Leseabenteuer: eine Verlosung

Ich gebe zu, es handelt sich bei meinen zu verlosenden Büchern nicht um topaktuelle Literatur (das ist, wie immer, leicht untertrieben), und die beiden Taschenbücher aus dem Aufbau-Taschenbuch-Verlag weisen auch schon sichtbare Gebrauchsspuren auf. Aber ich will beim grassierenden Verlosungsfieber nicht hintanstehen und zwei Bücher, die mich begleitet haben, an einen oder eine(n) interessierte(n) Leser(in) weiterreichen. Zum einen verlose ich von Charles Dickens: „Große Erwartungen“, einen fesselnden Roman über einen Emporkömmling in England, zum anderen von Alexandre Dumas: „Das Halsband der Königin“, einen Roman über eine Staatsaffäre im Frankreich des Ancien Régime. Wer sich bis Montag, 20.00, in den Kommentaren verewigt, wandert in den Lostopf und hat die Chance, eines der beiden Bücher mit einer kleinen Überraschung zugeschickt zu bekommen. Natürlich dürfen auch Vorlieben für einen der beiden Romane geäußert werden.

Meine erste Autofahrt

Meine erste Autofahrt war bis dato auch meine letzte. Nach einem heftigen Absturz im „Roxy“ in S. war es meine damalige Freundin D., die mir für eine Testfahrt das Steuer ihres grünen Ford Fiesta überließ. Ich wagte mich todesmutig an die Strecke zwischen Ai. und Am., zwei gottverlassenen Nestern im niederbayerischen Outback. Die Strecke war etwa zweieinhalb Kilometer lang, und bis auf eine lange, geschwungene Kurve vor dem Ortseingang von Am. sah ich keine weiteren Probleme, zumal mich meine Freundin vor der Autofahrt aufmunterte: „Komm, du schaffst es! Es ist ganz einfach! Du wirst sehen!“ Ich hatte jedoch die unangenehme Neigung, bei den zwei Fahrzeugen, die uns auf der Gegenspur entgegenkamen, zu weit nach links zu ziehen, was meine Freundin bei Tempo 60 zu den hysterischen Schreien „Immer schön rechts bleiben!“ veranlasste. Ich fühlte mich gut. Die langgezogene Kurve fuhr ich fast schon wie ein alter Hase. Ha, ich konnte Auto fahren! Ich war ein Naturtalent! Und statt in Am. den Fuß etwas vom Gas zu nehmen, bretterte ich rasant und munter durch die von Bauernhöfen gesäumte, ziemlich kurze Dorfstraße. Am Ende riss ich das Lenkrad nach rechts und schaffte die erste 90°-Kurve, ohne Auto, Zaun und Insassen zu gefährden. Aber schon dräute in dieser seltsam lichtlosen Nacht die nächste Entscheidung: sollte ich halblinks auf die Todeskreuzung zufahren oder noch einen Schlenker nach rechts und nach links auf die Nebenstraße riskieren? Konfus entschied ich mich für letzteres und ließ den Wagen sanft ausrollen (oder ich würgte den Motor ab, so genau weiß ich das nicht mehr.) Meine Freundin starrte mich vom Beifahrersitz aus danach entgeistert an und fragte, Schweißperlen auf der Stirn: „Was war denn jetzt das?“ Ich zuckte die Achseln. Meine Güte, es war doch NICHTS passiert.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich bis heute noch keinen Führerschein habe.

Fastenschwindler

Ich komme gerade von einem sehr entspannten, genussvollen und gelungenen Abend nach Hause, und ich bin richtig glücklich darüber, diese Chance genutzt zu haben, um wieder einmal unter Leute zu kommen. Nachdem ich heute nachmittag bei einem kleinen Symposium mit dem störungsfreien Einsatz der Medien betraut war, fuhren wir vom Organisationsteam zusammen mit dem Referenten anschließend ins „Mirabelle“ in der Innenstadt, in dem ich noch nie vorher war; das Essen sollte eine kleine Belohnung für unseren Einsatz darstellen. Das „Mirabelle“ ist ein kleines französisches Restaurant direkt gegenüber vom Stadttheater in der Drei-Mohren-Straße, der Durchgangspassage von der Ludwigstraße zum Bismarckplatz. Als Vorspeise gab es Auberginenröllchen mit Schafskäse, als Hauptgang gefüllte Maispoularde und zum Dessert die – ohne Übertreibung – beste Mousse au Chocolat, die ich bis dato gegessen hatte. Flankiert wurde dieses Mahl von einem samtweichen Merlot, Espresso und einem Cognac. Das Gespräch verlief unterhaltsam und floss ungezwungen dahin, ohne dass ich, wie so oft, das Gefühl hatte, krampfhaft nach einem Gesprächsthema fahnden zu müssen. Und dabei beabsichtigte ich doch tatsächlich heute morgen noch, direkt nach dem Symposium wieder nach Hause zu fahren. Aber dann dachte ich mir: „Ach, wann passiert es mir schon mal, dass ich zum Essen eingeladen werde…“ – der richtige Gedanke, wie sich später herausstellte. Der Fastenschwindler des Abends war natürlich der Organisator der Veranstaltung selbst, der steif und fest behauptete, Espresso sei gar kein richtiger Kaffee.

