Der Sturm – 211

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Die höhnische Stimme in seinem Inneren und die Erinnerung daran durchfuhren ihn wie einen Blitz. Er schreckte hoch. Sein Mantel war durchnässt, und ziemlich nah hörte er ein gewaltiges Donnergrollen. Seine Augen suchten nach Halt und blickten nach oben, aber er sah nur das Gewirr der Äste, die im Sturm schaukelten, und sonst nichts außer Dunkelheit. Als er sich umdrehte, war sogar der Lichtpunkt des Feuers hinter ihm erloschen oder nicht mehr sichtbar. Der Faden, der ihn bis zu diesem Punkt geführt hatte, war nicht zu entwirren. Andere hatten sich seines Lebens bemächtigt und ihn wie eine Schachfigur mal hierhin und mal dorthin geschubst. Er wusste nicht mehr, wer er war – der gut situierte Professor, der sich zusammen mit einer Handvoll Lieblingsstudenten in der Deutung der Zeitgeschehnisse erging, oder jenes seltsame Bündel Angst, das vor Kälte und Nässe zitternd im Wald stand und keinen Ausweg fand? Als er sich außer Atem an einem Baumstamm festhalten wollte, sah er es: ein feines, silbriges Fädlein, das verdampfte und aus den Ästen zu kommen schien, bevor erneut der Donner sich in tausend Kaskaden brach. Er traute seinen Augen kaum und er wusste es nicht zu deuten, aber es wiederholte sich ein paar Mal. Es stand so klar vor seinen Augen, dass er nur die Hand danach hätte ausstrecken brauchen, um die Widerständigkeit zu fühlen. Der Wald atmete schwer unter dem Druck des auf ihm lastenden Gewitters. Ihm war, als schmeckte er bittere Medizin, als sei ihm ein Geheimnis anvertraut worden, das niemand wissen durfte und das er in den Tod mitnehmen würde. Schwer keuchend riss er sich los und taumelte seinem Untergang entgegen. Hinten, tief drinnen im Wald gähnte ein Maul, an dessen Rand er sich verirrt hatte und das ihn verschlucken würde. Die Blätter glitten unter ihm weg und zogen ihn näher an den saugenden Schlund, während die Äste ihn drohend vorwärts peitschten. Zischende, kleine Blitze drangen aus der Rinde der Bäume, die er berührte und liefen in kleinen Verästelungen über seine Haut. Er war nun angekommen und ein Teil des Waldes, weit weg von Gedanken, nur noch Erlebnis und Sensation, zitternde Gier und aufgewühlte Furcht. Er stürzte, aber nicht, um sich auf seine verlässlichen Hände zu stützen, im Fallen drehte er sich ein wenig und landete auf dem Rücken. Er spürte die Erschütterung und den Regen, der von oben fiel, und blieb einfach liegen, es war alles Wald um ihn her, sogar er selbst, und als er in den Nachthimmel starrte, sah er den Arm, wie er brach, und die Hand, die auf ihn zustürzte, um ihn zu zermalmen. Nichts regte sich in ihm, das ihm zugeflüstert hätte, sich auf die Seite zu rollen, er wartete, er atmete, er spürte die Wucht der zudrückenden Hand, den grellen Schmerz und das rasche Erlöschen jeden Lichts.

Ein nasses Laubblatt klebte an seiner Wange. Ihm war, als ob er tausend Tode stürbe, und am Ende nur den einen.

2 Gedanken zu „Der Sturm – 211

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