Liebe Lea,

heute kann ich Ihnen wieder schreiben. Heute ist mir wieder etwas leichter, und der Gedanke, ein menschliches Wesen könne sich für mich interessieren, erscheint mir nicht ganz so abwegig wie an anderen Tagen. Stellen Sie sich vor, ich bin Professor geworden, obwohl ich es hasse, vor mir fremden Menschen zu sprechen und diejenigen, die meine Ansichten nicht teilen, womöglich zu überzeugen und für mich einzunehmen. Wozu? Diese Frage konnte ich mir selbst nie so recht beantworten, und je älter ich werde, um so absurder ist dieses Unterfangen für mich. Ich, der ich schon einmal als Eminenz der Wissenschaftstheorie bezeichnet wurde, habe meinen Glauben verloren und bin aus meiner eigenen Sekte ausgetreten. Früher glaubte ich noch daran, dass das Glasperlenspiel Zuschauer zumindest faszinieren, wenn auch nicht bekehren könnte. Aber nun sehe ich, wie viel Eitelkeit mit diesem Gedanken verbunden war, und welche Opfer ich gebracht habe, um immer weiterspielen zu können. In meiner letzten Vorlesung vor drei Wochen ertappte ich mich bei dem Gedanken, ein Unzeitgemäßer zu sein, dessen Denken nicht zu der Zeit passt, in der er lebt. Welche Arroganz liegt darin! Und als ich den Kopf hob, schrumpfte der Hörsaal auf ein kalt belustigtes Augenpaar zusammen, das mich unter seiner Ablehnung zappeln ließ wie einen Fisch an der Angel. Ich dachte mir, ich würde ihnen von Freiheit, von Rebellion, von Abenteurertum erzählen, aber sie verstünden nur Autorität, Dominanz und Kontrolle. Und irgendwann, als ich eine besonders gelungene Wendung, einen Perspektivenwechsel vortragen wollte, stand eben dieses Augenpaar auf und rief in den Hörsaal: “Herr Professor, verschonen Sie uns mit Ihren romantischen Phantastereien! Liefern Sie uns nur die Fakten, die wir benötigen, um die Prüfung zu bestehen!” Das Augenpaar setzte sich wieder und erhielt tosenden Applaus. Ich nahm einen Schluck Wasser und fuhr mit betont fester Stimme fort, auch wenn sich der Hörsaal nach und nach leerte und nur Sie zurückblieben, ganz weit hinten, irgendwo im Dunkeln, zusammengesunken vor Scham, nur als Schatten zu erahnen. Ich lief damals hinaus, ich wollte Ihnen einfach nicht begegnen, ich konnte es in diesem Moment wohl auch nicht. Das war der Boden, den ich gespürt hatte. Ich war ganz unten angekommen. Ich rannte schließlich auf die Toilette und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Sie wissen es, Lea, aber wozu?

Der Brieftext ist ein Puzzlestück zu einer Erzählung, die ich 2008 begonnen hatte und für das Buchprojekt Sturmtief verwerten wollte. Weitere Puzzlestücke und Kapitelchen: The Tempest und Das Verhör.

Brief an S.

Liebe S.!

So oft habe ich mir schon vorgenommen, dir einen Brief zu schreiben, und ein ums andere Mal fehlt mir der Mut, es zu tun. Ich weiß, dass dich dieser Brief nie erreichen wird, da nun neben der örtlichen eine zeitliche und, wie ich annehmen darf, auch geistige Entfernung zwischen uns getreten ist, die ich nicht zu überbrücken weiß. Ich kann die Funktion, die du in meinem Leben eingenommen hast, genau beschreiben, aber wenn ich alles in nüchterne Worte packen würde, würde ich die feinen Fäden übersehen und zerreißen, die uns eine gewisse Zeit lang verbanden. Es ist vorbei; alles, was dich jemals in unserer kleinen, gemeinsamen Welt zurückhielt, hast du zurückgelassen und bist in die Schweiz gegangen, um andere Projekte zu verwirklichen, um das zu werden, was du bist und was als Traum in dir nach Werdung ruft. Glaube ich dir noch? Ja, du hast mich beeindruckt, aber für dich war ich nur ein Schüler des Hedonismus, der noch unberührt war von den Zumutungen eines Lebens, das gelebt werden will. Du warst unglücklich in meinen Bruder verliebt, und ich erinnere mich an die stundenlangen, nächtlichen Gespräche, die ihr geführt habt. Nichts Sichtbares ist davon geblieben, außer diese beiden schmalen Heftchen mit rotem Einband, die ich gerettet habe, das „Tagebuch der Gedanken“ und das „Tagebuch der Gefühle“, und ein begleitender Brief. Es war eine beinahe dämonische Dynamik, die uns auseinandersprengte, denn das kannten wir ja aus den Klosterschulen, die wir besucht hatten: die schwarze, vergiftende Verführungskraft der Sünde. Daneben erschienen die Geschäfte des Tages seltsam blutleer und uninteressant. Nein, es war nicht der profane Rausch, dem wir uns hingaben, sondern ein psychologisch unterfütterter Maskenball – niemand war, jeder schien nur etwas zu sein. Wie schmerzhaft war da der Moment, in dem die Maske fiel, in dem wir uns gegenseitig in die verängstigten Seelen sahen, wie oft zerplatzte unser Traum von einer Gegenwelt, in der die Widersprüche aufgehoben schienen, zu grauem Staub – du weißt es. Oft habe ich ein starkes Verlangen danach, mit dir darüber zu sprechen, aber die Gefahr, dass wir uns nicht verstehen und uns gegenseitig verletzen würden, ist zu groß, und einen zweiten Anlauf wirst du nach der Nacht in S., als ich dich um fünf Uhr morgens als meine Feindin verließ, nicht mehr unternehmen. So bleibt mir nur die Freiheit, dich zu verabschieden – in einen Nebel, aus dem es keinen Ausweg gibt, ein Nebel, der alle Ereignisse bis zur Unkenntlichkeit verwischt und verklärt.

Wo auch immer du sein magst, worin auch immer dein Glück bestehen mag – leb wohl!

An einen Freund

Ich ging wie immer den alten Feldweg an einer nassen Wiese entlang, auf dem wir uns so oft gemeinsam unseren Gedanken überlassen hatten, als ich von hinten deine Stimme hörte, die mich beim Namen rief. Ich drehte mich um und sah dich rasch näherkommen, aber deine Bewegung war nicht nach vorn gerichtet, sondern eher seit- oder sogar rückwärts. Du hattest eine hohe Stirn, ein breites, unrasiertes Gesicht, immer noch deine abstehenden Haare, die Nickelbrille, dein Atem flog, als hättest du mich verfolgt. Und, weißt du noch, als wir in der Kulisse saßen und auf unseren Auftritt warteten, von einer glänzenden Zukunft träumend, „Arm in Arm die Welt in die Schranken weisend“? Schweigend liefen wir nebeneinander her. Der Teich, der Schatten des Waldes, die braunen Felder. Von fern flimmerte der Horizont in einem eigenartigen Licht, der Weg glänzte wie eine dunkle, durchsichtige Eisfläche und gabelte sich, du riefst mir verzweifelt etwas zu, aber ich sah nur deine Hände vor dem Mund und hörte keinen Laut. Wenig später war ich auch schon betäubt und blicklos hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden.