Aus meinem Notizbuch

Aus meinem Notizbuch (06.09.2014):

[…] Das ist übrigens einer der Gründe, warum das Böse so schwer fassbar ist; Grausamkeit und Pathologie reichen dafür nicht aus. Oft tritt das Böse in einer Konstellation auf, die von einem intensiven Aufeinander-Bezogen-Sein gekennzeichnet ist und in der auch der scheinbar dominierende Part von dem scheinbar unterlegenen Part beeinflusst wird, so wie etwa die Gravitationskräfte des Mondes auf die Erde zurückwirken und nicht nur die Erde den Mond an sich bindet. Jemand, der von außen darauf blickt, wird die Natur dieser Bindung nicht verstehen und das Umeinander-Kreisen als eine Art persönlichen Konflikt missdeuten, in dem jeder der beteiligten Partner genauso viel Objektivität beanspruchen kann wie der andere und ein unabhängiges Urteil nicht möglich scheint, wiewohl im System selbst die Rollen klar verteilt sind und die innere Wahrheit allen Beteiligten unmittelbar zugänglich ist. Objektivität, Fairness, Regeln – alles das bestärkt die Position des dominierenden Parts und führt dazu, dass das zugrundeliegende System länger bestehen bleibt, entgegen der allgemeinen Erwartung, dass es dadurch aufgelöst oder verhindert werden könnte. […]

Poesie

Es ist ja leider nicht so, wie manche denken, dass die Poesie die Aufgabe hätte, uns Geheimnisse zu enthüllen, näher zu bringen oder zu entschlüsseln, damit sie begreifbar und nachvollziehbar werden, nein, ganz im Gegenteil, je mehr man sich bemüht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, um so eher wird es sich zurückziehen und erlöschen. Wahre Poesie geht dagegen sehr vorsichtig mit dem Geheimnis um, Stufe für Stufe wird es ganz bewusst dem Zugriff entzogen, um es zu bewahren und zu beschützen, und das so lange, bis die Mittel ausgeschöpft sind; das Geheimnis wird so aus sich selbst heraus wirken und diejenigen anziehen, die dafür bereit sind.

Portrait

Bestimmte Menschen missachten jedes Distanzbedürfnis anderer Menschen, um durch ihre ständige Präsenz und ihre hartnäckige und ungehemmte Aufdringlichkeit Geheimnissen auf die Spur zu kommen, die ihnen im Gegenzug möglicherweise Macht über die Opfer ihrer Aufmerksamkeit verschaffen. Oft gelingt ihnen das auch, aber leider bemerken sie nicht, dass ihnen selbst größte physische Nähe keinen Aufschluss über das Innenleben geben wird, wenn es vor ihren Augen verborgen bleiben soll. Die größtmögliche Kumpanei wird, obwohl mit der Maske des Wohlwollens und der Freundschaft getarnt, zum Angriff auf die intime Sphäre des so Überfallenen. Sie knacken die Nuss um des Beweises willen, dass es ihnen wieder und wieder gelingen wird, und werfen die Schale danach achtlos fort, wenn der Kern nichts für sie Wertvolles enthält. Sie wundern sich nur, dass ihnen daraus eine Verpflichtung erwachsen soll, sich um Andere zu kümmern, wenn es sich doch in ihren Augen nur um Spielzeuge ihrer durch kaum zu stillenden Neugier handelt. Kalt und planmäßig wird das Gegenüber analysiert und seine Gefährlichkeit oder Brauchbarkeit für eigene Zwecke taxiert, während ihnen wirkliche Probleme und Notlagen gleichgültig sind. Man fühlt sich in der Gegenwart dieser Menschen wie jemand, der unversehens an einen mannshohen Eisblock gefesselt wurde – es kostet Unsummen an Energie, sie auch nur an der Oberfläche zum Schmelzen zu bringen, und man weiß genau, dass man nie zu ihnen durchdringen wird. Die Essenz, das Schmelzwasser, ist hingegen flüchtig und ohne Bestand. Prinzipien und Moral verabscheuen sie zutiefst, weil ihnen das eine Struktur und eine Form aufzwingen würde, die ihnen und ihrer Genialität in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht gerecht wird. Sie tragen Masken und sammeln Feinde und Verbündete, aber nie wird sie irgendetwas im Inneren berühren. Es wäre der Tod ihrer Persona.

