Ist Denken besser als Empfinden?

Zucker stellte bei einer Diskussion im Nächtebuch diese Frage. Zugegeben, ich habe auch keine klare Antwort und bin hin-und hergerissen, weil sich die Waagschale bald auf diese, bald auf jene Seite neigt, je nachdem, welche Gründe mir gerade stichhaltiger erscheinen. Es wird wohl so sein, dass das eine ohne das andere weder denk- noch lebbar und erst recht nicht wünschenswert ist.

„Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?“, schreibt Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht „Erklär mir, Liebe.“ Vielleicht ist es gerade das, was das Denken so produktiv, aber auch so einseitig macht: seine Alibi-Funktion. Man zieht sich beim Denken zurück, um „anderswo“, vielleicht sogar in Wolkenkuckucksheim, zu sein. Diese vorübergehende Flucht aus den Anforderungen des Augenblicks birgt aber auch die Gefahr in sich, zum zwanghaften Ausweichmanöver zu werden. Und dann ist die Einsamkeit nicht mehr weit.

„Du sagst, es zählt ein anderer Geist auf ihn.“ Die Empfindung schafft nicht, was uns im Denken noch gelingt: sie kann nichts übertragen, abstrahieren, transponieren. Auch die Kunst ist nur eine besonders geschickte Brechung des Geistes, die unsere Empfindungen anspricht. Was ich empfinde, wenn ich etwas sehe, höre, fühle, schmecke, rieche, bleibt mein innerstes Privatgeheimnis, das ich auch bei allergrößter Nähe nicht enthüllen kann. Und doch ist mir die Empfindung gegenwärtig – veränderlich, flüchtig und daher sehr lebendig.

Würde ich beginnen, Empfinden und Denken gegeneinander aufzurechnen, könnte ich beiden nicht gerecht werden. Das Empfinden ist uns viel näher und vertrauter als das Denken. Aber wirklichen Raum zur Entfaltung gibt uns nur das Denken, das uns auffordert, unsere Grenzen zu überschreiten. Wenn wir denn bereit dazu sind.

Positionen im Atheismusstreit

Dass sich Atheisten und Theisten so unversöhnlich gegenüberstehen, liegt aus meiner Sicht vor allem an der Krise der wissenschaftlich-empiristischen Methode. Der Kanon naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle ist ja nicht so festgefügt, wie es gerne unkritisch nach außen vermittelt wird, sondern unterliegt – ähnlich wie die hermeneutisch sich wandelnden Ideen und Theorien der Geisteswissenschaften – einem unaufhaltsamen Prozess der Falsifizierung oder etwas präziser: Validierung. Wir gelangen nicht an ein Ende unseres Verständnisses. Im Gegenteil: hinter jeder Tür, die aufgestoßen wird, öffnen sich mindestens zwei neue.

Streng empiristisch würde ich also daraus ableiten können, dass die Welt als Ganzes schlicht und einfach unerklärlich ist. Hier lauert schon die nächste Falle, in die wir tappen könnten, nämlich die des Kontigenzbeweises; ein schlauer Kopf könnte sich auf diese empirisch abgeleitete Tatsache als Unterfütterung seiner Argumentation stürzen. Aber da müssen wir genauer hinsehen: was erklärbar ist, ist ein Stück des Wollfadens, aber nicht das Wollknäuel – umgekehrt kann der Wollknäuel auch nicht den erkenntnistheoretischen Status des Wollfadens voll und ganz bestimmen, wie es ein Theist in seiner überschäumenden Euphorie vielleicht annehmen könnte.

Wittgenstein war davon so genervt, dass er in seinem „Tractatus“ den Wollfaden einfach abschnitt und dann ein wenig genialisch-naiv glaubte, alle Probleme seien damit gelöst. (Später erkannte er selbst, dass es so einfach nicht sein konnte, und widmete sich den Sprachspielen.) Wenn die Moderne die Trennung des Fadens vom Knäuel im Sinn hatte, wollte sie damit den geisterhaften Spuk der Metaphysik beenden, dessen Grundlage langsam verfiel. Übrig blieb eine entzauberte, aber keineswegs heimelige Welt, der man mit immer objektiveren, distanzierteren Messmethoden auf den zunehmend geschundenen Leib rückte. Weiterlesen

