Zwei scharze Stiere

Ich laufe eine sehr steile Freitreppe nach oben, die zur Außenanlage eines Schlosses oder einer Residenz etwa aus der Zeit des Barock oder des Rokoko gehört, und gelange schließlich atemlos auf eine sehr große, quadratische Plattform. Es ist ein lauer Sommerabend kurz nach Sonnenuntergang, und gegenüber sehe ich das saftige Grün eines schattigen Waldes. Als ich nach unten blicke, sehe ich ein dynamisches Paar von zwei sehr wilden, schwarzen Stieren auf der Treppe nach oben preschen, die bald auf mich als Blitzableiter ihrer ungeheuren Energie treffen werden. Ich stoße sie an den Hörnern wieder zurück und bin freudig überrascht über ihre ungezügelte, überwältigende Kraft. Einer der beiden Stiere gibt jedoch nicht auf und jagt erneut mit einer unglaublichen Geschwindigkeit nach oben, um mich in einem erneuten Versuch mit seinen Hörnern aufzuspießen oder zu Boden zu werfen. Ich überlege kurz, mich auf den schmalen Vorsprung zu retten, der die Treppe säumt. Als ich so hoch über der Stadt herumtänzele, schäumt der schwarze Stier zu meinen Füßen vor Wut. Ich steige die Treppe etwas weiter hoch; rechts von der Treppe befindet sich ein schwarzer, schmiedeeiserner Gitterzaun vor einer Kirche, der eine kleine Altarnische mit darüber angebrachten Kreuz an der Kirchenmauer vor den vorbeieilenden Passanten schützt. Die kleine Türe quietscht in den Angeln, als ich sie öffne. Auf der anderen Seite des Gitters locke ich den schwarzen Stier spielerisch in diesen geschützten Raum, indem ich die Tür provozierend hin- und herschwenke. Als der Stier den Zugang durchquert, verwandelt er sich in einen aufrecht gehenden Menschen mit einem schwarzen Umhang. Hier bekomme ich ihn nun endlich zu fassen und drücke ihn sehr fest in die Altarnische unter das Kreuz. „Glaubst du an Gott?“, frage ich mein Gegenüber, das mich voller Angst ansieht. Ich bekreuzige mich mehrere Male und lasse dann mit der Gewissheit von ihm ab, dass er mich in Zukunft nicht mehr belästigen wird.

Assoziationen: Festung Marienberg in Würzburg, Residenz in Würzburg, Stierkampf, Sternzeichen Stier

Das Hotel und der Schalter

Ich habe in einem ungewöhnlichen Hotel Quartier bezogen, dessen Gänge gewunden und sehr eng sind. In einem matt beleuchteten Gang steht mitten auf dem roten Teppich eine Säule, an der ich mich nur mit größter Mühe und Not vorbeiquetschen kann. Leider muss ich, um zu meinem Trakt zu gelangen, immer diesen Gang benutzen. Ich habe außerdem die Aufgabe, einen Schalter zu betätigen, der in einer kleinen und versteckten Nische in einem Quergang untergebracht ist. Mit dem ersten Schalter kann ich die elektrische Versorgung eines anderen Bauteils an- und wieder ausschalten, während ich mit dem zweiten verschiedene bläuliche Licht – und elektrische Effekte erzeugen kann. Kurz darauf erfahre ich auch, dass diese Effekte in einem museumsähnlichen Saal zu Schau gestellt werden. Der Hotelbesitzer hat einen Vertrag mit einem Werbeunternehmen abgeschlossen, in dessen Werbekonzept ich eine tragende Rolle spiele. Ich soll einige Bekannte einladen und sie, ohne dass sie mich sehen können, in diesen Saal lotsen, in dem sie auf mich warten und die Lichteffekte bestaunen sollen. Gleichzeitig soll ich Ihnen das Gefühl vermitteln, ich befände mich bereits unter ihnen, bis ich leibhaftig vor ihnen erscheine. Diese Sequenz mit der abschließenden Überraschung wird filmisch festgehalten und dient als Grundlage für den Werbetrailer eines Luxusprodukts. Als Gegenleistung darf ich umsonst in diesem Hotel nächtigen. Zweimal hintereinander läuft alles tatsächlich so ab, wie es das arg umständliche Drehbuch vorsieht – meine Bekannten strömen aus einer dunklen, kalten und sehr großen Vorhalle in den Saal, ich betätige die Schalter und laufe dann selbst zum Saal, um sie zu begrüßen. Beim dritten Mal jedoch ist es wie verhext – ich komme viel zu spät zum Schalter. Wie um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, drücke ich ihn zu oft und zu heftig. Das Metallgehäuse, in das der Schalter eingelassen ist, löst sich aus der Wand. Dahinter befinden sich die Kabel und ein beleuchteter Hohlraum mit einem Zettel – ein Vertrag, den der Hotelbesitzer aufgesetzt hat. Mit Bleistift hat er darauf den Betrag festgehalten, mit dem meine Unkosten beglichen werden sollen, nämlich 10 Euro für jede Betätigung des Schalters. Als ich das lese, steigt langsam Wut in mir hoch. Ich wußte nicht, dass ihm meine Mitwirkung so wenig wert ist. Dennoch haste ich zum Saal, um zu retten, was noch zu retten ist. Aus dem Saal strömen mir jedoch schon hustend meine Bekannten entgegen. Eine mir unbekannte, junge Frau sieht mich an und meint: „Geh besser nicht hinein…“

