Sachar

Hier, tief im Norden,
in der Bucht der gestrandeten Barke,
wo ein dunkles Meer uns trennt
von den Gestaden der Nacht,
hier grüße ich dich, bittre
Erinnerung.

Zu spät gabst du preis
dein Geheimnis.
Was hell noch war,
würde zu Staub, und
ewig kahl blieben
die Bäume.

Denn ein Rad greift
ins andere – ein Halt,
ein Augenblick, und
die bewahrende Zeit.

Echo

Ach
wärst du nur, Echo, das Lied
der Prinzessin aus der eisigen
Wüste, die im kalten Licht des
Mondes entschwundene
Erinnerung.

Den Bogen deiner Brauen
malte ich mit Asche, die
zarten Federn deines Kleids.
Eingewoben in die Nacht
ist der Verheißung leiser
Hauch.

Ach
wärst du nur – Pfeil und Bogen,
Sinn und Schicksal, Telos und
Unendlichkeit:

Am Ende reine Glut.

Elija

Wandere, Prophet, wandere
und wäge Jahrtausende.
Dein Ruf durchschneidet
die Wüsten, geborgen
im Mondlicht auf
herbstlichen Seen.

Wandere, Prophet, wandere
und bewege Meere.
Dein Blick dringt
durch die Tiefen,
geleitet vom Schein
kristallner Frühen.

Wandere, Prophet, wandere,
so wie ein Baum wächst
Rinde um Rinde,
so wie ein Stein sich
entledigt der äußeren Hülle,
so wie ein Berg zufließt
der ewigen Bestimmung.

Der Sturm

Er war nochmal auf den Hügel gegangen, um zu sehen, ob die Wetterfront direkt auf den Wald zukam oder, wie gewöhnlich, einige Kilometer vorher nach Osten abzog. Es braute sich nichts Gutes zusammen; die dunkle Wetterkante kam seiner Zuflucht bedrohlich nahe und wurde knapp über dem Boden regelmäßig von Blitzen in ein grelles Gelb getaucht. Er musste seine wenigen Habseligkeiten in Sicherheit bringen und sich auf ein oder zwei unruhige Stunden einstellen. Als er knapp zweihundert Meter von seinem Wohnwagen am Waldrand entfernt war, sah er sie bereits: einige jüngere Männer, die gröhlend versuchten, seine letzte Behausung in Brand zu stecken. Er rannte auf sie zu, aber plötzlich explodierte ein riesiger Feuerball, und sein Wohnwagen ging komplett in Flammen auf. Nichts war mehr zu retten außer das eigene Leben. Plötzlich spürte er den eisigen Griff der Angst, der ihn an der Schulter packte und ihn mit sich fortzog, weg von den Männern, weg vom Feld, auf dem er allzu gut sichtbar war, hinein in den immer dunkler werdenden Wald. Er war völlig besinnungslos – am Waldrand, hinter den mit peitschenden Bewegungen auf- und abflackernden Ästen, sah er die Flammen und die tanzende Horde, die ihn vermutlich töten wollte, und er wollte so viel Entfernung wie möglich zwischen sich und dem gespenstischen Spiel der Lichter bringen. In sich spürte er den Schmerz eines unsäglichen Verlustes. Die Manuskripte und die Arbeit der letzten Jahre waren unwiederbringlich verloren, so dass er nicht darauf hoffen konnte, mit einer bahnbrechenden Publikation wieder zurück in die alten akademischen Gleise zu finden und vielleicht sogar einen Lehrstuhl angeboten zu bekommen. Es gab keine Kopien und keine Abschriften. Seine Wohnung, an die er jetzt merkwürdigerweise kurz dachte, war nur noch die Hülle eines alten Lebens und enthielt keine Spur seiner neuen Ideen. Doch je leiser die Stimmen der Männer wurden, um so lauter wurde der Wald mit seinen knarrenden Ästen und dem umherwirbelnden Laub. Er hatte zunächst nicht darauf geachtet, wo er genau hinlief, aber er befand sich mittlerweile unter uralten, morschen Bäumen, deren Schatten sich drohend vor ihm aufbauten. Er stolperte, von einem Missgeschick ins nächste gestoßen, voran und dachte nur noch daran, dem Wald, dem Sturm, den Männern und seinem Leben zu entkommen. Er konnte sich nicht vorstellen, einfach stehenzubleiben und darauf zu warten, was sich als Nächstes ereignen würde. Mittlerweile hatte es zu regnen begonnen, und der Sturm nahm weiterhin Fahrt auf.

