Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Zeitlinien'

Allerlei Unsortiertes

Sonntag, 25. März 2007 23:13

Das Weltkulturerbe zeigte sich heute wieder von seiner besten Seite – Wind, blauer Himmel, schöne Frauen. Auf den Plätzen mit Aussicht herrschte heute schon ein Getümmel, als hätte der Sommer bereits Einzug gehalten. Dabei fror ich gestern noch ganz erbärmlich. Es gab so viele Kleinigkeiten, über die ich mir heute den Kopf zerbrach, dass mir beinahe die Lust verging, irgendetwas davon festzuhalten – immer wieder die unnötigen Missverständnisse, die falschen Bilder und Rollen, die belastenden Verpflichtungen. Ich drehe mich gedanklich im Kreis. Es fehlt mir die Gelegenheit, mich auszutauschen, und meine e-mails laufen derzeit ins Leere. Es dauert Jahre, um so etwas wie Vertrauen aufzubauen, aber oft genügt ein Wort, um alles zu zerstören. Wo ist bitteschön das rote Telefon? Manchmal fühlt es sich so an, als liege nicht nur ein Weltmeer, sondern ein ganzes Universum zwischen meiner und anderen Welten. – Im Traum entere ich die Kommandobrücke eines riesigen Containerschiffs, das langsam vom Pier ablegt. M., mein älterer Bruder, lehnt mir gegenüber an der Wand und glüht geradezu vor Aufregung und Abenteuerlust. Als ich ihn frage: “Wo fahren wir denn hin?”, antwortet er lachend: “Ja, wir haben einen langen Weg vor uns. Das Schiff legt erst wieder in Alaska an.” Ich bin überrascht und glücklich, diese lange Reise zusammen mit ihm unternehmen zu dürfen. Seit Jahren spüre ich zum ersten Mal wieder ein Gefühl von Freiheit. Durch das Schiff laufen mehrere Wellen, die der anspringende Dieselmotor verursacht, während ich mir gleichzeitig vorzustellen versuche, wo sich Alaska auf dem Globus befindet. Ich frage mich, ob wir die Passage nördlich des amerikanischen Kontinents schaffen werden.

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Heimweh, Fernweh

Samstag, 10. März 2007 1:54

SäuleGestern war der Tag der Nostalgiker: Frau Testsiegerin berichtet über ihre Lesung im Weinviertel, während Frau Svashtara von Belgrad träumt. Und ich machte mich heute auf, um ein Stück donauabwärts in Richtung Gäuboden zu fahren, obwohl ich gestern noch Zweifel hatte, ob das gut gehen könne. Nein, die Erinnerung schwieg nicht, nicht am scheußlichen Adlerrondell aus der Zeit des Nationalsozialismus und nicht beim Schrei der Raben, die ihre Nester anflogen. Zu oft hat mich ihr Krächzen in einen unruhigen Schlaf begleitet, als dass ich sie hätte vergessen können. Zu oft stand ich neben dem Sockel der Adlerskulptur und rauchte eine Zigarette, als dass ich diesen mit leiser Wehmut gewürzten Geschmack nun nicht mehr würde schmecken können. So stiegen in mir unwillkürlich die Tränen hoch, als ich am Herzogsschloss stand und die silbrig schimmernden Wirbel des Flusses betrachtete. Einmal ging ich noch den alten Weg zur Schule und roch die nassen Moose an den Mauern, einmal noch stand ich in der Turnhalle mit ihren überheizten Katakomben, einmal noch schlenderte ich die weißen, lichtdurchfluteten Gänge des Krankenhauses entlang, in dem ich meinen Zivildienst abgeleistet hatte. Jeden Sonntagabend brach während meiner Zeit im Internat ich mit schwerem Herzen auf, um im Exil der Stadt unterzutauchen. So nährte ich jahrelang die Hoffnung auf jenen dritten, neutralen Punkt, von dem aus sich meine Geschicke und diese Verflechtung der gegenseitigen Abhängigkeiten ordnen ließen. Auch Jahre danach konnte ich mich nur schwer von diesem Heimweh, das ein Fernweh war, lösen. Es blieb immer lebendig – wie jener Ton, der wie eine kleine, glänzende Kugel aus den Saiten des verstimmten Flügels stieg, an die Stuckdecke des alten Refektoriums schwebte und nur die johlenden Kameraden als Publikum hatte, die vor den Fenstern Fußball spielten.

