Mein Blogwichtel 2011 – und die Geschichte dazu…

Hier nun (endlich) mein Blogwichtel 2011 – ein Märchen (wie wundervoll):

„Ich habe genug“, sagte der Böse Wolf, „Nein wirklich, jetzt muss Schluss sein….“  knurrend zog er seine Lefzen hoch. Schneewittchen die sich gerade angeregt mit Rotkäppchen bei einer Flasche Prosecco unterhielt, schaute indigniert hoch. „Was ist denn jetzt schon wieder, Wolf?“
„Warum muss ich immer böse sein?“ – „Du mußt nicht, Du bist es!“  mischte sich das Rumpelstilzchen ein, griff wie immer ungefragt in die Schachtel mit den Schokocookies vom 7. Zwerg und zog wieder von dannen. Immerhin hatte er heute sein erstes Date mit dem Gestiefelten Kater und daher galt es sich entsprechend zu schönen…..

Der Wolf, der nicht einmal einen Namen hatte und seit Jahr und Tag „Der Böse Wolf“ hieß, brummte unwillig und fletschte die Zähne. Da er auf Grund seines Alters, fehlender Zahnhygiene und verabsäumter Zahnregulierung  einen veritablen Fehlstand seines Gebisses hatte und ein paar unbehandelte Löcher, war der Anblick zwar zum Fürchten, aber eher aus Mitleid.
Rotkäppchen verdrehte nur angenervt die Augen.

„Ich kann doch auch mal der Gute sein, was spricht dagegen?“ fragte er Dornröschen. Er legte seinen zotteligen Kopf auf ihre Knie und flüsterte: „Streichelst Du mich hinter meinen Ohren?“ Dornröschen konnte nicht einmal dem Bösen Wolf wirklich etwas abschlagen und kraulte den alten Herrn, der genüßlich schnurrte – so ähnlich kann man die Geräusche nennen, die er von sich gab.

Schneewittchen wollte Getränke-Nachschub holen, leider konnte sie es nicht lassen, den Wolf in den Schwanz zu kneifen, worauf dieser aufjaulte und reflexartig nach dem scheinheilig grinsenden Schneewittchen schnappte….worauf dieses hysterisch aufschrie und mit kippender Stimme den Wolf anblaffte: „Du böser, wiederlicher Kerl Du, Du bist und bleibst böse, denk an die 7 Geisslein, denk an Oma Rotkäppchen!“ Sprachs und zog mit der neuen Flasche Prosecco ab. Rotkäppchen, die die Szene von weiter hinten beobachtet hatte, grinste hinterhältig.

Immer das Gleiche, wenn die beiden Mädels zusammensteckten, konnte nichts Ordentliches herauskommen.

„Ich glaube“, flüsterte Dornröschen mit dem großen und weiten Herz dem Wolf zu, „ich glaube, es ist besser, Du machst eine kleine Runde durch den Wald, wir sehen uns später.“
Der Wolf trottete mit hängendem Schwanz und gesenktem Kopf durch Wald, passierte die kleine Lichtung, wo gerade Rumpelstilz um den Gestieftelten Kater herumbalzte und nach einer halben Stunde kam er bei Hänsel und Gretel an, die vor ihrem Haus auf der Bank saßen und die Nachmittagssonne genossen.

Das Tapfere Schneiderlein war gerade am Dach zugange, um die lockeren Schindeln zu reparieren und die Bremer Stadtmusikanten machten auf der Weide gerade Pause, wobei der Kater, eigenwillig wie Katzen sind, es sich auf dem Schoß von Gretel bequem gemacht hatte. Als er allerdings den Wolf herantrotten sah, zischte und fauchte er aggressiv und stellte sofort alle Haare auf.

„Ach lass das doch, Kater“, meinte Gretel versöhnlich.
„Was führt Dich zu uns, alter Knabe?“, sprach Hänsel, während er die Pfeife stopfte und einen kräftigen Schluck von seinem Feierabendbier nahm.
„Ich will nicht mehr böse sein, ich bin ein alter Wolf und ein liebenswertes Tier,“ sagte er und legte den Kopf auf Hänsels Knie, und fragte wieder leise: „Streichelst Du mich hinter den Ohren ?“
Hänsel seufzte: „Ich weiss, es ist ein blöder Job den Du hast… ich fühle mit Dir mit. Aber wie Du weißt, hat das Rotkäppchen noch ein Wort mitzureden.“
Hänsel strich dem Wolf über seine Schnauze.

