Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Ansichten und Einsichten'

Versuch über das Böse

Freitag, 5. April 2013 3:13

Philosophie ist nichts mehr für Idealisten. Die Besitzergreifung von Idealen hat in den Stürmen des 20. Jahrhunderts, aber auch in der Postmoderne so sehr um sich gegriffen, dass auch der abscheulichste Diktator nicht mehr ohne eine moralisch lautere Begründung für seine Verbrechen auskommt. Ideale wurden von Pragmatikern der Bewusstseinsindustrie in Versprechen mit Haltbarkeitsdatum umfunktioniert, so dass nicht mehr unterscheidbar ist, ob authentische Motive der Mitte der Persönlichkeit entspringen oder ob sie nur benutzt werden, um den angewandten Mitteln ein freundlicheres Aussehen zu verleihen. Die Sprache wird zum Drehzahlmesser des Absurden – dem Guten glaubt man nicht und dem Bösen misstraut man.

Also wendet man sich der Verpackung zu. Wird in der Theodizee-Frage das Gute des Gottesbegriffs schon in ethischer Richtung gedeutet, geschieht dasselbe nun mit dem Tafelsilber der Ethik: der Inhalt ist sattsam bekannt, es kommt nur noch darauf an, wie er verkauft wird. Am Ende entscheidet das launische Publikum, wann und worüber es den Daumen senkt oder hebt. Die Bewusstseinsindustrie etikettiert jeden Gedanken und jede Idee, seien sie noch so hehr und edel, zu einer Ware um, die im Markt auf Wettbewerber trifft. Am besten gibt sie sich ein seichtes und leichtverdauliches Aussehen, um nicht allzu sauer aufzustoßen. Philosophie ist ein kurzer Bewusstseinserfrischer to go, ein Pausenfüller, bevor der allermodernste Mensch sich wieder seinem digitalen Assistenten zuwendet, um von ihm die Struktur der sich gnadenlos zerdehnenden Stunden des letzten Tages zu erfahren. Thematisch erwartet man die übliche Trias von Tod, Teufel und Apokalypse, aber bitte innerhalb von zehn Minuten, wir müssen noch den Flieger nach Utopia erwischen, das Boarding hat bereits begonnen.

Was sagt zu alldem die professionelle Philosophie? Versucht sie mosaisch das Meer der zuwuchernden Deutungen mit einer machtvollen Geste zu teilen und ihren Anhängern einen sicheren Weg zu weisen? Nichts davon ist bekannt. Es gibt überhaupt nichts zu berichten. Die akademischen Längen werden mit dem Mikroskop gemessen und haben einen Abstraktionsgrad erreicht, der Nichteingeweihte ratlos zurücklässt. Philosophie, die als Universalwissenschaft noch die Chance besäße, der allzu großen Spezialisierung und Zersplitterung der anderen Fachdisziplinen entgegenzuwirken und den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt in einen Deutungsrahmen zu stellen, beschäftigt sich lieber mit der logischen Struktur von Aussagen als mit den unbewältigten Inkohärenzen der Realität. Das Ziel lautet, der Philosophie die reellen Widersprüche auszutreiben. Vielleicht haben wir am Ende ein ungeheuer präzises Werkzeug für die Analyse, haben aber vergessen, wozu wir es benutzen wollten.

Eine zentrale ethische Versuchsanordnung für das Projekt der Moderne lautet doch: wenn die gesamte Menschheit nur einen Schritt vom Wiedereintritt in das Paradies entfernt wäre, und nur ein Mensch stünde dem im Weg, wäre es dann gerechtfertigt, dieses Menschenleben zu opfern? Und unsere Beantwortung der Frage hinge entscheidend davon ab, ob wir das Paradies als etwas Äußerliches, von uns Getrenntes wahrnähmen, an das wir GLAUBEN und das wir uns so ANEIGNEN könnten. Nachdem uns die Transzendenz verlassen hat (“Gott starb in Ausschwitz”, so war letztens zu lesen), sind wir wieder mit Glauben und Güterabwägungen konfrontiert. Es ist schier zum Verrücktwerden. Wir werden die Dämonen nicht los, die uns zu irgendeiner Entscheidung drängen.

