Morgens, mittags, abends…

…sitzt er auf seinem Rucksack, raucht und schweigt. Er beobachtet uns, als wären wir interessante Wesen, über die er nur den Kopf schütteln und lachen, die er aber nicht begreifen kann. Und ja, er starrt vor Schmutz, seine Haare sind verfilzt, sein Gesicht ist eine Kraterlandschaft. Einige gehen nur in einem weiten Bogen an ihm vorbei, denn er hat noch einen weiteren Makel, der ihn in den Augen seiner Mitmenschen entstellt: einen großen, zweiten Kopf, der ihm an der Halswirbelsäule angewachsen ist und sich auf seinen Schultern ausruht. An all das hat er sich langsam und schmerzhaft gewöhnt, als müßte er sich in sein Dasein und seinen Körper wie in einen zu engen Anzug zwängen, den er nach einer Weile nicht mehr spürt. Aber sein Leben ist nicht ohne Licht, nicht ganz elend, nicht ohne Hoffnung, und vielleicht würde er, wenn ihm jemand anböte, das Geld für die Entfernung seines zweiten Kopfes zu zahlen, antworten: „Aber dann kann ich ja nicht mehr denken!“ und den Menschenfreund mit seinen blauen Augen listig anfunkeln. Im Sommer übernachtete er im gläsernen Vorbau der Jakobskirche unter den abgasbefreiten, romanischen Sandsteinreliefs des Nordportals. Jetzt sitzt er, die einzig wahre Traditionsgaststätte am Ort bewachend, vor ihren bunten Fenstern auf dem Bürgersteig. Und raucht und schweigt.