Die Augen vom Wolf verdunkelten sich und er fühlte sich auf einmal ganz, ganz müde und kraftlos… Er legte sich zu Füßen von Hänsel und beschloss ein bisschen zu schlafen, um ein wenig zu vergessen.
Das Abendröte färbte bereits den Himmel, als der Wolf nach einem kurzen aber erholsamen Schlaf erwachte, er streckte seine Glieder, daß es knackte.

Aus Hänsel und Gretels Haus drangen laute Stimmen und auf einmal stürmte ein wutentbranntes Rotkäppchen aus dem Haus, schrie den Wolf an: „Ok, Du hast gewonnen“ und verschwand in der Dunkelheit….

Verwundert trottete der Wolf ins Haus und da saßen sie, Hänsel, Gretel, die Bremer Stadtmusikanten, auch Schneewittchen mit einem verlegenen Grinser, die Zwerge, Dornröschen, die Hexe, die Königin, alle 7 Geisslein, Oma Rotkäppchen, Rumpelstilzchen händchenhaltend mit dem Gestiefelten Kater, das tapfere Schneiderlein und noch viele andere….der Wolf schaute von einem zum Anderen: „Was ist denn hier los?“ – „Komm nur weiter, Wolf, komm nur rein!“ Hänsel räusperte sich „Wir sind dahinter gekommen, daß Rotkäppchen Dich nur verleumdet hat, aus welchem Grund auch immer. Wie gesagt, sie hat alles vesucht, damit Du die Märchenwelt verlassen mußt.  Gottseidank hat uns Dornröschen aufgeklärt, auch dahingehend, daß Du ein Poet bist. “ Der Wolf  errötete. „Daher“, erhob Hänsel wieder seine Stimme, „bist Du ab sofort unser Wolf, der Poet.“ Alle standen auf und applaudierten und die dunklen Augen vom Wolf, dem Poeten füllten sich mit Tränen…. Seit Jahren erfreut nun Wolf, der Poet, die Märchenwelt mit seiner Prosa, und wird nie wieder der BÖSE Wolf genannt.

Achja, und die Zahnregulierung und 3 Implantate bekam er auch noch geschenkt – zu Weihnachten.
Und die Moral von der Geschichte: Auch Wölfe haben Seelen…

Und apropos Märchen: Viel Spaß mit dem folgenden Slam Poetry Beitrag!

 

Alles Liebe von Deinem Blogwichtel!

Hallo lieber Blogwichtel, ich hoffe, du verzeihst mir nochmal das verspätete Erscheinen deines Beitrags…an der Stelle, als Rotkäppchen wutentbrannt das Haus verließ, habe ich minutenlang schallend gelacht…und ich dachte schon, ich werde dieses Jahr überhaupt nicht bewichtelt! Dein kleines, unschuldiges email, das sich durch die bösen Server gequält hatte, hauchte schließlich sein Leben aus…und ich stand ohne Blogwichtelbeitrag da…und war, nun ja, etwas enttäuscht schon…hmmm…aber dem aufmerksamen Blogwichtel fiel schließlich auf, dass sein Beitrag nicht veröffentlicht wurde…und so klärte sich alles auf…vielen herzlichen Dank! Du hast mir den Blogwichteltag gerettet! Und vielen herzlichen Dank allen Teilnehmern, es war für mich in der Rolle des Organisators eines der schönsten Blogwichteljahre überhaupt!

Blogwichteln 2011 – Wer ist dabei?

Alles in allem tröpfeln die Anmeldungen äußerst gemächlich ins Blog, und einige Hardcoreimmerdabeiblogwichtler vermisse ich noch auf meiner Liste…ich hoffe doch schwer, dass sich der ein oder andere noch der Blogwichtelgemeinschaft anschließt.

Update 13.11.2011: Es tut sich was! Kaum dreht man sich mal um, sind der Audioblogger Toby, einige Homies von twoday.net (meiner alten Heimat) und Ms. Jekylla mit von der Partie…

Update 16.11.2011: Bereits 20 Anmeldungen and still counting…ganz toll!

Update 15.12.2011: Ich habe gerade allen Blogwichtelteilnehmern die Blogwichtelbeiträge zugeschickt.  Insgesamt sind leider 3 Wichtel ausgefallen, einer davon aus gesundheitlichen Gründen (was ich voll und ganz verstehe) –  aber dank eines Notwichteleinsatzes und eigener Bemühungen hat sich der Schaden in Grenzen gehalten. Für mich selbst ist dieses Jahr leider kein Wichtel übrig geblieben, so dass ich am 16.12.2011, dem großen Blogwichteltag, keinen Blogwichtelbeitrag veröffentlichen kann. Außerdem werde ich morgen kaum zum Bloggen kommen und würde daher eure fantastischen Blogwichtelbeiträge erst am Samstag, 17.12 2011, in einem eigenen Beitrag mit einer kleinen Liste aller Blogwichtelbeiträge würdigen. Bis dahin eine gute Zeit und viel Spaß beim Lesen.

