Meine beiden Großmütter

Meine beiden Großmütter waren so unterschiedlich, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie zwei so unterschiedliche Lebensweisen jemals in einer Familie zusammenfinden konnten und darin Platz fanden. Während meine Großmutter mütterlicherseits im bayerisch-katholischen Kleinbauerntum fest verwurzelt war und ihr Selbstbewusstsein aus den abgemessenen Tagwerk Land bezog, das sie und ihre Familie bewirtschafteten, war meine Großmutter väterlicherseits aus Schlesien geflohen und hatte nur knapp den Krieg überlebt, so dass sie während ihres restlichen Lebens keinen großen Wert mehr auf Äußerlichkeiten und Besitz legte und mit einer kleinen Wohnung und etwas Geld (von dem sie noch sparte und meinem Vater für seinen nie enden wollenden Bierdurst etwas abgab) mehr als zufrieden war. Man kann sich unschwer ausmalen, dass sich beide bei jeder sich bietenden in die Wolle kriegten, und das bevorzugte Schlachtfeld ihrer Streitigkeiten waren natürlich wir Enkel, also mein älterer Bruder und ich. Dazu muss man wissen, dass meine Eltern auf dem Grundstück meiner Großeltern mütterlicherseits unser Haus gebaut hatten und meine Großmutter und mein Großvater väterlicherseits nach der Fertigstellung in das erste Obergeschoß eingezogen waren. Das Grundstück meiner Großeltern mütterlicherseits grenzte direkt an das Grundstück meiner Eltern, das diese geschenkt bekommen hatten, und war von diesem nur durch eine durchlässige Hecke getrennt. Jeden Tag, wenn mein Bruder und ich aus der Schule nach Hause kamen, mussten wir uns entscheiden, bei wem wir das Essen einnahmen, und jeden Tag wurden wir aufs Neue von den beiden Großmüttern umworben. (Ab und zu kam es auch zu einem handfesten Streit, bei dem sich die beiden Großmüter über den Hof Schimpfworte an den Kopf warfen.) Bei A., der Großmutter väterlicherseits, gab es gute schlesische Hausmannskost, aber ihre Kochkünste waren natürlich gegen die Raffinesse und den Einfalls- wie Kalorienreichtum einer bayerischen Bauernküche, wie sie uns von L., der Großmutter mütterlicherseits, kredenzt wurde, weitgehend wirkungslos. Und so aßen wir uns mit schlechtem Gewissen bei A. oder bei L. durch eine ungetrübte Kindheit, während unsere Mutter durch anonyme Chefs und Institutionen daran gehindert wurde, selbst für uns zu kochen; am Nachmittag saßen wir über unseren Hausaufgaben oder versuchten erfolglos, das Unkraut auf den Zufahrtswegen zu bekämpfen. Selbstredend waren wir natürlich am Wochenende keine Kostgänger unserer Großmütter.