Was früher die Gesellschaft als Ganzes erschütterte und bewegte, spielt sich nunmehr auf der Ebene des neuen philosophischen Atoms, des Individuums, ab. Es ist sein Verhalten, aus dem man glasklar seine philosophisch-ethische Konstitution ableiten kann, ungeachtet dessen, was es zu seiner Verteidigung vorbringen mag. Das ist eine bislang ungeahnter moralischer Rigorismus, der da am Ende aller Liberalisierungsbemühungen um das Individuum aufscheint. Psychische Intaktheit ist unter diesem Aspekt eher als Ausnahme zu begreifen und nur mit ungeheuren Verdrängungsleistungen zu erreichen. Das Böse resultiert nun aus dem Versäumnis, seine Entscheidungen nicht hinter die Höhe des eigenen Wissens, der eigenen Kompetenz, ja, der eigenen moralischen Integrität zurückfallen zu lassen. Damit es nicht zu diesem Versäumnis kommt, bedarf es geeigneter Hilfsmittel.

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Neuigkeiten

Sonntag, 23. November 2008 20:52

Bis auf die Tatsache, dass ich gestern mitten im Schneegestöber mit dem Rad zum Einkaufen fahren musste, zwecks fehlender Scheibenwischer an meinen Brillengläsern den Gehweg küsste, bei dieser Gelegenheit meinen Zimmerschlüssel verlor und nach einem Telefonat mit einem x-beliebigen Aufsperrdienst von zwei russisch-uigurischen Männern besucht wurde, die vorher bei Inkasso Moskau gearbeitet hatten und mir nun gegen ein horrendes Entgelt die Türe öffneten, ist alles grande bei mir. Fast. Denn der Schlüssel blieb gestern und heute trotz intensivster Suche unauffindbar.

Der Besuch der Medica 2008 letzte Woche hat sich jedenfalls für mich persönlich gelohnt. Am Freitag platzte ich in die Planung eines Kongresses und nahm nach einer bühnenreifen Vorstellung huldvoll meine offizielle Ernennung zum Referenten entgegen, der im September 2009 in Köln vor einem Fachpublikum einen Vortrag über Software in Medizinprodukten aus Sicht des Anwenders halten darf. Ich glaube, langsam entwickeln sich die Dinge in die gewünschte Richtung. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich diese frohe Botschaft am schonendsten meinem Chef beibringen kann, ohne dass er sich in seiner Eitelkeit gekränkt fühlt.

Nicht ganz auf unfreiwillige Komik verzichtete letzte Woche die Deutsche Bahn, mit der ich wieder einmal stunden- und tagelang unterwegs war. Der Regionalexpress von Bonn nach Emmerich über Düsseldorf war wegen der Messebesucher erwartungsgemäß brechend voll. 1. Ansage des Zugführers: “Der Zug bleibt jetzt so lange stehen, bis die Hälfte der Passagiere ausgestiegen ist.” 2. Ansage des Zugführers: “Wegen uneinsichtiger Passagiere haben wir aktuell 20 Minuten Verspätung.” Ja, Frechheit, dass alle mit der Bahn fahren wollen! Wo kommen wir da hin!

Die tausend anderen Kleinigkeiten, die mich zur Zeit beschäftigen, unterschlage ich an dieser Stelle besser. Nur soviel: meine Weiterbildung beginnt mich wegen der Teilnehmer, der Dozenten und der Organisation drumherum richtig zu nerven. Und privat und persönlich so weiß ich momentan auch nicht so recht, wie es weitergehen soll. Also wieder einmal warten. Auf Ergebnisse, Noten, Anstöße. Mit dem Papierwust nebenher könnte ich jetzt schon ein eigenes Sekretariat beschäftigen.