Update 16.12.2011: Hurra, es gab ein Wunder! Ich habe einen Blogwichtelbeitrag bekommen…und also waren es nur noch 2 Wichtel, die dieses Jahr ausgefallen sind…und ich kann mit euch den Blogwichteltag feiern…

Hier also die aktuellen Teilnehmer (in der Reihenfolge der Anmeldungen):

und natürlich meine Wenigkeit. Alle, die beim Blogwichteln 2011 mit dabei sein wollen, sind ganz herzlich willkommen!

Wilderkaiserblog proudly presents: Blogwichteln 2011!

Winterwonderland

Liebe Wichtelgemeinde, nach Herrn Hollemann 2006 – 2008, Frau Bhuti 2009 und Frau Creezy 2010 ist mir die Ehre zuteil geworden, das diesjährige Blogwichteln auszurichten. Nachdem meine Vorgängerinnen und Vorgänger diese Aufgabe mit Bravour gemeistert haben, habe ich ein bißchen Angst, in allzu große Fußstapfen zu treten.

Die Spielregeln seien vorab kurz erklärt: Jede potentielle Teilnehmerin und jeder potentielle Teilnehmer mit einem eigenen Blog hinterlässt bis zum 30.11.2011 unter diesem Beitrag einen geistvollen Kommentar und bekundet damit seinen Willen, in die Gemeinschaft der Blogwichtel aufgenommen zu werden. Möglichst gleichzeitig bitte ich um eine Mail mit dem Betreff „Blogwichteln 2011“ mit Blogname, URL und email an folgende email-Adresse: tab2005[ätt]gmail.com, damit ich die URLs der teilnehmenden Blogs und Teilnehmer/-innen besser zuordnen kann.

Damit ist der erste Schritt ins Blogwichtelwinterwonderland getan. Ich führe gleichzeitig eine aktuelle Liste der angemeldeten Blogs mit. Nach dem Anmeldeschluss treten wir in die Phase 2 des Blogwichtelns ein. Die teilnehmenden Blogs werden einander mit noch zu organisierender, eventuell tierischer Unterstützung zugelost (ich erwäge aktuell die temporäre Entführung von unschuldigen Nachbarskatzen), so dass ich euch kurz darauf das zu bewichtelnde Blog per email mitteilen kann. Phase 2 sollte bis zum 02.12.2011 abgeschlossen sein.

Ihr habt nun den Namen des zu bewichtelnden Blogs erfahren und seid schließlich bereit für Phase 3 des Blogwichtelns. Vorweihnachtsstress, Einkaufsverpflichtungen für die bevorstehenden Feiertage, familiäre Katastrophen und Kurzurlaube in südlichere oder schneereiche Gefilde sind in dieser Phase eher nicht so förderlich, denn nun solltet ihr das zu bewichtelnde Blog näher in Augenschein nehmen. Schließlich liegt es an euch, bis zum Abgabeschluss der Blogwichtelbeiträge am 14.12.2011 einen zum zugelosten Blog passenden Beitrag zu erstellen, der neben rein literarischen auch andere kreative Leistungen (gesungene, getanzte, gezeichnete, gemalte, getöpferte, gehäkelte, gestrickte…) enthalten kann. Sollte euer Blogwichtelbeitrag nicht pünktlichststst zu diesem Termin per email bei mir eintreffen, muss ich leider ein Meuchelmordkommando losschicken, um die Ehre der Blogwichtelgemeinschaft wieder herzustellen.

Nachdem ich die Beiträge per email und anonymisiert weiterverteilt habe, kommt ihr in den Genuss der finalen Phase des Blogwichtelns, die mit dem Blogwichteltag am 16.12.2011 beginnt. An diesem Tag veröffentlicht ihr auf eurem Blog den Blogwichtelbeitrag, den ihr per email erhalten habt. Zu guter Letzt wird fleißig kommentiert, gemutmaßt, werden Theorien über die Urheber der einzelnen Beiträge aufgestellt und wieder verworfen, bis sich der Blogwichtelorganisator (also meine Person, hähä) je nach Gusto und Temperament entschließt, der allgemeinen Verwirrung ein Ende zu setzen.