De gustibus

„De gustibus non est disputandum“ – über Geschmack läßt sich nicht streiten, das ist eine altbekannte Tatsache. Aber wer legt dann fest, was „guten Geschmack“ auszeichnet? Hier sind mehrere Möglichkeiten denkbar: 1. es gibt eine „von oben“ verordnete Geschmacksdiktatur, 2. es gibt einen Geschmacksterror „von unten“ und 3. es gibt eine kleine, elitäre Gruppe, die sich mit ihrer Definition des „guten Geschmacks“ vom Rest abheben will; über Nachahmer verfestigt sich diese Definition ganz allmählich, bis sie zum Allgemeingut wird. Wir ahnen es bereits – der „gute Geschmack“ ist ein Problem der Abgrenzung und der Ränder. Was dem einen kaum ein Achselzucken abringt, ist für den anderen ein himmelschreiender Skandal. Das ist unter anderem auch eine Frage der Frustrationstoleranz, wie man sehr schön hineinpsychologisieren könnte. Schon allein deswegen können wir es nicht lassen, uns mit Geschmacksfragen auseinanderzusetzen. Wenn These und Antithese aufeinanderprallen und sich unauflösbar ineinander verhaken, fühlt man sich unweigerlich an den Merksatz des Königsbergers erinnert, dass sich viele Widersprüche mit den Mitteln der Vernunft nicht auflösen lassen, sondern eben immer auch der Anschauung bedürfen. Die Frage: „Welchen konkreten, anschaulichen Inhalt hat unser Gespräch eigentlich?“ wirkt manchmal Wunder. Das klingt arg realistisch und ist es wohl auch. Weiterlesen

Besorgnis

Das unglückliche Bewusstsein ist nicht etwa ein Gegensatz zu einem glücklichen Bewusstsein; sein Unglück wird vor allem aus der Einsicht gespeist, dass es aus sich heraus nicht mehr über die Mittel verfügt, einen Zustand des Glücks zu erreichen. Wenn es einen fundamentalen Satz in der abendländischen Philosophie gibt, dann doch wohl diesen, dass jeder Mensch nach Glück strebt. Impliziert dieser Satz aber auch, dass der gegenwärtige Augenblick nur ein Zwischenstadium zu einem noch zu erreichenden, perfekten Zustand sein kann? Das, was die Hauptbeschäftigung der Philosophie war, droht ihr durch die Finger zu rinnen, je größer und existenzieller der nicht zu überbrückende Hiatus zwischen Realität und Utopie wird. Während das Projekt der Moderne noch von einem kaum zu bändigenden Willen zur Erneuerung getragen wurde, leben wir heute, in postpostmodernen Zeiten, im Zustand der allgegenwärtigen Besorgnis. Die Besorgnis leitet sich direkt aus dem zu Besorgenden ab, und die Liste des zu Besorgenden entlässt uns erst am Ende unserer Tage für eine Reise in dunkle Ungewissheit. Und indem wir jeden Tag mit völlig disparaten Anforderungen unter veränderten Umweltbedingungen konfrontiert werden, ändert sich langsam auch unser Verhalten: es wird gleichzeitig hysterischer und gleichgültiger. Denn die einzige Konstante, die wir direkt wahrnehmen und messen können und die sich unserem Verfügungsbereich nicht entzieht, ist unser eigenes Verhalten. Aber wenn wir nach der Richtigkeit unseres Verhaltens und gewisser Entscheidungen fragen, stoßen wir auf ein sich gegenseitig durchdringendes Knäuel von Wertungen, in dem sich ästhetische, ethische und metaphysische Aspekte bis zur Unkenntlichkeit vermischen. So kommt es, dass ethische Fragen auf der Grundlage von ästhetischen Überlegungen entschieden werden. Im Grunde ist die Antwort schon vor der Frage angekommen. Man kann sich nicht mehr zum Abenteuer und zur Freiheit durchfragen, um die Dimension seines Ich auszumessen. Wir können die Impulse der Selbstbestimmung nicht aufgreifen, aber gleichzeitig unsere Persönlichkeit als ein neutrales Medium zur Disposition stellen, das von außen her mit Wertungen „gefärbt“ wird. Wir können uns nicht selbst gegenüberstehen und uns objektiv aus allen Perspektiven betrachten wie ein Produkt, das verbessert oder redesignt werden soll, schon allein aus dem Grund, weil unsere Erfahrungen immer Erfahrungen in der Zeit sind, die uns nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. Weil wir jedoch glauben, dass wir uns verbessern könnten, wenn wir uns nur genügend anstrengten, dass Glück letztendlich also innerhalb unserer Machbarkeitsreichweite läge, gelangen wir nie zu einer Übereinstimmung mit uns selbst. Und so ist die Besorgnis das Symptom einer andauernden Bewusstseinskrise, die sich in einem System sich entziehender und unaufgedeckter Grenzen vollzieht. Es ist ein Leben „als ob“, auch wenn man noch so sehr glauben möchte, dass nun endlich die Premiere stattgefunden hat.

