Epiphanie

Im hellen Passionsduft der Mondsicheln
erglüht das Meer würziger Gräser,
blutet hin im schmelzenden Garten
der ruhende Ton der Laute.
Blaue Vogelstimmen weben
dem Müden ein hüllendes Tuch,
während vom schwarzen Tau aufglänzt
ein Haar. Dem braunen Corpus
entschweben die schimmernden Fäden
der Saiten mit dem Atem,
der leisesten Musik.

Das Foto

„Du wirst es nicht glauben“, sagte Alban nach einer Weile, „aber ich war doch tatsächlich einmal Mitglied in einer Rockband mit dem sprechenden Namen ‚The Motherfuckers‘.“ Julia schmunzelte und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, während sie weiter die Fotos von Albans Familie betrachtete. Alban stellte sich hinter sie und sah ihr über die Schulter. „Wer ist denn das?“, fragte Julia, „etwa dein Bruder?“ und deutete mit dem Finger auf eine bereits etwas verblasste Fotografie, auf der ein junger Mann mit einer Gitarre und einem Strohhut zu sehen war. Alban schwieg auffällig, so dass Julia sich zu ihm umdrehte. Alban hatte das Gesicht wie zu einer spöttischen Mimik zusammengezogen, aber es sah so aus, als leide er unter einem plötzlichen, siedend heißen Schmerz. „Das ist Gregor, ein entfernter Bekannter.“ „Nun sag schon“, drängte Julia. „Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ Und Alban murmelte wie ein Bauchredner, mehr an sich selbst gerichtet: „Dafür, dass ich ihn kaum kenne, hasse ich ihn ziemlich heftig. Weißt du, ich werde bis zu meinem Tode Menschen Widerstand leisten, die glauben, ich müßte um Gnade winselnd vor ihnen auf die Knie fallen, nur weil sie einen schlechten Tag erwischt haben.“ Julia strich ihm mit ihrer Hand über die Wange. „Und was ist aus ihm geworden?“ „Er ist tot. Er kam bei einem Unfall ums Leben. Unsere ganze Familie stand am Grab und trauerte um ihn. Ich warf nur einen Klumpen Lehm auf seinen Sarg.“

Es war einmal ein Schmetterling

Es war einmal ein Schmetterling, der die Farbe seiner Flügel verloren hatte. Lange Zeit flog er unruhig hin und her, fand keinen Schlaf, und auch das Saugen des Nektars bereitete ihm keine Freude mehr. Jedem, den er traf, klagte er sein Leid; aber seine Freunde hatten nur ein Achselzucken für ihn übrig und flogen wieder weiter. Eines Tages, es war bereits sehr spät geworden, landete er auf einer goldenen Blüte vor der Höhle einer alten Erdkröte und schaukelte im Abendwind, ganz in seine traurigen Gedanken und in seine Sehnsucht versunken. Als er die Kröte aus ihrem Erdloch kommen sah, rief er ihr zu: „Ich hoffe, ich habe dich nicht gestört. Lass mich nur ein wenig Ruhe finden, bevor ich mich wieder auf den Weg mache.“ „Nein, du störst mich nicht, ich bin sogar froh, dich zu sehen. Ich bekomme doch sonst nur selten Besuch.“ Die Kröte kam näher heran und betrachtete voller Verwunderung die seltsam farblosen Flügel des Schmetterlings. „Wie ich sehe, ist dir ein sehr merkwürdiges Missgeschick widerfahren.“ „Ohja“, seufzte der Schmetterling. „Ich wüßte nur zu gerne, wie ich wieder farbige Flügel bekommen könnte.“ „Ich habe schon viel gesehen, gehört und erfahren. Schau, ich gebe dir diesen Rat: wenn du die Regenbogenfarben siehst und in deren Quelle fliegst, werden deine Flügel wieder strahlen vor Farbe.“ Der Schmetterling war überglücklich, als er das hörte. Und das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich wieder von der Kröte verabschiedete. Noch am gleichen Abend begann er, nach den Regenbogenfarben zu suchen, von denen die Kröte gesprochen hatte. Als er in die Siedlungen der Menschen flog, sah er einen wundersamen Schimmer aus einer Hütte, der ihn magisch anzog. „Gleich“, sagte er sich, „gleich wird es soweit sein.“ Er flog taumelnd noch näher und erkannte die Farben des Regenbogens, die an der Wand der Hütte tanzten; es war ein sich im Schein einer Kerze drehender Kristall, der die Reflexionen hervorrief. „Wie wunderbar“, rief der Schmetterling und stürzte sich in das Licht, wo er kurz aufflammte und verbrannte.

