Seltsames Spiel

Ich habe viele Stunden mit ihr zusammen verbracht, Tee getrunken, philosophiert, gechattet und geblödelt: Aus. Essig war´s. Interessant ist ja vor allem, dass ich jetzt, nachdem sie geheiratet hat und in eine andere Stadt gezogen ist, große Lust darauf hätte, ihrer lockenden, sanften und unermüdlichen Verführung nachzugeben. Nun stehe ich vor verschlossenen Türen, und von dem jahrelangen Werben bleibt nichts als eine blasse, schmeichelhafte Erinnerung und meine eigene, ganz reale Feigheit. Ich war nie besonders mutig, sobald Gefühle ins Spiel kamen, und öffnete mich nur, wenn das Risiko überschaubar war. Zur Not blieb ich einfach unsichtbar. Es ist auch schon vorgekommen, dass die geladenen Gäste meinen Geburtstag ohne mich feierten.

Jubli! Jubli!

Päckcheninhalt

Heute ist das Päckchen von Elsa angekommen. Jetzt heißt es „nur“ noch, das Werk zu vollenden. Und irgendwann prangt dann ein Banner auf Elsas Nacht(b)revier, der die Leser thematisch auf die unbestrittene Grande Dame des Online-Vatikanthrillers einstimmen wird. Morgen gibt´s gleich mal Espresso zur Förderung der Kreativität. PS: Und wo bekomme ich jetzt Dessertwein her? Was ist eigentlich Dessertwein? Fragen über Fragen über…ich merke schon: im Grundkurs „Italienisch Essen für Anfänger I“ habe ich gefehlt. Aber das Attest habe ich mir aufgehoben.

In jenen Nächten…

…als ich mich wieder und wieder an ihr gehauchtes „Ich hab dich so gern“ erinnerte, an jene vertrackte Form unserer Liebe, die nur schief gehen konnte, in jenen Nächten blieb mir außer der Ekstase der Erinnerung, dem Alkohol und den Zigaretten nur das Tagebuch. Ich führte es nur so im Vorübergehen, ohne jedes echte Interesse, mit einem halben Ohr nahm ich immer an den Geschehnissen um mich herum teil und folgte den geheimen Zeichen der Lust, die ich in roter Tinte auf die Zeilen bannte. Die vulkanische Eruption kam erst viel später, als sie mir überraschend ihren neuen Freund vorstellte und ich, berstend vor Zorn, sprichwörtlich alle Türen hinter mir zuschmetterte. Es war eine Liebe auf Zeit, geborgt bei irgendjemandem, sie hatte eine feine, aufgerissene Patina und schimmerte edler als die ersten Sätze, die wir aneinander richteten. Sehr viel später las mich dann R. auf wie einen Vogel mit gebrochenen Flügeln. Wir redeten kaum, aber sie war mir so nah, wie ich es mir nur wünschen konnte. Schließlich gab ich dem immer drängenderen Pochen des Zweifels nach, dass „das hier“ nicht das Richtige sei, dass ich weiterziehen müsse, fort, einem unbekannten Abenteuer entgegen. Und irgendwann erkannte ich, dass auch die akademische Welt und später das Büro nicht mein Zuhause waren, dass ich unterwegs heimatlos geworden war und ich mir keinen Ort vorstellen konnte, der mich vollständig und ganz in sich aufgenommen hätte.

Frage

Die Frage aller Fragen: „Was würde ich tun, wenn ich wüßte, dass ich nur noch einen Tag zu leben habe“, ist für mich sehr schnell beantwortet. Ich würde nach Rom fliegen, auf der Piazza Navona einen Espresso trinken und die Kuppel des Petersdoms ein zweites Mal besteigen. Am Abend würde ich ans Meer fahren und die Nacht hindurch dem Rauschen der Wellen zuhören.