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“Ist Glauben…

Freitag, 12. September 2008 20:37

…nicht auch eine Art Philosophie?”, schrieb mir diese Woche ein Freund per email. Und spontan ist mir nichts darauf eingefallen, was ich ihm antworten könnte. Aber dann fand ich mich doch unvermittelt am Anfangspunkt aller meiner Überlegungen wieder. Wenn sich christlicher Glaube, Philosophie und Psychologie in einem Punkt berühren, dann vielleicht im Zweifel an der als so selbstverständlich angesehenen Voraussetzung, dass uns unser Alltagsverstand verläßliche Informationen darüber liefern kann, was und wer wir sind. Die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, könnten aber unterschiedlicher kaum sein. Die Psychologie sagt: Es gibt ein Denkendes, das wir mittels Empirie untersuchen müssen, um die Quelle der Fehlerbehaftetheit unseres Daseins aufzuspüren und, wenn möglich, zu korrigieren. Die Philosophie sagt: Es gibt ein Denkbares, das wir mittels Theorie untersuchen müssen, um die Passung unseres Daseins wiederherzustellen. Der christliche Glaube sagt: Es gibt ein schöpferisches Prinzip, das jenseits des menschlichen Denkens und der menschlichen Erfahrung liegt. Du musst daran glauben, um seiner erlösenden Kräfte teilhaftig zu werden. Der Zen-Buddhismus würde sagen: alle drei geben eine falsch positive Antwort. Da ist nichts, das denkt, gedacht wird oder schöpferisch wirkt. Jeder Versuch des Verstandes, die Erscheinungen zu abgegrenzten Begriffen zu ordnen, stört nur die Harmonie. Das führt mich weiter zu Wittgenstein: “Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.” Das heißt: in exotisch-esoterischen Höhen wird die Luft dünn für die Philosophie und den Philosophen. Denn dort, wo die Begründung aufhört, beginnt der Glaube, aber nicht als Fortführung der Philosophie mit anderen Mitteln. Die Sehnsucht nach Erlösung, Ganzheit und Vollendung hat eine völlig andere Qualität als das kühle Abwägen von Alternativen. Sie treibt den Menschen hinaus aus seinen brüchigen Behausungen, die er mit philosophischen Steinen notdürftig beschwert hat.

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Opium

Sonntag, 13. April 2008 11:20

“Die Religion ist das Opium des Volkes”, so Marx. Ich will Marx nur an einem Punkt korrigieren und das Wort “Religion” durch “Religionsausübung” ersetzen. Viele Menschen wollen nämlich keine metaphysischen Erschütterungen und vertragen sie auch sehr schlecht; das, was sie sich von der Religion versprechen, ist im Gegenteil eine metaphysische Beruhigung: “Alles in Ordnung, du kannst und darfst weiterschlafen.” Sie freuen sich darüber, dass das Gottesbild, das ihnen vermittelt wird, ein so leicht beeinflussbares ist, und üben sich im Ritus und der schrittweisen Entwunderung, die ihnen das handliche Format eines alltagskompatiblen Zaubers bieten. Echte Spiritualität hingegen steht diesem Konzept diametral gegenüber; für ihre Verwirklichung braucht man keine vorgefertigten Formen. Sie bricht sich da Bahn, wo sie es will. Sie besingt den Sprung aus der Rationalität hinaus in die Ekstase.

Ein ekstatischer, metaphysisch “aufgeregter” Mensch läßt sich nur schwer kontrollieren. Er hat Ideen, die für jede Autorität vernichtend klingen, und muss deshalb zum Schweigen gebracht werden. Sein Geist, der weithin sichtbar Energien transformiert, ist leuchtend und erfüllt. Der Ritus hingegen liebt die Heimlichkeit, die Zurückgezogenheit, das Sich-Verstecken; er tritt nicht als der Ermöglicher, sondern als Verhinderer wirklicher Gottesbegegnung auf. Seine Wirkung beschränkt sich auf geschlossene Räume, in denen die Feier des Seins, die sich ringsherum vollzieht, ausgeblendet bleibt. Die Botschaften, die er aussendet, erschöpfen sich in der Wiederholung des Immergleichen, dem Vollzug eines starren Musters und der Verherrlichung der Autorität. Und schließlich unterstützt der Pakt mit der Macht sein Ziel, alles Lebendige und Sich-Entfaltende zu unterbinden.