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Freie Tage

Freitag, 9. März 2007 0:57

Ich frage mich, ob ich morgen tatsächlich in meine Heimatstadt fahren sollte, um einige Fotos zu schießen und die Stationen der Jahre, die ich dort verbrachte, zu dokumentieren – Zeit hätte ich ja morgen genug. Oder wäre es nicht klüger, Erinnerungen Erinnerungen sein zu lassen und sie ihrer Patina nicht zu berauben? Sehr oft bereute ich es, meine Heimatstadt ohne Begleitung zu besuchen, und sei es auch nur, um im Wartezimmer eines Notars die bitteren Gesänge der Lerchen zu hören. Seit ich alle Verbindungen hinter mir abgebrochen habe, nimmt sie mich nicht mehr vollständig in sich auf, und ich verlasse sie jetzt immer wie ein enttäuschter Liebhaber. Ich bin in ihr nur noch ein Tourist, der einen unstillbaren Hunger nach einer bestimmten Perspektive, einem bestimmten Raum, einem bestimmten Ton hat – und doch einer Chimäre nachläuft. Ja, hier an dieser Stelle war etwas, Herzblut, Tränen, Jubel, aber jetzt ist sie taub und nichtssagend. Nichts wurde konserviert, und meine Spur hat der Regen verwischt. Das Museum der Augenblicke war und ist geschlossen.

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Stichpunkte

Montag, 5. März 2007 23:34

  • Sind alle Blogger, die WordPress benutzen, elitär? Ich bin es jedenfalls nicht. Ich wehre mich sogar gegen diese Charakterisierung.
  • Second Life ist Kunst: “Jeder Avatar ist ein Künstler. Das Online-Universum Second Life macht Fluxus-Träume wahr.”, aus: Kunstzeitung Nr. 127, März 2007
  • Die Avatarisierung der Gesellschaft schreitet voran. Masken, Masken, Masken. Und irgendwo dahinter das frierende Ego.
  • Lesestoff: Pascal Mercier: “Nachtzug nach Lissabon”, Jiddu Krishnamurti: “Einbruch in die Freiheit”, Ludger Lütkehaus: “Nichts”.
  • Ich persönlich finde die aktuelle politische Diskussion höchst merkwürdig. Soziales Profil hin, Krippenplätze her.
  • Heute ist nichts mehr mit mir anzufangen. Schlafbedürfnis galore. Nicht nur die Akkus meiner Digitalkamera sind leer. Es wird Zeit, dass der Urlaub beginnt.

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Sonntag

Sonntag, 4. März 2007 23:36

SilotürmeDie Radrundfahrt heute tat mir ausgesprochen gut. Ich war danach wieder etwas freier im Kopf und auch körperlich in besserer Verfassung – ich will nämlich nicht schon wieder krank werden. Das Foto nebenan entstand im Osthafen in Regensburg, in dem ich gerne mehr Fotos geschossen hätte. Leider spielten meine Akkus nicht mit. Am Freitag schickte ich noch einige Mails an meinen Chef, bereute aber im Anschluss daran fast meine Courage. Mittlerweile hat er mir bereits geantwortet. Um gewisse Sonderaufgaben werde ich mich wohl nicht drücken können, wie lange ihre Fertigstellung auch immer dauern mag. Gut, dann muss ich eben alles andere liegen lassen. Die Wiedereinführung der Todesstrafe, die im Zusammenhang mit Sexualstraftätern gefordert wird, beschäftigte mich heute ebenfalls. Ich weiß nicht, ob es nicht andere Wege gibt, einen Rückfall dieser Straftäter zu verhindern. Auch wenn das Thema noch so sehr zu populistischen Aktionen reizt, sollte man es differenziert und mit kühlem Kopf betrachten. Die geplante, öffentlich einsehbare Datenbank im Internet mit allen Informationen über Sexualverbrecher hat in den USA jedenfalls schon zu Fällen von Selbstjustiz geführt. Wollen wir das wirklich? Auf welches Recht wollen wir uns noch berufen, wenn es nicht für alle gilt?

