Ordnen

Ich bin gerade sehr beschäftigt damit, meine Befindlichkeiten, meine Aussichten, meine Pläne und meine Wünsche zu ordnen. Es ist wie bei einer Entdeckungstour, und es gibt allerhand zu bestaunen: heftige Aversionen, unerwiderte Sympathien, stille Neigungen, neue Freundschaften. Ich weiß, dass das alles Zeit benötigt, um zu wachsen, sich für mich zu einem sinnvollen, lebenswerten Ganzen zusammenzusetzen, während doch nichts knapper ist als Zeit. So vieles drängt auf Planung, Erledigung und Kontrolle; nichts erscheint schlimmer als ein Bereich, in den man nicht blitzartig hineinswitchen und ebenso geistesgegenwärtig reagieren kann. Vor allem dieses Jahr ist von einer Energie gekennzeichnet, die mir nicht liegt, und die neben der Aktion auch ein Stückchen Selbstaufgabe fordert, um ganz für von anderen definierten Anforderungen zur Verfügung zu stehen.

Das ist das Tabu, und ich lebe es lustvoll aus: nämlich sich mit sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Lasst mich einmal die Frage stellen: will ich das überhaupt? und lasst mir die Zeit, um Luft zu holen und darüber nachzudenken. Lasst mich. Sein.

Ich bin nicht diese Rolle, ewig gut gelaunt, selbstbewusst, voller Tatendrang, unendlich kreativ und sensibel. Ich bin, aber das wisst ihr nicht und wollt es wahrscheinlich auch nicht wissen, ganz anders: viel zweifelnder, unsicherer, ängstlicher, egoistischer. Und viel näher am Scheitern als am Erfolg.

Spiel des Lebens

Früher drehte ich am Glücksrad, fuhr ein flottes Plastikauto und steckte rosa und hellblaue Plastikstecker in die noch freien Plätze, die meine Frau und diverse Kinder symbolisierten. Ich ergriff einen lukrativen Beruf, und zum Schluss kam ich in der herrschaftlichen Villa an und zählte meine unterwegs aufgesammelten Geldscheine.

Nach dieser Woche kommen mir Zweifel an dieser bunten, allzu träumerischen Version des Lebens. Nicht, weil meine eigenen Seifenblasen geplatzt wären, sondern weil ich mich in dieser Woche ganz nahe an andere heranwagte und intensiv deren Wünsche, Sehnsüchte und Ängste spürte. G., die sich nach unserem gemeinsamen Abend im Bistro R. nicht getraut hatte, mich um eine Berührung zu bitten. Nach zwei Tagen sagte sie mir, sie hätte von unserem Spaziergang im Dörnbergpark und von den blauen Lichtern der Taschenlampen geträumt, die wir gesehen hatten. I., der ich davon erzählte und die mich daraufhin voller Eifersucht fast mit vorgehaltener Pistole und mit Geschenken für die bestandene Prüfung dazu zwang, mit ihr am Freitagabend auszugehen. B., der es nicht lassen konnte, sich bei der Kursleitung als Kurssprecher massiv über einen Dozenten zu beschweren und unseren Kurs dazu nötigte, Beurteilungsbögen auszufüllen, während ich den Dozenten nicht ins offene Messer laufen lassen wollte und ihn vor dem Unterricht über das geplante Scherbengericht informierte.

Ich selbst arbeite gerade weg, was sich in meinen Ablagen während der letzten Wochen angesammelt hat, mit dem beruhigenden Gefühl, einen kleinen Wendepunkt in diesem arbeitsintensiven Jahr erreicht zu haben. Meine Gefühle bewegen sich ganz merkwürdig zwischen Himmel und Hölle. Vielleicht auch deswegen, weil von meinen guten Vorsätzen nicht ein einziger übrig geblieben ist – bis auf den, vor Konflikten nicht wegzulaufen, sondern sie auszuhalten. Die herrschaftliche Villa ist noch in weiter Ferne, und das ist auch gut so.