Vom Tod meiner Großväter wurde ich entweder überrascht oder ich erfuhr erst aus zweiter oder dritter Hand davon, so dass ich mir in beiden Fällen kein rechtes Bild davon machen konnte und emotional sehr wenig betroffen war. Ich nahm nur bass erstaunt die schwarz gekleidete Verwandtschaft zur Kenntnis, die sich vor der Pforte des Klosters versammelte, das auch das katholisches Jungeninternat beherbergte, das ich besuchte, und blickte fragend in die von einem mir unbekanntem Schock gezeichneten Gesichter. Anders war es beim Tod von A., die wochenlang auf der Intensivstation beatmete wurde und zum Schluss doch nicht mehr zum Leben zurückfand. Meine Mutter nahm mich zwar bei ihren regelmäßigen Besuchen im Krankenhaus mit, ließ mich jedoch vor der weißen Milchglastür mit den Worten “Das willst du nicht sehen, es ist besser so, glaub mir” sitzen, so dass ich keine Chance hatte, von A. Abschied zu nehmen, A., die mir vor dem Besuch der Schule regelmäßig erlaubt hatte, noch eine Viertelstunde in ihrem warmen Bett zu schlafen, und die mir Geschichten aus dem Krieg erzählte, wenn ich sie danach fragte. L. hingegen ruinierte das Erbe des Großvaters und die mühsam erarbeiteten Reserven vollständig, indem sie Schmuck, Geschirr, Bettwäsche, Kleider, Essen und das, was sie für Luxus hielt, in riesigen Mengen in den Zimmern ihres Hauses stapelte und ansammelte, wohl auch eine Folge des Krieges und der Angst geschuldet, nie genügend Vorräte zu haben. Nach dem Tod meines Großvaters väterlicherseits kippte jedoch das Verhältnis zwischen Vermögen und Schulden derart, dass sie gezwungen war, das Haus und das restliche verbleibende Grundstück zu verkaufen und in eine kleine Wohnung im Nachbarort zu ziehen. Das führte zu einem vollständigen Zerwürfnis mit meinen Eltern, und wieder einmal saßen mein älterer Bruder und ich zwischen allen Stühlen. Irgendwann akzeptierten unsere Eltern sehr zögerlich, dass sie uns nicht verbieten konnten, unsere Großmutter zu besuchen. Leider setzte auch bei L. schnell ein körperlicher und geistiger Verfall ein. Bei meinem letzten Besuch ließ es sich L. nicht nehmen, wie immer einen kompletten Braten mit Salat und Knödel anzurichten und mich mit einem Essenspaket zu versorgen. Es war ein jahrelang geübtes Ritual, aber das Gehen bereitete ihr bereits Schmerzen und sie verstand auch nicht, was ich ihr erzählte. Sie nickte nur, war ab und zu geistesabwesend, fasste es aber als ihre Pflicht auf, mich zu in allen Belangen zu bewirten, auch wenn ich mit Hinweis auf ihre Schmerzen abwehrte und sie dazu bringen wollte, still sitzen zu bleiben und sich statt dessen mit mir zu unterhalten. Erst vor wenigen Wochen erfuhr ich auf Nachfrage bei meiner Mutter, dass L. mittlerweile in einem Heim in einer kleinen Kreisstadt lebt und so dement ist, dass sie sich kaum noch an etwas erinnern kann. Es fühlt sich so an, als gäbe es sie schon nicht mehr, und vielleicht entspricht das sogar ein bisschen der Wahrheit.

Audiophiler Beitrag

Ich mag es selbst kaum glauben, aber elektronisch erzeugte Musik hielt in meinem Kinderzimmer zuerst in Gestalt eines riesigen SABA-Weltempfängers (Wildbad 8, wenn mich nicht alles täuscht) Einzug, den mir meine Großmutter in einem überraschenden Anfall von Großzügigkeit überließ. Fortan kam ich nicht mehr von diesem Gerät los, das mich auf UKW, KW und MW mit völlig neuen Erfahrungen konfrontierte. Wenn in meinem dunklen Kinderzimmer am Abend die Hintergrundbeleuchtung die Namen von Städten wie Stockholm, Moskau oder Paris erleuchtete, entführten mich die Nachrichten aus dem Äther in eine mystische Welt voller Geheimnisse, weit jenseits der Tore meines provinziellen Dörfchens.

Irgendwann jedoch war ich des sagenhaften Kastens ein wenig überdrüssig, und ich erhielt dafür das ausgemergelte Telefunken-Radio meiner Eltern, das ich jedoch nur zusammen mit einem Kassettenrekorder von ITT betrieb. Fieberhaft wartete ich jeden Freitag auf die Top Ten, um die aktuellste Musik auf Band mitzuschneiden und so nach und nach eine gigantische Auswahl von Kassetten zu horten. Ich fühle heute noch die geriffelte Oberfläche der Aufnahmetaste und die Spannung, den Aufnahmeschalter so sanft und gleichzeitig nach unten zu drücken, dass der Kassettenrekorder sofort mit der Aufnahme begann. Gleichzeitig teilte ich mir mit meinem älteren Bruder einen Plattenspieler, an dem ständig irgendetwas kaputt war – die Nadel, der Arm oder auch manchmal der Deckel. Heiß und innig liebte ich damals eine Platte von Reinhard Mey und von Johann Sebastian Bach, aber auch Michael Jackson oder Peter Maffay kamen in diesen Tagen nicht zu kurz. Mit dem Kassettenrekorder nahm ich manchmal auch heimlich Gespräche in unserer Familie auf, die ich mir immer wieder anhörte. Gut erinnern kann ich mich noch an eine Aufnahme meines Zitherspiels, das von meinem polternden Vater jäh unterbrochen wurde. Weiterlesen

Photographs and memories

MemoriesAuf dem Foto links veröffentliche ich auf die Anregung von Jules hin ein wüstes Potpourri meiner Erinnerungsstücke, die ich noch aufbewahrt habe. Zu allen Briefe- und Postkartenschreibern habe ich heute keinen Kontakt mehr. Ich finde das eigentlich ziemlich merkwürdig, aber die Zeit bringt so etwas einfach mit sich – man verliert sich aus den Augen und kennt nur noch die Person, mit der man eine kleines Stück des Weges zurückgelegt hat, während einem über die Person, die einem nach Jahren vielleicht wieder begegnet, so gut wie gar nichts bekannt ist.