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Widerstand

Sonntag, 25. Februar 2007 18:24

Steinmal IGestern besuchte ich den Skulpturenpark in Regensburg, der etwas abseits am Donaukanal liegt. Das mehrere tausend Quadratmeter große Grundstück gehört einem eigensinnigen Bildhauer, der vor Jahren in einem Interview auf die Frage, was denn seine Stelen bedeuteten, antwortete: “Gehen Sie doch in die Unibibliothek, dort finden Sie die Bedeutungen der Symbole! Das steht doch alles in den Büchern!” Bereits mehrere Male hatte ihm die Stadtverwaltung ein großzügiges Angebot für die Veräußerung des Areals unterbreitet, aber er wollte nicht verkaufen. Er nutzte es lieber weiterhin für die Dauerausstellung seines künstlerischen Schaffens. Soweit mir bekannt ist, hat sich das Ensemble der Skulpturen seit Jahren nicht verändert. Ich beginne mich zu fragen, ob der Bildhauer nicht schon gestorben ist. Mehr Bilder gibt es wie immer hier.

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Kleiner Junge

Donnerstag, 22. Februar 2007 22:43

JungeDieser kleine Junge belagerte mich während meines Mittagessens vergangenen Freitag. Ich besuchte ein kleines, billiges Restaurant in der Nähe des Bahnhofs. Er war das Kind der Besitzer und spielte zunächst ausgelassen vor dem Restaurant, bis er von seiner Mutter, die mich bediente, in den Innenraum zurückgeholt wurde. Dort wurde er dann auf mich aufmerksam. Er druckste am Anfang noch ein wenig herum, aber als ich mich freundlich mit ihm unterhielt, breitete er seine umfangreiche DVD-Sammlung vor mir aus und plapperte mir in seinem drolligen polnischen Kauderwelsch etwas vor, das ich nicht verstand. Als Krönung winkte er mich ungeduldig an den Bildschirm, als er hinter der Theke stand und sich seine Kinderfilme ansah. Ich zeigte ihm schließlich noch das Display meiner Digitalkamera und schoss dieses Foto, bevor ich mich von ihm und den Besitzern verabschiedete.

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Letzte Nacht

Dienstag, 20. Februar 2007 0:19

Die letzte Nacht hatte ich mich wieder ruhelos hin-und hergewälzt, ohne den dringend benötigten Schlaf zu finden. Das Gefühl, noch keinen Ort gefunden zu haben, an dem ich ich selbst sein durfte, verdichtete sich kurz vor dem Einschlafen zu einer diffusen, undurchdringlichen Masse des Schmerzes. Wenn ich meine Vergangenheit mit meiner Gegenwart vergleiche, stelle ich fest, dass ich keinen Menschen mehr kenne, mit dem ich über die Dinge sprechen könnte, die mich bewegen. Die brennende Sehnsucht, verstanden zu werden, war kaum auszuhalten und löste sich in einem Tränenstrom, der mich in eine Traumwelt mit erschreckenden und trostlosen Bildern entließ.