An der Rezeption unterhalte ich mich mit den Empfangsdamen. Die Dame links von mir trägt ein rotes, wadenlanges Kleid, während ihre Kollegin mit einem Top aus denselbem Stoff bekleidet ist. Ihre Oberkörper gleichen sich deswegen bis in die Details – sogar das Dekollete der beiden Damen ist nicht zu unterscheiden. Ich kann mich vom Anblick ihrer Brüste, die sich unter der Kleidung abzeichnen, nicht losreißen und bin sehr verwirrt.

Assoziationen: Milgram-Experiment, atmosphärisch stark an den Film „A beautiful mind“ erinnernd

Balance

Es ist so schwer, die Balance zu halten. Hätte ich einen Stab wie die großen Künstler oder wenigstens ein Seil unter meinen Füßen, ich würde leicht wie eine Feder darüberhüpfen und würde keinen Gedanken daran verschwenden, was hinter mir oder vor mir liegt. So aber taste ich mich wie ein schweres, scheues Tier immer eine Handbreit weiter durch den Nebel vor. Wenn doch jemand käme und mir den Weg zeigte, wenn jemand wüßte, wie es um mich bestellt ist, ich würde ihn fragen können, und er hätte eine Antwort für mich. Obwohl ich schon fehlgehe, obwohl ich schon stürze, ich höre nichts. Es ist, als wäre ich weich gebettet, und ein fürchterlicher Alp hüllte mich ein wie eine wärmende Decke, während er sanft, aber mit Nachdruck auf meine Brust drückte.

Spiel des Lebens

Früher drehte ich am Glücksrad, fuhr ein flottes Plastikauto und steckte rosa und hellblaue Plastikstecker in die noch freien Plätze, die meine Frau und diverse Kinder symbolisierten. Ich ergriff einen lukrativen Beruf, und zum Schluss kam ich in der herrschaftlichen Villa an und zählte meine unterwegs aufgesammelten Geldscheine.

Nach dieser Woche kommen mir Zweifel an dieser bunten, allzu träumerischen Version des Lebens. Nicht, weil meine eigenen Seifenblasen geplatzt wären, sondern weil ich mich in dieser Woche ganz nahe an andere heranwagte und intensiv deren Wünsche, Sehnsüchte und Ängste spürte. G., die sich nach unserem gemeinsamen Abend im Bistro R. nicht getraut hatte, mich um eine Berührung zu bitten. Nach zwei Tagen sagte sie mir, sie hätte von unserem Spaziergang im Dörnbergpark und von den blauen Lichtern der Taschenlampen geträumt, die wir gesehen hatten. I., der ich davon erzählte und die mich daraufhin voller Eifersucht fast mit vorgehaltener Pistole und mit Geschenken für die bestandene Prüfung dazu zwang, mit ihr am Freitagabend auszugehen. B., der es nicht lassen konnte, sich bei der Kursleitung als Kurssprecher massiv über einen Dozenten zu beschweren und unseren Kurs dazu nötigte, Beurteilungsbögen auszufüllen, während ich den Dozenten nicht ins offene Messer laufen lassen wollte und ihn vor dem Unterricht über das geplante Scherbengericht informierte.

