Wind of change

„Überall weht er, nur nicht bei mir…“ Das fiel mir unwillkürlich vor wenigen Wochen ein, als ich in der Nähe von Fulda einen kleinen Abendspaziergang unternahm und die sich drehenden Windräder betrachtete. Knapp zwei Wochen später erhielt ich das Angebot, in eine andere Abteilung zu wechseln. Ich sagte ohne Bedenkzeit sofort zu, meldete mich zur nächsten Stufe meiner berufsbegleitenden Weiterbildung an und reaktivierte einen lange unterbrochenen Kontakt zu einem Menschen, der mir sehr viel bedeutet. Die aufkeimenden Zweifel und das Gefühl, die Tür zu einer vielversprechenden Zukunft aufgestoßen zu haben, verwandelten mein Gefühlsleben in eine Achterbahnfahrt. Ich merke deutlich, dass ich momentan sehr viel Zeit ich für mich selbst brauche, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen und mich an die neuen Perspektiven zu gewöhnen. Ich ziehe mich unbemerkt, aber stetig von anderen zurück, und es gibt derzeit niemanden, dem das auch nur ein bißchen auffallen würde. Es mag zwar jetzt der Samen gelegt worden sein, aber es ist noch nichts entschieden und kaum mehr als eine Möglichkeit. Ich kann selbst fast nichts dafür tun, dass sich die Möglichkeiten in handfeste Realität verwandeln. Mit meinen Verträgen als freiberuflicher Dozent ergeht es mir bei verschiedenen Bildungsträgern ähnlich – die Termine für die Seminare sind bis Ende 2011 fixiert, ich sitze regelmäßig ein paar Stunden über meinen Präsentationen, aber sobald die Veranstaltungen in greifbare Nähe rücken, erhalte ich einen Anruf, dass die Kurse aufgrund einer zu geringen Teilnehmerzahl abgesagt werden müssen. Auf diese Weise bin ich zwar mit umfangreichen Vorbereitungen beschäftigt, sehe aber kein Geld dafür.

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Sturm

Ich erwache wie von einem Donnerschlag und stehe sofort auf, da ich ein schlimmes Ereignis befürchte, das unmittelbar bevorsteht. Ich blicke aus dem Fenster und bin für einen Augenblick ziemlich verwirrt: ich blicke wie von einem sehr hohen Punkt aus auf das südliche Tal hinter dem Universitätsklinikum hinab und stehe doch nur an der mir bekannten Fensterfront vor den Kursräumen im rückwärtigen Teil des Klinikums; zudem bin bin überrascht darüber, dass ich vor einem der Kursräume mein Lager aufgeschlagen habe. Über dem Tal türmt sich ein kompakter, gewaltiger Hexenkessel aus pechschwarzen Wolken auf, in dem einzelne Blitze zucken. Er dreht sich in einer rasenden Geschwindigkeit und bildet schließlich einen Tornado, der ganze Häuser wie Streichhölzer in der Mitte auseinanderbricht und wegfegt. Ich bin erleichtert, als ich bemerke, wie sich das Auge des Sturms langsam von den Gebäuden des Klinikums wegzubewegen scheint. In der sich lösenden Anspannung kommt mir plötzlich auch meine grelle Panik zu Bewusstsein.

Nach einem kurzen Schwenk nach links durch die Glastüren, die zur Kinderklinik führen, sehe ich meinen Kollegen M. an einem Patientenmonitor herumhantieren. Er steht etwas weiter weg in einem der rundum verglasten Aufenthaltsbereiche am Ende der C4-Spange und überprüft dort die Netzwerkeinstellungen der Monitore. Ich bin froh, dass er bei uns im Haus arbeitet, da er der einzige ist, der das eben zusammengebrochene Netzwerk wieder instandsetzen kann. Ich bin ihm geistig so nahe, dass es mir irgendwie gelingt, mittels Gedankenübertragung Kontakt zu ihm aufzunehmen. Aber er scheint nur am Rande von mir Notiz zu nehmen, und als ich ihn nach seiner Funknummer frage, antwortet er gedehnt: „Ich habe den 0050-er.“ Er ist auf das Problem mit dem Netzwerk fokussiert, während ich voller Unruhe auf seine Person fokussiert bin und an seinen Lippen hänge. Er allein kann momentan noch die Krise abwenden.

