Portrait

Bestimmte Menschen missachten jedes Distanzbedürfnis anderer Menschen, um durch ihre ständige Präsenz und ihre hartnäckige und ungehemmte Aufdringlichkeit Geheimnissen auf die Spur zu kommen, die ihnen im Gegenzug möglicherweise Macht über die Opfer ihrer Aufmerksamkeit verschaffen. Oft gelingt ihnen das auch, aber leider bemerken sie nicht, dass ihnen selbst größte physische Nähe keinen Aufschluss über das Innenleben geben wird, wenn es vor ihren Augen verborgen bleiben soll. Die größtmögliche Kumpanei wird, obwohl mit der Maske des Wohlwollens und der Freundschaft getarnt, zum Angriff auf die intime Sphäre des so Überfallenen. Sie knacken die Nuss um des Beweises willen, dass es ihnen wieder und wieder gelingen wird, und werfen die Schale danach achtlos fort, wenn der Kern nichts für sie Wertvolles enthält. Sie wundern sich nur, dass ihnen daraus eine Verpflichtung erwachsen soll, sich um Andere zu kümmern, wenn es sich doch in ihren Augen nur um Spielzeuge ihrer durch kaum zu stillenden Neugier handelt. Kalt und planmäßig wird das Gegenüber analysiert und seine Gefährlichkeit oder Brauchbarkeit für eigene Zwecke taxiert, während ihnen wirkliche Probleme und Notlagen gleichgültig sind. Man fühlt sich in der Gegenwart dieser Menschen wie jemand, der unversehens an einen mannshohen Eisblock gefesselt wurde – es kostet Unsummen an Energie, sie auch nur an der Oberfläche zum Schmelzen zu bringen, und man weiß genau, dass man nie zu ihnen durchdringen wird. Die Essenz, das Schmelzwasser, ist hingegen flüchtig und ohne Bestand. Prinzipien und Moral verabscheuen sie zutiefst, weil ihnen das eine Struktur und eine Form aufzwingen würde, die ihnen und ihrer Genialität in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht gerecht wird. Sie tragen Masken und sammeln Feinde und Verbündete, aber nie wird sie irgendetwas im Inneren berühren. Es wäre der Tod ihrer Persona.