Hier noch einmal der bonfortionöse vorweihnachtliche Terminplan:

  • Anmeldung bis zum 30.11.2011 hier im Blog und per email an tab2005[ätt]gmail.com mit Blogname, URL, email-Adresse
  • 02.12.2011 Auslosung und Zusendung des zu bewichtelnden Blogs
  • 14.12.2011 Abgabeschluss der Wichtelbeiträge
  • 16.12.2011 Großer Blogwichteltag!!! mit Veröffentlichung der Blogwichtelbeiträge in euren Blogs

Ich freue mich wie Bolle darauf, dass eure spannenden Beiträge das diesjährige Blogwichteln zu einem besonderen Highlight werden lassen und sie mit den nächtlichen Sternen um die Wette funkeln. Darüber hinaus stehe ich euch natürlich mit Rat und Tat zur Seite, und ich hoffe, ich kann der verehrten Blogwichtelgemeinschaft in meinem Blog in diesem Jahr ein würdiges Obdach bieten.

Bildquelle: aboutpixel.de / Weihnachtsdekoration © HB1111

Der verlorene und wiedergefundene Großvater

Mein Bruder zeigt mir in einem Regal eine Reihe von Tongefäßen, die jemand nach der Vorlage von Industrieware gefertig hat. Nun ist etwas ganz Besonderes daraus geworden – mit einer rotgolden schimmernden Glasur überzogene Pokale und Teller, die mich in Staunen versetzen. Es fühlt sich so an, als hätte ich jetzt endlich etwas gefunden, nach dem ich schon sehr lange Zeit gesucht habe. Meine Bruder erklärt mir, dass jemand anderer damit sehr viel Geld verdient hat. Aber ich habe keine Zeit mehr, um mich länger bei ihm aufzuhalten. Irgendwie dringt die Nachricht zu mir, mein Großvater sei nicht tot, sondern immer noch am Leben – sein Tod, das Begräbnis, all das sei ein Mißverständnis gewesen, und ich sehe vor meinem inneren Auge einen offenstehenden, aus grobem, hellen Fichtenholz zusammengezimmerten Sarg, der leer ist. Aufgrund seiner damaligen Todesursache hoffe ich, ihn auf der kardiologischen Intensivstation anzutreffen. Die Station, auf der ich schließlich lande, besteht nur aus Edelstahl und einer orangen Linie als einzigem Dekorationselement. Sie ist so riesig, dass ich minutenlang durch den Gang laufen muss, um am Stützpunkt anzukommen. Dort sind mehrere Ärzte in blauen Kitteln versammelt und über eine Patientenkurve gebeugt, die, als sie mich sehen, ebenfalls wegen eines Herzalarms zu laufen beginnen. Hoffentlich nicht wegen meines Großvaters? Nein, es betrifft einen anderen Patienten. Endlich habe ich die Station einmal umrundet und finde mich in einer großen lichterfüllten Halle wieder, die direkt hinter den Patientenzimmern liegt. Alles macht einen sehr modernen Eindruck. Mein Blick fällt schließlich auf einen runden Empfangstresen, ebenfalls aus Edelstahl und mit einem orangen Dekostreifen versehen. Vielleicht kann man mir dort sagen, wo sich mein Großvater befindet. „Herr L.? Herr L. ist entlassen worden. Er arbeitet jetzt im Vergnügungspark gleich um die Ecke.“ Ich merke, dass ich nicht mehr allein bin, sondern mich ein sehr guter Freund begleitet. Dieser will plötzlich gehen, während ich nach meinem Großvater frage, aber ich ziehe ihn sehr bestimmt wieder an mich und lege ihm meinem Arm um die Schulter. Ich freue mich, dass er bei mir bei der Suche nach meinem Großvater behilflich ist, und spüre eine immer größere, stille Zufriedenheit. Als wir beide am Vergnügungspark ankommen, sehen wir meinen Großvater etwas verloren auf der Bühne stehen. Er trägt ein Headset und preist die Attraktionen des Parks an. Ich wundere mich ein wenig, weil ich meinen Großvater nur als sehr verschlossenen Menschen kennengelernt habe. Aber vielleicht hat er sich ja mittlerweile verändert. Er wirkt wie ein trauriger Clown, mit seinem zu großen, blauen Anzug, den er tragen muss. Das Jackett schlabbert um seinen mageren Körper, die Mütze ist ein wenig verrutscht, überhaupt empfinde ich nur noch Mitleid mit ihm und fühle, wie sich ein Kloß in meinem Hals zusammenzieht. Plötzlich stockt auch seine Stimme, die aus dem Lautsprecher kommt, und er kommt die Stufen hoch, um mich zu begrüßen. Er kann vor zurückgehaltenen Tränen kaum mehr sprechen. Als der Tränenstrom endlich aus mir herausbrechen will und ich zu einer Umarmung ansetze, stehen wir uns plötzlich durch einen Gitterkäfig getrennt voneinander gegenüber, und er streckt durch die Gitterstäbe seine dürren Ärmchen nach mir aus. Doch nicht ich umarme ihn schließlich, sondern ein kleines Mädchen mit langen braunen Haaren in einem weißen Kleid, das sich vorgedrängelt hat. An dieser Stelle wache ich mit tränengefüllten Augen auf.