Mein Fazit 2008

„Ich drehe den Spieß innerlich um: Nicht ich stehe der Situation zur Verfügung, sondern die gesamte Situation steht ab sofort mir zur Verfügung.“ Olaf Jacobsen

  • Ich habe gelernt, einseitige Beziehungen rasch und kompromisslos zu beenden (ein weiterer Schritt dazu, im entscheidenden Augenblick nein zu sagen). Anderes habe ich dagegen gründlich wieder vergessen.
  • Mein 30-seitiger Beitrag „Medizinprodukterecht aus Sicht des Betreibers – eine Herausforderung für das Qualitätsmanagement (Teil 1)“ wurde im Dezember im Nachschlagewerk „Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen“ der TÜV Media GmbH Köln veröffentlicht.
  • Ich habe das Gefühl, allmählich als Experte anerkannt zu werden. Das kann aber auch einen erheblichen Nachteil bedeuten: nämlich dann, wenn ich dadurch gezwungen bin, meine zeitlichen Ressourcen sinnvoll einzusetzen und abzuarbeitende Dinge streng zu priorisieren. Die wahren Zeitfresser liegen schließlich in der Vor- und Nachbereitung von Projekten. Und am Abend bin ich nach einem Besprechungsmarathon oft so leer, dass ich selbst bei größter Disziplin und Konzentration nur noch fehlerhafte Berichte schreibe.
  • Die Prüfungen für die „Handlungsfeldübergreifende Qualifikation“ als Fachwirt liegen hinter mir. Ich habe alle drei Prüfungsteile bestanden, wenn auch nicht so glanzvoll, wie es andere vorhergesagt hatten. Geprüft wurden: 1. Aspekte der Volks- und Betriebswirtschaft, Recht und Steuern; 2. Unternehmensführung, Controlling und Rechnungswesen; 3. Personalwirtschaft, Informationsmanagement und Kommunikation. Meine Punktzahl verteilt sich wie folgt: 1. 70, 2. 87 und 3. 79 von jeweils 100 Punkten. Ich hätte mehr Zeit in meine persönliche Vorbereitung investieren müssen, um besser abzuschneiden. Kurz vor der Prüfung gab ich jedoch anderen Kursteilnehmern noch Nachhilfeunterricht (in Rechnungswesen, wo sonst! *g*).
  • Hinter einigen persönlichen, aber auch beruflich bedingten Begegnungen steht noch mehr als ein Fragezeichen. Ich bin gespannt, wie sich manche Kontakte, die ich in diesem Jahr geknüpft habe, im nächsten Jahr entwickeln werden.
  • Mein Einzelkämpferdasein fand 2008 definitiv ein Ende. Und die neue Bürogemeinschaft hatte für mich persönlich viele positive Effekte.
  • Ich bekam die gewünschte Unterstützung in Form einer studentischen Hilfskraft. Die Arbeit mit ihr ist aber oft ein Drahtseilakt zwischen Sympathie und Pflicht.

Vielleicht gelingt es mir ja 2009, den oft vermissten, kleinen Glücksmomenten mehr von der Zeit einzuräumen, die sie brauchen, um sich zu entfalten.

Wichtelio

Da ich an der Wichtelaktion von Herrn Hollemann teilgenommen habe, wird es jetzt langsam höchste Eisenbahn, auch den Wichtelbeitrag eines mir zugelosten Wichtels zu veröffentlichen…nun denn: wilderkaiserblog proudly presents…

Nun ist es wieder so weit
Für die jährliche Weihnachtszeit,
Diesmal sind es Blogger und kein Weihnachtsmann
Und Grüße in Bytes auf der Datenautobahn.

Wer früher eine Karte versandt
Hält heute eine Maus in der Hand.
Doch die Gedanken sind noch gleich
Und man geht ja auch mit der Zeit.

Bevor wir alle werden zu Glas
Hier noch ein letzter, digitaler Spaß:
Mit den besten Wünschen und Gedanken
Ohne Grenzen, ohne Schranken.

Drum dir und allen, die das sehen
Frohe Weihnachten und den besten Bloggersegen.
Auf dass wir bloggen auch in 2009
Und uns auf das nächste Blogwichteln freun.

Ich muss sagen, über die Glaswerdung des Menschen habe ich bisher auch noch nicht so genau nachgedacht. Auf jeden Fall originell…vielen Dank, lieber unbekannter Wichtel. Und ich entschuldige mich dafür, dass es bis zur Veröffentlichung so lange gedauert hat.

Big in Japan

„Tiefe Liebe besteht darin, die geheime Liebe nicht zu offenbaren, bis man stirbt, und den Geliebten im sterbenden Herzen immer noch zu lieben.“ Tsunetomo Yamamoto: Hagakure

Was in aller Welt hat es zu bedeuten, von einem hochrangigen Manager eines japanischen Industriekonzerns mit einem Tuch beschenkt zu werden? Das Geschenk war noch dazu interessant verpackt: die Faltung war nicht symmetrisch und gerade und langweilig, sondern quer über das Eck. Alles ist in Japan ein Symbol und gleichzeitig ein Rätsel, tiefgründig und faszinierend. Ich hoffe, dass sie mein Feedback und ihre mit der Digitalkamera geschossenen Bilder wirklich für eine Verbesserung ihrer Produkte nutzen und nicht nur an einer bloßen Imitation interessiert sind. Die heutige Präsentation läßt jedoch hoffen.

