Positionen im Atheismusstreit

Dass sich Atheisten und Theisten so unversöhnlich gegenüberstehen, liegt aus meiner Sicht vor allem an der Krise der wissenschaftlich-empiristischen Methode. Der Kanon naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle ist ja nicht so festgefügt, wie es gerne unkritisch nach außen vermittelt wird, sondern unterliegt – ähnlich wie die hermeneutisch sich wandelnden Ideen und Theorien der Geisteswissenschaften – einem unaufhaltsamen Prozess der Falsifizierung oder etwas präziser: Validierung. Wir gelangen nicht an ein Ende unseres Verständnisses. Im Gegenteil: hinter jeder Tür, die aufgestoßen wird, öffnen sich mindestens zwei neue.

Streng empiristisch würde ich also daraus ableiten können, dass die Welt als Ganzes schlicht und einfach unerklärlich ist. Hier lauert schon die nächste Falle, in die wir tappen könnten, nämlich die des Kontigenzbeweises; ein schlauer Kopf könnte sich auf diese empirisch abgeleitete Tatsache als Unterfütterung seiner Argumentation stürzen. Aber da müssen wir genauer hinsehen: was erklärbar ist, ist ein Stück des Wollfadens, aber nicht das Wollknäuel – umgekehrt kann der Wollknäuel auch nicht den erkenntnistheoretischen Status des Wollfadens voll und ganz bestimmen, wie es ein Theist in seiner überschäumenden Euphorie vielleicht annehmen könnte.

Wittgenstein war davon so genervt, dass er in seinem „Tractatus“ den Wollfaden einfach abschnitt und dann ein wenig genialisch-naiv glaubte, alle Probleme seien damit gelöst. (Später erkannte er selbst, dass es so einfach nicht sein konnte, und widmete sich den Sprachspielen.) Wenn die Moderne die Trennung des Fadens vom Knäuel im Sinn hatte, wollte sie damit den geisterhaften Spuk der Metaphysik beenden, dessen Grundlage langsam verfiel. Übrig blieb eine entzauberte, aber keineswegs heimelige Welt, der man mit immer objektiveren, distanzierteren Messmethoden auf den zunehmend geschundenen Leib rückte. Weiterlesen