Perspektivisch

Irgendwie ist es schwierig, einem Ausländer Begriffe wie „Verfassungspatriotismus“ oder „Historikerstreit“ näher zu bringen, der von deutschen Befindlichkeiten wenig Ahnung hat. Aber auch wenn er sich in den Untiefen unserer gesellschaftlichen Debatten nicht zurechtfindet: ein guter Deutscher erklärt sie ihm, bis er sie auch restlos verstanden hat. Es ist zudem äußerst spannend, von ihm unsere seltsam anmutenden Gebräuche und Sitten widergespiegelt zu bekommen. Mit unseren Essritualen – um 12.00 Uhr ist Mittagessen, da versammelt sich die Familie um den Tisch, zum Beispiel – können andere Kulturkreise kaum etwas anfangen. Und wenn ich ihm erzähle, dass ich das Programm der Weihnachtsfeiertage auswendig herunterbeten kann und ich eigentlich auf Autopilot umstellen könnte, schwankt er zwischen der Faszination des ethnischen Forschers und totalem Unverständnis hin und her. Vorhersehbare Abläufe geben Sicherheit. Manchmal sind sie allerdings auch wie ein Korsett, das einen nicht mehr atmen läßt. Kreativität versus Sicherheit. Lösungen versus Bindungen. „Gehst du auch in Lederhose auf die Regensburger Dult?“ „Nein, Gott bewahre.“ Eine Lederhose gilt ja erst dann als eingetragen, wenn man sie auszieht und auf den Boden stellen kann, ohne dass sie in sich zusammenfällt. Tradition? Wahnsinn? Ich bin ein Traditionalist anderer Prägung. Mir erscheinen Dinge erhaltenswert, die für die Menschen die Hoffnung auf das Gute und die Liebe symbolisieren. „Und wie siehst du die nationale Begeisterung für den Fußball?“ „Ich stehe dem zwar wohlwollend, aber auch mit einer ironischen Distanz gegenüber.“ Mögen die anderen das große Fußballschwert schwingen. Wir gewinnen währenddessen lautlos und unauffällig unsere Spiele. (Trööööt!)

Huldigungsbeitrag

Zuckers Geschenk

Gestern kam ich nichtsahnend und erschöpft von sieben Stunden KLR in der IHK nach Hause und fand vor meiner Wohnungstür das Paket von Zucker, das sie mir schon vorab per Mail angekündigt hatte. Darin hatte sie versteckt: erstens einen Bildband über Salvador Dali, zweitens einen Band mit gesammelten Gedichten von Rainer Maria Rilke und zu guter Letzt ein Lexikon über die Religionen der Welt. (Das letzte Buch war wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl, der mir als frischgebackenem Konfessionslosen galt.) Aber damit nicht genug: nein, sie hatte mir auch noch einen Füller beigepackt, der auf obigem Foto abgebildet ist. Ein paar Zeilen habe ich damit auch schon geschrieben. Der Text auf dem Blatt Papier lautet – er ist auf dem Foto etwas schwer zu entziffern: „Hallo Zucker! Vielen Dank für dein Geschenk, das mich wirklich sehr gefreut hat. Wilder Kaiser“ Das Paket war wirklich eine gelungene Überraschung. Es ist so, als hätte ich mich selbst beschenkt. Vor allem der Band mit den Rilke-Gedichten gleicht vom Umfang und Aufmachung her einem Band, den ich vor 10 Jahren einmal besessen hatte, und bringt mir ein fast vergessenes Stückchen meiner Vergangenheit zurück. Nochmals danke, liebe Zucker. Lass es mich wissen, wenn ich mich revanchieren darf.

The funeral blues

Stop all the clocks, cut off the telephone,
Prevent the dog from barking with a juicy bone,
Silence the pianos and with muffled drum
Bring out the coffin, let the mourners come.

Let aeroplanes circle moaning overhead
Scribbling on the sky the message He Is Dead.
Put crepe bows round the white necks of the public doves,
Let the traffic policemen wear black cotton gloves.