Überraschend war auch das überwältigende Geschenkefeuerwerk von Mme. Jekylla, das sie mir Ende Oktober per Post zukommen ließ. Schande über mich, dass ich erst jetzt ihren Einsatz würdigen kann. Nicht nur, dass dem Paket eine handgeschriebene Postkarte beilag, nein, auch der Film „Wall-E“, das Buch „Mein fast perfektes Leben“ von Jonathan Tropper („Hackbratenhase“) und last but not least Max, der Bär, waren darin enthalten. Nicht zu vergessen natürlich eine Packung der Müslimischung „Jekylla Tropical“, die ich teils pur, teils mit Milch genossen habe. Max ziert sich zur Zeit ein bißchen und guckt auf allen Fotos, die ich von ihm zu machen versuche, zu Unrecht furchtbar grimmig drein. Dann eben nicht. Aber an dieser Stelle ein ganz, ganz furchtbar großes Dankeschön an die edle Spenderin. Es kam wie immer zum richtigen Zeitpunkt.

Und Max bewacht seither unentwegt mein Sideboard.

Neuigkeiten

Bis auf die Tatsache, dass ich gestern mitten im Schneegestöber mit dem Rad zum Einkaufen fahren musste, zwecks fehlender Scheibenwischer an meinen Brillengläsern den Gehweg küsste, bei dieser Gelegenheit meinen Zimmerschlüssel verlor und nach einem Telefonat mit einem x-beliebigen Aufsperrdienst von zwei russisch-uigurischen Männern besucht wurde, die vorher bei Inkasso Moskau gearbeitet hatten und mir nun gegen ein horrendes Entgelt die Türe öffneten, ist alles grande bei mir. Fast. Denn der Schlüssel blieb gestern und heute trotz intensivster Suche unauffindbar.

Der Besuch der Medica 2008 letzte Woche hat sich jedenfalls für mich persönlich gelohnt. Am Freitag platzte ich in die Planung eines Kongresses und nahm nach einer bühnenreifen Vorstellung huldvoll meine offizielle Ernennung zum Referenten entgegen, der im September 2009 in Köln vor einem Fachpublikum einen Vortrag über Software in Medizinprodukten aus Sicht des Anwenders halten darf. Ich glaube, langsam entwickeln sich die Dinge in die gewünschte Richtung. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich diese frohe Botschaft am schonendsten meinem Chef beibringen kann, ohne dass er sich in seiner Eitelkeit gekränkt fühlt.

Nicht ganz auf unfreiwillige Komik verzichtete letzte Woche die Deutsche Bahn, mit der ich wieder einmal stunden- und tagelang unterwegs war. Der Regionalexpress von Bonn nach Emmerich über Düsseldorf war wegen der Messebesucher erwartungsgemäß brechend voll. 1. Ansage des Zugführers: „Der Zug bleibt jetzt so lange stehen, bis die Hälfte der Passagiere ausgestiegen ist.“ 2. Ansage des Zugführers: „Wegen uneinsichtiger Passagiere haben wir aktuell 20 Minuten Verspätung.“ Ja, Frechheit, dass alle mit der Bahn fahren wollen! Wo kommen wir da hin!

Die tausend anderen Kleinigkeiten, die mich zur Zeit beschäftigen, unterschlage ich an dieser Stelle besser. Nur soviel: meine Weiterbildung beginnt mich wegen der Teilnehmer, der Dozenten und der Organisation drumherum richtig zu nerven. Und privat und persönlich so weiß ich momentan auch nicht so recht, wie es weitergehen soll. Also wieder einmal warten. Auf Ergebnisse, Noten, Anstöße. Mit dem Papierwust nebenher könnte ich jetzt schon ein eigenes Sekretariat beschäftigen.