Der Veteran und seine Erbschaft

Mein Großvater mütterlicherseits war, wie ich schon einmal an anderer Stelle schrieb, dem Wüstenfuchs in die staubigen Hügel Nordafrikas gefolgt, um schließlich bei El Alamein von den Briten gefangengenommen zu werden und den Rest des Krieges im Schatten der Pyramiden zu verbringen. Aus dieser Zeit stammte wohl auch seine lebenslange Vorliebe für die Zigarettenmarke „Camel“, deren Packung sowohl das Beige der Wüste wie auch die Pyramiden zeigte. Eines Tages wollte mein Großvater nach getaner Arbeit ein Bad im großelterlichen Haus nehmen, fiel dort, wie vom Blitz getroffen, um und war trotz umfassender notärztlicher Bemühungen nicht mehr zum Leben zu erwecken. Welche tiefe emotionale Bindung zwischen meinem Vater und meinem Großvater bestanden haben mußte, bewies die Tatsache, dass mein Vater kurz nach der Trauerfeier mit gerade mal 40 Jahren einen tückischen Hinterwandinfarkt hatte und dem Tod gerade noch von der Schippe sprang. Immer wenn von meinem Großvater gesprochen wurde, brachte man allenthalben großen Respekt vor seiner diszplinierten, ich möchte fast sagen manischen, Arbeitsleistung zum Ausdruck („Arbeitsschwein“ – mein älterer Bruder über meinen Großvater), während meine Großmutter das gut bestellte Ackerland nach und nach zu Spottpreisen losschlug, in ihren Schränken immer größere Vorräte an Stoffen, Kleidern und Schmuck anhäufte und die Enkel mit kleinen Geldgeschenken für sich einnahm. Der lange schwelende Konflikt zwischen meinem Vater und meiner Großmutter entlud sich eines Tages ziemlich heftig, als meine Großmutter einen Wäschekorb voll mit Handtüchern und Vorhangstoffen bei meinen Eltern vorbeibringen wollte. Den Erzählungen meiner Mutter nach packte mein Vater den Wäschekorb, schleuderte ihn voller Zorn zurück über die Hecke auf das Grundstück meiner Großeltern und brüllte meine Großmutter an: „Wir brauchen deine Wäsche nicht! Verschwinde! Du hast hier ab sofort Hausverbot!“ Daraufhin entschloss sich meine Großmutter, das großelterliche Anwesen zu verkaufen. Sie tat das nicht ganz freiwillig, sondern weil sie die Vertreter der örtlichen Sparkasse nachdrücklich an die roten Zahlen erinnerten, die nicht aufhörten, zu wachsen und so dick und rund zu werden wie meine Großmutter. Ab dem Zeitpunkt des Verkaufs übernahmen die Anwälte die Regie und schrieben Briefe, die vor bitterem Hohn und gegenseitiger Verachtung nur so trieften. Da die Forderung meiner Mutter, ihr Erbe, das bereits mit einem Grundstück abgegolten war, noch auszuweiten, sich zunehmend ins Lächerliche auswuchs, schlief dieser Streit nach einigen Monaten wieder ein, obwohl er durch die hell lodernde Wut meines Vaters immer wieder neu angeheizt wurde. Meine Großmutter, die den Verlust ihrer Repräsentationsmöglichkeiten als bitteren Verlust empfand, richtete sich dennoch in ihrer neuen Wohnung ein und hielt bei Familienfeiern Hof wie nur irgendeine russische Großfürstin. Ihr Herz schlug für das sündhaft teure Schlafzimmer aus Nußbaumholz und die Tischdecke mit Goldborte, die ihr den schwachen Trost gewährten, „es zu etwas gebracht zu haben“ und nicht völlig unbedeutend zu sein. Andere Menschen spielten in diesem Universum aus Selbstmitleid nur eine Nebenrolle – außer sie waren in irgendeiner Art und Weise bedeutend und der Umgang mit ihnen konnte dazu verwendet werden, im Gespräch zu beeindrucken.