2010/2011

Das letzte Jahr hat sich nicht gerade bemüht, mir in guter Erinnerung zu bleiben, vor allem, wenn ich die letzten Monate Revue passieren lasse. Es bestand vor allem aus einem: Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit. Ich wollte mich verändern und bekam die Chance dazu – aber dass der Abschied schließlich so konfliktbelastet und alles andere als reibungslos sein würde, erfuhr ich erst Monate später. Auch die Welle medialer Aufmerksamkeit, mit der ich anfangs bedacht wurde, trug nur unwesentlich zu einem positiveren Lebensgefühl bei und war bald wieder verpufft. Viele Freunde gingen, waren plötzlich nicht mehr greifbar, verschwanden hinter dem undurchdringlichen Dickicht ihres eigenen Lebens; neue wollten sich nicht einstellen. Es war ein Jahr des Übergangs, in dem ich nicht stehen bleiben konnte und so auch die Zeit nicht fand, um die zurückliegende Wegstrecke ausreichend und dankbar zu würdigen. Alles stand unter dem Diktat einer unerbittlich tickenden Uhr, die sich immer schneller zu drehen schien.

Das neue Jahr wird ein anderes Gesicht tragen, ein glücklicheres, ein zufriedeneres, ein ausgeglicheneres. Woher ich das weiß? Es schließt sich ein Kreis – ich bin wieder in meiner Mitte angekommen und sehe etwas klarer. Die Herausforderung besteht nun nicht mehr darin, ein schwarzes Loch zu füllen, sondern weitere Stufen zu nehmen. Ich muss nicht mehr dem Bild entsprechen, das sich andere von mir gemacht haben, denn ich habe Alternativen. Und das Wichtigste: ich kann mir wieder Zeit nehmen, Zeit, um Dinge zu betrachten und sie nachzuvollziehen. Und ich brauche diese Zeit, um etwas entstehen lassen und wachsen zu können, innerlich und äußerlich. Nur so kann ich anderen und mir selbst zu verstehen geben, dass sie eine Bedeutung für mich haben. Mut ist dazu nötig, und auch eine große Portion Sensibilität. Wie auch immer es werden wird – ich lasse mich vom neuen Jahr überraschen. Schließlich ist es ja noch so jung.

Die Lyrik und ich – eine Liebe mit Hindernissen (Wichtelio 2010)

Ich kann schreiben. Doch, ehrlich. Konnte ich schon vor der Schule, und etwas später lernte ich auch, nicht nur Buchstaben auf allgemeinverständliche Weise aneinanderzureihen, sondern auch vernünftig zu formulieren. Es kann sein, dass man meinen Stil nicht mag, was nicht zu ändern ist, aber nie hat mir jemand gesagt, ich könne nicht schreiben. Ich fand diese Fähigkeit immer sehr praktisch, und es ist eine der wenigen Dinge, von der ich behaupte, dass ich sie wirklich beherrsche.

Das andere, das ich zu können in Anspruch nehme, ist das Hauptthemas meines Blogs, aber was das ist, kann ich nicht verraten, denn dann wäre es zu einfach. Es tut hier auch überhaupt nichts zur Sache.