Ich selbst arbeite gerade weg, was sich in meinen Ablagen während der letzten Wochen angesammelt hat, mit dem beruhigenden Gefühl, einen kleinen Wendepunkt in diesem arbeitsintensiven Jahr erreicht zu haben. Meine Gefühle bewegen sich ganz merkwürdig zwischen Himmel und Hölle. Vielleicht auch deswegen, weil von meinen guten Vorsätzen nicht ein einziger übrig geblieben ist – bis auf den, vor Konflikten nicht wegzulaufen, sondern sie auszuhalten. Die herrschaftliche Villa ist noch in weiter Ferne, und das ist auch gut so.

Neujahrstraum

Ich befinde mich in China und besichtige in der Nähe der Metropole Shenzen einige Fabriken, die Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs produzieren. Mein persönlicher Begleiter ist ein hoher Parteifunktionär der KP Chinas, der die Aufgabe hat, sich um ausländische Gäste zu kümmern; ich übersehe ihn aufgrund seiner Körpergröße ständig (eigentlich nehme ich nur seine pechschwarzen, sorgsam frisierten schwarzen Haare wahr), höre aber dafür um so eindringlicher seine Stimme neben mir. Die Fabriken liegen in einem riesigen Gewerbegebiet und bestehen aus großen Hallen, deren metallische Außenhaut in der Sonne glänzt. Auf den Straßen hat sich der neu gefallene Schnee in Schneematsch verwandelt, während die Straßen selbst wieder mit einer leichten Eisschicht bedeckt sind. Die Besichtigung ist abgeschlossen, und mein Begleiter lädt mich ein, mit ihm in einem winzigen Arbeiterlokal in der Nähe eine Spezialität dieser Region zu probieren. Ich rutsche mit den Füßen die gefrorene Straße hinab auf eine blaue, schmale Wegweisertafel zu, auf der in weißer Schrift teils in chinesischen Schriftzeichen, teils in römischen Buchstaben die einzelnen Firmen verzeichnet sind, und habe Angst, sie in voller Fahrt umzustoßen. Glücklicherweise komme ich aber kurz vor ihr zum Stehen. Weiterlesen

Noch jemand buchlos?

Frau Jules löst einen winzigen Bruchteil ihrer gigantischen Bibliothek* auf, um Platz zu schaffen. Wer also selbst noch in Kürze heimatlose Bücher* bei sich zuhause aufnehmen will, kann dies zu äußerst günstigen Konditionen hier tun. Die Liste ist jedenfalls gespickt voll mit 225 lesenswerten Titeln.

(*Spontane Assoziationen zu Elias Canettis „Die Blendung“ sind völlig unbeabsichtigt.)

Mein Fazit 2008

„Ich drehe den Spieß innerlich um: Nicht ich stehe der Situation zur Verfügung, sondern die gesamte Situation steht ab sofort mir zur Verfügung.“ Olaf Jacobsen

  • Ich habe gelernt, einseitige Beziehungen rasch und kompromisslos zu beenden (ein weiterer Schritt dazu, im entscheidenden Augenblick nein zu sagen). Anderes habe ich dagegen gründlich wieder vergessen.
  • Mein 30-seitiger Beitrag „Medizinprodukterecht aus Sicht des Betreibers – eine Herausforderung für das Qualitätsmanagement (Teil 1)“ wurde im Dezember im Nachschlagewerk „Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen“ der TÜV Media GmbH Köln veröffentlicht.
  • Ich habe das Gefühl, allmählich als Experte anerkannt zu werden. Das kann aber auch einen erheblichen Nachteil bedeuten: nämlich dann, wenn ich dadurch gezwungen bin, meine zeitlichen Ressourcen sinnvoll einzusetzen und abzuarbeitende Dinge streng zu priorisieren. Die wahren Zeitfresser liegen schließlich in der Vor- und Nachbereitung von Projekten. Und am Abend bin ich nach einem Besprechungsmarathon oft so leer, dass ich selbst bei größter Disziplin und Konzentration nur noch fehlerhafte Berichte schreibe.
  • Die Prüfungen für die „Handlungsfeldübergreifende Qualifikation“ als Fachwirt liegen hinter mir. Ich habe alle drei Prüfungsteile bestanden, wenn auch nicht so glanzvoll, wie es andere vorhergesagt hatten. Geprüft wurden: 1. Aspekte der Volks- und Betriebswirtschaft, Recht und Steuern; 2. Unternehmensführung, Controlling und Rechnungswesen; 3. Personalwirtschaft, Informationsmanagement und Kommunikation. Meine Punktzahl verteilt sich wie folgt: 1. 70, 2. 87 und 3. 79 von jeweils 100 Punkten. Ich hätte mehr Zeit in meine persönliche Vorbereitung investieren müssen, um besser abzuschneiden. Kurz vor der Prüfung gab ich jedoch anderen Kursteilnehmern noch Nachhilfeunterricht (in Rechnungswesen, wo sonst! *g*).
  • Hinter einigen persönlichen, aber auch beruflich bedingten Begegnungen steht noch mehr als ein Fragezeichen. Ich bin gespannt, wie sich manche Kontakte, die ich in diesem Jahr geknüpft habe, im nächsten Jahr entwickeln werden.
  • Mein Einzelkämpferdasein fand 2008 definitiv ein Ende. Und die neue Bürogemeinschaft hatte für mich persönlich viele positive Effekte.
  • Ich bekam die gewünschte Unterstützung in Form einer studentischen Hilfskraft. Die Arbeit mit ihr ist aber oft ein Drahtseilakt zwischen Sympathie und Pflicht.