Und hier eine andere Version…

The Tempest

Sonnenuntergang

Sorgfältig nahm er das zusammengefaltete Blatt Papier aus dem Umschlag. Es verströmte einen leisen, flüchtigen Duft, der ihn an zurückliegende, glücklichere Zeiten erinnerte. Es war ein Brief, den die Studentin Lea Winter an ihren Professor, Alexander Baer, geschrieben hatte. Die beiden hatten sich sehr gut gekannt, vielleicht zu gut. „Wie auch immer“, murmelte er halblaut und zog seine Schreibtischlampe zu sich heran, um die feine und zierliche Handschrift besser entziffern zu können.

„Lieber Alexander, ich schreibe dir vor allem wegen unseres letzten Gesprächs in der Cafeteria der Philosophischen Fakultät. Verzeih, wenn ich es jetzt ausnutze, dass du mir vor einigen Monaten deine Privatadresse gegeben hast, damit ich dich jederzeit wegen meiner Magisterarbeit über Peruglio erreichen konnte. Aber du machtest damals einen so bemitleidenswerten Eindruck, dass ich nun diese Zeilen an dich richte. Ich weiß, dass du weder über Telefon noch über einen Computer verfügst und diese Errungenschaften unserer modernen Zivilisation für Teufelszeug hältst, auch wenn ich nie ganz verstanden habe, was der eigentliche Grund für diese heftige Abwehr war. Aber es ist nun mal so: ich habe mich in dich verliebt, in diesen kleinen, verletzlichen Phönix, der unter all der Asche noch ab und zu zaghaft mit den Flügeln schlägt und den ich in diesem wehen Blick erkenne, den er mir durch den Tränenschleier hindurch sendet. Wie schrieb Peruglio: ‚Unter dem Hundsstern finde ich meinen staubigen Pfad; hier noch voller Schatten, doch dort schon in gleißendem Licht.‘ Auch auf dich wartet ein ganzes Universum voller Möglichkeiten. Hier ist der Schlüssel, um diese Tür zu öffnen.“

Das ist ein Auszug aus einer Erzählung, die ursprünglich für das Buchprojekt ‚Sturmtief‘ gedacht war. Ich bin auch schon einigermaßen weit gekommen, aber überhaupt nicht zufrieden mit meiner Idee, die ich einfach nur für überspannt halte. Soll ich die angefangene Erzählung nun zu Ende schreiben?

Bildrechte: © Martina Merten / PIXELIO

Nietzsche

Die reinen, alten Flüsterworte:
die drosch ein Kutscher auf das Pferd,
die sang ein Tristan hinterdrein.

Was war und ist, wird sein,
und aus der Hülle steigt empor
die wahrste Wahrheit. Pures Dein.

Der Spiegel hallt, du siehst nichts mehr,
auf Gipfeln träumst du dich zur Ruh,
du wirst gehalten, warst ein Du,
und fliehst als leblos matter Schein.

Das System

Die Maschinerie funktionierte tadellos. In seinem System durfte es keine Abweichungen geben, und falls wider Erwarten doch Abweichungen auftraten, mussten ihre Auswirkungen sofort limitiert und ausgemerzt werden. Was er erreicht hatte, hatte er nicht dem Glück, sondern seiner vorausschauenden Übersicht, eiserner Selbstdisziplin und seiner brillanten Intelligenz zu verdanken. Es war ein perpetuum mobile, das auch noch weiterschwingen würde, wenn er nicht mehr da sein würde.

Der Tag begann immer mit dem gleichen Ritual: er duschte noch vor sechs mit kaltem Wasser, zog sich an und betätigte dann die Glocke, die alle Träume von einem anderen, wunderschönen Ort mit einem schrillen Läuten zerriss. Wenn sich die Türen öffneten, stand er bereits davor und trieb die verschlafenen, müden, geistlosen Körper zur Eile an. Die Ausdünstungen, die ihm entgegenschlugen, nahmen ihm schier den Atem, so dass er sich jeden Tag aufs Neue ekelte und in den Räumen die Fenster öffnete. Erst der Eishauch der hereinströmenden Luft beruhigte ihn wieder. Ihm und nur ihm war dieser Gestank anvertraut worden, und er würde dafür sorgen, dass daraus zivilisierte Menschen hervorgingen, die den rechten Pfad kannten.