Aber zurück zum Schreiben: Sich in schriftlicher Form vernünftig ausdrücken zu können und Dinge in wenigen Sätzen zu beschreiben, die bei anderen zu seitenlangem Gestammel führen, war schon in der Grundschule von Vorteil, nämlich dann, wenn wir gewungen wurden, unseren Eltern etwas Erlerntes vorzuführen. Viele Kinder freuten sich darauf, ich fand’s schon damals grauenhaft, mich auf diese Weise zu produzieren, aber mich traf es nicht zu arg: Die Vorführungen waren genau so, wie so etwas zu sein pflegt, nämlich ziemlich peinlich mit einer mehr oder weniger dezenten Demütigungsnote (je nachdem, was man vorführte, Eltern nennen das übrigens “süß”, “niedlich” oder “toll”, was nicht nur an mangelnder kritischer Distanz zur eigenen Brut liegt, sondern auch daran, dass das Taktgefühl sich dem Nachwuchs gegenüber zu verflüchtigen pflegt). Es gab natürlich fiepende Blockflöten (für Zuhörer grausam, für die Vorführenden erträglich, da man im Leid nicht allein ist und sich im Rudel blamiert), Ballettvorführungen (walzenartige weibliche Kinderkörper ohne Sinn und Verstand, dafür mit Tutu und notorisch arhythmischen Bewegungen, wo bleibt eigentlich der Jugendschutz, wenn man ihn braucht?), Sketche (noch unlustiger als deutsche Comedy, wenn das überhaupt möglich ist), singen (geht gar nicht) und natürlich die, die Gedichte aufsagten. Das war nicht so schlimm wie das Ballett, aber schlimmer als alles andere. Denn Kinder sind zu 99,9 % grottige Rezitatoren, vor allem, wenn sie peinliche Gedichte herunterleiern.
Da ich für eine gewisse Renitenz bekannt war, ließ die Lehrerin mich bei diesen Gelegenheiten übrigens immer einen meiner Aufsätze vorlesen, wozu ich mich gnädigerweise bereiterklärte. Der Vortrag war technisch gesehen furchtbar (hallo? Ich war sieben oder acht Jahre alt), aber mit dem Text konnte ich leben, und meine Eltern auch.

Meine Eltern verzichteten übrigens darauf, mich vor der Bescherung oder zum Muttertag etwas vortragen zu lassen, nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch weil sie wussten, dass ich Gedichte nicht leiden konnte und sie selbst auch keinen Spaß an derartigen Darbietungen hatten.

Auch wenn der Elch bei diesen Gelegenheiten an mir vorbeigegangen war, verfolgten mich die Gedichte fast die ganze Schulzeit hindurch, weil Lehrer damals glaubten, dass das Auswendiglernen von Texten in Reimform (moderne Lyrik kam in ihrem Universum nicht vor) den Charakter bildet. Oder den Geschmack. Oder die Disziplin fördert. Also, was auch immer.

Ich versagte regelmäßig, konnte mir die Texte nicht merken, und wenn mir das doch gelang, dann leierte ich sie herunter, als wäre ich auf der Flucht, um es hinter mir zu haben. Meist jedoch war ich schlicht nicht imstande, das fragliche Gedicht aufzusagen (zähe, mehrstrophige Teile des Typs “Ballade” – die ja zur Epik gehören, aber den Vorteil haben, auch noch von einem Klappstuhl verstanden zu werden). Ich kassierte eine schlechte Note, weil ich mir nicht genug Mühe gegeben hatte. Das Spiel wiederholte sich jedes Mal, wenn ein Gedicht gelernt werden sollte, denn die Lehrer erinnerten sich an die Male davor und und wollten feststellen, ob ich mir dieses Mal mehr Mühe gegeben hatte. Das war nicht der Fall, und meine Deutschnote verschlechterte sich. Das war bedauerlich, aber nicht zu ändern. So ging es ein paar Jahre lang, und wenn wir gar selbst ein Gedicht verfassen sollten, gab ich immer ein fast leeres Blatt ab, auf dem sich ein paar durchgestrichene Zeilen befanden, die ich nicht wiedergeben würde, selbst wenn ich sie noch hätte, da das nicht nur peinlich war, sondern schlicht entehrend. Ich konnte nämlich nicht nur keine Gedichte aufsagen, ich konnte erst recht keine verfassen.

Meine Rettung war ein Lehrer in der 11. Klasse, der uns ein Gedicht des von mir zutiefst verabscheuten Joseph von Eichendorff auswendig lernen ließ. Es hatte drei Stropen (oder waren es vier? Na, egal) und handelte von einer Dämmerung am Waldrand. Leider rief er mich auf, und es entspann sich ein Dialog, der etwa so ging:

Ich: “Der Wald … der Nebel … wabert … das Reh … nee, ich glaube, das kam erst in der dritten Strophe … oder?”
Lehrer: “Schon gut. Du kommst in der nächsten Stunde noch mal dran. Der Nächste bitte.”

Dieser Lehrer war einer der strengsten, den ich jemals hatte, und ich mochte ihn und bemühte mich sogar, dieses furchtbare Machwerk mit Wald, Reh und Nebel und seinem ganzen romantisierendem Getue auswendig zu lernen. In der nächsten Stunde war ich mir sicher, vielleicht eineinhalb Strophen fast fehlerfrei aufsagen zu können, doch ich kam nicht dran. Präzise gesagt, ich kam nie wieder dran, stattdessen bat er mich, eine Buchbesprechung vorzubereiten und ohne Notizen frei vorzutragen. Also, das ist ja kein Ding, das mache ich doch gerne.

