Die Beisetzung

Auf dem Friedhof im Niemandsland war es heute eisig kalt, und die wenigen Trauergäste, die gekommen waren, schlotterten vor Kälte und sehnten das rasche Ende der Beerdigungsfeier herbei. Als die vier Sargträger kurze Zeit vorher die Aussegnungshalle betreten hatten, überkam mich beim Anblick der schwarzgekleideten Herren mit ihren Schirmmützen ein Gefühl der Jämmerlichkeit und der Vergeblichkeit, das sich wie ein Widerhaken in meine kreisenden Gedanken bohrte. „Du auch“, sagte der Tod und grinste mich an. Der slawische Singsang eines Priesters, das mit grünem Samt ausgelegte Grab, die letzte Reise mit dem schwarzen Gefährt von der Aussegnungshalle bis zur offenen Wunde der ausgeschaufelten Höhlung – das alles war der endgültig letzte Akt in einer grausam komödiantisch anmutenden Tragödie. Was von einem Leben blieb, war die rasch trocknende Feuchtigkeit der Tränen und eine Erschütterung, die noch lange anhalten wird, auch wenn ich nur ein fernstehender Freund der Familie bin. Wenn ich mich nach links drehe, sehe ich jetzt an der Wand das Sterbebildchen hängen, das ich nach der Feier mit meinen klammen Fingern entgegennahm. In ein paar Jahren wird es zwar vergilbt sein, aber mich immer wieder an den überwältigenden Augenblick der Trauer erinnern, in dem eine Rose und eine Margerite mit einem dumpfen Geräusch auf dem Sarg aufschlugen.

Lord how shall I dance?

Es gibt ja eine Handvoll Tanzformen, die beherrsche ich auch nach 10-jähriger, schöpferischer Pause noch aus dem Effeff. Natürlich braucht es eine vernünftige Kapelle, die von bodenständigen, traditionellen Rhythmen über Jazz, Rock und Latin-Einsprengseln bis hin zu Klassik und Wiener Walzer ein ausgewogenes Repertoire im Kasten hat, um den Tanzsaal zum Kochen zu bringen. Auch das Ambiente, das Publikum und vor allem die Chemie mit dem Gegenüber muss stimmen. Und dann, ehe man sich´s versieht, schwebt man mit der Tanzpartnerin durch den Raum, die Gesichter verschwimmen und die Welt hat plötzlich jene wattige, schaumige Konsistenz, die man gemeinhin rosaroten Wölkchen nachsagt. (Wer das erlebt hat, weiß, was ich meine. Alle anderen, die mich des sentimentalen Geschwafels bezichtigen, muss ich leider zu den Nichteingeweihten zählen.) Was ich noch wegtanzen würde, wenn man mich halberfroren in Sibirien nach dem Genuss von drei Flaschen Wodka und zehn Nächten ohne Schlaf auffinden würde, wäre Folgendes: 1. Alles im Dreivierteltakt, also Walzer, Landler, usw., 2. Polka, 3. Schottisch, 4. Rheinländer, 5. Galopp, 6. Fox, 7. Zwiefacher, 8. diverse Figurentänze, 9. den sehr kongenialen Timewalk, ein aberwitziges Joint Venture von Michael Jackson und Frank N. Furter, 10. Free Style, 11. Robodance und 12. ACDC Headbang. Was ich mir mit ein bißchen Übung wieder aneignen könnte, wäre ChaCha oder Rumba. Natürlich wäre auch ein bißchen Salsa nicht schlecht und, als Krönung des Ganzen, der Tango, aber dafür habe ich einfach zu gute, mitteleuropäische Hüften aus Gusseisen, die dem Esprit des Latin nicht so ganz gerecht werden. Nun ja, was nicht ist…

Photographs and memories

MemoriesAuf dem Foto links veröffentliche ich auf die Anregung von Jules hin ein wüstes Potpourri meiner Erinnerungsstücke, die ich noch aufbewahrt habe. Zu allen Briefe- und Postkartenschreibern habe ich heute keinen Kontakt mehr. Ich finde das eigentlich ziemlich merkwürdig, aber die Zeit bringt so etwas einfach mit sich – man verliert sich aus den Augen und kennt nur noch die Person, mit der man eine kleines Stück des Weges zurückgelegt hat, während einem über die Person, die einem nach Jahren vielleicht wieder begegnet, so gut wie gar nichts bekannt ist.

Ganz links ist abgeschnitten noch das Wort Dagebüll zu erkennen. Das ist die Karte für die Fähre, die mich von der Insel Föhr nach einem einwöchigen Urlaub zurück aufs Festland brachte. Damals schwor ich mir, zu einer besseren Zeit und unter glücklicheren Umständen wieder zurückzukommen, und bis heute ist nichts daraus geworden.