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Wirrsal der Träume

Montag, 25. Dezember 2006 22:20

Das erste Fragment beginnt damit, dass ich mich fluchend auf die Suche nach einem Stückchen blauen Draht begebe, das ich für den Anschluss einer Lampe benötige. Ich finde natürlich nichts und schimpfe unaufhörlich vor mich hin. Offensichtlich scheint mir das zu gefallen, denn der nächste Traum setzt diese Tendenz fort. Er beginnt in meinem Büro, in dem ich erfahre, dass jemand aus einer anderen Abteilung seinen Schlüssel verloren hat. Ich mutmaße, dass er einen Ersatzschlüssel von seiner Chefin bekommen hat. Ich weiß zwar nicht, inwieweit ich damit befasst bin, aber es reicht für den nächsten Ausbruch einer wahren Schimpfkaskade. Dabei fällt mir ein, dass ich ein neues Passwort für den Zugang zum Wissenschaftsnetz bekommen habe. Um das Passwort zu testen, suche ich nach einer geeigneten Workstation, finde aber nur einen Computer, der in einen Spalt zwischen einem Brett und der Wand gezwängt ist. Auf der Suche nach einem Computer, den ich bedienen kann, laufe ich durch das ganze Haus. Schließlich lande ich in der Notaufnahme, in der gerade der Schichtwechsel stattfindet. Die leitende Schwester bittet mich, eine Patientin in den Rollstuhl zu hieven. Erst danach könne sie sich um mein Anliegen kümmern. In einem abgedunkelten Raum jenseits des Flurs liegt eine HNO-Patientin in einem Patientenbett, die mit einer übernatürlich weit aufgerissenen, schwarzen Mundhöhle schnarcht und überhaupt eine riesige Körperfülle aufweist. Ich verstehe, warum mich die Schwester gebeten hat, ihr zu helfen. Sie weckt die Patientin reichlich unsanft und fasst sie schließlich mit beiden Armen unter den Kniekehlen, um sie in den Rollstuhl zu heben. Ich packe mit an, aber die Patientin ist wider Erwarten federleicht. Merkwürdigerweise springt sie aus dem Rollstuhl wieder hoch und geht völlig normal im Raum umher, um ihre Tabletten einzunehmen. Kurz darauf plagt mich ein anderes Bedürfnis, und ich suche eine Toilette. Ich finde eine ganze Reihe von Toilettenkabinen, die direkt an den Flur angrenzen, aber durch einen Vorhang nur notdürftig abgeschirmt werden. Auf der Suche nach abschließbaren Toiletten gelange ich durch eine Milchglastür in einen Umkleideraum, der zwar viele Spinde enthält, aber keine einzige Toilette. Der komplett geflieste Raum ist merkwürdigerweise nahe am Boden von armdicken Röhren durchzogen und wirkt wie eine Mischung aus einem Umkleideraum im Schwimmbad und einem Heizraum. Rechts und links stehen symmetrisch die Reihen der Spinde, während man über eine kleine Rampe auf eine leicht erhöhte Galerie gelangt, von der aus man den Raum überblicken kann. Als ich einen Mann, der dort oben steht, nach Toiletten frage, sieht er zunächst durch mich hindurch, als wäre ich aus Glas. Dann hält er zwei aufgeschnittene, rote Peperoni vor meinem Gesicht in die Höhe und stellt sie aufrecht auf eine Waage. Er versucht zwar, lustig zu klingen, ist aber höchst verärgert. “Sehen Sie! Alles für die Studenten!” Da mich die Studenten nicht interessieren und ich ganz dringend eine Toilette benötige, verlasse ich das Gebäude und stürme einen grasbewachsenen Hügel hinauf, wobei ich mich fallen lasse und vor Wut in einen Grasbüschel beiße. Dabei fällt mir mein Schlüssel aus der Hand und landet direkt vor meinen Augen. Auf einem Stück Blech, das mit dem Schlüssel am Schlüsselbund hängt, sind wichtige Hinweise eingraviert, die ich nicht entziffern kann, da ich sofort danach aufwache.

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Erinnerungen

Samstag, 23. September 2006 23:07

Vieles ereignete sich während dieser Januartage, tief eingeschneit vor dem atemberaubenden Panorama der Alpen, zwischen Musikinstrumenten, fiebriger Freude, der hoch aufgetürmten Bettwäsche. Wir lachten, wir tanzten, wir musizierten und lebten gleichzeitig einen Traum, den wir tief inhalierten, um ihn nie zu vergessen (wie wenig war er schon wert, als wir uns zum Abschied küßten und in die Arme nahmen). Ich sah dich an und war verliebt, ohne dass ich wußte, was Verliebtsein eigentlich bedeutete. Ich trug dich ins Bett, als du zu betrunken warst, um noch vom Boden aufzustehen. Mit beinahe brüderlicher Besorgnis deckte ich dich zu und küßte dich auf die Stirn, bevor du endgültig einschliefst. Ich schrieb ein Gedicht für dich. Wir tranken am Abend Baileys und Wein und bestaunten die helle, klare Nacht. Du hattest mich dazu überredet, zusammen mit dir die verrufenste Disco in unserem kleinen Städtchen zu besuchen. An diesen Besuch erinnere ich mich überhaupt nicht mehr. Nur noch an die niemals endenden Tage, im Herbst, mit dir. Die Panik, die mich überfiel, wenn wir uns nicht sehen konnten; ich glaubte, dann würde auch die Schönheit unserer Träume zunichte sein, und das fürchtete ich mehr als alles andere. Irgendwann kamst du zu mir nach Hause und schenktest mir eine Kassette mit der Musik, nach der ich schon so lange vergeblich gesucht hatte. Ich öffnete die beigefügte Karte, in der nur ein paar Zeilen standen, und darunter: “Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt”. Ich sah dich an, deine blonden Locken, dein süßes Lächeln, deine glänzenden Augen, und ich glaubte, mein Herz müßte jeden Augenblick zerspringen. Ich erinnere mich an deinen Duft, als ich dich berührte, küßte und in dich eindrang, als wir nebeneinanderlagen und die Kerze herunterbrannte, an die Schatten an der Wand und die Sterne, die wir durch das Dachfenster sehen konnten. Ich glaubte, nur noch eine Handbreit vom Glück entfernt zu sein.

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