Glück

Manchmal finde ich, dass es gar nicht so schwer ist, die Frage nach dem, was Glück ist oder was es auszeichnet, zu beantworten. Aber ich könnte nie sagen, was es bedeutet, zu sagen: Glück ist das Lächeln des Augenblicks. Im Gegensatz zu: Glücklich wäre ich, wenn ich alleine auf der Welt wäre. Früher wurde ich oft mit den Worten ermahnt: „Du bist nicht alleine auf der Welt!“, was meine Bedürfnisse im Vergleich zu den Bedürfnissen von Milliarden anderer Menschen auf ein lächerliches Nichts schrumpfen ließ. Es war eine Gleichung, gegen die ich nicht ankonnte. Aber das wirklich Entscheidende wäre doch: es gäbe keine Außen mehr, wenn ich alleine auf der Welt wäre. Es entfiele jede Beeinflussung, jede Manipulation, jeder Überzeugungsversuch. Ich wäre da, und das wäre alles, und es wäre gut so. Niemand könnte sagen: „Mir gefällt es nicht, wie du dein Essen zubereitest. Oh Gott, was trägst du bloß für eine Brille? Ich finde, du hast in letzter Zeit etwas zugenommen. Findest du es in Ordnung, dir keine Gedanken über dieses oder jene schlimme Übel zu machen?“ Ich weiß nicht, ob es diesen Punkt je in meinem Leben gab, an dem die perfekte Übereinstimmung mit der Welt, die tiefe Befriedigung des Gewollt-Seins, in mir wohnte und nicht bloß um den Preis der Selbstverleugnung erkauft war. Und wenn es ihn tatsächlich gegeben hat, ob ich jemals dorthin zurückfinden könnte. Es ist eine Schwäche, sich nicht abgrenzen zu können und wie ein Medium jeden Gedanken seines Gegenübers aufzusaugen. Es ist eine Schwäche, für die es keine neutralisierende Stärke gibt. Ich glaube übrigens nicht, dass ich alleine auf der Welt Glück empfinden würde; diese Vorstellung ist eben nur als Utopie erträglich und erscheint in dieser Form wie das reinste Paradies.

Der Staat

LeviathanDer Staat war schon immer ein metaphysisches Gegengewicht (also auch: letzte Hoffnung und Erlöser) für bürgerliche Karrieren. Durch die Schaffung von persönlichem Wohlstand wollte man auch für das Gemeinwohl sorgen, doch erst der Staat bot sich als potenter Organisator dieser Aufgabe an. Die traditionelle Trinität aus Gottvater, Sohn und heiliger Geist wurde zur weltlichen Trinität aus Exekutive, Legislative und Judikative. Die Freiheit, die der Staat dem Bürgertum versprach, zeichnete sich durch ein ausgeklügeltes Repertoire von Regeln aus, die den sozialen Verband auf Kosten des Individuums stärkten.

