Der Gottesbeweis (Fragment 1)

Der Schuss in den blauen Herbsthimmel hallte noch einen Moment lang nach, und er roch ganz kurz den beißenden Geruch der abgefeuerten Schrotpatrone. Es war drei Uhr nachmittags. Etwas weiter vorne stand die Bracke im Schilf und suchte die nicht vorhandenen Enten. Vor dem irrsinnigen Gleißen und Glänzen des Herbstwaldes standen er und sein Vater in abgewetzten, grünen Jägerjacken, aber er sah sich selbst nicht als einen beweglichen Lichtpunkt, sondern als ein immer weiter schrumpfendes schwarzes Loch, das bald von der Landschaft überwältigt werden würde. Sein Vater hatte immer noch dieselben graublauen Augen, mit denen er jetzt knapp an ihm vorbeisah, resignierend und halb missmutig; dieselben graublauen Augen, die beschwörend auf ihn herabgeblickt hatten, als er als Kind im Bett lag und mit seinen Angstattacken rang – sein Vater umschloss dann mit seinen rauhen Händen seine Fußgelenke, und er konnte wieder einschlafen. Noch immer spürte er den Druck dieser Hände. Er liebte seinen Vater, und er hasste ihn, und je intensiver er ihn liebte, um so mehr schoss auch die Flamme des Hasses in ihm hoch. Sein Vater war unrasiert, und wie versteinert starrte er auf das flammende Schilf vor ihnen. Sie hatten heute noch kein Wild erlegt, und sie würden auch keines mehr erlegen. Als sein Vater nach der Pfeife griff, wusste er, dass die Jagd für heute vorüber war. Und wie von den Rändern einer unvollständigen Fotografie ausgehend begann sich dieser Nachmittag ganz leise zu verdunkeln und der Moment einzufrieren. Er sah die Landschaft immer unschärfer werden, und schließlich glitt er ganz langsam zu Boden. Er sah einen rötlichen Schimmer und erinnerte sich ganz kurz an Munchs Bild „Der Schrei“, während seine zitternden Finger über das Gras fuhren und sich in ein Häufchen Schnee krallten. Irgendjemand kam näher und sprach zu ihm. Er verstand es nicht. Dann drückte er ab.

Ein einfacher Plot

Ich beschäftige mich heute bereits den ganzen Tag über gedanklich mit einem Plot für eine Geschichte, der in Grundzügen etwa so aussehen könnte: ein naiver, junger Student erliegt dem dämonischen Charisma eines Kommilitonen, der zusammen mit anderen Mitstudenten, die ihm verfallen sind, in einer Art Wohngemeinschaft lebt. Nach anfänglich recht harmlosen Prüfungen wird er in die Gemeinschaft aufgenommen, muss aber dafür alle Brücken zu seiner Vergangenheit abbrechen. Im Rausch der ersten Euphorie stellt er jeden Kontakt zu seinen alten Freunden und zu seiner Familie ein und begründet dies mit der fast schon ideologisch geprägten Verachtung alles Konventionellen, Weltlichen und Materiellen. Er passt sich an, soweit es möglich ist, und wird so lange gedemütigt, bis er jedes Selbstwertgefühl verloren hat und nur noch Befehle ausführt, die ihm sein Kommilitone diktiert. Unglücklicherweise verliebt er sich in dessen Freundin und denkt schließlich darüber nach, entweder ihn oder sich selbst umzubringen. Er besorgt sich zwar eine Waffe, verliert aber den geplanten Mord wieder aus den Augen. Zudem gerät er psychisch immer weiter unter Druck und ist einem Nervenzusammenbruch nahe. Nachdem er sein gesamtes Geld auf seinen Kommilitonen überschrieben und außerdem mehrere Lebensversicherungen zu seinen Gunsten abgeschlossen hat, wird er eines Tages tot im Park aufgefunden. Ein Schuss in den Kopf beendete sein Leben, aber es bleibt in der Schwebe, ob es Mord oder Selbstmord war. – Der Plot sollte mit der Entdeckung der Leiche im Park beginnen. Ich glaube, es wäre für den Charakter des Plots äußerst wichtig, dass er nicht in das Schema der üblichen, reißerischen „Skulls & Bones“ – Stories abrutscht, die sich im Umfeld der amerikanischen Colleges bewegen. Sehr gut herausstellen könnte man die Anonymität der Massenuni, das klaustrophobische Element der Wohngemeinschaft und das psychische Pendeln zwischen Euphorie und Depression. Die Erzählung sollte bis zum Ende ein zügiges Tempo beibehalten und kriminalistische Elemente beinhalten, aber die klassische Frage nach dem Täter offen lassen, um den besten Effekt zu erzielen. Der eigentliche Träger der Handlung wären die Dialoge.