Die Frage, die in ihm bohrte und immer klarer wurde: Wie hatten ihn die Männer gefunden? Waren es Studenten? Und wer hatte ihnen möglicherweise verraten, wohin er sich zurückgezogen hatte? Ein kleiner Fetzen seines Bewusstseins spie ihm eine Situation in den Kopf, die er unlängst erlebt, aber als unbedeutend abgetan hatte: er hatte wieder einmal beim Dekan vorgesprochen, der ihm wie immer generös, aber etwas kurz angebunden versichert hatte, sich für seine akademische Rehabilitation einzusetzen, und er war wie immer an der Sekretärin vorbeigeschlichen, die sich, wie er einmal unfreiwillig bemerkt hatte, hinter seinem Rücken über sein Aussehen und seinen Geruch beschwerte, als er auf dem Flur unvermittelt auf eine Studentin stieß, die ihn zunächst mit großen Augen anstaunte, dann aber fortlief, als er sie ansprach. Briefzeilen liefen fieberhaft durch seinen Kopf, in denen er vor einer anderen Studentin über die Unmöglichkeit einer Liebe zu ihm nachgedacht hatte, wie zwei Wanderer waren sie gewesen, unterwegs unter dem gleichen Stern, aber nur für ein kurzes Wegstück…“Professor, unterlassen Sie Ihre politischen Ausführungen, die uns allen sattsam und bis zum Überdruss bekannt sind. Uns interessiert nur, was wir wirklich zum Bestehen der Prüfung benötigen!“

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Der Sturm – 211

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Die höhnische Stimme in seinem Inneren und die Erinnerung daran durchfuhren ihn wie einen Blitz. Er schreckte hoch. Sein Mantel war durchnässt, und ziemlich nah hörte er ein gewaltiges Donnergrollen. Seine Augen suchten nach Halt und blickten nach oben, aber er sah nur das Gewirr der Äste, die im Sturm schaukelten, und sonst nichts außer Dunkelheit. Als er sich umdrehte, war sogar der Lichtpunkt des Feuers hinter ihm erloschen oder nicht mehr sichtbar. Der Faden, der ihn bis zu diesem Punkt geführt hatte, war nicht zu entwirren. Andere hatten sich seines Lebens bemächtigt und ihn wie eine Schachfigur mal hierhin und mal dorthin geschubst. Er wusste nicht mehr, wer er war – der gut situierte Professor, der sich zusammen mit einer Handvoll Lieblingsstudenten in der Deutung der Zeitgeschehnisse erging, oder jenes seltsame Bündel Angst, das vor Kälte und Nässe zitternd im Wald stand und keinen Ausweg fand? Als er sich außer Atem an einem Baumstamm festhalten wollte, sah er es: ein feines, silbriges Fädlein, das verdampfte und aus den Ästen zu kommen schien, bevor erneut der Donner sich in tausend Kaskaden brach. Er traute seinen Augen kaum und er wusste es nicht zu deuten, aber es wiederholte sich ein paar Mal. Es stand so klar vor seinen Augen, dass er nur die Hand danach hätte ausstrecken brauchen, um die Widerständigkeit zu fühlen. Der Wald atmete schwer unter dem Druck des auf ihm lastenden Gewitters. Ihm war, als schmeckte er bittere Medizin, als sei ihm ein Geheimnis anvertraut worden, das niemand wissen durfte und das er in den Tod mitnehmen würde. Schwer keuchend riss er sich los und taumelte seinem Untergang entgegen. Hinten, tief drinnen im Wald gähnte ein Maul, an dessen Rand er sich verirrt hatte und das ihn verschlucken würde. Die Blätter glitten unter ihm weg und zogen ihn näher an den saugenden Schlund, während die Äste ihn drohend vorwärts peitschten. Zischende, kleine Blitze drangen aus der Rinde der Bäume, die er berührte und liefen in kleinen Verästelungen über seine Haut. Er war nun angekommen und ein Teil des Waldes, weit weg von Gedanken, nur noch Erlebnis und Sensation, zitternde Gier und aufgewühlte Furcht. Er stürzte, aber nicht, um sich auf seine verlässlichen Hände zu stützen, im Fallen drehte er sich ein wenig und landete auf dem Rücken. Er spürte die Erschütterung und den Regen, der von oben fiel, und blieb einfach liegen, es war alles Wald um ihn her, sogar er selbst, und als er in den Nachthimmel starrte, sah er den Arm, wie er brach, und die Hand, die auf ihn zustürzte, um ihn zu zermalmen. Nichts regte sich in ihm, das ihm zugeflüstert hätte, sich auf die Seite zu rollen, er wartete, er atmete, er spürte die Wucht der zudrückenden Hand, den grellen Schmerz und das rasche Erlöschen jeden Lichts.

Ein nasses Laubblatt klebte an seiner Wange. Ihm war, als ob er tausend Tode stürbe, und am Ende nur den einen.

Stygische Nacht

Ich liege im Schatten des Meeres,
aufgebahrt, wie zur Krönung,
mein weißes Segel hält Poseidon
unter den glitzernden Plejaden.

Laute, Licht und Docht sandtest
du an die trostlosen Gestade,
ewigkeitsschwanger, variablenreich,
Akkorde am flimmernden Horizont.

Schweig hin über die Tiefen, löse
dein Herz in der tropfenden Luft:

ein Sandkorn nur benötigt der Plan
für die Geburt eines tanzenden Sterns.

