Sonntagabend

Nach einem plötzlich hereinbrechenden Katastrophenalarm und einem Husarenritt über mehrere hundert Kilometer stelle ich mir jetzt – wie ich glaube, berechtigt – die Frage, warum mein Leben so überaus kompliziert sein muss. Könnte es nicht so ausssehen: Ich bewohnte eine schnuckelige Mietswohnung in der Provinz mit guter Verkehrsanbindung an die nächstgelegene Großstadt. Mein Job wäre zwar herausfordernd, aber nach Feierabend kein Thema mehr. Wenn mir nach Ausgehen wäre, bräuchte ich nur in den Zug zu steigen, hätte aber ansonsten meine Ruhe. Meine Freunde lebten verstreut in aller Welt. Wenn ich mal Trost oder Rat bräuchte, könnte ich jederzeit jemanden anrufen. Ich hätte keine unangenehmen Verpflichtungen. Ich lebte nur für mich und meine Neigungen. Nein, könnte es nicht. Und jetzt höre ich auch schon auf mit dem Träumen. Ganz einfach.

Schatten und Schattierungen

Ich bin zu müde, um noch vollenden zu können, was mir der Tag an Aufgaben beschert hat. Der abendliche Ausgleichssport beschränkt sich auf die Pendelei zwischen Kühlschrank, Schreibtisch und Bett. Das Verlangen meines Körpers nach Ruhe ist das eine, die zum Zerreißen angespannten Nerven sind das andere. Beides ergibt eine explosive Mischung aus unausgeschlafener Reizbarkeit und emotionalen Ausbrüchen. Ich weiß weder, was mit mir los ist, noch kann ich sagen, wo das Ganze hinführen soll. Ich bin erschöpft. Was ich vorfinde, sind Türen, die mir vor der Nase zugeschlagen werden. Oder Streitigkeiten, die sich an winzigen Unregelmäßigkeiten entzünden. Etwas ist mir fast vollkommen aus der Hand geglitten und stört nun die Balance. Was ist es nur?

Vertrauen

Eine der Fragen, die ich im Rahmen dieser Nachbefragung zur bereits 2005 durchgeführten Umfrage „Wie ich blogge?“ beantwortete, lautete sinngemäß: „Würde dir einer deiner Blogfreunde spontan 250 Euro leihen, wenn du sie/ihn darum bittest?“ Abgesehen davon, dass es sich um eine relativ persönliche Frage handelt, kam ich doch ein wenig ins Grübeln. Ich habe sie damals mit „Nein“ beantwortet. Dass diese Skepsis manchmal völlig unbegründet ist, erfuhr ich im dritten Semester meines Studiums. Damals bewohnte ich ein winziges Dachzimmer mit Nachtspeicherofen, und da ich diesen Ofen auch während des Tages laufen ließ, präsentierten mir meine Vermieter eines Tages eine Stromrechnung über mehrere hundert Mark, die ich innerhalb von zwei Wochen bezahlen sollte. Meine Vermieter waren ein älteres Ehepaar, das angesichts der in ihren Augen horrenden Summe völlig niedergeschmettert war. Ich war selbst völlig verzweifelt und fragte eine Kommilitonin, die ich kaum kannte, ob sie mir das Geld leihen würde. Zu meiner Überraschung war sie bereit, mir aus der Patsche zu helfen. Am nächsten Tag besuchten wir die Bank, und sie drückte mir das Geld in die Hand, das sie für ihren Urlaub angespart hatte. „Ich weiß ganz genau, dass ich es von dir wiederbekomme.“ Und so war es auch. Es folgten viele Abende, die wir gemeinsam in meinem Zimmer verbrachten. Wir saßen auf dem warmen Ofen, hörten Musik und rauchten Zigaretten.