Ich wünsch mir was. Teil 1: Der ideale Job

Heute habe ich zufällig den Rat aufgeschnappt, man solle seine Wünsche so präzise und deutlich wie möglich niederschreiben, damit man ihnen eine Chance zur Verwirklichung gibt. Diesen einen Rat will ich ausnahmsweise mal befolgen, und daher phantasiere ich mir ganz verantwortungslos und egoistisch gleich mal meinen idealen Job zusammen:

  • Ich fahre jeden Tag ausgeschlafen in die Arbeit. Das bedingt aber auch, dass ich erst später als bisher mit dem Arbeiten beginne und auch später wieder aufhöre. Am besten wäre eine regelmäßige Arbeitszeit zwischen 10.00 und 18.00 Uhr.
  • Wenn ich untertags eine Pause brauche und keine wichtigen Besprechungstermine anstehen, kann ich mir eine Auszeit nehmen. Es gibt niemanden, dem ich dafür Rechenschaft ablegen muss.
  • Meine Agenda hat eine gewisse Gültigkeit, das heißt, wenn ich in einem wichtigen Projekt stecke und dafür meine komplette Arbeitszeit benötige, wird das beachtet und respektiert. Ich werde nicht mit tausend anderen zu erledigenden Aufgaben nebenher zugeschüttet und kann mich voll und ganz auf eine Aufgabe konzentrieren.
  • Das Gehalt ist meiner Tätigkeit angemessen. Ich habe nicht das Gefühl, laufend übervorteilt und als billiger Arbeitssklave missbraucht zu werden. Es reicht, um die laufenden Ausgaben zu decken und einen guten Anteil nebenher sparen zu können.
  • Ich arbeite in einem kleinen Team aus Spezialisten, die etwas von ihrer Sache, die nicht meine Sache ist, verstehen. Das Arbeitsklima ist freundlich und aufgeschlossen, aber meistens aufgabenorientiert.
  • Mein Vorgesetzter gibt mir klare Zielvorgaben und klare Rückmeldungen. Ich weiß immer, woran ich mit ihm bin. Ansonsten läßt er mir weitgehend freie Hand und traut mir selbständiges Arbeiten zu. Wenn er mich um einen Rat bittet, hört er mir zu und läßt mich im Gegenzug an seinen eigenen Gedanken und Ideen teilhaben. Er vertraut meiner Expertise.
  • Ich arbeite in einem Großraumbüro, habe aber die Möglichkeit, auch tageweise ein Einzelbüro nutzen zu können, je nach Lust und Laune.
  • Mein Hauptaufgabengebiet ist Kommunikation, Wissen und Begegnung. Ich bringe Menschen zusammen, moderiere und kann im Hintergrund kreativ gestalten.
  • Ich habe einen inoffiziellen Sparringspartner, mit dem ich die verrücktesten Ideen durchspielen kann. Ab und zu trinken wir mal ein Bier zusammen.
  • Der Besuch von Weiterbildungen, Seminaren und Schulungen wird in jeder Hinsicht gefordert und gefördert.
  • In Verhandlungen oder bei Treffen mit externen Geschäftspartnern werde ich, wenn es mein Aufgabengebiet betrifft, einbezogen und um Stellungnahme gebeten.
  • Das Umfeld ist professionell, aber keinesfalls steif.
  • Es gibt feste Jahrestermine. Einen gewissen Teil des Jahres verbringe ich auf Reisen.
  • Es gibt zumindest eine zuverlässige und fleißige Person, an die ich einen Teil meiner Arbeit delegieren kann.

Ja, all das, in den buntesten Farben ausgeschmückt, wünsche ich mir. Mal sehen, ob es mit der Beschreibung der idealen Beziehung auch so leicht wird.