Ganz links ist abgeschnitten noch das Wort Dagebüll zu erkennen. Das ist die Karte für die Fähre, die mich von der Insel Föhr nach einem einwöchigen Urlaub zurück aufs Festland brachte. Damals schwor ich mir, zu einer besseren Zeit und unter glücklicheren Umständen wieder zurückzukommen, und bis heute ist nichts daraus geworden.

Schließlich noch die grüne Eintrittskarte für die Ausstellung von Picassos Zeichnungen im Amberger Congress Centrum (ACC), die ich zusammen mit einer Kommilitonin am 09.08.1997 besuchte. Es war eine schwierige, komplizierte Beziehung, in der wir meinem Gefühl nach nie über etwas Wesentliches sprachen, sondern uns mit Kunst und Kultur ablenkten. Dass ich mich nach einer langen Periode von mehr oder weniger regelmäßigen Cafebesuchen einfach nicht mehr bei ihr meldete, macht die Sache auch nicht besser.

Darunter liegen drei Briefe von Doris, die nach vielen Irrungen und Wirrungen ihren Wunschpartner gefunden hat und gemeinsam mit ihm ein Kind großzieht. Nachdem wir das Ambrosius in Regensburg als Hauptquartier für unsere abendlichen Ausflüge in Beschlag genommen hatten, begann sich ein Karrussell aus Alkohol, Drogen und wilden Affären zu drehen, das weder sie noch ich stoppen konnten. Ich steckte damals im Hauptstudium fest und hatte große Probleme, mich angemessen auf meine Seminare vorzubereiten und mich auf den unterrichteten Stoff zu konzentrieren.

Über den Postkarten steckt noch ein Brief von Masu, die ich über den GMX-Chat kennen gelernt hatte. Sie war 10 Jahre älter als ich und lebte in Hamburg. Unsere Bekanntschaft gelangte nie über den virtuellen Raum hinaus, aber wir kamen uns trotz dieser Distanz sehr nahe. Damals saß ich noch vor einem billigen 15-Zöller und bediente den ersten PC, den ich mir selbst gekauft hatte. Der Chat reichte natürlich nicht – wir telefonierten auch noch und schlugen uns so, telefonierend und tippend, einige Nächte um die Ohren – zusammen, aber irgendwie auch einsam.

Die Postkarte mit dem Ausschnitt eines blauen Himmels zeigt die Kirche von Assisi, wohin sich A. in einem Anfall von Verzweiflung im Sommer zusammen mit einer Reisegruppe geflüchtet hatte, was sie – der Postkarte nach zu urteilen – schon auf der Fahrt dorthin bitter bereute. Ich zitiere: „Gruppendynamik ist, wenn 12 über die 13. Person lästern! Seit wir dauernd lästern, ist der Urlaub wieder erholsam, aber nächstes Mal keine Gruppe mehr!!“

Dahinter die Grüße vom Höllsteinsee aus dem Bayerischen Wald, die mir mein Bruder von seiner Wanderung vom Arber bis Zwiesel geschickt hatte. Ich durfte während dieser Zeit seine Dachwohnung in Kleinprüfening hüten und die Zimmerpflanzen mit Wasser versorgen. Am meisten zog mich das elektrische Klavier an, das im Zimmer stand und auf dem ich die immergleichen melancholischen Stücke spielte.

Die gelbe Postkarte zeigte eine gelbe Rosenblüte in Großaufnahme. Auf der anderen Seite schrieb mir die angehende Architektin: „Let me be your valentine!“ Wahrscheinlich sitzt sie heute in einem Architekturbüro über Pläne gebeugt oder treibt sich in gelben Gummistiefeln auf irgendwelchen Baustellen herum.

Das kleine Büchlein über mein Sternzeichen „Stier“ schenkte mir eine liebe Person zum Geburtstag. Anfangs war ich wirklich blind für den Wert dieses Geschenks, aber nach und nach wurde es immer wichtiger für mich – als Geste und als Symbol.