He was my North, my South, my East and West.
My working week and my Sunday rest,
My noon, my midnight, my talk, my song;
I thought that love would last forever; I was wrong.

The stars are not wanted now; put out every one;
Pack up the moon and dismantle the sun;
Pour away the ocean and sweep up the wood;
For nothing now can ever come to any good.

W.H. Auden

So war das nicht abgemacht. „Wait here“, waren deine letzten Worte. Ja, nun bist du wohl dran mit dem Warten.

Selbstverletzendes Verhalten

Direkt über meinem rechten Knie verläuft leicht innenseitig eine schöne, ca. 10 Zentimeter lange Narbe, die ich mir während der Arbeit selbst zugefügt habe. Jedesmal, wenn ich vor einer Thrombozytenspende (immerhin schon knapp 80) den Spenderfragebogen ausfülle, stolpere ich über diese etwas unglücklich formulierte Frage: „Sind Sie jemals operiert worden?“ Glücklich, wer diese Frage tatsächlich mit einem klaren „Nein“ beantworten kann. Ich gehöre nicht zu dieser seltenen Spezies. Und dann erinnere ich mich meiner Narbe. Und das ging so: während meiner Zivildienstzeit arbeitete ich anfangs auch im medizinischen Lager des EK in Straubing. Zu meinen Aufgaben gehörte es unter anderem, die Vorräte aufzufüllen, und zu diesem Behuf mussten die einzelnen Ausgabeeinheiten eines Materials erst aus ihrer Kartonhülle befreit und in die Regale gestapelt werden. Da ich zu blöd/schüchtern/träge war, mir ein Sicherheitspaketmesser zu besorgen, dessen Klinge nach Verwendung wieder in der Versenkung verschwand, war das Unglück bereits vorprogrammiert. Ich kniete also eines Tages auf einem größeren Paket und holte mit Schwung zu einem großen Schnitt aus, um es zu öffnen. Zunächst ärgerte ich mich nur ein bißchen über meine zerschnittene Jeans, dann spürte ich ein warmes Rinnsal, das meinen Fuß hinablief. Ich stand auf und versuchte, die klaffende und blutende Schnittwunde mit einer Hand zuzuhalten. Der Schnitt ging ziemlich tief, und ich sah ein paar Muskelfasern deutlich hervortreten. „Hallo, ich habe mich geschnitten. Ich muss dringend zur Notaufnahme.“ Meine herbeistürzenden Kollegen schleppten mich sofort dorthin. In der Hektik gab ich der Aufnahmetante eine falsche Krankenkasse an und wurde endlich auf den OP-Tisch verfrachtet. Ich spürte keinerlei Schmerzen, bis der Chirurg zum letzten Stich ansetzte – diesen ertrug ich nur mit zusammengebissenen Zähnen. Der Operateur war anscheinend der einzige, der sich von der allgemeinen Aufregung in keinster Weise anstecken ließ und routiniert und beinahe etwas gelangweilt meine Wunde zusammenflickte. Nach der ersten Versorgung bot mir der Leiter des Lagers, der meinen Vater über die Bundeswehr kannte, an, mich nach Hause zu fahren; und weil ich selbst etwas durcheinander war, stand ich irgendwann vor dem Haus meiner Familie, obwohl ich ein eigenes Zimmer im Altbau des Krankenhauses bewohnte. Aber das war nun auch schon egal. Auf dem Sofa im Wohnzimmer wartete ich verwirrt und auch ein bißchen schockiert über das eben Geschehene auf das Eintreffen meiner Eltern, die sich natürlich darüber wunderten, mich zuhause anzutreffen. – Heute kann man einen schmalen, weißen Streifen sehen, der von diesem Unfall kündet. Auch die Stiche sind noch erkennbar.

Angeregt durch diesen Blogeintrag von Frau Mia.

