Perspektivisch

Irgendwie ist es schwierig, einem Ausländer Begriffe wie „Verfassungspatriotismus“ oder „Historikerstreit“ näher zu bringen, der von deutschen Befindlichkeiten wenig Ahnung hat. Aber auch wenn er sich in den Untiefen unserer gesellschaftlichen Debatten nicht zurechtfindet: ein guter Deutscher erklärt sie ihm, bis er sie auch restlos verstanden hat. Es ist zudem äußerst spannend, von ihm unsere seltsam anmutenden Gebräuche und Sitten widergespiegelt zu bekommen. Mit unseren Essritualen – um 12.00 Uhr ist Mittagessen, da versammelt sich die Familie um den Tisch, zum Beispiel – können andere Kulturkreise kaum etwas anfangen. Und wenn ich ihm erzähle, dass ich das Programm der Weihnachtsfeiertage auswendig herunterbeten kann und ich eigentlich auf Autopilot umstellen könnte, schwankt er zwischen der Faszination des ethnischen Forschers und totalem Unverständnis hin und her. Vorhersehbare Abläufe geben Sicherheit. Manchmal sind sie allerdings auch wie ein Korsett, das einen nicht mehr atmen läßt. Kreativität versus Sicherheit. Lösungen versus Bindungen. „Gehst du auch in Lederhose auf die Regensburger Dult?“ „Nein, Gott bewahre.“ Eine Lederhose gilt ja erst dann als eingetragen, wenn man sie auszieht und auf den Boden stellen kann, ohne dass sie in sich zusammenfällt. Tradition? Wahnsinn? Ich bin ein Traditionalist anderer Prägung. Mir erscheinen Dinge erhaltenswert, die für die Menschen die Hoffnung auf das Gute und die Liebe symbolisieren. „Und wie siehst du die nationale Begeisterung für den Fußball?“ „Ich stehe dem zwar wohlwollend, aber auch mit einer ironischen Distanz gegenüber.“ Mögen die anderen das große Fußballschwert schwingen. Wir gewinnen währenddessen lautlos und unauffällig unsere Spiele. (Trööööt!)