Versuch über das Böse

Philosophie ist nichts mehr für Idealisten. Die Besitzergreifung von Idealen hat in den Stürmen des 20. Jahrhunderts, aber auch in der Postmoderne so sehr um sich gegriffen, dass auch der abscheulichste Diktator nicht mehr ohne eine moralisch lautere Begründung für seine Verbrechen auskommt. Ideale wurden von Pragmatikern der Bewusstseinsindustrie in Versprechen mit Haltbarkeitsdatum umfunktioniert, so dass nicht mehr unterscheidbar ist, ob authentische Motive der Mitte der Persönlichkeit entspringen oder ob sie nur benutzt werden, um den angewandten Mitteln ein freundlicheres Aussehen zu verleihen. Die Sprache wird zum Drehzahlmesser des Absurden – dem Guten glaubt man nicht und dem Bösen misstraut man.

Also wendet man sich der Verpackung zu. Wird in der Theodizee-Frage das Gute des Gottesbegriffs schon in ethischer Richtung gedeutet, geschieht dasselbe nun mit dem Tafelsilber der Ethik: der Inhalt ist sattsam bekannt, es kommt nur noch darauf an, wie er verkauft wird. Am Ende entscheidet das launische Publikum, wann und worüber es den Daumen senkt oder hebt. Die Bewusstseinsindustrie etikettiert jeden Gedanken und jede Idee, seien sie noch so hehr und edel, zu einer Ware um, die im Markt auf Wettbewerber trifft. Am besten gibt sie sich ein seichtes und leichtverdauliches Aussehen, um nicht allzu sauer aufzustoßen. Philosophie ist ein kurzer Bewusstseinserfrischer to go, ein Pausenfüller, bevor der allermodernste Mensch sich wieder seinem digitalen Assistenten zuwendet, um von ihm die Struktur der sich gnadenlos zerdehnenden Stunden des letzten Tages zu erfahren. Thematisch erwartet man die übliche Trias von Tod, Teufel und Apokalypse, aber bitte innerhalb von zehn Minuten, wir müssen noch den Flieger nach Utopia erwischen, das Boarding hat bereits begonnen.

Was sagt zu alldem die professionelle Philosophie? Versucht sie mosaisch das Meer der zuwuchernden Deutungen mit einer machtvollen Geste zu teilen und ihren Anhängern einen sicheren Weg zu weisen? Nichts davon ist bekannt. Es gibt überhaupt nichts zu berichten. Die akademischen Längen werden mit dem Mikroskop gemessen und haben einen Abstraktionsgrad erreicht, der Nichteingeweihte ratlos zurücklässt. Philosophie, die als Universalwissenschaft noch die Chance besäße, der allzu großen Spezialisierung und Zersplitterung der anderen Fachdisziplinen entgegenzuwirken und den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt in einen Deutungsrahmen zu stellen, beschäftigt sich lieber mit der logischen Struktur von Aussagen als mit den unbewältigten Inkohärenzen der Realität. Das Ziel lautet, der Philosophie die reellen Widersprüche auszutreiben. Vielleicht haben wir am Ende ein ungeheuer präzises Werkzeug für die Analyse, haben aber vergessen, wozu wir es benutzen wollten.

Eine zentrale ethische Versuchsanordnung für das Projekt der Moderne lautet doch: wenn die gesamte Menschheit nur einen Schritt vom Wiedereintritt in das Paradies entfernt wäre, und nur ein Mensch stünde dem im Weg, wäre es dann gerechtfertigt, dieses Menschenleben zu opfern? Und unsere Beantwortung der Frage hinge entscheidend davon ab, ob wir das Paradies als etwas Äußerliches, von uns Getrenntes wahrnähmen, an das wir GLAUBEN und das wir uns so ANEIGNEN könnten. Nachdem uns die Transzendenz verlassen hat (“Gott starb in Ausschwitz”, so war letztens zu lesen), sind wir wieder mit Glauben und Güterabwägungen konfrontiert. Es ist schier zum Verrücktwerden. Wir werden die Dämonen nicht los, die uns zu irgendeiner Entscheidung drängen.