Benni

Die Verkäuferin der Bademodenabteilung aus dem Kaufhaus gegenüber hatte einen überaus eleganten Riechkolben, den sie wie keine andere als Instrument ihres Abscheus der gemeinen Welt gegenüber einzusetzen wußte. Da sie eine Blumenkleidfetischistin war, trug sie ihre floralen Phantasien jeden Tag auf der Flaniermeile zwischen Dom und Bahnhof spazieren und grüßte andeutungsweise mit einem huldvollen Blick jeden Bekannten, der ihr begegnete. Mitch spielte ihr eines Tages einen recht groben Streich, indem er einen eigens zu diesem Zweck erworbenen Schokoladenkuchen zwischen sich und ihrem wogenden Busen zerquetschte und, mit Mühe seinen Ernst bewahrend, versuchte, die Überreste von ihr abzuwischen, bis sich ihr Gezeter irgendwo beim hohen C zersprang wie ein Glas in der Vitrine, das man zu hart anfaßte. Eines Tages kam sie mit geröteten Augen in den Laden, den ich alleine bewachte, und gab vor, Kopfschmerztabletten kaufen zu wollen, wobei sie immer wieder von unterdrückten Schluchzern durchgeschüttelt wurde. „Hören Sie, er ist es nicht wert“, sagte ich, ohne zu wissen, worum es ging. Sie riss ihre Augen auf, die mich plötzlich zornig anfunkelten: „Woher wollen Sie das wissen? Er war der beste Kerl, den es hier auf der Welt gab. Was wäre gewesen, wenn ich ihn nicht gehabt hätte…“ Und wieder wollte sich ein unaufhörlicher Strom von Tränen und Schluchzern Bahn brechen. Ich führte sie zu einem Stuhl, ließ sie sich setzen und sagte zu ihr: „Beruhigen Sie sich doch!“ Blitzschnell nahm sie meine Hand und drückte einen zerknitterten Geldschein hinein. „Helfen Sie mir!“ flehte sie flüsternd. „Bitte! Kommen Sie um acht zum Hinterausgang, aber erzählen Sie niemandem davon. Bitte!“ Ihre mascaraverschmierten Augen traten beinahe aus den Höhlen. Plötzlich erhob sie sich abrupt, als ob nichts gewesen wäre, strich ihr Kleid glatt und sagte sehr laut und betont, als sollten es auch andere imaginäre Kunden im Laden hören: „Vielen Dank für Ihre Kopfschmerztabletten! Es geht mir bereits viel besser!“ Sie marschierte aus dem Laden und drehte sich nicht einmal um. Noch Minuten danach grübelte ich, ob der Vorfall nicht ein Spuk gewesen war. Um acht wartete ich am Hintereingang des Kaufhauses auf sie. Sie kam und nahm nur kurz Notiz von mir. Ich folgte ihr in einigem Abstand, von Neugier getrieben. Die Gassen leerten sich allmählich, und die Dunkelheit senkte sich auf die Stadt herab. Ihre Gestalt schien immer mehr zu einem Schatten zu verblassen, der vor mir flüchtete. Als sie ein Haus betrat, folgte ich ihr in einen schwarzen, muffig riechenden Flur, den kein Licht erhellte. Als sich am gegenüberliegenden Ende des Flurs eine Tür öffnete, ging ich dem undeutlichen Lichtspalt entgegen. Ich betrat ein großes Gartengrundstück, das ringsherum mit Bäumen bepflanzt und von der Straße aus kaum einsehbar war. Ich spähte in die Dunkelheit hinaus. Wenig später hörte ich sie im Schatten einer Kastanie ächzen. Als ich näherkam, sah ich, wie sie wie eine Furie mit einem Spaten hantierte und anscheinend ein riesiges Loch in der Erde aushob. Hatte sie etwa ihren Mann umgebracht und wollte ihn hier begraben? Warum hatte sie dann ausgerechnet mich um ihre Mithilfe gebeten? Ich wartete eine Weile und wollte mich möglichst leise und unauffällig zurückziehen, als sie auf mich zurannte und mich am Arm packte. „Ich schaffe es doch nicht ganz.“ Der Mond ging als rote Scheibe über dem Horizont auf. Hatte ich es mit einer Wahnsinnigen zu tun? „Mein armer, kleiner Benni. Als er noch ein Welpe war, hatte er ein ganz flauschiges Fell. Und nun ist er tot.“ Sie hielt sich an mir fest und weinte in meinen Hemdsärmel.