Brachland

Ich gebe es zu: mein Leben ist eine Prokrastinationswüste. Mein Blog liegt brach, meine Steuererklärung liegt brach, meine Projekte liegen brach, mein Leben liegt brach. Die Hoffnung, dass sich diese Wüste nach dem alles entscheidenden Datum 15. Oktober 2008 noch in eine blühende Landschaft verwandeln könnte, ist momentan nur wenig mehr als ein schmaler Silberstreif am Horizont. Und so konzentriere ich mich darauf, das in alle Himmelsrichtungen zerstreute Wissen beharrlich zusammenzukratzen und einen winzigen Teil davon zu behalten. Meine Festplattenkapazität ist sehr begrenzt, wie ich in den letzten Tagen mit ungläubigem Staunen immer wieder feststellen durfte. „Staub bist du, Mensch, und Staub wirst du wieder…“ – heißt konkret: es is eh alles wurscht. Wer fragt schon nach der Note, wenn die Prüfung bestanden wurde? Wenigstens freue ich mich darauf, gemeinsam mit den anderen, die gerade ebenfalls die Grenze zum Wahnsinn austesten, nach dieser unvermeidlichen Schreibfolter das erste Jahr des Kurses zu begießen. „Kleinhirn an Großhirn…“ Nein, das ist KEIN Buchungssatz.

PS: Freie Assoziation, aber: ich finde schon allein den Titel „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ toll. Ich werde mir das Buch auf jeden Fall zulegen. Endlich fühle ich mich nämlich entlarvt, und ich kann einfach ohne Verzögerungstaktiken drauflosarbeiten.
PS2: Unbedingt auch diese Seite besuchen…wenn ihr mal wieder was aufschieben wollt oder so.
PS3: Trotzdem: das hilft mir jetzt nur bedingt weiter.

Gequakel

Ich habe bestimmt nichts gegen kommunikative Menschen. Aber die Dauerbeschallung der letzten Monate ging an mir nicht spurlos vorüber. Immer, wenn ich im Büro sitze und ich den stundenlangen, lautstarken Ausführungen meiner Zellengenossin am Telefon oder mit hereinschneienden Menschen unterschiedlichster Coleur folgen muss, schaltet mein Gehirn in einen Stand-by-Modus, der gierig auf die nächste Chance zur Konzentration wartet. Das geht so weit, dass ich einen Vorgang vom Stapel nehme und seufzend wieder zurücklege, weil ich mich momentan nicht damit beschäftigen kann. Ich habe den starken Verdacht, dass meine Arbeitsleistung im Vergleich zu früher stark nachgelassen hat. Heute benötigte ich für ein simples Anschreiben mehrere Anläufe, um es dann nach zwei Stunden verschicken zu können; ich weiß nicht, ob daraus für den Leser klar hervorgeht, was ich eigentlich will. Die Tür unseres Büros steht den ganzen Tag über weit offen, und jede der zig Personen, die täglich daran vorbeigehen, könnte der nächste potentielle Gesprächspartner werden. Sicherlich willkommene Abwechslung, ja, aber doch erst nach einigen Stunden konzentrierter Arbeit. Wenn meine Zellengenossin wahllos jede Chance zur Ablenkung und Zerstreuung ergreift, ist an eine wirkliche Erledigung meiner dringendsten Arbeiten kaum zu denken. Und ich hasse es, im Laufe meines Beruflslebens immer wieder in die ungeliebte Rolle des Spaßverderbers gedrängt zu werden, wenn ich ein so offensichtliches Thema anspreche. Ein Ausweichen auf andere Arbeitszeiten ist kaum möglich, denn dazu müßte ich sehr viel früher ins Büro kommen. Abends bleibt meine Kollegin bis zur absoluten Grenze des Gleitzeitrahmens, um Stunden aufzubauen – aber auch hier bleibt bis knapp vor Sonnenuntergang das wasserfallartige Mundwerk Trumpf. Ich bin kaum zwei Wochen da und nähere mich schon wieder dem Zustand vor meinem Urlaub an, den ich vor ein paar Wochen als abartig schlimm empfunden habe. Es gäbe soviel zu tun, aber ich habe keine Gelegenheit dazu. Über allem ergießt sich die Sauce eines ungestillten Mitteilungshungers, der jeden klaren Gedanken unmöglich macht. Ich atme auf, wenn sie aufsteht, ihre Sachen zusammenpackt und einen Besprechungstermin andernorts ankündigt. Und dabei verstehen wir uns eigentlich noch ganz gut.