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Reine vs. Praktische Vernunft?

Samstag, 15. März 2008 12:08

Obwohl Kant nach Abfassung seiner erkenntnistheoretischen Schriften diametral entgegengesetzte Absichten zu verfolgen schien, gibt es keinen Bruch zwischen den erkenntnistheoretischen und ethischen Postulaten, wie er auch in der Forschung immer wieder als Hypothese formuliert wurde. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit”, schrieb Kant einmal. Der Mensch wird damit bei Kant zum erkennenden und moralisch handelnden Subjekt, das aus sich selbst heraus und unter Gebrauch seines Verstandes die Welt so formt, dass sie sich ihm später als etwas Festes und scheinbar von ihm selbst Unabhängiges zeigt. Die metaphysische Garantie, dass das Subjekt realen Objekten begegnet, stürzt mit Kants Untersuchungen zu Raum, Zeit und Kausalität in sich zusammen. Diese Kategorien sind der Welt inhärent, aber nicht als Voraussetzungen einer universellen und vorgefundenen Balance, sondern als Konzepte des denkenden Subjekts. Wie aber ist in einer solchen Welt moralisches Handeln möglich, das ein abstraktes allgemeines Wohl über die konkreten eigenen Bedürfnisse stellt? Hier sah Kant nur einen möglichen Weg – den der Selbstdisziplinierung und der Pflicht. Es liegt im Bereich des Möglichen, dass er damit den falschen Ansatz gewählt hat, und schon Schiller, ein glühender Kant-Verehrer, ist ihm hierin nur teilweise gefolgt: “Gerne dien ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung, Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.” Kant entwickelte diesen Ansatz konsequent weiter: damit das Subjekt diese Selbstbeschränkung auf sich nehmen kann, ist es notwendig, dass die moralischen Leitlinien autorisiert werden. Sie sind – ähnlich den erkenntnistheoretischen Kategorien – nicht wählbar. Das Subjekt verhält sich aber nur dann moralisch, wenn es “auf etwas hin” handeln kann. Handeln begründet sich in Zwecken. Kant postuliert hier ein “Als-ob” – wir müssen so handeln, als ob ein göttliches Wesen unsere Handlungen sanktionieren oder belohnen würde. In der historischen Dimension läßt sich zweierlei feststellen: Kant sprach hier ein wirkmächtiges Denkverbot aus, das latent alle nachfolgenden philosophischen Diskussionen beeinflusste. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, beginnend etwa mit den Feuerbach´schen Thesen, dieses Denkverbot immer heftiger in Frage gestellt wurde, ging damit eine immer radikalere Entwertung des Seins und der “Stellung des Menschen im Kosmos” (das ist der Titel eines Buchs von Max Scheler) einher. Kant war hellsichtig genug, das zu erkennen.

PS: Langsam bin ich wie Wittgenstein geneigt zu glauben, dass Mystik und Philosophie vielleicht eine scharfe Trennlinie, aber ansonsten gar nichts miteinander teilen.

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Geschenke

Donnerstag, 27. Dezember 2007 17:34

Es ist um einiges verletzender, mit dem Preis für ein Geschenk zur Dankbarkeit gezwungen zu werden, als überhaupt kein Geschenk zu erhalten.