Aus dem Prolog

Aus dem Prolog eines begonnenen und nicht zu Ende geführten Romanprojekts stammt der folgende Text:

Als die alten Götter, aus allen Wunden blutend und verfolgt von einer Horde mordgieriger Menschen, auf ihrer Flucht in ein stilles Tal kamen, versammelten sie sich im Kreis um eine Feuerstelle, an der einer von ihnen ein Feuer entfacht hatte. Schweigend hüllten sie sich in ihre zerrissenen Mäntel; schließlich erhob sich der erste und sprach: „Lasst uns hier einen Ort schaffen, an dem sich der Neid, die Missgunst und der Hass nicht niederlassen können. Niemand soll von hier weggehen mit einem Schatten auf der Seele und jeder glücklich nach dem Besuch an diesem Ort in sein Leben zurückkehren.“ Sie reichten sich die Hände und blieben noch eine Weile am Feuer sitzen, bis sich einer nach dem anderen in das schon angebrochene Dunkel zurückzog.

Das letzte Versteck

Als es klingelte, fuhr er aus einem traumlosen Schlaf hoch. Die Jalousien waren halb herabgelassen und brachen die Strahlen der Sonne. Ein paar Staubflocken tanzten in den Lichtstreifen. Es war früher Nachmittag. Mit einem flüchtigen Blick sah er die zwei hochgewachsenen Polizisten, die am Zaun standen. Sie hatten ihn entdeckt, daran bestand kein Zweifel, und seine Fluchtmöglichkeiten waren begrenzt. Er hatte das im Wissen um die Sicherheit seines Verstecks einkalkuliert. Die schwarze Ledertasche, die in der Ecke glänzte, war mit dicken Bündeln aus Banknoten vollgestopft und würde ihm ein sorgloses Leben garantieren. Wochenlang war nach ihm gefahndet worden, aber das Bild der Überwachungskameras war nicht besonders scharf. Eigentlich war darauf wenig mehr zu erkennen als die Tatsache, dass er einen schwarzen Strumpf über seinem Kopf trug. Alles, was die Polizei gegen ihn in den Hände hatte, war einer seiner falschen Namen. Er wartete noch auf seinen Pass, und dann würde er in wenigen Tagen nach Afrika und von dort weiter nach Südamerika fliegen. Er würde seine Beute nicht sinnlos ausgeben. Vor einigen Tagen hatte er per e-mail das erste Bild seines neuen Domizils erhalten: äußerlich eher bescheiden, aber mit einem riesigen eingezäunten Grundstück am Rande einer kleinen, unauffälligen Siedlung. Noch immer starrte er aus dem Fenster im ersten Stock, während es zum zweiten Mal klingelte. Er mußte etwas unternehmen. Eine Flucht über die Feuertreppe wäre zu waghalsig gewesen, also entschied er sich dafür, die Polizisten unverfroren nach ihrem Anliegen zu fragen. Er schnappte sich seine neue Jacke und lief nach unten. In der Tasche fühlte er das Relief seines alten Ausweises. Seltsamerweise gab ihm das ein Gefühl der Sicherheit, als er aus der Haustüre trat. „Guten Tag, was gibt es denn?“ fragte er unsicher, und einer der Polizisten baute sich vor ihm auf und sagte: „Am Montag ist hier in der Straße in einem Haus eingebrochen worden. Ist Ihnen vielleicht etwas Merkwürdiges aufgefallen?“ Er überlegte fieberhaft, was er antworten sollte. „Nein, hier ist es eigentlich immer sehr ruhig.“ Verdammt! Mußte das sein? „Ruhig.“ Das klang höchst verdächtig. Aber es war ihm einfach so herausgerutscht. Die beiden Polizisten sahen sich an und zogen die Augenbrauen hoch. „Ja, das kriegen wir hier ständig zu hören. Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich bitte bei uns.“ „Ja, das werde ich tun.“ Um dem spröden Eindruck seiner letzten Worte etwas entgegenzusetzen, schob er seine Hand aus der Jackentasche, um sie den Polizisten zur Verabschiedung zu reichen. Dabei zog er seinen Ausweis mit, der kurz durch die Luft trudelte und mit einem lauten Klatschen vor den Füßen der Polizisten landete. Einer der Polizisten bückte sich und hob den Ausweis auf. Als er ihm den Ausweis entgegenhielt, konnte er das Zittern seiner Hand nicht mehr unterdrücken. Er fixierte den Ausweis und nahm ihn halb in die Hand, als der Polizist sagte: „Halt! Sie sind verhaftet!“ und so tat, als wolle er den Ausweis zurückziehen. Seine Augen weiteten sich, er verkrampfte sich und hielt die Luft an. Schließlich gab der Polizist nach, tippte sich schmunzelnd kurz an die Schirmmütze und stieg unter dem meckernden Gelächter seines Kollegen in den Polizeiwagen. Die Flugtickets auf seiner Kommode erschienen ihm später wie ein Traum, und er spielte kurz mit dem Gedanken, sich zu stellen.