Was früher die Gesellschaft als Ganzes erschütterte und bewegte, spielt sich nunmehr auf der Ebene des neuen philosophischen Atoms, des Individuums, ab. Es ist sein Verhalten, aus dem man glasklar seine philosophisch-ethische Konstitution ableiten kann, ungeachtet dessen, was es zu seiner Verteidigung vorbringen mag. Das ist eine bislang ungeahnter moralischer Rigorismus, der da am Ende aller Liberalisierungsbemühungen um das Individuum aufscheint. Psychische Intaktheit ist unter diesem Aspekt eher als Ausnahme zu begreifen und nur mit ungeheuren Verdrängungsleistungen zu erreichen. Das Böse resultiert nun aus dem Versäumnis, seine Entscheidungen nicht hinter die Höhe des eigenen Wissens, der eigenen Kompetenz, ja, der eigenen moralischen Integrität zurückfallen zu lassen. Damit es nicht zu diesem Versäumnis kommt, bedarf es geeigneter Hilfsmittel.

Neuigkeiten

Bis auf die Tatsache, dass ich gestern mitten im Schneegestöber mit dem Rad zum Einkaufen fahren musste, zwecks fehlender Scheibenwischer an meinen Brillengläsern den Gehweg küsste, bei dieser Gelegenheit meinen Zimmerschlüssel verlor und nach einem Telefonat mit einem x-beliebigen Aufsperrdienst von zwei russisch-uigurischen Männern besucht wurde, die vorher bei Inkasso Moskau gearbeitet hatten und mir nun gegen ein horrendes Entgelt die Türe öffneten, ist alles grande bei mir. Fast. Denn der Schlüssel blieb gestern und heute trotz intensivster Suche unauffindbar.

Der Besuch der Medica 2008 letzte Woche hat sich jedenfalls für mich persönlich gelohnt. Am Freitag platzte ich in die Planung eines Kongresses und nahm nach einer bühnenreifen Vorstellung huldvoll meine offizielle Ernennung zum Referenten entgegen, der im September 2009 in Köln vor einem Fachpublikum einen Vortrag über Software in Medizinprodukten aus Sicht des Anwenders halten darf. Ich glaube, langsam entwickeln sich die Dinge in die gewünschte Richtung. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich diese frohe Botschaft am schonendsten meinem Chef beibringen kann, ohne dass er sich in seiner Eitelkeit gekränkt fühlt.

Nicht ganz auf unfreiwillige Komik verzichtete letzte Woche die Deutsche Bahn, mit der ich wieder einmal stunden- und tagelang unterwegs war. Der Regionalexpress von Bonn nach Emmerich über Düsseldorf war wegen der Messebesucher erwartungsgemäß brechend voll. 1. Ansage des Zugführers: „Der Zug bleibt jetzt so lange stehen, bis die Hälfte der Passagiere ausgestiegen ist.“ 2. Ansage des Zugführers: „Wegen uneinsichtiger Passagiere haben wir aktuell 20 Minuten Verspätung.“ Ja, Frechheit, dass alle mit der Bahn fahren wollen! Wo kommen wir da hin!

Die tausend anderen Kleinigkeiten, die mich zur Zeit beschäftigen, unterschlage ich an dieser Stelle besser. Nur soviel: meine Weiterbildung beginnt mich wegen der Teilnehmer, der Dozenten und der Organisation drumherum richtig zu nerven. Und privat und persönlich so weiß ich momentan auch nicht so recht, wie es weitergehen soll. Also wieder einmal warten. Auf Ergebnisse, Noten, Anstöße. Mit dem Papierwust nebenher könnte ich jetzt schon ein eigenes Sekretariat beschäftigen.