Sensibilität

Das schlimmste Schicksal, das ich mir ausmalen kann, wäre eine graduelle, kaum wahrnehmbare Verschlechterung meiner kognitiven Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter. Alzheimer und andere Demenzerkrankungen sind für mich weitaus brutaler und belastender als jede andere somatische Krankheit. Oft verbringe ich Stunden damit, die Eindrücke eines einzigen Tages zu sortieren und ihre feinen Farbnuancen, ihre leise flirrenden, hochfrequenten Verbindungen untereinander zu genießen und miteinander zu vergleichen, bevor ich sie endgültig ad acta legen kann. Und es bereitet mir ein kaum nennbares Vergnügen, sie abstrakt zu begreifen und ihnen ein Gesicht und eine sprachlich faßbare Gestalt zu verleihen. Diese Beschäftigung führt mich nicht weg von der Abstraktion, sondern sehr weit in sie hinein. Manchmal glaube ich an die Möglichkeit, mit dem Geruch einer Rose oder eines Fliederzweigs sehr viel präziser und genauer rechnen zu können als mit Variablen auf einem karierten Blatt Papier. Ich wäre nicht mehr ich selbst, wenn ich das nicht mehr könnte und in einem Zustand dumpfen Dahinvegetierens mein Leben fristen müßte.

Geschlaucht

In dieser Woche fand ich kaum Zeit für meinen Blog. Hinzu kamen zwei Tage Internetentzug, nach denen ich mir die Frage stelle, welchen zusätzlichen Nutzen eine zweite, virtuelle Realität haben könnte beziehungsweise welche Dinge sie nicht nur abbildet. Ja, Netzwerke, ich weiß. Haha. Egal. Ich besuchte am Dienstag und Mittwoch einen Medizintechnikkongress in Würzburg und musste meine bisherige Ansicht, dass in technischen Berufen eitle Selbstdarsteller weniger stark vertreten sind als in anderen Tätigkeitsfeldern, leider revidieren. Ich konnte aber wirklich gute Gespräche führen und neue Kontakte knüpfen. Ein mir bisher nur dem Namen nach bekannter Techniker eines anderen Krankenhauses in R. begleitete mich auf der Rückfahrt und gab mir einen wertvollen Tipp. Leider hatte ich viel zu wenig Zeit und Lust, um Würzburg ein bißchen besser kennenzulernen, und so schleppte mich am Mittwoch in der nachmittäglichen Affenhitze durch den Hofgarten der Residenz und die Altstadt, um wenigstens ein paar kümmerliche Beweise meiner Anwesenheit auf die Speicherkarte meiner Kamera zu bannen. Am Donnerstag improvisierte ich eine Schulung für ein kleines Grüppchen neuer Pflegekräfte, die aber gerade wegen der mangelhaften Vorbereitung sehr gut, harmonisch und rund wurde – bis auf die Tatsache, dass mitten in meiner Schulung ein Patientenmonitor ausstieg, dessen Akkukapazität gerade mal für zwanzig Minuten reichte. Ich will nicht verschweigen, dass das bei überwachungspflichtigen Patienten für die begleitenden Pfleger oder Schwestern nicht gerade prickelnd ist. Heute hingegen war mir alles zuviel: Menschen, Wetter, Arbeit, Vergnügen. Darf das? Ja, darf. Ich bin ja kein Perpetuum Mobile. Darum sitze ich jetzt hier bei Kerzenschein, höre Norah Jones und beobachte das heraufziehende Gewitter.

Warum?