Ich begriff damals zwei Dinge: Bei den Gedichten glänzten vor allem die Schüler durch einen sensiblen, differenzierten und lebendigen Vortrag, die ansonsten (bei Dingen wie Rechtschreibung, Ausdruck und der Fähigkeit, Sachverhalte präzise in wenigen Sätzen wiederzugeben) … na, eher mäßig begabt waren. Es ging also im Wesentlichen darum, eine schlechte Leistung durch eine gute auszugleichen.
Vor allem ahnte ich, dass der Mann etwas verstanden hatte, was niemand sonst erkannt hatte, nicht mal meine eigenen Eltern und schon gar keine anderen Lehrer: Es war mir schlicht nicht gegeben, Gedichte auswendig zu lernen. Ich konnte mir alles Mögliche nach einmaligem oder vielleicht zweimaligem Lesen merken, sei es ein historisches Ereignis oder auch eine mathematische Formel, aber bei Gedichten verabschiedete sich mein Gehirn, und ich konnte nichts dagegen tun. Nichts zu machen. Nur noch bei lateinischen Vokabeln passierte mir das, sonst jedoch nie.

Nein, ich war mir sicher, dass es nichts mehr werden würde mit den Gedichten und mir, seien sie episch oder lyrisch. Doch ich täuschte mich. Ich entdeckte eine Art von Lyrik, die mir wirklich zusagte. Sie begegnete mir im Studium, bei einem Seminar, von dem ich mich fast wieder abgemeldet hätte, als ich erfuhr, um was es ging: nämlich um modernhebräische Lyrik in Originalsprache. Die Originalsprach war nicht das Problem, sondern, man wird es erraten, die Lyrik selbst. Da ich den Schein hinter mich bringen wollte, überwand ich mich und wurde eines Besseren belehrt: Modernhebräische Lyrik ist im Heute verwurzelt, unprätentiös, pragmatisch, schmerzhaft in ihrer analytischen Beobachtung. Ihr Thema ist weder Reh noch Wald noch Herzschmerz, sondern schlicht der Alltag. Sie ist ungekünstelt und ehrlich bis schonungslos oder gar unbarmherzig, und vor allem sind die Gedichte nicht so lang. Sogar die Liebeslyrik ist okay. Es gibt natürlich Ausreißer, aber die sind in der absoluten Minderzahl. Dafür gibt es neben historischen und soziologischen auch linguistische Gründe. Hebräisch ist einfach keine Sprache, in der man daherschwafeln kann. Sie ist, knapp, bestechend in ihrer Klarheit und kennt noch nicht mal einen echten Konjunktiv. Es ist in seiner modernen Form eine Sprache von Pionieren und Soldaten, die sich nicht mit eloquentem Gesabbel und leeren Hülsen aufhalten konnten. Man kommt klar zum Punkt, eine Wohltat gegenüber dem Jiddischen, das unglaublich umständlich ist. Es gibt im Hebräischen sehr wenig Grammatik, und für das Verb “sein” gibt es noch nicht mal eine Gegenwartsform (für das Verb “haben” übrigens auch nicht, aber dafür wenigstens eine Art Hilfskonstruktion). Außerdem ist es schlicht nicht möglich, Endreime zu verwenden, was daran liegt, dass es überhaupt nur wenige Endungen gibt. Das Ergebnis wäre kein Endreim, sondern unerträglich.

Es ist mir zwar möglich, hebräische Lyrik zu verstehen, aber nicht, sie angemessen zu übertragen (wobei ich noch nie eine überzeugende Übersetzung gefunden habe, die Sprachen sind sich einfach zu unähnlich), daher muss ein Beispiel aus dem Alltagsleben herhalten, um zu verdeutlichen, was ich meine.

Nehmen wir den Satz “Was ist das?”
Deutsch/Englisch: Was ist das?
Französisch: Was ist es, das es ist?
Hebräisch: Was das?

Ja, man muss es einfach lieben, das Hebräische. Meist dauert es ein paar Jahre intensiven Lernens, aber dann ist es toll. Ehrlich.

Herauszufinden, dass es Gedichte gibt, die ich mag und sogar freiwillig lese, war eine Sensation für mich, gegenüber der die Mondlandung ein Witz ist. Als wäre das nicht genug, entdeckte ich sogar noch mehr. Zum Beispiel die Liedtexte John Lennons, die nicht einfach Songtexte, sondern eigentlich vertonte Gedichte sind. Und natürlich dieses hier, ein echter Klassiker:

Oh zerfrettelter Grunzwanzling
dein Harngedränge ist für mich
Wie Schnatterfleck auf Bienenstich.
Grupp, ich beschwöre dich
mein punzig Turteldrom.
Und drängel reifig mich mit krinklen Bindelwördeln
Denn sonst werd ich dich rändern in deine Gobberwarzen
Mit meinem Börgelkranze, wart’s nur ab!