Die Suche nach Musik

Wenn ich mit Musik eine Stimmung oder ein Gefühl verbinde, dann genügt es nicht, irgendeine Interpretation des Musikstücks zu hören, sondern es muss genau diese Aufnahme sein, um mir das Gefühl in Erinnerung zu rufen. Beim Hören der Musik habe ich dann sofort ein Bild vor Augen, das ich wie einen seltenen Augenblick, in dem eine merkwürdige Klarheit herrscht, konserviert habe und mit den Klängen verbinde. So erging es mir mit drei Solokonzerten von Bach, die höchst selten eingespielt werden, aber in einer anderen Orchestrierung irgendwie falsch und schief auf mich wirken. Es war eine Schallplatte mit einer Aufnahme aus den Siebzigern, auf der die Academy of St. Martin in the fields zu hören war; schon seit Jahren wünsche ich mir, genau dieselbe Musik wieder einmal zu hören, aber jede Recherche verlief bisher im Sand, und meine Mails an die Academy blieben unbeantwortet. Den Solopart übernahm eine Oboe d´amore, die immer leicht gequetscht und unsauber klang, aber gerade das gab den Stücken eine herbe, rauhe, herbstliche Note, die das, was im begleitenden Orchesterpart vielleicht allzu sehr in akademische Interpretation und in historische Spielpraxis abrutschen können, in eine warme Melancholie hüllte, die zum Weinen schön war. Dabei steht mir eindringlich das gelbe Laub der Pappeln am Waldrand unweit des Hauses meiner Eltern vor Augen, die an einem sonnigen Herbsttag aus der Ferne zu mir herüberleuchten, während ich alleine spazierengehe. Und auch die Nocturnes von Chopin, die ich auf einer gelb beklebten Kassette immer und immer wieder anhörte, bis sogar das Band leicht ausleierte, ertrage ich nur in der Einspielung eines tschechischen Pianisten aus den Achtzigern, dessen Namen ich leider vergessen habe. Als ich mir heute bei Bücher Pustet versuchsweise die Nocturnes in der Interpretation von Barenboim anhörte, ärgerte ich mich fast über die reihenweise verschenkten Chancen, aus den Vorgaben Chopins lebendige, funkelnde Musik zu destillieren. Chopin mag vielleicht im Auftreten ein glatter Salonmusiker gewesen sein, seine Musik spricht jedoch eine ganz andere Sprache. Die Nocturnes entführen mich auf einen Berg in der Nähe meines Heimatdorfes, von dem aus man eine fantastische Aussicht auf die Landschaft des Gäubodens hatte. Ich liege im Gras, während über mir das frühsommerliche grüne Laub das Licht der Sonne dämpft und im Schatten eine friedliche, täumerische Atmosphäre zaubert. (Während ich das schreibe, läuft gerade eine Nocturne in Endlosschleife in meinem Kopf. Kein Wunder bei jemandem, der nach dem Klang eines Klaviers, der unbestrittenen Diva unter den Instrumenten, süchtig ist. Vielleicht besitze ich ja auch das absolute Gehör, ich weiß es nicht; wundern würde es mich nicht.) Und auch wenn ich mich immer wieder davon zu überzeugen versuche, dass es ja kein bedeutender Verlust sei, wenn ich die Aufnahmen nicht mehr hören werde, dass ich sowieso viel zu sehr an der Vergangenheit klebe und mich vom Ballast meiner Erinnerungen lösen sollte – es bleibt diese leichte, unterschwellige Panik, den roten Faden meiner eigenen Geschichte zu verlieren. Die Gewißheit, nicht mehr zurück zu können, schmeckt wie die Vorahnung des eigenen Todes. Und auch die Tatsache, das, was mich beim Hören von Musik bewegt, mit Worten nur äußerst unvollkommen wiedergeben zu können.