Das ist die Frage aller Fragen, mit der ich früher meine Umgebung so lange traktierte, bis die Gefragten entnervt das Handtuch warfen. Mir konnte das mit den Gründen nie weit genug gehen. Heute noch kann ich es nicht lassen, alles in Frage zu stellen, und erscheine deswegen dem einen oder anderen als Berufsquerulant. (Auch hier zeigte sich also schon die merkwürdige Anhänglichkeit an die Vergangenheit. Und letzten Endes war und ist alles Gegenwärtige irgendwie historisch bedingt.) Ich stelle mir vor, dass ich in der Zukunft als Archäologe meiner eigenen Geschichte aktiv werde und mit Helm, Beleuchtung und Klappspaten in die dunklen Gänge hinabsteige. Das Konzept der Psychoanalyse unterscheidet sich ja nicht wesentlich davon – nur dass man hier vom Analytiker in der Unterwelt geführt wird. Gemeinsam ist uns der Kampf gegen das Vergessen, das mit wachsendem zeitlichen Abstand immer dickere Nebel zwischen uns und jenen Zeitpunkt legt, den wir hinter uns gelassen haben. Auf diese Weise entgleitet uns langsam unser eigenes Leben, und das Schreiben ist unter anderem ein nur bedingt wirksames Heilmittel dagegen. Im Film „The Butterfly Effect“ ist die Kompensation vollständig: der Held liest sein Tagebuch und kehrt daraufhin an den Ort und in die Zeit zurück, die er beschrieben hat, und kann dort einige seiner Entscheidungen revidieren. Das kann ich nicht – ich kann nur die Gründe rekonstruieren, die mich zu der einen oder anderen Entscheidung geführt haben (und ansatzweise jene Gefühle durchleben, die mich damals begleitet haben). Gründe? Eben. Deswegen ein Blog, Tagebücher, Fotos. D., meine erste Freundin, die mir als sanft lächelnde Wiener Lebedame wieder begegnete, erzählte mir von meinen Briefen, die sie immer noch aufbewahrte. Meiner Bitte, mir doch Fotokopien dieser Briefe zu überlassen, stand sie ablehnend gegenüber: „Das fühlt sich für mich nicht richtig an. Wenn ich wieder in Bayern bin, bringe ich sie mit.“ Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen, und auf unsere Beziehung fällt jenes seltsame Zwielicht, das die große zeitliche Entfernung mit sich bringt.

Gemischte Gefühle

Warum kippt ausgerechnet dieses sonnige Frühlingswochenende? Warum ist mir nicht ein kleines Quantum Stabilität gegönnt, das ich brauche, um mich sicher zu fühlen? Ein, zwei Jahre würden als Verschnaufpause durchaus reichen. Könnte es nicht einmal so einfach sein wie bei anderen? Statt dessen beschleunigt jetzt auch noch die defekte Waschmaschine den freien Fall meines Kontostands nach unten, von rot nach tiefrot. Und schon wieder tritt diese Belanglosigkeit eine Welle los, die das Potential hat, mir auch noch die letzte Freude am Leben zu vergällen. Ich bin das gegenseitige Aufrechnen von Schuldgefühlen so leid, weil das Ergebnis ja schon feststeht und sich nicht ändert. Ich hoffe, dass ich morgen wenigstens meinen Chef in genießbarer Stimmung antreffe. Aber wenn sich diese Tendenz so fortsetzt, kommt er morgen entweder überhaupt nicht oder fertigt mich in zwei Minuten brutal ab. Ich sehe der Woche also durchaus mit gemischten Gefühlen entgegen.

Isolation

Es gibt keine Familie, die ich an den Osterfeiertagen besuchen könnte. Es gibt auch keine Freunde, die mich zu gemeinsamen Unternehmungen einladen würden. Das Thema Partnerschaft will ich hier gar nicht anschneiden – natürlich, es fehlt etwas, aber nur von außen betrachtet. Denn mein Wunsch nach einer Beziehung ist erloschen und erscheint mir außerdem unrealistisch (nein, nicht wegen der Ansprüche, die ich an andere, sondern wegen der Ansprüche, die ich an mich selbst stelle). Es blieb mir heute nur das Abfahren einer langen Strecke, die außer Leere und körperlicher Müdigkeit keine anderen Eindrücke bei mir hinterließ. Ich bin verzweifelt, verkrampft, verbissen und kann keine Spur von spielerischer Kreativität mehr an mir entdecken. Manchmal frage ich mich, ob ich mein Leben nicht verpfuscht habe und ob es richtig war, so viele Brücken hinter mir verbrennen. Aber immer, wenn ich vor der Alternative stehe, mir durch meine Zustimmung den Fortbestand einer wie auch immer gearteten Beziehung zu erkaufen oder doch unabhängig zu bleiben und meiner inneren Wahrheit die Treue zu halten, auch wenn das den offenen Bruch bedeutet, entscheide ich mich für die letzte Möglichkeit.