My old valentine

Gerne würde ich etwas Substantielleres bringen, aber selbst meine Träume sind nur unzusammenhängende, wirre Puzzlestücke ohne einen erkennbaren roten Faden: das erstaunte Gesicht meines Bruders durch eine Glasscheibe, eine lautstarke berufliche Auseinandersetzung, der kalte Stahl einer geladenen Waffe in meiner Hand. Auch mein Leben hängt derzeit in einer Flaute fest. Die gestrige ethnologische Erkundung auf den Winzerer Höhen über den Dächern der Stadt – dämonische Fratzen, brennende Lagerfeuer, fast voller Mond, Föhnwind, der heftig in die Büsche fährt, schlammige, aufgeweichte Wege – verflog im Laufe dieses Tages wie ein spukhafter Eindruck. Wieder einmal fühlte ich mich an die Vergangenheit erinnert und an den Budenzauber, mit dem sie illuminiert wurde. Die getrocknete Rose verliert langsam ihre Blätter. Übrig bleibt ein häßlicher Stumpf, mehr ein Zeichen als ein Geschenk. Das ist es, was meiner Schwermut neue Nahrung gibt – eine unstillbare Sehnsucht danach, noch einmal von trügerischen Hoffnungen betrogen zu werden. Unter allen Masken der Wahrheit ins Gesicht sehen zu wollen, kann ein bohrendes Vergnügen sein, meist sogar ein krankhaftes. Das Leben gibt sich mit der Wandlung der Gestalt zufrieden und bleibt sich dabei doch immer treu.

Brief an S.

Liebe S.!

So oft habe ich mir schon vorgenommen, dir einen Brief zu schreiben, und ein ums andere Mal fehlt mir der Mut, es zu tun. Ich weiß, dass dich dieser Brief nie erreichen wird, da nun neben der örtlichen eine zeitliche und, wie ich annehmen darf, auch geistige Entfernung zwischen uns getreten ist, die ich nicht zu überbrücken weiß. Ich kann die Funktion, die du in meinem Leben eingenommen hast, genau beschreiben, aber wenn ich alles in nüchterne Worte packen würde, würde ich die feinen Fäden übersehen und zerreißen, die uns eine gewisse Zeit lang verbanden. Es ist vorbei; alles, was dich jemals in unserer kleinen, gemeinsamen Welt zurückhielt, hast du zurückgelassen und bist in die Schweiz gegangen, um andere Projekte zu verwirklichen, um das zu werden, was du bist und was als Traum in dir nach Werdung ruft. Glaube ich dir noch? Ja, du hast mich beeindruckt, aber für dich war ich nur ein Schüler des Hedonismus, der noch unberührt war von den Zumutungen eines Lebens, das gelebt werden will. Du warst unglücklich in meinen Bruder verliebt, und ich erinnere mich an die stundenlangen, nächtlichen Gespräche, die ihr geführt habt. Nichts Sichtbares ist davon geblieben, außer diese beiden schmalen Heftchen mit rotem Einband, die ich gerettet habe, das „Tagebuch der Gedanken“ und das „Tagebuch der Gefühle“, und ein begleitender Brief. Es war eine beinahe dämonische Dynamik, die uns auseinandersprengte, denn das kannten wir ja aus den Klosterschulen, die wir besucht hatten: die schwarze, vergiftende Verführungskraft der Sünde. Daneben erschienen die Geschäfte des Tages seltsam blutleer und uninteressant. Nein, es war nicht der profane Rausch, dem wir uns hingaben, sondern ein psychologisch unterfütterter Maskenball – niemand war, jeder schien nur etwas zu sein. Wie schmerzhaft war da der Moment, in dem die Maske fiel, in dem wir uns gegenseitig in die verängstigten Seelen sahen, wie oft zerplatzte unser Traum von einer Gegenwelt, in der die Widersprüche aufgehoben schienen, zu grauem Staub – du weißt es. Oft habe ich ein starkes Verlangen danach, mit dir darüber zu sprechen, aber die Gefahr, dass wir uns nicht verstehen und uns gegenseitig verletzen würden, ist zu groß, und einen zweiten Anlauf wirst du nach der Nacht in S., als ich dich um fünf Uhr morgens als meine Feindin verließ, nicht mehr unternehmen. So bleibt mir nur die Freiheit, dich zu verabschieden – in einen Nebel, aus dem es keinen Ausweg gibt, ein Nebel, der alle Ereignisse bis zur Unkenntlichkeit verwischt und verklärt.

Wo auch immer du sein magst, worin auch immer dein Glück bestehen mag – leb wohl!

Der fremde Wundertäter

Mein zufällig erblätterter Bibelspruch für 2008 ist ja höchst passend:

Da sagte Johannes: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb, und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er nicht mit uns zusammen dir nachfolgt. Jesus antwortete ihm: Hindert ihn nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.
Lukas 9,49-50

Gerade über den letzten Satz habe ich heute in einem ganz anderem Zusammenhang nachgedacht. Ein gutes neues Jahr euch allen!

Good bye!

2007 war ein wetterwendisches Jahr, auch wenn sich die stürmischen Phasen als notwendige Passagen hin zu mehr Stabilität herausstellten. Der Schlussakkord war jedoch mehr als mies, tönte eher atonal und verdarb die positive Jahresbilanz – ich hatte mich auf einen eher ruhigen Jahresausklang gefreut und bekam statt dessen einen unbekömmlichen Gefühlsbrei vorgesetzt, den ich auslöffeln durfte. Danke, 2007, jetzt bin ich gewarnt: Ich brauche verläßliche Rückzugsmöglichkeiten und den eisernen Willen, im neuen Jahr nicht mehr everybody´s darling sein zu wollen. Aber bevor ich noch den Fehler begehe, meinen alten Frust ins neue Jahr hineinzuschleppen, sage ich „Good bye!“ und freue mich auf ein frisches und frühlingsmorgenhaftes 2008.