11.Mai

Der 11. Mai zeigt sich ja in diesem Jahr von seiner Schokoladenseite. Das kann nur bedeuten, dass die Aussichten für die nächsten zwölf Lebensmonate äußerst sonnig sind, auch wenn es mir im Moment einfach an Zeit fehlt, die wichtigsten Dinge strukturiert anzugehen – Steuererklärung, Fachliteratur, Lernstoff, um nur ein paar zu nennen. Vor einer Woche bekam ich die Mitarbeit an einem Nachschlagewerk zum Thema „Qualitätsmanagement“ angeboten, und der Fachartikel über ein ähnliches Thema harrt nach wochenlanger Schwangerschaft immer noch der spontanen Geburt. Ich wüßte schon, wie, aber im Moment fehlt mir einfach die Sicherheit für eine zufriedenstellende Skizze meiner Gedanken. Dennoch: meiner Expertise wird Gehör geschenkt. Und ich bekomme etwas mehr Geld – nicht viel, aber immerhin. Ich bin gespannt, wie das heutige Wellnessprogramm nach den letzten aufreibenden Wochen genau aussehen wird. Vorerst freue ich mich nur auf zwei ruhige und entspannte Pfingsttage.

Vater und Sohn

St. TotnanSchon seit Januar hatte ich meine zweieinhalbtägige Dienstreise nach Würzburg geplant; ich wollte mich auf einem nicht zu großen Kongress mal wieder mit Kollegen in anderen Kliniken austauschen und beiläufig auch ein paar Informationen und Meinungen zu Themen sammeln, die mich beruflich schon einige Zeit beschäftigen. Gestern entschloss ich mich dann spontan, an der Abendveranstaltung des Fachverbands teilzunehmen, und wurde aus mehreren Gründen nicht enttäuscht. Es war bereits ein Erlebnis, auf der Fürstenterrasse der Festung Marienberg zu stehen und das nächtlich erleuchtete Würzburg von oben zu betrachten. Ich unterhielt mich dort mit anderen Teilnehmern angeregt über christliche Orden in Würzburg im allgemeinen und den einigermaßen bekannten, jungen Pater Manuel mit seiner Gitarre im speziellen, der wie ein Magnet Busladungen voller erlebnishungriger katholischer Hausfrauen anzieht, und, wie meine Gesprächspartnerin bemerkte, gar nicht heiraten könnte, da er so viele Frauen seelsorgerisch betreuen müsste. Nach Don-Giorgio-Imitaten muss man also auch in Würzburg nicht lange suchen. Zufällig saß ich beim Essen in der Ritterstube einem Unternehmer und seinem Sohn, der laut seinem Vater langsam an die Geschäftswelt herangeführt werden sollte, gegenüber. Weiterlesen

Fehlender Überblick

Das Schöne am Bloggen ist, dass man immer wieder über solche Perlen stolpert. Ja, ich möchte mich in den Chor der Klagenden einreihen und tue das relativ klaglos: während ich früher meine unerfüllten Wünsche und Defizite übersichtlich in meiner Tasche griffbereit hatte, merke ich mein Alter vor allem daran, dass sich das unerschlossene Land der tausend ungenutzten Möglichkeiten sehr weitflächig vor mir auszudehnen beginnt. Kurz, ich habe den Überblick verloren. Darum sitze ich hier und schreibe einen Brief an das Universum: „Liebes Universum, ich hätte gerne jeden Monat netto 300 Euro mehr zur Verfügung. Am besten verdiene ich gleich soviel, dass ich mir um meinen Haushalt nie mehr Gedanken machen muss. Ja, halt, was die Partnerschaft angeht…berufliche Anerkennung…Urlaub…“ Das ist das Problem: Ich bringe meinen Brief nie zu Ende und komme so nicht dazu, ihn abzuschicken. Immer wenn der Brief schon zusammengefaltet ist und im weißen Umschlag auf meinem Schreibtisch liegt, habe ich eine deutliche Vision. Und ich schlage mir auf die Stirn und denke mir: „Mein Gott, wie konnte ich DAS vergessen!“ Ich reiße den Umschlag wieder auf und zerre das Blatt Papier heraus. Wenn, dann soll der Brief ja perfekt werden. Ja, ich bin ein Held. Ein Held der Frustration. Aber ich spekuliere ja nur auf einen esoterischen Gewinn, sozusagen. Andere bestellen sich Schiffsladungen von Waren, die sie nicht verkaufen können, weil sie keine Konzession dafür besitzen. Und wenn sie es doch tun – ebay, ist ja so einfach – flattert ihnen ein Anwaltsschreiben ins Haus. Ich bin kein Glücksritter, oder doch, auf eine andere Weise. Ich gebe mich auch nicht so psychologisch aufgeklärt, dass ich großspurig anderen ihren Seelenhaushalt erkläre, es aber selbst nicht schaffe, ein Date zu vereinbaren und lieber stundenlang darüber spreche, wie toll doch Frauen sind. Theoretisch. Als sich nach Liebe verzehrender Romeo bin ich also auch ungeeignet. Ich habe andere Qualitäten. Ich will etwas erreichen. Und sei es nur, dass mir jemand zuhört. Das Universum, zum Beispiel.

