Die Vertreibung aus dem (Musen-) Tempel: ein Versuch über das Amateurtheater in der Provinz

In irgendeinem verschlafenen Nest in Niederbayern hatte ein Regisseur die Idee, dem Publikum nicht mehr das plumpe Komödienstadel-Allerlei zu servieren, das den Dorfbewohner als rückständige und tumbe Karikatur seiner selbst überzeichnete, sondern gehobene Unterhaltung zu bieten, die zwar eingängig, aber intelligent war. Ihm zur Seite gesellte sich eine Gruppe junger Menschen, die sich aus der dörflichen Landjugend heraus formiert hatte und natürlich unter scharfer Beobachtung der Eltern und der Dorfgemeinschaft stand. Dieses Experiment ging erstaunlich lange gut, die Vorstellungen waren schon vor der Premiere regelmäßig ausverkauft, das Dorftheater erwarb sich einen guten Ruf, die Presse wurde aufmerksam und die Gäste kamen aus immer weiter entfernten Orten. Die Räumlichkeiten des Theaters waren in einem kleinem Heim untergebracht, das sich im Besitz der Pfarrei befand. Der damalige Dorfpfarrer entstammte jedoch keiner der ortsansässigen Großbauernfamilien, war daher einer kulturellen Bereicherung seiner bleiern rechtschaffenen Gemeinde gegenüber aufgeschlossen und ließ die Theatergruppe gewähren.

Im Obergeschoß des Hauses befand sich ein Festsaal mit einer Bühne, die sowohl vom Saal aus als auch über eine eingelassene Falltür und eine Hintertreppe erreichbar war. Später kam zu dieser Bühne noch ein kleiner Anbau hinzu, auf dem das Orchester spielte. Im stets zugigen Treppenhaus wurde die Kasse aufgestellt, während das Erdgeschoß in mehrere Räume unterteilt war, die als Umkleide für die Schauspieler dienten. (Von mehreren Personen wurden übrigens unabhängig voneinander spukhafte, unerklärliche Phänomene in diesen Räumen berichtet. Diese Erzählungen sorgten zuverlässig dafür, dass während der Proben niemand alleine in die Küche im Erdgeschoß gehen wollte.) Alles änderte sich mit dem Tag, als ein neuer Pfarrer seinen Dienst in der Gemeinde antrat. Es gab wohl eine delikate Szene in der neuen Inszenierung, in der einer Schauspielerin zu viel Stoff von der blanken Brust rutschte und die ihn peinlich berührt haben mochte. Oder er schenkte den Einflüsterungen eines konservativen Pfarrgemeiderats zuviel Gehör, der die Aufmerksamkeit, die dem Theater von außen zuteil wurde, als Störung des Dorffriedens auffasste. Weiterlesen