Immer wieder scharten sie sich noch im Morgengrauen um ihn, den strengen und gerechten Zuchtmeister; er wußte, was er seiner Hand und seiner Stimme zu verdanken hatte. Schläge waren ein notwendiges Korrelat seiner Macht, die sich auch im leicht erhöhten Stand niederschlug, von dem aus er sie jeden Morgen begrüßte. Immer wieder wetterte er gegen ihre Verdorbenheit und die Last ihrer Fleischlichkeit, die sich der Sublimation verweigerte, an. Und sie blickten auf ihn und sagten nichts. Nichts. Ihre Augen waren leer, und nur er würde ihnen die Köpfe füllen, damit sie seine Gedanken auf den Lippen tragen würden. Er würde in ihrer Dunkelheit das Licht anzünden. Wenn er sich erhob, um das Morgenlied zu singen, schmetterte er aus voller Brust, und sie schmetterten mit, oder sie waren verloren. Er wettete gegen die Zeit, und er gewann immer.

Danach gab er sie frei, aber nur zum Schein; denn wenige Stunden später kehrten sie leer und hungrig zurück. Sie durften nicht essen, bevor er nicht den Löffel angefasst und sie ob ihrer knurrenden Mägen ermahnt hatte. Sie waren so schwach, dass sie sich beinahe um die dürftigen Speisen rangelten, aber ihre Schwäche belustigte ihn ein wenig. Kurz und ein wenig. Später beobachtete er sie, im bequemen Ledersessel sitzend, durch große Glasfenster hindurch, wie sie ihrer Arbeit nachgingen. Jeder Laut erstarb, da seine Aufseher diese wilden Tiere bändigten. Sie beugten sich über ihre tränenfeuchten Bücher und verstanden doch kein Wort. Er sah sie, und sie sahen ihn: das sollte genügen, um sie anzuspornen. Etwas, das sie nicht begreifen konnten, sollten sie zumindest aus der Ferne zu bewundern wissen. Die Sphärenharmonie, die über ihnen schwebte, konnte nur er hören.

Der Klang glich dem schrillen Läuten der Glocke, das die unnötigen und äußerst kurzen Pausen anzeigte. Er lächelte zufrieden und beugte sich dann wieder über die Namenslisten der Schüler aus der 5. und 6. Klasse. In jeder Zeile stand ein Betrag.

Jede Seele hatte ihren Preis, den sie sich erst verdienen musste.

Der Gottesbeweis (Fragment 3)

„Du bist ein Grammatiker“, sagte sein Bruder. Der Satz sank in die folgende Stille ein und zog sehr weite Kreise. Sie schwiegen, wieder einmal, während draußen das Rauschen der Autobahn in rhythmischen Stößen auf- und abbrandete. a4-Da5, Aljechin gegen Maroczy, 1931. Er zog an seiner Zigarette und glaubte, bereits gewonnen zu haben. Der Rauch umströmte die weißen Bauern. Er würde gewinnen, da es einfach nicht logisch war, was sein Bruder tat. Im Schach traten die Defizite meistens schlagartig, wie unter einer grellen Beleuchtung, hervor, ohne Ankündigung, und wenn man in einer unübersichtlichen Stellung nicht die Nerven behielt, ging eine Partie meist verloren. Verloren hieß im Schach so viel wie: vernichtet, als Gegner nicht mehr existent, vom Brett gefegt. Er liebte die Struktur, die absolute Ordnung, die in den Dingen selbst enthalten zu sein schien und nie verschwand, selbst wenn sie auf einer höheren Ebene aufgehoben zu sein schien. Er kannte das Lateinische und Altgriechische, aber ihn interessierte einzig und allein das Sieb der Deklination und Konjugation, durch das er den Stoff der Wirklichkeit hindurchpressen konnte. Dass es die Grammatik gab, bewies ihm, dass die Realität grundsätzlich ordnungsfähig war. Er hörte jemanden reden und wußte instinktiv, was und wie derjenige dachte. Es war der Stil, an dem er den Charakter erkannte. Das reduzierte die Welt auf Schrift, Sprache, Symbole, Zeichen und Deutung. „Du bist ein Grammatiker“, sagte sein Bruder, drückte die Zigarette aus und blickte ihn herausfordernd an. Was erwartete er? Eine Szene? Sollte er aufspringen und ihn anbrüllen: „Ja, so ist es“? Er blieb sitzen, auch wenn sein Bruder Recht hatte. Nur nicht so, wie sein Bruder ihm unterstellte. Natürlich fehlte jede ironische Brechung in seinem Glauben, alles von der Sprache herleiten zu können. Er nahm seinen Glauben ernst. Aber er war auch nicht so blind, die Sprache für ein logisches Absolutum zu halten. „Wissen und Nichtwissen bilden die zwei Waagschalen. Und die Waage wird vom Gewicht des Nichtwissens aus dem Gleichgewicht gebracht.“ Er fröstelte. Er fröstelte, wenn er daran dachte, dass sein Bruder im Teppichmuster tausende kleine Totenköpfe erkannte. Wer war Aljechin von ihnen beiden? Wer war das Genie? Gab es etwas, das prinzipiell nicht erfassbar war, so sehr er sich auch bemühte? Immer wenn er den Sternenhimmel betrachtete, fühlte er sich hilflos in einem Ozean aus Möglichkeiten treiben. Nur Bachs Musik konnte ihn in solchen Augenblicken trösten. War auch das Grammatik? An jenem Ort, auf den sein Bruder zutrieb, gab es jedenfalls keinen Kosmos, zu dem man hätte aufblicken mögen. Er glich eher einem Inferno. Die Figuren verschwammen ihm plötzlich vor den Augen.

Der Gottesbeweis (Fragment 2)

Der Knall. Herbst. Immer wieder erwachte er an dieser Stelle aus dem Traum. Und langsam stieg in ihm die Erinnerung daran hoch, wie er als Kind im Winter stundenlang mit seinem Vater in tief verschneiten Wäldern spazieren gegangen war. Die Sonne fiel schräg auf die vereisten Waldwege, die sie auf einer mehr als halbherzigen Pisch beschritten, nur mit Handwärmern und Ferngläsern ausgerüstet. Es schien ihm, als wolle sein Vater manchmal nur eine möglichst große Entfernung zwischen sich und ihrem Haus legen und für eine begrenzte Zeit aus dem Gefängnis der endlosen Streitereien ausbrechen. Auf einer dieser Wanderungen trug er voller Stolz das große Steiner-Fernglas, das er von seinem Vater wie eine Auszeichnung umgehängt bekommen hatte. Die Daten des optischen Systems konnte ihm sein Vater auswendig herunterbeten, wenn er ihn danach fragte und das Fernglas bewunderte. Sein Vater bewahrte es wie eine Reliquie in seinem winzigen Jagdkabinett auf, das in der Regel verschlossen war und das er nur an den Tagen betreten durfte, an denen sich sein Vater besonders großzügig zeigen wollte. Ein Hauch von Waffenöl, das sein Vater zur Reinigung seiner Schrotflinten benutzte, umwehte dessen Kleidung, als er knapp hinter ihm herging. Plötzlich rannte sein Vater vor ihm davon, und als er völlig verblüfft und unschlüssig dastand, rief sein Vater, sich halb umdrehend: „Ein Bär! Ein Bär kommt!“ Es dunkelte bereits, und sein Vater verschwand im Laufschritt hinter der nächsten Wegbiegung. Er hörte zwar noch sein Lachen und seine Schritte, doch die Geräusche entfernten sich immer mehr und wurden schwächer. Unter ihm öffnete sich die Falltür zu den höllischen Flammen seiner eigenen Angst. Sein Vater würde nicht eingreifen, während er mit dem Bären rang, er hatte ja gesehen, dass er selbst Angst vor ihm hatte. Kein Tier kam, aber dafür packte ihn die Panik vor der immer dichter sich auftürmenden Dunkelheit um so heftiger. Er lief los, um seinen Vater einzuholen, stürzte vornüber und landete mit dem Gewicht seines Körpers auf dem Fernglas. Eine Ewigkeit später, in der er sein rasches Ende herbeisehnte, erblickte er über sich das lachende Gesicht seines Vaters, der sich die Tränen aus den Augen wischte: „Hattest du Angst? Aber hier gibt es doch gar keine Bären!“ Als er aufstand, nahm ihm sein Vater das Fernglas ab; eine Linse war beim Fall zerbrochen. Sein Vater fluchte auf dem Heimweg ununterbrochen leise vor sich hin. Und obwohl seinem Vater klar war, dass er diesen Schaden im Grunde selbst verursacht hatte, spürte er doch die vernichtende Wut seines Vaters, die sich nicht an ihm entladen konnte, aber gerade deswegen in seiner Vorstellung alle Dimensionen sprengte. Ja, genau so ist es, dachte er sehr viel später, es gibt keinen wohlwollenden Gott, keinen deus benevolens. Gott erlaubt sich grausame Scherze mit uns und bestraft uns voller Wut, wenn wir unsere Panik nicht ertragen und beim Loslaufen über unsere eigenen Füße stolpern.