Ich wollte,

ich könnte auch etwas schreiben, was nach lustiger Verzweiflung klingt. Kann ich aber nicht. Und warum rege ich mich überhaupt so auf, wenn eigentlich alles im Normalbereich ist. Der normale, dreckige, alltägliche Wahnsinn. Entweder ich mutiere jetzt auf der Stelle zum Arschloch oder ich stürze mich aus dem Fenster. Oder beides. Nein, so macht das keinen Spass mehr. Dafür, dass die Felsblöcke im Sekundentakt auf mich herniederprasseln, fühle ich mich eigentlich ganz lebendig. So lebendig wie der Frosch, der eigentlich ein Prinz war und von einem Auto überfahren wurde. “Jörg!”

Eigenheiten

Wenn es etwas gibt, das ich so sehr hasse, dass ich darüber zum Mörder werden könnte, dann ist es die ungewollte Zudringlichkeit wildfremder Menschen. Ich habe immer das Gefühl, dass ich mir nie etwas in Ruhe anschauen oder genießen kann, ohne dass auf der Stelle fünf oder sechs Personen auftauchen, die plötzlich genau dasselbe wollen wie ich, mich blöd von der Seite anquatschen, mich antatschen oder sich 5 Zentimeter vor meiner Nase aufbauen. Nur nicht stehen bleiben, nur nichts anfassen, nur nichts schön finden – das ist mittlerweile mein Mantra, wenn ich mich unter Leute begebe. Gut, dass ich normalerweise friedliebend bin und keine Waffen bei mir trage, denn andernfalls säße ich schon längst im Gefängnis.

Global playing

Der Chaostheorie zufolge löst der Flügelschlag eines Schmetterlings in Argentinien in China einen Taifun aus. Was ist, wenn, wie es im Sprichwort heißt, in Peking ein rostiges Rad umfällt? Verändert sich dadurch die globale Lage? Ich glaube schon.

Früher war es wirklich schön. Wir segelten in eine unbekannte Welt hinaus und gründeten Kolonien. Wieder zuhause ließen wir uns gemütlich vor dem Kaminfeuer nieder, wenn nicht gerade Krieg war, und träumten beim Genuss exotischer Mitbringsel vom edlen Wilden.

Der erste, dem auffiel, dass das eine trügerische Ruhe war, war Goethe. „Amerika, du hast es besser“, seufzte der alte Geheimrat, der Uneinigkeit Europas überdrüssig. Damit hatte er die wirtschaftliche Dynamik Chinas unterschätzt, wie Analysten heute sagen würden. Aber er besaß auch noch keine Aktien von China Online, wie mein Arbeitskollege (danke für den Tipp, übrigens). Er kannte auch die soziale Errungenschaft der 38,5-Stunden-Woche noch nicht. Denn sonst hätte er geschrieben: „China, du hast es besser.“ Weiterlesen

Pluto – wie es wirklich war

In einem Hinterzimmer der Gaststätte “Zum Astronomen”, das in einer abgelegenen Seitengasse der Stadt Kosmonia lag, traf sich jeden ersten Dienstag im Monat eine seltsame Versammlung alter, ergrauter Männer. Sie berieten darüber, wie man die starre und auf Dauer öde Ordnung des Universums ein wenig durcheinanderwirbeln könnte, natürlich nur auf dem Papier (in Wirklichkeit handelte es sich um eine wiederbeschreibbare Silberfolie mit einem durchschimmernden Wasserzeichen, das die Ringe des Saturn zeigte). In den letzten Jahren hatten sie einige wundervolle Ideen wie die Relativitätstheorie und die Existenz schwarzer Löcher ersonnen, aber im Moment mangelte es ihnen ein wenig an genialen Einfällen. Aus Langeweile malte einer der alten Männer, der mit seinem weißen Bart und seinen Locken aussah wie Gottvater persönlich, mit Kugelschreiber einen dunklen Punkt in sein Bierfilzl (das aus Pappe war. Darauf war eine hübsche kleine Szenerie abgebildet. Das Papamobil kreiste im Weltall und war zu einem Raumschiff umfunktioniert worden. Der Feuerstoß war in kreischend bunten Farben gezeichnet. “Marsbier – don´t drink and fly.”) “Was ist das?” fragte ihn sein Nachbar, ein hagerer Greis im braunen Schlafrock. “Ein schwarzes Loch?” “Nein, nein, der Pluto.” Er sagte nicht “Pluto”, sondern “Bludo”. “Mir war er als Planet noch nie besonders sympathisch. Ein vereister Felsbrocken, der irgendwo da draußen herumschwirrt.” Er strich sich über seinen Bart und nahm einen herzhaften Schluck vom “Marsbier silber”, das etwa unserem “Weizen light” entsprechen dürfte. “Genau wie tausend andere Felsbrocken”, sagte eine Stimme vom Tischende. Alle schwiegen. “Streichen wir doch diesen Pluto.” “Ja, genau. Die Blogger werden uns dankbar sein.” Sie gaben ihre einhellige Meinung dem Wirt bekannt und bestellten eine weitere Runde Marsbier. Und so verschwand der Pluto vom Himmel. Er war jetzt kein Planet mehr, sondern ein vereister Felsbrocken, der irgendwo da draußen herumschwirrte. Viele Väter zeigten in klaren Nächten auf einen leeren Platz im Weltgefüge, bückten sich zu ihren Söhnen hinunter und flüsterten: “Sieh! Dort war einst Pluto, der verschwundene Planet.” Sie sagten nicht “Pluto”, sondern “Bludo”.