„Ist Glauben…

…nicht auch eine Art Philosophie?“, schrieb mir diese Woche ein Freund per email. Und spontan ist mir nichts darauf eingefallen, was ich ihm antworten könnte. Aber dann fand ich mich doch unvermittelt am Anfangspunkt aller meiner Überlegungen wieder. Wenn sich christlicher Glaube, Philosophie und Psychologie in einem Punkt berühren, dann vielleicht im Zweifel an der als so selbstverständlich angesehenen Voraussetzung, dass uns unser Alltagsverstand verläßliche Informationen darüber liefern kann, was und wer wir sind. Die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, könnten aber unterschiedlicher kaum sein. Die Psychologie sagt: Es gibt ein Denkendes, das wir mittels Empirie untersuchen müssen, um die Quelle der Fehlerbehaftetheit unseres Daseins aufzuspüren und, wenn möglich, zu korrigieren. Die Philosophie sagt: Es gibt ein Denkbares, das wir mittels Theorie untersuchen müssen, um die Passung unseres Daseins wiederherzustellen. Der christliche Glaube sagt: Es gibt ein schöpferisches Prinzip, das jenseits des menschlichen Denkens und der menschlichen Erfahrung liegt. Du musst daran glauben, um seiner erlösenden Kräfte teilhaftig zu werden. Der Zen-Buddhismus würde sagen: alle drei geben eine falsch positive Antwort. Da ist nichts, das denkt, gedacht wird oder schöpferisch wirkt. Jeder Versuch des Verstandes, die Erscheinungen zu abgegrenzten Begriffen zu ordnen, stört nur die Harmonie. Das führt mich weiter zu Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Das heißt: in exotisch-esoterischen Höhen wird die Luft dünn für die Philosophie und den Philosophen. Denn dort, wo die Begründung aufhört, beginnt der Glaube, aber nicht als Fortführung der Philosophie mit anderen Mitteln. Die Sehnsucht nach Erlösung, Ganzheit und Vollendung hat eine völlig andere Qualität als das kühle Abwägen von Alternativen. Sie treibt den Menschen hinaus aus seinen brüchigen Behausungen, die er mit philosophischen Steinen notdürftig beschwert hat.

Opium

„Die Religion ist das Opium des Volkes“, so Marx. Ich will Marx nur an einem Punkt korrigieren und das Wort „Religion“ durch „Religionsausübung“ ersetzen. Viele Menschen wollen nämlich keine metaphysischen Erschütterungen und vertragen sie auch sehr schlecht; das, was sie sich von der Religion versprechen, ist im Gegenteil eine metaphysische Beruhigung: „Alles in Ordnung, du kannst und darfst weiterschlafen.“ Sie freuen sich darüber, dass das Gottesbild, das ihnen vermittelt wird, ein so leicht beeinflussbares ist, und üben sich im Ritus und der schrittweisen Entwunderung, die ihnen das handliche Format eines alltagskompatiblen Zaubers bieten. Echte Spiritualität hingegen steht diesem Konzept diametral gegenüber; für ihre Verwirklichung braucht man keine vorgefertigten Formen. Sie bricht sich da Bahn, wo sie es will. Sie besingt den Sprung aus der Rationalität hinaus in die Ekstase.

Ein ekstatischer, metaphysisch „aufgeregter“ Mensch läßt sich nur schwer kontrollieren. Er hat Ideen, die für jede Autorität vernichtend klingen, und muss deshalb zum Schweigen gebracht werden. Sein Geist, der weithin sichtbar Energien transformiert, ist leuchtend und erfüllt. Der Ritus hingegen liebt die Heimlichkeit, die Zurückgezogenheit, das Sich-Verstecken; er tritt nicht als der Ermöglicher, sondern als Verhinderer wirklicher Gottesbegegnung auf. Seine Wirkung beschränkt sich auf geschlossene Räume, in denen die Feier des Seins, die sich ringsherum vollzieht, ausgeblendet bleibt. Die Botschaften, die er aussendet, erschöpfen sich in der Wiederholung des Immergleichen, dem Vollzug eines starren Musters und der Verherrlichung der Autorität. Und schließlich unterstützt der Pakt mit der Macht sein Ziel, alles Lebendige und Sich-Entfaltende zu unterbinden.

Reine vs. Praktische Vernunft?