Das Sommerhaus

Das Sommerhaus lag fast nur einen Steinwurf vom braunen, trägen Altwasser der Donau entfernt, das in der Sommerhitze leicht brackig wurde und aus dem in den Abendstunden dunkle Wolken von Stechmücken aufflogen. H. erinnerte sich an Herrn Schmidschneider, der das Sommerhaus als vorübergehender Gast wie ein Gutsbesitzer in Beschlag nahm und alle mit einem jovialen Ton begrüßte, die sich auf das Grundstück verirrten. Vor allem die leicht nordische Dialektfärbung passte nicht in die bayerische Ebene, durch die sich der Fluss zu Füßen eines ausgedehnten Mittelgebirgspanoramas schlängelte. Das Sommerhaus hatte eine klassische Veranda, auf der Herr Schmidschneider die Abendstunden in einem Schaukelstuhl verbrachte, genüßlich an seiner Pfeife ziehend. Die Mücken bereiteten ihm keine Probleme. Um so mehr litt seine Frau darunter, die sich wie ein verhärmter Schatten im Inneren des Hauses zu schaffen machte und deren Gesicht nur höchst selten durch den Spalt der offenstehenden Eingangstür hindurch zu erahnen war. H. weinte hemmungslos wie ein kleines Kind, als das Sommerhaus in der Abenddämmerung in Sichtweite kam. Jetzt war es beinahe verfallen und in sich zusammengesunken und trotzte dem Licht, als hätte ein böser Fluch einen Bannkreis um das Haus gezogen. H. kam es noch immer vor wie ein Spuk, als die Polizei eines Tages einen blau leuchtenden Kordon um das Haus gebildet hatte und schwarz gekleidete Herren ein undefinierbares Knäuel, das einmal ein Mensch gewesen sein sollte, auf einer abgedeckten Trage aus dem Haus transportierte. Herr Schmidschneider, der Psychiater gewesen war, mußte viele unangenehme Fragen beantworten, bis die Ermittler den Fall eindeutig unter Suizid verbuchten. Allerdings zogen sich die Ermittlungen wochenlang hin, und Herr Schmidschneider verbrachte seinen Urlaub im Untersuchungsgefängnis, bis er in die Freiheit entlassen wurde und dem Sommerhaus endgültig den Rücken kehrte. H. hatte seit dieser Zeit nie wieder etwas von ihm gehört. Was wollte H. hier? Er stellte sich diese Frage mehrere Male, aber er wußte keine Antwort darauf. Es schien ihm, als wäre er bereit, so lange zu warten, bis er eine Antwort darauf gefunden hätte. Jedenfalls hatte ihn sein Weg hierher und nicht nach Rotterdam geführt, wie er es ursprünglich geplant hatte.