In jenen Nächten…

…als ich mich wieder und wieder an ihr gehauchtes „Ich hab dich so gern“ erinnerte, an jene vertrackte Form unserer Liebe, die nur schief gehen konnte, in jenen Nächten blieb mir außer der Ekstase der Erinnerung, dem Alkohol und den Zigaretten nur das Tagebuch. Ich führte es nur so im Vorübergehen, ohne jedes echte Interesse, mit einem halben Ohr nahm ich immer an den Geschehnissen um mich herum teil und folgte den geheimen Zeichen der Lust, die ich in roter Tinte auf die Zeilen bannte. Die vulkanische Eruption kam erst viel später, als sie mir überraschend ihren neuen Freund vorstellte und ich, berstend vor Zorn, sprichwörtlich alle Türen hinter mir zuschmetterte. Es war eine Liebe auf Zeit, geborgt bei irgendjemandem, sie hatte eine feine, aufgerissene Patina und schimmerte edler als die ersten Sätze, die wir aneinander richteten. Sehr viel später las mich dann R. auf wie einen Vogel mit gebrochenen Flügeln. Wir redeten kaum, aber sie war mir so nah, wie ich es mir nur wünschen konnte. Schließlich gab ich dem immer drängenderen Pochen des Zweifels nach, dass „das hier“ nicht das Richtige sei, dass ich weiterziehen müsse, fort, einem unbekannten Abenteuer entgegen. Und irgendwann erkannte ich, dass auch die akademische Welt und später das Büro nicht mein Zuhause waren, dass ich unterwegs heimatlos geworden war und ich mir keinen Ort vorstellen konnte, der mich vollständig und ganz in sich aufgenommen hätte.

Heimweh, Fernweh

Gestern war der Tag der Nostalgiker: Frau Testsiegerin berichtet über ihre Lesung im Weinviertel, während Frau Svashtara von Belgrad träumt. Und ich machte mich heute auf, um ein Stück donauabwärts in Richtung Gäuboden zu fahren, obwohl ich gestern noch Zweifel hatte, ob das gut gehen könne. Nein, die Erinnerung schwieg nicht, nicht am scheußlichen Adlerrondell aus der Zeit des Nationalsozialismus und nicht beim Schrei der Raben, die ihre Nester anflogen. Zu oft hat mich ihr Krächzen in einen unruhigen Schlaf begleitet, als dass ich sie hätte vergessen können. Zu oft stand ich neben dem Sockel der Adlerskulptur und rauchte eine Zigarette, als dass ich diesen mit leiser Wehmut gewürzten Geschmack nun nicht mehr würde schmecken können. So stiegen in mir unwillkürlich die Tränen hoch, als ich am Herzogsschloss stand und die silbrig schimmernden Wirbel des Flusses betrachtete. Einmal ging ich noch den alten Weg zur Schule und roch die nassen Moose an den Mauern, einmal noch stand ich in der Turnhalle mit ihren überheizten Katakomben, einmal noch schlenderte ich die weißen, lichtdurchfluteten Gänge des Krankenhauses entlang, in dem ich meinen Zivildienst abgeleistet hatte. Jeden Sonntagabend brach während meiner Zeit im Internat ich mit schwerem Herzen auf, um im Exil der Stadt unterzutauchen. So nährte ich jahrelang die Hoffnung auf jenen dritten, neutralen Punkt, von dem aus sich meine Geschicke und diese Verflechtung der gegenseitigen Abhängigkeiten ordnen ließen. Auch Jahre danach konnte ich mich nur schwer von diesem Heimweh, das ein Fernweh war, lösen. Es blieb immer lebendig – wie jener Ton, der wie eine kleine, glänzende Kugel aus den Saiten des verstimmten Flügels stieg, an die Stuckdecke des alten Refektoriums schwebte und nur die johlenden Kameraden als Publikum hatte, die vor den Fenstern Fußball spielten.

Freie Tage

Ich frage mich, ob ich morgen tatsächlich in meine Heimatstadt fahren sollte, um einige Fotos zu schießen und die Stationen der Jahre, die ich dort verbrachte, zu dokumentieren – Zeit hätte ich ja morgen genug. Oder wäre es nicht klüger, Erinnerungen Erinnerungen sein zu lassen und sie ihrer Patina nicht zu berauben? Sehr oft bereute ich es, meine Heimatstadt ohne Begleitung zu besuchen, und sei es auch nur, um im Wartezimmer eines Notars die bitteren Gesänge der Lerchen zu hören. Seit ich alle Verbindungen hinter mir abgebrochen habe, nimmt sie mich nicht mehr vollständig in sich auf, und ich verlasse sie jetzt immer wie ein enttäuschter Liebhaber. Ich bin in ihr nur noch ein Tourist, der einen unstillbaren Hunger nach einer bestimmten Perspektive, einem bestimmten Raum, einem bestimmten Ton hat – und doch einer Chimäre nachläuft. Ja, hier an dieser Stelle war etwas, Herzblut, Tränen, Jubel, aber jetzt ist sie taub und nichtssagend. Nichts wurde konserviert, und meine Spur hat der Regen verwischt. Das Museum der Augenblicke war und ist geschlossen.