Gequakel

Ich habe bestimmt nichts gegen kommunikative Menschen. Aber die Dauerbeschallung der letzten Monate ging an mir nicht spurlos vorüber. Immer, wenn ich im Büro sitze und ich den stundenlangen, lautstarken Ausführungen meiner Zellengenossin am Telefon oder mit hereinschneienden Menschen unterschiedlichster Coleur folgen muss, schaltet mein Gehirn in einen Stand-by-Modus, der gierig auf die nächste Chance zur Konzentration wartet. Das geht so weit, dass ich einen Vorgang vom Stapel nehme und seufzend wieder zurücklege, weil ich mich momentan nicht damit beschäftigen kann. Ich habe den starken Verdacht, dass meine Arbeitsleistung im Vergleich zu früher stark nachgelassen hat. Heute benötigte ich für ein simples Anschreiben mehrere Anläufe, um es dann nach zwei Stunden verschicken zu können; ich weiß nicht, ob daraus für den Leser klar hervorgeht, was ich eigentlich will. Die Tür unseres Büros steht den ganzen Tag über weit offen, und jede der zig Personen, die täglich daran vorbeigehen, könnte der nächste potentielle Gesprächspartner werden. Sicherlich willkommene Abwechslung, ja, aber doch erst nach einigen Stunden konzentrierter Arbeit. Wenn meine Zellengenossin wahllos jede Chance zur Ablenkung und Zerstreuung ergreift, ist an eine wirkliche Erledigung meiner dringendsten Arbeiten kaum zu denken. Und ich hasse es, im Laufe meines Beruflslebens immer wieder in die ungeliebte Rolle des Spaßverderbers gedrängt zu werden, wenn ich ein so offensichtliches Thema anspreche. Ein Ausweichen auf andere Arbeitszeiten ist kaum möglich, denn dazu müßte ich sehr viel früher ins Büro kommen. Abends bleibt meine Kollegin bis zur absoluten Grenze des Gleitzeitrahmens, um Stunden aufzubauen – aber auch hier bleibt bis knapp vor Sonnenuntergang das wasserfallartige Mundwerk Trumpf. Ich bin kaum zwei Wochen da und nähere mich schon wieder dem Zustand vor meinem Urlaub an, den ich vor ein paar Wochen als abartig schlimm empfunden habe. Es gäbe soviel zu tun, aber ich habe keine Gelegenheit dazu. Über allem ergießt sich die Sauce eines ungestillten Mitteilungshungers, der jeden klaren Gedanken unmöglich macht. Ich atme auf, wenn sie aufsteht, ihre Sachen zusammenpackt und einen Besprechungstermin andernorts ankündigt. Und dabei verstehen wir uns eigentlich noch ganz gut.

Je confesse

Ja, ich habe mich schuldig gemacht. Zwei Wochenenden hintereinander trug ich ganze Wälder in Papierform durch meinen Stadtteil und steckte sie in Postkästen, deren Besitzer sie in der Regel ohne Umschweife in der – hoffentlich! – Papiertonne entsorgten. „Tip“, „real“ und „Bayernpark“ hießen die bunt bedruckten Pamphlete, die ahnungslose, unbescholtene Bürger zum Konsum von Waren und Dienstleistungen animieren, ja regelrecht aufpeitschen sollten, von deren Vorhandensein sie bis dato keine Ahnung hatten. Ach, hätte ich doch Trinkgelder entgegennehmen dürfen…aber nein, ich habe mich entschieden. Damit ist jetzt Schluss. Den vielfältigen sich bietenden Konsummöglichkeiten stand dann doch ein durchschnittlicher Stundenlohn von wenig mehr als 3 (in Worten: drei) Euro etwas hinderlich im Wege…

Da fällt mir ein: ich wollte schon immer mal aufschreiben, was ich alles verbrochen habe, um Geld zu verdienen. Also frisch ans Werk: Nachhilfelehrer, Finanzmanager, Museumswärter, Schauspieler, Musiker, Bildhauer, Krankenpflegehelfer, Reinigungskraft, Dekorateur, Tankwart, Stromzählerableser, Einkäufer, Administrator, Verkehrszähler, Fließbandarbeiter, Lagerarbeiter, Lastwagenbefüller, Erdbeerverkäufer und, zu guter Letzt, Qualitätsmanager. Ich glaube, am erfolgreichsten war ich als Tankwart. Das ist auch einer dieser aussterbenden Berufe, die so personalintensiv (iiih!) sind. Irgendwann wird es nur noch Tankstellen geben, an denen man am Automaten mit EC-Karte zahlt, und ein Roboter haut einen Eimer Wasser auf die Windschutzscheibe und zerkratzt sie beim Putzen. Aber gratis, bitteschön.