(Protestnik Vogon Jelz, in: Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis)

Also, ich finde das gar nicht schlecht.
In diesem Sinne: fröhliche Weihnacht, für mich bitte ohne Gedicht.

Ich habe mir meinen Wichtelbeitrag (den ich im Rahmen dieser Blogwichtelaktion, heuer von der tollen Frau Creezy organisiert, von einem mir zufällig zugelosten Wichtel erhalten habe) jetzt schon mehrere Male durchgelesen und: es ist ein wahrer Liebesroman. Immer wieder entdecke ich neue Stellen, an denen ich einfach schallend loslachen muss. Und weil er in Inhalt und Form so herrlich quer steht zu meinen eigenen Gedichten, aber trotzdem ganz erfrischend ein Hauptthema meines Blogs aufgreift, bleibt mir nur die Feststellung: Mehr geht nicht. Nein, mehr geht wirklich nicht. Applaus, Applaus!!

Blogwichteln 2010

Frau Creezy hat sich dieses Jahr (nach Frau Bhuti im letzten Jahr) dankenswerterweise bereit erklärt, dieses Jahr die Organisation des von Herrn Hollemann begründeten, legendären Blogwichtelns zu übernehmen. Bei diesem beglückt ein Blogger einen anderen, ihm von Frau Creezy unter Zuhilfenahme des großväterlichen Sektkübels zufällig zugelosten Blogger mit einem geschriebenen, getöpferten, gemorsten, gestrickten, gezimmerten oder sonstwie fabrizierten Beitrag. Anschließend rätselt der Blogger nach dem Tag der Veröffentlichung in den Blogs der Teilnehmer (a.k.a. großer Blogwichteltag) zusammen mit allen anderen darüber, wer denn jetzt nun wen bewichtelt hat. Heissa, ein Spaß! Also, liebe Alt- und Neuwichtler – bis 30. November hier anmelden! Je mehr daran teilnehmen, um so interessanter wird es natürlich…

Zwei Katzen

Zwei Katzen: eine schwarze und eine mit einem helleren Fell. Beide kämpfen in einem abgedunkelten Schlafzimmer miteinander, in dem ich und eine unbekannte Frau in zwei getrennten Betten schlafen. Die schwarze Katze stößt eine Vase um, faucht und ist sehr aggressiv, vor allem der Katze mit dem helleren Fell gegenüber. Während ich jedoch aufgrund des Lärms, den die schwarze Katze veranstaltet, kein Auge zubekomme, scheint die Frau tief und fest zu schlafen. Ich bin sogar wie ein Schiedsrichter öfter in der Kampfarena auf einer freien Fläche in der Mitte des Schlafzimmers, um sie wieder voneinander zu trennen. Schließlich hebe ich, auf der Bettkante sitzend, schnell meine nackten Füße hoch, als die schwarze Katze auf mein Bett zuspringt und sich darunter verstecken will. Sie wirkt vom andauernden Kampf erschöpft, faucht aber immer noch laut und wild unter dem Bett hervor. Die Katze mit dem helleren Fell fordert sie auch immer wieder heraus, aber mir gegenüber ist sie sehr zutraulich und schnurrt, als ich sie streichle. Plötzlich hüpft die schwarze Katze auf das Fensterbrett und entwickelt sich zu einem kleinen Kätzchen zurück, das unter den geschlossenen Fensterläden hindurchkriecht. Einen Moment lang scheint es noch unsicher zu sein, aber ich flüstere ihm zu: „Spring!“, und in diesem Moment springt es vom Fenstersims ab und streckt alle Viere von sich, wie um mir mit diesem Opfer meine wohlverdiente Ruhe zu schenken. Irgendwie bin ich froh, sie los zu sein, denn sie bereitete mir nur Ärger. Andererseits muss ich sie aber auch sehr geliebt haben, denn ich spüre einen großen und endgültigen Verlust, als sie sich in der warmen Luft eines Sommertages gleichsam auflöst. Ich öffne kurz das Fenster und blicke nach unten – ein sehr hoher Baum reicht nicht einmal ännahernd an unser Stockwerk heran. Nein, einen Sprung aus dieser Höhe wird das schwarze Kätzchen nicht überlebt haben.