Der Sturm

Er war nochmal auf den Hügel gegangen, um zu sehen, ob die Wetterfront direkt auf den Wald zukam oder, wie gewöhnlich, einige Kilometer vorher nach Osten abzog. Es braute sich nichts Gutes zusammen; die dunkle Wetterkante kam seiner Zuflucht bedrohlich nahe und wurde knapp über dem Boden regelmäßig von Blitzen in ein grelles Gelb getaucht. Er musste seine wenigen Habseligkeiten in Sicherheit bringen und sich auf ein oder zwei unruhige Stunden einstellen. Als er knapp zweihundert Meter von seinem Wohnwagen am Waldrand entfernt war, sah er sie bereits: einige jüngere Männer, die gröhlend versuchten, seine letzte Behausung in Brand zu stecken. Er rannte auf sie zu, aber plötzlich explodierte ein riesiger Feuerball, und sein Wohnwagen ging komplett in Flammen auf. Nichts war mehr zu retten außer das eigene Leben. Plötzlich spürte er den eisigen Griff der Angst, der ihn an der Schulter packte und ihn mit sich fortzog, weg von den Männern, weg vom Feld, auf dem er allzu gut sichtbar war, hinein in den immer dunkler werdenden Wald. Er war völlig besinnungslos – am Waldrand, hinter den mit peitschenden Bewegungen auf- und abflackernden Ästen, sah er die Flammen und die tanzende Horde, die ihn vermutlich töten wollte, und er wollte so viel Entfernung wie möglich zwischen sich und dem gespenstischen Spiel der Lichter bringen. In sich spürte er den Schmerz eines unsäglichen Verlustes. Die Manuskripte und die Arbeit der letzten Jahre waren unwiederbringlich verloren, so dass er nicht darauf hoffen konnte, mit einer bahnbrechenden Publikation wieder zurück in die alten akademischen Gleise zu finden und vielleicht sogar einen Lehrstuhl angeboten zu bekommen. Es gab keine Kopien und keine Abschriften. Seine Wohnung, an die er jetzt merkwürdigerweise kurz dachte, war nur noch die Hülle eines alten Lebens und enthielt keine Spur seiner neuen Ideen. Doch je leiser die Stimmen der Männer wurden, um so lauter wurde der Wald mit seinen knarrenden Ästen und dem umherwirbelnden Laub. Er hatte zunächst nicht darauf geachtet, wo er genau hinlief, aber er befand sich mittlerweile unter uralten, morschen Bäumen, deren Schatten sich drohend vor ihm aufbauten. Er stolperte, von einem Missgeschick ins nächste gestoßen, voran und dachte nur noch daran, dem Wald, dem Sturm, den Männern und seinem Leben zu entkommen. Er konnte sich nicht vorstellen, einfach stehenzubleiben und darauf zu warten, was sich als Nächstes ereignen würde. Mittlerweile hatte es zu regnen begonnen, und der Sturm nahm weiterhin Fahrt auf.

Die Frage, die in ihm bohrte und immer klarer wurde: Wie hatten ihn die Männer gefunden? Waren es Studenten? Und wer hatte ihnen möglicherweise verraten, wohin er sich zurückgezogen hatte? Ein kleiner Fetzen seines Bewusstseins spie ihm eine Situation in den Kopf, die er unlängst erlebt, aber als unbedeutend abgetan hatte: er hatte wieder einmal beim Dekan vorgesprochen, der ihm wie immer generös, aber etwas kurz angebunden versichert hatte, sich für seine akademische Rehabilitation einzusetzen, und er war wie immer an der Sekretärin vorbeigeschlichen, die sich, wie er einmal unfreiwillig bemerkt hatte, hinter seinem Rücken über sein Aussehen und seinen Geruch beschwerte, als er auf dem Flur unvermittelt auf eine Studentin stieß, die ihn zunächst mit großen Augen anstaunte, dann aber fortlief, als er sie ansprach. Briefzeilen liefen fieberhaft durch seinen Kopf, in denen er vor einer anderen Studentin über die Unmöglichkeit einer Liebe zu ihm nachgedacht hatte, wie zwei Wanderer waren sie gewesen, unterwegs unter dem gleichen Stern, aber nur für ein kurzes Wegstück…“Professor, unterlassen Sie Ihre politischen Ausführungen, die uns allen sattsam und bis zum Überdruss bekannt sind. Uns interessiert nur, was wir wirklich zum Bestehen der Prüfung benötigen!“