Obwohl Kant nach Abfassung seiner erkenntnistheoretischen Schriften diametral entgegengesetzte Absichten zu verfolgen schien, gibt es keinen Bruch zwischen den erkenntnistheoretischen und ethischen Postulaten, wie er auch in der Forschung immer wieder als Hypothese formuliert wurde. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, schrieb Kant einmal. Der Mensch wird damit bei Kant zum erkennenden und moralisch handelnden Subjekt, das aus sich selbst heraus und unter Gebrauch seines Verstandes die Welt so formt, dass sie sich ihm später als etwas Festes und scheinbar von ihm selbst Unabhängiges zeigt. Die metaphysische Garantie, dass das Subjekt realen Objekten begegnet, stürzt mit Kants Untersuchungen zu Raum, Zeit und Kausalität in sich zusammen. Diese Kategorien sind der Welt inhärent, aber nicht als Voraussetzungen einer universellen und vorgefundenen Balance, sondern als Konzepte des denkenden Subjekts. Wie aber ist in einer solchen Welt moralisches Handeln möglich, das ein abstraktes allgemeines Wohl über die konkreten eigenen Bedürfnisse stellt? Hier sah Kant nur einen möglichen Weg – den der Selbstdisziplinierung und der Pflicht. Es liegt im Bereich des Möglichen, dass er damit den falschen Ansatz gewählt hat, und schon Schiller, ein glühender Kant-Verehrer, ist ihm hierin nur teilweise gefolgt: „Gerne dien ich den Freunden, doch tu‘ ich es leider mit Neigung, Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.“ Kant entwickelte diesen Ansatz konsequent weiter: damit das Subjekt diese Selbstbeschränkung auf sich nehmen kann, ist es notwendig, dass die moralischen Leitlinien autorisiert werden. Sie sind – ähnlich den erkenntnistheoretischen Kategorien – nicht wählbar. Das Subjekt verhält sich aber nur dann moralisch, wenn es „auf etwas hin“ handeln kann. Handeln begründet sich in Zwecken. Kant postuliert hier ein „Als-ob“ – wir müssen so handeln, als ob ein göttliches Wesen unsere Handlungen sanktionieren oder belohnen würde. In der historischen Dimension läßt sich zweierlei feststellen: Kant sprach hier ein wirkmächtiges Denkverbot aus, das latent alle nachfolgenden philosophischen Diskussionen beeinflusste. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, beginnend etwa mit den Feuerbach´schen Thesen, dieses Denkverbot immer heftiger in Frage gestellt wurde, ging damit eine immer radikalere Entwertung des Seins und der „Stellung des Menschen im Kosmos“ (das ist der Titel eines Buchs von Max Scheler) einher. Kant war hellsichtig genug, das zu erkennen.

PS: Langsam bin ich wie Wittgenstein geneigt zu glauben, dass Mystik und Philosophie vielleicht eine scharfe Trennlinie, aber ansonsten gar nichts miteinander teilen.

Neun Leben

Die Katze hat ja, wie ein Spruch sagt, mindestens neun Leben. Damit soll wohl gesagt sein, dass sie ein extrem zähes Tier ist, das auch mal einen Sturz aus großer Höhe überlebt – egal, ich beneide sie jedenfalls um diesen Bonus. Ob sie wirklich etwas damit anfangen kann, sei mal dahingestellt. Wäre es nicht schön, sich einfach den Staub von der Schulter zu klopfen und wieder aufzustehen? Aber es scheint irgendeine geheimnisvolle Kraft zu geben, die uns in eine Sackgasse hineinjagt, in der eine Umkehr nicht mehr möglich ist. „Ach“, sagte die Maus, „die Welt scheint mit jedem Tag enger zu werden.“ Einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, ein Haus bauen – nichts davon habe ich bis jetzt geschafft. Ich bin sozusagen ein lebenspraktischer Totalausfall. Die Frage ist ja, ob ich es bereits schaffen hätte können, wenn ich mich ein wenig mehr angestrengt hätte. Diese Frage, so banal sie klingen mag, gehört zur Standardausstattung meiner selbstquälerischen Folter. „Was mich nervt, ist die Tatsache, dass es mit der Familienplanung nicht so geklappt hat, wie ich mir das gewünscht habe. Wenn ich mir ansehe, was andere in meinem Alter bereits erreicht haben…“, bemerkte B. neulich. Mein Leben muss ein anderes werden – es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und immer wenn ich die Spuren der Katastrophe besichtige, der ich knapp, aber letztendlich doch entronnen bin, erfüllt mich das Gefühl der Anspruchslosigkeit wie der Gesang von Engelschören: ich will nichts außer sein. Es geht mir wie jemandem, der aus einem tiefen Schlummer erwacht – er muss erst zu sich selbst kommen, um etwas zu bewirken. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Zeit wirklich gegen mich läuft.

PS: Diese Gedanken sind ausdrücklich keine – auch keine versteckte – Einladung, in den Kommentaren hilfreiche Ratschläge zur Verbesserung meiner Situation abzugeben. Wer meint, er müsse nur das Gestrüpp durchhauen, um sich den Weg zu mir zu bahnen, übersieht allzu großzügig, dass auch das Gestrüpp schon zu mir gehört.