Illustration: Titelbild „Leviathan“ von Thomas Hobbes

Die wunderbare Welt des Double-Bind…

…in der alles wahr ist, auch das Gegenteil. Das Double-Bind funktioniert nicht nur als „positive“ Handlungsaufforderung, sondern auch als Aufforderung zur Bestätigung eines Bildes, das sich ein Gegenüber zurechtgeschustert hat. In diesem Fall könnte die Botschaft lauten: „Du bist ein Versager und kommst nicht mit dem Leben zurecht“, die verbal oder nonverbal übermittelt wird. Dem Adressaten eröffnen sich nun scheinbar mehrere Alternativen, wie er darauf reagieren kann: 1. Er geht in die Offensive und widerspricht dieser These. Das Gegenüber kann diesen Widerspruch vollkommen oder teilweise entwerten, indem er Dritten oder auch dem Adressaten gegenüber mutmaßt, dass der Adressat sich wohl durchschaut fühle und deswegen so heftig reagiere. 2. Der Adressat schweigt. Schweigen kann vom Gegenüber als stille Zustimmung gewertet werden. 3. Er bestätigt die Botschaft. Seltsamerweise ist das die am häufigsten gewählte Strategie, weil der Adressat hofft, dadurch aus der potentiellen Double-Bind-Situation entlassen zu werden. Das Gegenüber wird diese Selbstbezichtigung aber als schweres Vergehen bewerten: der Adressat weiß um seinen desolaten Zustand, zeigt aber keinen Willen zur Änderung. (Humor oder Ironie könnten die Situation zur Komik oder Erkenntnis hin durchbrechen. Aber das Welt- und Selbstbild des Gegenübers hängt in ungleich stärkerem Maße als beim Adressaten davon ab, dass seine Botschaft bestätigt wird.) Sehr häufig kommt dann die als Frage getarnte Aufforderung: „Und warum unternimmst du nichts dagegen?“ Der Adressat gerät so in die Verlegenheit, seine Minderwertigkeit zu heucheln. Sehr viel öfter wird er sich aber mit dem von außen aufgezwungenen Selbstbild eines Versagers identifizieren und depressiv werden, um das Bild Wirklichkeit werden zu lassen. Welche Handlungen der Adressat auch immer unternimmt, er kann das Bild nur bestätigen; natürlich immer unter der Voraussetzung, dass er die Situation aus irgendwelchen Gründen nicht verlassen kann.

Bewegung

Zwei Zen-Mönche sahen eine im Wind flatternde Fahne und stritten sich darüber, was die sichtbare Bewegung verursache. „Die Fahne bewegt sich“, behauptete der eine. „Nein, der Wind bewegt sich“, entgegnete der andere. Da sie zu keinem Ergebnis gelangten, befragten sie ihren Zen-Meister. „Weder die Fahne noch der Wind bewegen sich. Es ist der Geist, der sich bewegt“, sagte der Meister.

Und ich bin noch immer völlig gelähmt und betäubt, wenn mir offene Feindseligkeit entgegenschlägt. Gerade so, als könnte ich darauf vertrauen, dass man mir immer freundlich begegnet.

Kirchenaustritt?

Seit meiner Geburt gehöre ich qua Taufe einem Verein an, der zwar von außen gesehen liebenswürdige und skurrile Züge tragen mag, aber genauer betrachtet nach wie vor eher auf die Kraft des Dogmas als auf die des Arguments und der Überzeugung vertraut. Wenn man zurückschaut, sieht man die Bildergewitter der Renaissance und des Barock, die die Religion als rauschhafte und überaus sinnliche Erfahrung feiern. Die alte asketische, monastische Tradition wird von dieser Zeit völlig verdeckt und in ihr Gegenteil verkehrt. Sei es in der Sixtina oder bei der Floriansfigur in der Pfarrkirche – überall bildet sich sofort ein Topos, der den Inhalt überformt. Und doch profitierte die Kirche klammheimlich vom Bildersturm und von der reformatorischen und aufklärerischen Neuerfindung der Moral und des Gewissens. Wie in einer Matrjoschka-Puppe verbirgt sich in jeder Heilsgeschichte die Drohung der ewigen Verdammnis, denn das eine ist ohne das andere gar nicht denkbar, und der Glaube sickert in dieser Mischung langsam und angstbehaftet in die Seele ein. So ist es überall, wo einem der Endzweck in die Quere kommt: es riecht nach Schwefel, denn die menschliche Freiheit ist schier unerschöpflich. Vor dem Hintergrund des Vielgötterglaubens erscheint die katholische Trinitas wie eine unglaubliche Einschränkung, der nur durch die Inflation der Heiligen abgeholfen werden konnte. Historisch gesehen relativiert sich vieles, das als Möglichkeit nicht lebbar erscheint. Es ist vor allem das in den Jugendjahren geprägte Gefühl, einer fanatischen Sekte anzugehören, das mich jetzt über einen Kirchenaustritt nachdenken läßt. Denn dort, jenseits, ist bestimmt ein Anderes als das, das zu glauben ich angehalten werde. Aber welches Andere, vermag mir hier niemand mit Bestimmtheit zu sagen. Ich kann also nichts aus meinem angeblichen Wissen um die letzten Dinge ableiten, nicht einmal einen triftigen Grund, der Gemeinschaft der Gläubigen beizutreten.