Normalisierung

Früher hörte ich über die Einwohner meines kleinen Heimatdörfchens noch richtige Schauermärchen, und die Katastrophe eines nicht gelingenden Lebens war so greifbar wie die rußverschmierte Mauer des kleinen Häuschens, das einem absichtlich gelegten Brand zum Opfer fiel. Später flog der durchsichtige Versicherungsbetrug auf, und die Medien stürzten sich wie Geier auf dieses Ereignis. Wir Dörfler!, hieß es damals. Es waren Sinti und Roma, die dort gelebt hatten, Menschen zum Anfassen, aus Fleisch und But, die als vermeintliche Monster die kindliche Phantasie belebten. Dann gab es noch die bucklige Lisa, die ihren Verlobten nicht mehr aus dem Krieg hatte zurückkehren sehen, und darüber ein wenig wunderlich geworden war. Jeder kannte sie, jeder tolerierte sie, sie tat niemandem etwas zuleide, und ein Flüchtlingsehepaar aus der direkten Nachbarschaft kochte ihr jeden Tag einen Teller Suppe und wusch ihre Kleidung. Sie aber, sie fuhr ihrem Verlobten mit einem uralten Fahrrad entgegen, um ihn am Straubinger Bahnhof abzuholen; aber dort war er nicht, und so fuhr sie wieder nach Hause. Am nächsten Tag machte sie sich wieder auf den Weg, und immer so fort, jahrelang, bis sie älter und müder wurde und schließlich nur noch vor ihrer Haushälfte auf und ab rann und sich in eine Ecke ihres Zimmers setzte, um am Boden ein wenig Suppe zu schlürfen. Schräg gegenüber wohnte eine ältere Bauersfrau mit ihrem ewigen Kopftuch, die Anne, die Hühner und Katzen hielt und in deren verwitterten Häuschen sich ein Sammelsurium verschiedenster Dinge auftürmte, so dass man gar nicht wußte, wo der Hühnerstall aufhörte und die Wohnung anfing; alles war verkommen und wenig aufgeräumt. Und wenn sie heiter gestimmt war, saß sie auf einer wackligen Bank vor ihrem Haus und redete mit ihren Tieren. Sie war immer freundlich zu uns Kindern, auch wenn wir wie Verrückte durch ihren Garten tobten und mit dem größten Vergnügen die Hühner aufscheuchten und ihre Töpfe durcheinanderwarfen. Es gab noch viele solcher Glanzlichter in meinem alten Dorf, Menschen, die ihre Würde daraus bezogen, dass sie sich auf ihre Art und Weise dem Leben gestellt hatten und den mitunter verzweifelten Mut hatten, das zu sein, was diese Begegnung aus ihnen gemacht hatte. Es waren reichlich krumm gewachsene und in die Jahre gekommene Bäume, die trotzdem noch aufrecht standen. Mein Heimatdörfchen hatte eine bewegte Geschichte und unzählige Gesichter, die zu flüstern schienen: „Schreib mich auf, damit ich nicht vergessen werde!“

Aber dort, wo einst unter uralten, wunderschönen Kastanien das steingraue Bushaltehäuschen stand, wo das alte Wirtshaus mit seinen dicken, kühlen Mauern und seinem historischem Tonnengewölbe an eine längst vergessene Zeit erinnerte, steht heute kein Stein mehr auf dem anderen. Die Dorferneuerung hat es geschafft, meinem Dorf das Herz herauszureißen und eine Freifläche für den neuen Dorfplatz zu schaffen, der von einem Brunnen, einem hölzernen Pavillon und neu gepflanzten Bäumen gesäumt wird. Das ist in etwa so, als würden die Berliner Philharmoniker nur noch seichte Kaufhausmusik spielen (nichts gegen diese Art von Musik, ich mag sie nicht, aber sie hat sicherlich ihre Berechtigung; es ging mir nur um den Vergleich). Alles, was je an Einzigartigkeit vorhanden war, konnte und durfte nicht existieren; es hatte keinen Platz in den Köpfen und in den Herzen. Die Theatergruppe nicht, der Kirchenchor nicht, die Bäume nicht. Es ist ja so wichtig, als normal anerkannt zu werden. Mein Freund, dem ich das Ganze schilderte und Bilder vom Zustand vor und nach der Dorferneuerung schickte, schrieb mir zurück: „Der Pavillon könnte überall stehen, das Wirtshaus war einmalig.“

Meine Mutter übergab noch vor einigen Jahren dem großen Vorsitzenden der bayerischen Staatspartei eine Petition, um das Gebäude vor dem Abriss zu retten. Und als das fehlschlug, beteiligte sie sich aktiv an der Dorferneuerung, denn sie wolle ja auch noch viele Jahre im Dorf wohnen und es für die nächste Generation erhalten.

Offensichtlich soll wieder etwas hinter dem Horizont versinken. Es wäre Zeit, meine Erinnerungen aufzufrischen, aber dazu müßte ich mit denen reden, die sie kaputtgetrampelt haben. Die Toten wissen, wovon ich spreche.