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Neun Leben

Dienstag, 18. Dezember 2007 21:57

Die Katze hat ja, wie ein Spruch sagt, mindestens neun Leben. Damit soll wohl gesagt sein, dass sie ein extrem zähes Tier ist, das auch mal einen Sturz aus großer Höhe überlebt – egal, ich beneide sie jedenfalls um diesen Bonus. Ob sie wirklich etwas damit anfangen kann, sei mal dahingestellt. Wäre es nicht schön, sich einfach den Staub von der Schulter zu klopfen und wieder aufzustehen? Aber es scheint irgendeine geheimnisvolle Kraft zu geben, die uns in eine Sackgasse hineinjagt, in der eine Umkehr nicht mehr möglich ist. “Ach”, sagte die Maus, “die Welt scheint mit jedem Tag enger zu werden.” Einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, ein Haus bauen – nichts davon habe ich bis jetzt geschafft. Ich bin sozusagen ein lebenspraktischer Totalausfall. Die Frage ist ja, ob ich es bereits schaffen hätte können, wenn ich mich ein wenig mehr angestrengt hätte. Diese Frage, so banal sie klingen mag, gehört zur Standardausstattung meiner selbstquälerischen Folter. “Was mich nervt, ist die Tatsache, dass es mit der Familienplanung nicht so geklappt hat, wie ich mir das gewünscht habe. Wenn ich mir ansehe, was andere in meinem Alter bereits erreicht haben…”, bemerkte B. neulich. Mein Leben muss ein anderes werden – es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und immer wenn ich die Spuren der Katastrophe besichtige, der ich knapp, aber letztendlich doch entronnen bin, erfüllt mich das Gefühl der Anspruchslosigkeit wie der Gesang von Engelschören: ich will nichts außer sein. Es geht mir wie jemandem, der aus einem tiefen Schlummer erwacht – er muss erst zu sich selbst kommen, um etwas zu bewirken. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Zeit wirklich gegen mich läuft.

PS: Diese Gedanken sind ausdrücklich keine – auch keine versteckte – Einladung, in den Kommentaren hilfreiche Ratschläge zur Verbesserung meiner Situation abzugeben. Wer meint, er müsse nur das Gestrüpp durchhauen, um sich den Weg zu mir zu bahnen, übersieht allzu großzügig, dass auch das Gestrüpp schon zu mir gehört.

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Ist Denken besser als Empfinden?

Dienstag, 20. November 2007 22:33

Zucker stellte bei einer Diskussion im Nächtebuch diese Frage. Zugegeben, ich habe auch keine klare Antwort und bin hin-und hergerissen, weil sich die Waagschale bald auf diese, bald auf jene Seite neigt, je nachdem, welche Gründe mir gerade stichhaltiger erscheinen. Es wird wohl so sein, dass das eine ohne das andere weder denk- noch lebbar und erst recht nicht wünschenswert ist.

“Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?”, schreibt Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht “Erklär mir, Liebe.” Vielleicht ist es gerade das, was das Denken so produktiv, aber auch so einseitig macht: seine Alibi-Funktion. Man zieht sich beim Denken zurück, um “anderswo”, vielleicht sogar in Wolkenkuckucksheim, zu sein. Diese vorübergehende Flucht aus den Anforderungen des Augenblicks birgt aber auch die Gefahr in sich, zum zwanghaften Ausweichmanöver zu werden. Und dann ist die Einsamkeit nicht mehr weit.

“Du sagst, es zählt ein anderer Geist auf ihn.” Die Empfindung schafft nicht, was uns im Denken noch gelingt: sie kann nichts übertragen, abstrahieren, transponieren. Auch die Kunst ist nur eine besonders geschickte Brechung des Geistes, die unsere Empfindungen anspricht. Was ich empfinde, wenn ich etwas sehe, höre, fühle, schmecke, rieche, bleibt mein innerstes Privatgeheimnis, das ich auch bei allergrößter Nähe nicht enthüllen kann. Und doch ist mir die Empfindung gegenwärtig – veränderlich, flüchtig und daher sehr lebendig.

Würde ich beginnen, Empfinden und Denken gegeneinander aufzurechnen, könnte ich beiden nicht gerecht werden. Das Empfinden ist uns viel näher und vertrauter als das Denken. Aber wirklichen Raum zur Entfaltung gibt uns nur das Denken, das uns auffordert, unsere Grenzen zu überschreiten. Wenn wir denn bereit dazu sind.