Vielleicht gelingt es mir ja 2009, den oft vermissten, kleinen Glücksmomenten mehr von der Zeit einzuräumen, die sie brauchen, um sich zu entfalten.

Verkauf der Partnerin

Ich haste eine Treppe zu einer Freiterrasse hoch, die sich außen um ein Gebäude schlängelt. Es ist ein modernes, lichtdurchflutetes Gebäude, das im Inneren ein großzügig geschnittenes Restaurant beherbergt. Das Restaurant ist überfüllt und bis auf den letzten Platz mit Leuten besetzt, die ich aus der Arbeit zu kennen scheine. Der Sonnenschutz besteht aus vor den riesigen Glasflächen aufgehängten Lamellen aus hellem Holz. Auch die Bohlen der Freiterrasse, die dort stehenden Tische und Stühle sind aus denselbem Holz gefertigt. Auf der Freiterrasse treffe ich auch zwei elegant in Frack gekleidete Herren mit Zylinder, die eher in das London des 19. Jahrhunderts als hierher zu passen scheinen. Sie wollen mir einen Kredit in Höhe von einer Million Euro anbieten, dessen Konditionen ich nun mit ihnen aushandeln will. Die berufliche Zukunft der anwesenden Menschen hängt davon ab, ob ich diesen Kredit bewilligt bekomme, und sie sind während der Unterhaltung mit halbem Ohr anwesend. Die beiden Herren eröffnen das Gespräch sehr herablassend: „Was wollen Sie denn haben?“ „Eine Million“, antworte ich Ihnen. „Nun, Sie können aber auch weit mehr haben.“ „Gut“, sage ich, „drei Millionen“ und strecke Ihnen meine Hand hin, um das Geschäft zu besiegeln. Einer der beiden schlägt schlaff ein. „Nun zu den Konditionen. Was verlangen Sie?“ Ich stehe noch immer am Tisch und habe mich nicht gesetzt. Ich bin voller Schwung und überschlage im Kopf schon die Kosten für die Zinsen, die ich im nächsten Augenblick erfahren werde. Die beiden Herren zieren sich. „Wir wollen nun, äh, Ihre Partnerin.“ Und nach einer Pause: „Es wäre natürlich sehr hilfreich für uns, wenn die Trennung von Ihnen ausgehen würde.“ „Wie in aller Welt kommen Sie denn darauf, dass Sie sich Ihnen in die Arme wirft, nachdem ich mich von ihr getrennt habe?“ Ich denke fieberhaft darüber nach, ob ich nun tatsächlich meine Partnerin verkauft habe und ob das überhaupt möglich ist, während ich mich mit den beiden Herren unterhalte. An dieser Stelle wache ich auf.

Der Ausflug ins Gebirge

„Ich weiß nicht“, rief ich ohne Klang, „ich weiß ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses getan, niemand hat mir Böses getan, niemand aber will mir helfen. Lauter Niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur dass mir niemand hilft -, sonst wäre lauter Niemand hübsch. Ich würde ganz gern – warum denn nicht – einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemande aneinanderdrängen, diese vielen quergestreckten und eingehängten Arme, diese vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, dass alle in Frack sind. Wir gehen so lala, der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen.“

Franz Kafka