Tübingen

„WLAN kostet 7,50 EUR pro Tag. Brauchen Sie´s dringend?“ „Ach, eigentlich nicht.“ „Ist es Ihnen zu teuer?“ „Ja.“ „Wissen Sie was, ich schenk´s Ihnen. Hier ist der Schlüssel und der Name des Netzwerks. Viel Spaß.“ Und so komme ich durch meine kalte Gleichgültigkeit doch noch dazu, in Tübingen von meinem Hotelzimmer aus bloggen zu können. Wenn es eine Stadt gäbe, in der ich auch wohnen könnte, wäre es Tübingen. Tübingen ist so klein, verwinkelt, romantisch und urdeutsch, dass ich mir vorstellen könnte, mich hier regelrecht einzuigeln und den Rest der Welt einfach zu vergessen. Beim Verlassen des Hotels muss ich immer darauf achten, mich nicht mit dem Kopf an den niedrigen Decken zu stossen. Einen Steinwurf entfernt liegt das Schloss Hohentübingen, dessen Mauern und Gärten über den Fachwerkgiebeln der Innenstadt zu schweben scheinen. Hesse hat hier, neben einigen anderen Geistesgrößen, natürlich auch gelebt, und seine literarischen Schilderungen von Fluchten aus der bürgerliche Enge atmen viel von der Tübinger Luft. Den eigentlichen Zweck meiner Reise kann ich selbst beim besten Willen nicht in Worte fassen. Da meine Fahrt nach Tübingen offiziell als Dienstreise deklariert ist, muss ich natürlich eine Antwort auf diese Frage parat haben, und so setzte ich meine Verschwörermiene auf und ließ den Fragenden während des Mittagessens einen vermeintlich intimen Blick in die Schlangengrube der Intrigen werfen, die meine Arbeit als Hintergrundmusik begleiten. Erst als wir gegen Mittag den Standort talabwärts wechselten und ich mit einem ausgewiesenen SAP-Experten ungestört fachsimpeln durfte, wurde mir etwas freier ums Herz. Wir verabschiedeten uns nach unserem Gespräch herzlich, aber der blöde Satz „Mir schin die, die wo Weltmeischter werde wellet“ ging mir die ganze Zeit nicht mehr aus dem Kopf. Die gestrige Reise mit der Bahn nach Tübingen entwickelte sich etwa ab Stuttgart zum Desaster. Kaum hatten wir Bad Canstatt erreicht, stand unser Zug und wollte sich keinen Millimeter mehr voranbewegen. Nach einer knappen halben Stunde wurden die ersten Reisegäste unruhig und der Lokführer nuschelte etwas von einer Signalstörung und einer Weiterfahrt, die sich um unbestimmte Zeit verzögert, in den Lautsprecher. Als die Türen geöffnet wurden, entlud sich der geballte Unmut der Reisenden über dem armen Lokführer und den Zugbegleiter. Eineinhalb Stunden später gelang es mir, eine alternative Route nach Tübingen in Erfahrung zu bringen, die schließlich auch meinen Mitreisenden über Lautsprecherdurchsage mitgeteilt wurde, und so durchquerte ich Stuttgart mit der S1, lernte ein nettes Rentnerehepaar kennen, die ihre Verwandte vom Bahnhof abgeholt hatten, und landete schließlich in Herrenberg. „Herrenberg hat eine Kirche mit einem wuchtigen Steinturm, der fast die Stadt darunter erschlägt. Da, können Sie ihn sehen?“ Hier hätte ich noch fünfzig Minuten auf die Regionalbahn nach Tübingen warten müssen, aber das war mir nach der anstrengen Fahrt zuviel, und so organisierte ich eine Viererfahrt mit dem Taxi nach Tübingen. 7,50 EUR für ein Taxi, die werde ich Hr. Mehdorn in Rechnung stellen. Mit Wasserzeichen, Stempel, Unterschrift und schamanischen Verwünschungen, wenn´s denn sein muss. Leider muss ich die Bebilderung meines Ausflugs so lange aufschieben, bis sich wieder ein Sonnenstrahl hierher verirrt.

Geschlaucht

In dieser Woche fand ich kaum Zeit für meinen Blog. Hinzu kamen zwei Tage Internetentzug, nach denen ich mir die Frage stelle, welchen zusätzlichen Nutzen eine zweite, virtuelle Realität haben könnte beziehungsweise welche Dinge sie nicht nur abbildet. Ja, Netzwerke, ich weiß. Haha. Egal. Ich besuchte am Dienstag und Mittwoch einen Medizintechnikkongress in Würzburg und musste meine bisherige Ansicht, dass in technischen Berufen eitle Selbstdarsteller weniger stark vertreten sind als in anderen Tätigkeitsfeldern, leider revidieren. Ich konnte aber wirklich gute Gespräche führen und neue Kontakte knüpfen. Ein mir bisher nur dem Namen nach bekannter Techniker eines anderen Krankenhauses in R. begleitete mich auf der Rückfahrt und gab mir einen wertvollen Tipp. Leider hatte ich viel zu wenig Zeit und Lust, um Würzburg ein bißchen besser kennenzulernen, und so schleppte mich am Mittwoch in der nachmittäglichen Affenhitze durch den Hofgarten der Residenz und die Altstadt, um wenigstens ein paar kümmerliche Beweise meiner Anwesenheit auf die Speicherkarte meiner Kamera zu bannen. Am Donnerstag improvisierte ich eine Schulung für ein kleines Grüppchen neuer Pflegekräfte, die aber gerade wegen der mangelhaften Vorbereitung sehr gut, harmonisch und rund wurde – bis auf die Tatsache, dass mitten in meiner Schulung ein Patientenmonitor ausstieg, dessen Akkukapazität gerade mal für zwanzig Minuten reichte. Ich will nicht verschweigen, dass das bei überwachungspflichtigen Patienten für die begleitenden Pfleger oder Schwestern nicht gerade prickelnd ist. Heute hingegen war mir alles zuviel: Menschen, Wetter, Arbeit, Vergnügen. Darf das? Ja, darf. Ich bin ja kein Perpetuum Mobile. Darum sitze ich jetzt hier bei Kerzenschein, höre Norah Jones und beobachte das heraufziehende Gewitter.