Geschlaucht

In dieser Woche fand ich kaum Zeit für meinen Blog. Hinzu kamen zwei Tage Internetentzug, nach denen ich mir die Frage stelle, welchen zusätzlichen Nutzen eine zweite, virtuelle Realität haben könnte beziehungsweise welche Dinge sie nicht nur abbildet. Ja, Netzwerke, ich weiß. Haha. Egal. Ich besuchte am Dienstag und Mittwoch einen Medizintechnikkongress in Würzburg und musste meine bisherige Ansicht, dass in technischen Berufen eitle Selbstdarsteller weniger stark vertreten sind als in anderen Tätigkeitsfeldern, leider revidieren. Ich konnte aber wirklich gute Gespräche führen und neue Kontakte knüpfen. Ein mir bisher nur dem Namen nach bekannter Techniker eines anderen Krankenhauses in R. begleitete mich auf der Rückfahrt und gab mir einen wertvollen Tipp. Leider hatte ich viel zu wenig Zeit und Lust, um Würzburg ein bißchen besser kennenzulernen, und so schleppte mich am Mittwoch in der nachmittäglichen Affenhitze durch den Hofgarten der Residenz und die Altstadt, um wenigstens ein paar kümmerliche Beweise meiner Anwesenheit auf die Speicherkarte meiner Kamera zu bannen. Am Donnerstag improvisierte ich eine Schulung für ein kleines Grüppchen neuer Pflegekräfte, die aber gerade wegen der mangelhaften Vorbereitung sehr gut, harmonisch und rund wurde – bis auf die Tatsache, dass mitten in meiner Schulung ein Patientenmonitor ausstieg, dessen Akkukapazität gerade mal für zwanzig Minuten reichte. Ich will nicht verschweigen, dass das bei überwachungspflichtigen Patienten für die begleitenden Pfleger oder Schwestern nicht gerade prickelnd ist. Heute hingegen war mir alles zuviel: Menschen, Wetter, Arbeit, Vergnügen. Darf das? Ja, darf. Ich bin ja kein Perpetuum Mobile. Darum sitze ich jetzt hier bei Kerzenschein, höre Norah Jones und beobachte das heraufziehende Gewitter.

Gemischte Gefühle

Warum kippt ausgerechnet dieses sonnige Frühlingswochenende? Warum ist mir nicht ein kleines Quantum Stabilität gegönnt, das ich brauche, um mich sicher zu fühlen? Ein, zwei Jahre würden als Verschnaufpause durchaus reichen. Könnte es nicht einmal so einfach sein wie bei anderen? Statt dessen beschleunigt jetzt auch noch die defekte Waschmaschine den freien Fall meines Kontostands nach unten, von rot nach tiefrot. Und schon wieder tritt diese Belanglosigkeit eine Welle los, die das Potential hat, mir auch noch die letzte Freude am Leben zu vergällen. Ich bin das gegenseitige Aufrechnen von Schuldgefühlen so leid, weil das Ergebnis ja schon feststeht und sich nicht ändert. Ich hoffe, dass ich morgen wenigstens meinen Chef in genießbarer Stimmung antreffe. Aber wenn sich diese Tendenz so fortsetzt, kommt er morgen entweder überhaupt nicht oder fertigt mich in zwei Minuten brutal ab. Ich sehe der Woche also durchaus mit gemischten Gefühlen entgegen.

Global playing

Der Chaostheorie zufolge löst der Flügelschlag eines Schmetterlings in Argentinien in China einen Taifun aus. Was ist, wenn, wie es im Sprichwort heißt, in Peking ein rostiges Rad umfällt? Verändert sich dadurch die globale Lage? Ich glaube schon.

Früher war es wirklich schön. Wir segelten in eine unbekannte Welt hinaus und gründeten Kolonien. Wieder zuhause ließen wir uns gemütlich vor dem Kaminfeuer nieder, wenn nicht gerade Krieg war, und träumten beim Genuss exotischer Mitbringsel vom edlen Wilden.

Der erste, dem auffiel, dass das eine trügerische Ruhe war, war Goethe. „Amerika, du hast es besser“, seufzte der alte Geheimrat, der Uneinigkeit Europas überdrüssig. Damit hatte er die wirtschaftliche Dynamik Chinas unterschätzt, wie Analysten heute sagen würden. Aber er besaß auch noch keine Aktien von China Online, wie mein Arbeitskollege (danke für den Tipp, übrigens). Er kannte auch die soziale Errungenschaft der 38,5-Stunden-Woche noch nicht. Denn sonst hätte er geschrieben: „China, du hast es besser.“ Weiterlesen