenen moralischen Integrität zurückfallen zu lassen. Damit es nicht zu diesem Versäumnis kommt, bedarf es geeigneter Hilfsmittel.

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