Experimenteller Beitrag

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Kennt jemand noch das Knarzen des Modems bei der Einwahl? Das war für mich immer elektronische Zwölftonmusik. Falls übrigens jemand gerade ein sicheres Passwort benötigt, darf er sich oben gerne bedienen. Meine derzeit sehr frei fließenden Assoziationen ließen mich gestern für meine Situation das Bild eines Rennfahrers finden, der mit leerem Tank auf der Rennstrecke liegenbleibt, und – schwupps! – strömen mehrere besorgte Teammitglieder herbei, die völlig außer sich um den Rennwagen herumhüpfen und den Fahrer dazu bewegen wollen, dass er weiterfährt. Anstatt dass einer Benzin nachfüllen würde.

Audiophiler Beitrag

Ich mag es selbst kaum glauben, aber elektronisch erzeugte Musik hielt in meinem Kinderzimmer zuerst in Gestalt eines riesigen SABA-Weltempfängers (Wildbad 8, wenn mich nicht alles täuscht) Einzug, den mir meine Großmutter in einem überraschenden Anfall von Großzügigkeit überließ. Fortan kam ich nicht mehr von diesem Gerät los, das mich auf UKW, KW und MW mit völlig neuen Erfahrungen konfrontierte. Wenn in meinem dunklen Kinderzimmer am Abend die Hintergrundbeleuchtung die Namen von Städten wie Stockholm, Moskau oder Paris erleuchtete, entführten mich die Nachrichten aus dem Äther in eine mystische Welt voller Geheimnisse, weit jenseits der Tore meines provinziellen Dörfchens.

Irgendwann jedoch war ich des sagenhaften Kastens ein wenig überdrüssig, und ich erhielt dafür das ausgemergelte Telefunken-Radio meiner Eltern, das ich jedoch nur zusammen mit einem Kassettenrekorder von ITT betrieb. Fieberhaft wartete ich jeden Freitag auf die Top Ten, um die aktuellste Musik auf Band mitzuschneiden und so nach und nach eine gigantische Auswahl von Kassetten zu horten. Ich fühle heute noch die geriffelte Oberfläche der Aufnahmetaste und die Spannung, den Aufnahmeschalter so sanft und gleichzeitig nach unten zu drücken, dass der Kassettenrekorder sofort mit der Aufnahme begann. Gleichzeitig teilte ich mir mit meinem älteren Bruder einen Plattenspieler, an dem ständig irgendetwas kaputt war – die Nadel, der Arm oder auch manchmal der Deckel. Heiß und innig liebte ich damals eine Platte von Reinhard Mey und von Johann Sebastian Bach, aber auch Michael Jackson oder Peter Maffay kamen in diesen Tagen nicht zu kurz. Mit dem Kassettenrekorder nahm ich manchmal auch heimlich Gespräche in unserer Familie auf, die ich mir immer wieder anhörte. Gut erinnern kann ich mich noch an eine Aufnahme meines Zitherspiels, das von meinem polternden Vater jäh unterbrochen wurde. Weiterlesen