Schließlich noch die grüne Eintrittskarte für die Ausstellung von Picassos Zeichnungen im Amberger Congress Centrum (ACC), die ich zusammen mit einer Kommilitonin am 09.08.1997 besuchte. Es war eine schwierige, komplizierte Beziehung, in der wir meinem Gefühl nach nie über etwas Wesentliches sprachen, sondern uns mit Kunst und Kultur ablenkten. Dass ich mich nach einer langen Periode von mehr oder weniger regelmäßigen Cafebesuchen einfach nicht mehr bei ihr meldete, macht die Sache auch nicht besser.

Darunter liegen drei Briefe von Doris, die nach vielen Irrungen und Wirrungen ihren Wunschpartner gefunden hat und gemeinsam mit ihm ein Kind großzieht. Nachdem wir das Ambrosius in Regensburg als Hauptquartier für unsere abendlichen Ausflüge in Beschlag genommen hatten, begann sich ein Karrussell aus Alkohol, Drogen und wilden Affären zu drehen, das weder sie noch ich stoppen konnten. Ich steckte damals im Hauptstudium fest und hatte große Probleme, mich angemessen auf meine Seminare vorzubereiten und mich auf den unterrichteten Stoff zu konzentrieren.

Über den Postkarten steckt noch ein Brief von Masu, die ich über den GMX-Chat kennen gelernt hatte. Sie war 10 Jahre älter als ich und lebte in Hamburg. Unsere Bekanntschaft gelangte nie über den virtuellen Raum hinaus, aber wir kamen uns trotz dieser Distanz sehr nahe. Damals saß ich noch vor einem billigen 15-Zöller und bediente den ersten PC, den ich mir selbst gekauft hatte. Der Chat reichte natürlich nicht – wir telefonierten auch noch und schlugen uns so, telefonierend und tippend, einige Nächte um die Ohren – zusammen, aber irgendwie auch einsam.

Die Postkarte mit dem Ausschnitt eines blauen Himmels zeigt die Kirche von Assisi, wohin sich A. in einem Anfall von Verzweiflung im Sommer zusammen mit einer Reisegruppe geflüchtet hatte, was sie – der Postkarte nach zu urteilen – schon auf der Fahrt dorthin bitter bereute. Ich zitiere: „Gruppendynamik ist, wenn 12 über die 13. Person lästern! Seit wir dauernd lästern, ist der Urlaub wieder erholsam, aber nächstes Mal keine Gruppe mehr!!“

Dahinter die Grüße vom Höllsteinsee aus dem Bayerischen Wald, die mir mein Bruder von seiner Wanderung vom Arber bis Zwiesel geschickt hatte. Ich durfte während dieser Zeit seine Dachwohnung in Kleinprüfening hüten und die Zimmerpflanzen mit Wasser versorgen. Am meisten zog mich das elektrische Klavier an, das im Zimmer stand und auf dem ich die immergleichen melancholischen Stücke spielte.

Die gelbe Postkarte zeigte eine gelbe Rosenblüte in Großaufnahme. Auf der anderen Seite schrieb mir die angehende Architektin: „Let me be your valentine!“ Wahrscheinlich sitzt sie heute in einem Architekturbüro über Pläne gebeugt oder treibt sich in gelben Gummistiefeln auf irgendwelchen Baustellen herum.

Das kleine Büchlein über mein Sternzeichen „Stier“ schenkte mir eine liebe Person zum Geburtstag. Anfangs war ich wirklich blind für den Wert dieses Geschenks, aber nach und nach wurde es immer wichtiger für mich – als Geste und als Symbol.

Wichtlerius blogoensis

Blogwichteln

Diese seltsame Art gedeiht am besten in amorphen Grüppchen, die sich spontan im Herzen des Internets bilden. Sie besiedeln vor allem in der Vorweihnachtszeit fremde Blogs und treiben dort ihr mehr oder weniger amüsantes Unwesen. An sich sind sie völlig harmlos, aber das rasante Wachstum dieser possierlichen Tierchen erstaunt selbst erfahrene Forscher.

Kurz und knapp – ich bin auch dabei. Ich bin gespannt, was mir blüht, und freue mich darauf, für ein anderes Blog zu schreiben. Und wer´s noch nicht kennt: einfach ausprobieren!

Bitter

Gut, sie ist eben ungerecht, unsere Welt. In Nigeria wütete 1996 die Meningitis, und da sah der amerikanische Pharmariese Pfizer die Gelegenheit, ein neues Antibiotikum in einem groß angelegten Feldversuch an mehreren hundert Patienten zu testen. Es ist umstritten, ob einige Todesfälle auf die Nebenwirkungen des Medikaments zurückzuführen sind; Pfizer weist jede Verantwortung zurück. Die amerikanischen Ärzte von Pfizer wurden anscheinend mit den Ärzten der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ verwechselt und genossen das volle Vertrauen der Bevölkerung.

