Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Ansichten und Einsichten'

Verloren gehen

Donnerstag, 10. Mai 2007 22:47

Kafka war ein Realist, der bestehende psychologische Verhältnisse in symbolische Formen kleidete. Seine Erzählung “Der Bau” illustriert auf schlagende Weise meinen Wunsch, der Welt auf eine Art und Weise verloren zu gehen, die nur ich selbst verstehe, jenseits der Verlockungen des Wahnsinns und des Freitods. Es ist die angemessene Reaktion auf die Enttäuschung darüber, nicht als derjenige erkannt zu werden, der man seinem Wesen nach ist. Jeder, dem ich begegne, pflegt nur seine eigenen Vorurteile über mich und will von der Realität nichts wissen. Nein, das ist kein Vorwurf. Ich fühle nur eine Müdigkeit in mir, deren Ausmaß nicht zu beschreiben ist. Und ich bin es so leid, mich mit den Gedankenwelten anderer auseinanderzusetzen – wenn das Produkt dieser Auseinandersetzung nur die mehr oder weniger geschickt getarnte Demütigung ist. Selbst wenn ich es im günstigsten Licht betrachte, kann ich darin keine Übung in Demut mehr erkennen, sondern nur noch eine Demonstration von Macht und Erpressungpotential: “Ohne mich wärst du ein Nichts!”. Sie soll in die hierarchische Unterordnung münden und in Ritual und Struktur erstarren. Wann und zu welchen Bedingungen die Diskussion beendet ist, legen andere für mich fest. Ich gehöre zur Seite der Befehlsempfänger. Um das, was ich will, zu erreichen – nämlich keine Befehle entgegenzunehmen und keine zu erteilen, also neutral zu bleiben – müßte ich allerdings die Seite wechseln, was ich schlechterdings nicht kann.

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Schweigen

Samstag, 7. April 2007 14:46

Die feine Grenze, die zwischen weisem Schweigen und purer Dummheit liegt, muss man jedesmal aufs Neue ausloten.

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Vertrauen

Montag, 2. April 2007 0:13

Es bedeutet oft einen größeren und schmerzvolleren Vertrauensbruch, nicht ins Vertrauen gezogen zu werden, als den anderen bei einer Lüge zu ertappen.

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Individualismus

Dienstag, 26. September 2006 21:11

Wenn die Gewissheit erlahmt, steigt man auf Wolkenschiffe um. Individualität und Originalität werden nur vor der Folie feststehender Gewissheiten sichtbar. Wenn diese Folie fehlt, werden nicht etwa Individualität und Originalität entfesselt, sondern der Nährboden für Konformismus geschaffen. Das Gefühl der Einzigartigkeit kann nur durch eine ständige Selbstvergewisserung entstehen, die sich mit einem Gegenüber misst. Das Gegenüber kann auch ein festes Wertesystem sein, das auf der einen Seite Orientierung bietet, aber auch und vor allem Reibungspunkte bereitstellt. Erst damit kann Authentizität erprobt werden, die nicht bloße Behauptung bleibt. Historisch kann dieser Prozess in den Anfängen der Neuzeit nachvollzogen werden: während vorher die praktische Intelligenz vorherrschte, trat damals der neue Typus der theoretischen Intelligenz als mindestens gleichberechtigt hinzu. Ihr besonderes Kennzeichen war die spielerische Frivolität, mit der sie alte Modelle behandelte und neue einführte; Authentizität wurde dadurch fast zu einem handelbaren Wert, zu einer Größe an sich, einem Ideal, einer Projektionsfläche.

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