Der Sturm

Er war nochmal auf den Hügel gegangen, um zu sehen, ob die Wetterfront direkt auf den Wald zukam oder, wie gewöhnlich, einige Kilometer vorher nach Osten abzog. Es braute sich nichts Gutes zusammen; die dunkle Wetterkante kam seiner Zuflucht bedrohlich nahe und wurde knapp über dem Boden regelmäßig von Blitzen in ein grelles Gelb getaucht. Er musste seine wenigen Habseligkeiten in Sicherheit bringen und sich auf ein oder zwei unruhige Stunden einstellen. Als er knapp zweihundert Meter von seinem Wohnwagen am Waldrand entfernt war, sah er sie bereits: einige jüngere Männer, die gröhlend versuchten, seine letzte Behausung in Brand zu stecken. Er rannte auf sie zu, aber plötzlich explodierte ein riesiger Feuerball, und sein Wohnwagen ging komplett in Flammen auf. Nichts war mehr zu retten außer das eigene Leben. Plötzlich spürte er den eisigen Griff der Angst, der ihn an der Schulter packte und ihn mit sich fortzog, weg von den Männern, weg vom Feld, auf dem er allzu gut sichtbar war, hinein in den immer dunkler werdenden Wald. Er war völlig besinnungslos – am Waldrand, hinter den mit peitschenden Bewegungen auf- und abflackernden Ästen, sah er die Flammen und die tanzende Horde, die ihn vermutlich töten wollte, und er wollte so viel Entfernung wie möglich zwischen sich und dem gespenstischen Spiel der Lichter bringen. In sich spürte er den Schmerz eines unsäglichen Verlustes. Die Manuskripte und die Arbeit der letzten Jahre waren unwiederbringlich verloren, so dass er nicht darauf hoffen konnte, mit einer bahnbrechenden Publikation wieder zurück in die alten akademischen Gleise zu finden und vielleicht sogar einen Lehrstuhl angeboten zu bekommen. Es gab keine Kopien und keine Abschriften. Seine Wohnung, an die er jetzt merkwürdigerweise kurz dachte, war nur noch die Hülle eines alten Lebens und enthielt keine Spur seiner neuen Ideen. Doch je leiser die Stimmen der Männer wurden, um so lauter wurde der Wald mit seinen knarrenden Ästen und dem umherwirbelnden Laub. Er hatte zunächst nicht darauf geachtet, wo er genau hinlief, aber er befand sich mittlerweile unter uralten, morschen Bäumen, deren Schatten sich drohend vor ihm aufbauten. Er stolperte, von einem Missgeschick ins nächste gestoßen, voran und dachte nur noch daran, dem Wald, dem Sturm, den Männern und seinem Leben zu entkommen. Er konnte sich nicht vorstellen, einfach stehenzubleiben und darauf zu warten, was sich als Nächstes ereignen würde. Mittlerweile hatte es zu regnen begonnen, und der Sturm nahm weiterhin Fahrt auf.

Die Frage, die in ihm bohrte und immer klarer wurde: Wie hatten ihn die Männer gefunden? Waren es Studenten? Und wer hatte ihnen möglicherweise verraten, wohin er sich zurückgezogen hatte? Ein kleiner Fetzen seines Bewusstseins spie ihm eine Situation in den Kopf, die er unlängst erlebt, aber als unbedeutend abgetan hatte: er hatte wieder einmal beim Dekan vorgesprochen, der ihm wie immer generös, aber etwas kurz angebunden versichert hatte, sich für seine akademische Rehabilitation einzusetzen, und er war wie immer an der Sekretärin vorbeigeschlichen, die sich, wie er einmal unfreiwillig bemerkt hatte, hinter seinem Rücken über sein Aussehen und seinen Geruch beschwerte, als er auf dem Flur unvermittelt auf eine Studentin stieß, die ihn zunächst mit großen Augen anstaunte, dann aber fortlief, als er sie ansprach. Briefzeilen liefen fieberhaft durch seinen Kopf, in denen er vor einer anderen Studentin über die Unmöglichkeit einer Liebe zu ihm nachgedacht hatte, wie zwei Wanderer waren sie gewesen, unterwegs unter dem gleichen Stern, aber nur für ein kurzes Wegstück…“Professor, unterlassen Sie Ihre politischen Ausführungen, die uns allen sattsam und bis zum Überdruss bekannt sind. Uns interessiert nur, was wir wirklich zum Bestehen der Prüfung benötigen!“

[nächster Abschnitt]

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