Blau

Blau. Er erinnerte sich an den blauen Himmel, der ihn jedes Mal begrüßte, wenn er aus dem stickigen Zimmer auf den Balkon trat. Weite. Himmel. Ferne. Ein übermächtiger Sog, der ihn zu erfassen schien und ihn weit wegtrug, in atemlose Abenteuer, in denen er souverän auf den Wellen des Lebens dahinritt, ungebunden, Sturm im Haar. Blau war der jungfräuliche Morgen, der aus dem Tau der hinteren Gärten stieg, wo die Schafe weideten, wo sich die Männer um ein Schaf sammelten, um es zu töten und zu essen, Barbaren, Wildnis, Stille.

Blau, ein graues, verwaschenes Blau, es zeigte einen virtuosen aus einer unwirklichen Zeit, der auf seinem Instrument Bach spielte, die Kerzen brannten, er saß, auf dem Boden gekauert, mit seinem Bruder, und löschte mit seinen Gedanken die Welt, übrig waren nur sie beide, die auf einem winzigen Stein durchs Weltall rasten, Bach, Wittgenstein, Gould, das musste sich doch berühren, und sei es erst in einer fernen Zukunft, nach ihrem Tod möglicherweise, staunen würden sie alle, die sie nie gekannt hatten, wie sie gemeinsam Fels und Fels aus dem wankenden Turm zogen und ihn zum Einsturz brachten, ungezogene Titanenkinder, die mit letzten Dingen spielten wie andere mit Legobausteinen.

Blau. Blau waren die Fliesen und der Tannenbaum. Blau, nicht grün. Nicht grün. Grün war der Kachelofen gewesen, damals, vor ewigen Zeiten, äonenlang, die Fliesen hallten wider von den Tränen seiner Mutter, die an sie klatschten wie eimerweise Wasser, im Gang standen sie damals, seine Mutter, merkwürdig gekleidet, wie eine Wanderin, mit Gürtel, an dem ein Messer befestigt war, der brüllende Vater, sie wollte in den Wald gehen und sich etwas antun, danach rauschte der blutrote Punsch in den Topf, eine mütterliche Hand verirrte sich im blonden Schopf, nein, wir gehören doch zusammen, jetzt, an Weihnachten, ich habe doch Plätzchen für alle gebacken, das könnte ich euch nie antun.

Blau. Das Bühnenbild war blau, eine Landschaft, linkisch gepinselt, die klatschenden Hände, das Klatschen der Hand, der plötzlich einen Traum zerschneidende Gürtel, den der Vater in der Hand hielt, das Prügeln, der Applaus, wie liebten sie ihn alle, wie wurde er gehasst, warum, ein Kind, die Semmel, auf die arglose Tränchen tropften, sie war nass, niemand konnte sie nun essen, sie gehörte seinem Bruder, der den Waffenschrank aufgefeilt hatte, kein Schuss, nur ein Zittern, das Zischen der Reitgerte, ihr müsst gezüchtigt werden, ihr müsst zerbrochen werden, ihr müsst gekittet werden, die Bühne, schwarzer Samt, in der Kulisse der flammenlodernde Mephisto. “Ich bin es, dein Bruder!” “Ja, du bist mein Bruder.”

Blau war das Geschenkband, es fiel in den Schnee. Lange hatte er gewartet, um ihn zu besuchen, bis zur Schranke war er gekommen, er stand unschlüssig da, hatte anderes zu tun, sie warteten auf ihn, Lichter brannten, ein Braten schmorte im Ofen, nur er, er konnte nicht dabei sein. Er starrte auf die blauen Scheiben, als würden sie ihm antworteten. Minuten, Viertelstunden zerrannen, unterbrochen durch den Glockenschlag der nahen Turmuhr, warum konnte er nicht einfach hineingehen, widerlicher weißer Schnee klebte an seinen schwarzen Schuhen, dann drehte er sich langsam um, auf den Ausgang zu, er ging zunächst mit zögerlichen Schritten, dann immer schneller.

Rot flackerte ihm das Schild “Bezirksklinikum” entgegen.

Cantus

Ich küsse deine schmelzenden
Spuren im Schnee, ich liebkose
das verbleichende Haar, das du verlorst
auf dem Weg zu mir, auf dem Weg
weg von mir.

Ich trinke das Gift deiner
verblassenden Zeilen,
strahlende Ritterin,
Schwester des Todes.

Nimm meine Hand und sieh:
hinter dem Horizont erlischt
der dunkle Gesang der Parzen.

Sprich nur ein Wort

Im blauen Fermate
keimt schon die
Ahnung des Frühlings,
am Horizont strahlen
die weißen Birken.
Der gewaltige Fluss
gräbt sich sein Bett
und wirbelt Perlen
durch die noch
dunkleren Wasser.
Jemand befestigt sein
Haus und bricht auf.
Jemand atmet die
treibenden Wolken.
Jemand, jemand,
Adagio sostenuto.