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Positionen im Atheismusstreit

Sonntag, 18. November 2007 1:11

Dass sich Atheisten und Theisten so unversöhnlich gegenüberstehen, liegt aus meiner Sicht vor allem an der Krise der wissenschaftlich-empiristischen Methode. Der Kanon naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle ist ja nicht so festgefügt, wie es gerne unkritisch nach außen vermittelt wird, sondern unterliegt – ähnlich wie die hermeneutisch sich wandelnden Ideen und Theorien der Geisteswissenschaften – einem unaufhaltsamen Prozess der Falsifizierung oder etwas präziser: Validierung. Wir gelangen nicht an ein Ende unseres Verständnisses. Im Gegenteil: hinter jeder Tür, die aufgestoßen wird, öffnen sich mindestens zwei neue.

Streng empiristisch würde ich also daraus ableiten können, dass die Welt als Ganzes schlicht und einfach unerklärlich ist. Hier lauert schon die nächste Falle, in die wir tappen könnten, nämlich die des Kontigenzbeweises; ein schlauer Kopf könnte sich auf diese empirisch abgeleitete Tatsache als Unterfütterung seiner Argumentation stürzen. Aber da müssen wir genauer hinsehen: was erklärbar ist, ist ein Stück des Wollfadens, aber nicht das Wollknäuel – umgekehrt kann der Wollknäuel auch nicht den erkenntnistheoretischen Status des Wollfadens voll und ganz bestimmen, wie es ein Theist in seiner überschäumenden Euphorie vielleicht annehmen könnte.

Wittgenstein war davon so genervt, dass er in seinem “Tractatus” den Wollfaden einfach abschnitt und dann ein wenig genialisch-naiv glaubte, alle Probleme seien damit gelöst. (Später erkannte er selbst, dass es so einfach nicht sein konnte, und widmete sich den Sprachspielen.) Wenn die Moderne die Trennung des Fadens vom Knäuel im Sinn hatte, wollte sie damit den geisterhaften Spuk der Metaphysik beenden, dessen Grundlage langsam verfiel. Übrig blieb eine entzauberte, aber keineswegs heimelige Welt, der man mit immer objektiveren, distanzierteren Messmethoden auf den zunehmend geschundenen Leib rückte. weiterlesen

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De gustibus

Freitag, 19. Oktober 2007 22:17

“De gustibus non est disputandum” – über Geschmack läßt sich nicht streiten, das ist eine altbekannte Tatsache. Aber wer legt dann fest, was “guten Geschmack” auszeichnet? Hier sind mehrere Möglichkeiten denkbar: 1. es gibt eine “von oben” verordnete Geschmacksdiktatur, 2. es gibt einen Geschmacksterror “von unten” und 3. es gibt eine kleine, elitäre Gruppe, die sich mit ihrer Definition des “guten Geschmacks” vom Rest abheben will; über Nachahmer verfestigt sich diese Definition ganz allmählich, bis sie zum Allgemeingut wird. Wir ahnen es bereits – der “gute Geschmack” ist ein Problem der Abgrenzung und der Ränder. Was dem einen kaum ein Achselzucken abringt, ist für den anderen ein himmelschreiender Skandal. Das ist unter anderem auch eine Frage der Frustrationstoleranz, wie man sehr schön hineinpsychologisieren könnte. Schon allein deswegen können wir es nicht lassen, uns mit Geschmacksfragen auseinanderzusetzen. Wenn These und Antithese aufeinanderprallen und sich unauflösbar ineinander verhaken, fühlt man sich unweigerlich an den Merksatz des Königsbergers erinnert, dass sich viele Widersprüche mit den Mitteln der Vernunft nicht auflösen lassen, sondern eben immer auch der Anschauung bedürfen. Die Frage: “Welchen konkreten, anschaulichen Inhalt hat unser Gespräch eigentlich?” wirkt manchmal Wunder. Das klingt arg realistisch und ist es wohl auch. weiterlesen

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