Hauke Goos schreibt in der Ausgabe 46/07 des „Spiegel“ unter der Überschrift „Das Labor der Weißen“: „Einmal, sagte Mohammed (ein nigerianischer Arzt, Anm. d. Verf.), habe er gesehen, wie ein junger Pfizer-Arzt einem etwa vier Jahre alten Kind Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit entnahm. Für die Diagnose der Meningitis reichen drei, höchstens vier Tropfen; er habe jedoch beobachtet, sagt Mohammed, dass der Arzt mehr als 50 Tropfen entnommen habe. Mohammed befürchtete, dass das Leben des Kindes in Gefahr war. Hirnflüssigkeit schützt das Gehirn vor Erschütterungen, sie wirkt wie ein Polster; ein Erwachsener hat etwa 120 – 200 Milliliter davon, ein Kleinkind deutlich weniger. Entnimmt man zu viel, besteht das Risiko, dass das Stammhirn in die Öffnung des Rückenmarkkanals gedrückt wird. Lebenswichtige Zentren im Stammhirn können dadurch geschädigt werden, im schlimmsten Fall drohen Lähmung oder Tod. ‚Was glauben Sie, wie viel Hirnflüssigkeit in so einem Kind ist?‘, fragte Mohammed den Arzt. ‚Eine Menge‘, sagte der Arzt. ‚Wie viel ist ‚eine Menge‘ für Sie?‘ ‚Mehr als ein Liter.‘ Eine Stunde später starb das Kind.“

Nein, ich bin auf beunruhigende Weise nicht wütend darüber. Aber der bittere Geschmack auf meiner Zunge läßt sich einfach nicht vertreiben.

Ralph Siegel

Ralph Siegel war ja der Abgott meiner vorpubertären musikalischen Erfahrungswelt. Während sich neben dem Kinderzimmer meine Mutter im Bügelzimmer bügelnd durch absurd hohe Wäscheberge quälte (von daher auch mein konservatives, leicht ins machohafte umkippende Frauenbild – Kinder, Küche, Kirche), dudelte stundenlang öffentlich-rechtliches Qualitätsprogramm aus dem Radio, das noch deutscher Wertarbeit entstammte. Mir war dabei durchaus behaglich zumute. Wenn ich im Rückblick auf dieses mausgraue, unendlich scheinende Fegefeuer musikalischen Geschmacks meine Erinnerung bemühe, bohren sich Katja Ebstein mit „Theater“ und Lena Valaitis mit „Johnny Blue“ erneut als Ohrwürmer in meine Gehörgänge. Später war ich glücklich, Frühwerke von Hanne Haller und Peter Maffay, die ich geschenkt bekommen hatte, auf meinem eigenen Plattenspieler auflegen zu dürfen. Dann kam die LP „Thriller“ von Michael Jackson, die ich mir von einem Klassenkameraden lieh, die „Beatles“ auf diversen Mixtapes und eine leise Ahnung von vernünftiger Musik. Meine Mutter hörte zu bügeln auf und belegte einen Meisterkurs. Sie hatte wohl erkannt, dass die ununterbrochene Beschallung des Nebenraums mit Schlagern aufgrund von unüberhörbaren Autonomiebestrebungen zwecklos geworden war.

Ich, Speedy

Nachdem ich heute 8 Unterrichtsseinheiten lang VWL und BGB mit Anstand über mich ergehen ließ und einen unfreiwilligen Tip vom Dozenten erhielt, schüttle ich jetzt die „Shock-and-awe„- Parolen wieder ab und gehe zur Tagesordnung über. Eine hiesige Lerngruppe wurde kurzfristig ins Leben gerufen, die sich 2 Minuten über die Straße treffen wird – das kommt meiner Bequemlichkeit natürlich entgegen. Dann muss ich noch meinen Vertrag nach den genauen Bestimmungen zum lästigen und völlig überflüssigen AdA-Schein durchwühlen, bevor mich mit Einkaufen, Kochen und Fernsehen die ersten angenehmeren Ausläufer des Wochenendes erreichen. Das Material stapelt sich hier auf meinem Schreibtisch und verursacht noch ein angenehmes Gefühl. Meinen Chef habe ich heute nicht erspäht, obwohl er, wie ich aufgrund eines zufälligen Zusammentreffens gestern weiß, im gleichen Gebäude MBA-technisch Erleuchtung suchte. Vielleicht ist es auch besser so. Am Montag werde ich ihn sowieso nach drei Wochen Urlaub wiedersehen, fürchte ich. Edit: Es ist die Seuche. Diesmal ist es der Keilriemen der Waschmaschine.