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Der Sturm – 211

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Die höhnische Stimme in seinem Inneren und die Erinnerung daran durchfuhren ihn wie einen Blitz. Er schreckte hoch. Sein Mantel war durchnässt, und ziemlich nah hörte er ein gewaltiges Donnergrollen. Seine Augen suchten nach Halt und blickten nach oben, aber er sah nur das Gewirr der Äste, die im Sturm schaukelten, und sonst nichts außer Dunkelheit. Als er sich umdrehte, war sogar der Lichtpunkt des Feuers hinter ihm erloschen oder nicht mehr sichtbar. Der Faden, der ihn bis zu diesem Punkt geführt hatte, war nicht zu entwirren. Andere hatten sich seines Lebens bemächtigt und ihn wie eine Schachfigur mal hierhin und mal dorthin geschubst. Er wusste nicht mehr, wer er war – der gut situierte Professor, der sich zusammen mit einer Handvoll Lieblingsstudenten in der Deutung der Zeitgeschehnisse erging, oder jenes seltsame Bündel Angst, das vor Kälte und Nässe zitternd im Wald stand und keinen Ausweg fand? Als er sich außer Atem an einem Baumstamm festhalten wollte, sah er es: ein feines, silbriges Fädlein, das verdampfte und aus den Ästen zu kommen schien, bevor erneut der Donner sich in tausend Kaskaden brach. Er traute seinen Augen kaum und er wusste es nicht zu deuten, aber es wiederholte sich ein paar Mal. Es stand so klar vor seinen Augen, dass er nur die Hand danach hätte ausstrecken brauchen, um die Widerständigkeit zu fühlen. Der Wald atmete schwer unter dem Druck des auf ihm lastenden Gewitters. Ihm war, als schmeckte er bittere Medizin, als sei ihm ein Geheimnis anvertraut worden, das niemand wissen durfte und das er in den Tod mitnehmen würde. Schwer keuchend riss er sich los und taumelte seinem Untergang entgegen. Hinten, tief drinnen im Wald gähnte ein Maul, an dessen Rand er sich verirrt hatte und das ihn verschlucken würde. Die Blätter glitten unter ihm weg und zogen ihn näher an den saugenden Schlund, während die Äste ihn drohend vorwärts peitschten. Zischende, kleine Blitze drangen aus der Rinde der Bäume, die er berührte und liefen in kleinen Verästelungen über seine Haut. Er war nun angekommen und ein Teil des Waldes, weit weg von Gedanken, nur noch Erlebnis und Sensation, zitternde Gier und aufgewühlte Furcht. Er stürzte, aber nicht, um sich auf seine verlässlichen Hände zu stützen, im Fallen drehte er sich ein wenig und landete auf dem Rücken. Er spürte die Erschütterung und den Regen, der von oben fiel, und blieb einfach liegen, es war alles Wald um ihn her, sogar er selbst, und als er in den Nachthimmel starrte, sah er den Arm, wie er brach, und die Hand, die auf ihn zustürzte, um ihn zu zermalmen. Nichts regte sich in ihm, das ihm zugeflüstert hätte, sich auf die Seite zu rollen, er wartete, er atmete, er spürte die Wucht der zudrückenden Hand, den grellen Schmerz und das rasche Erlöschen jeden Lichts.

Ein nasses Laubblatt klebte an seiner Wange. Ihm war, als ob er tausend Tode stürbe, und am Ende nur den einen.

Liebe Lea,

heute kann ich Ihnen wieder schreiben. Heute ist mir wieder etwas leichter, und der Gedanke, ein menschliches Wesen könne sich für mich interessieren, erscheint mir nicht ganz so abwegig wie an anderen Tagen. Stellen Sie sich vor, ich bin Professor geworden, obwohl ich es hasse, vor mir fremden Menschen zu sprechen und diejenigen, die meine Ansichten nicht teilen, womöglich zu überzeugen und für mich einzunehmen. Wozu? Diese Frage konnte ich mir selbst nie so recht beantworten, und je älter ich werde, um so absurder ist dieses Unterfangen für mich. Ich, der ich schon einmal als Eminenz der Wissenschaftstheorie bezeichnet wurde, habe meinen Glauben verloren und bin aus meiner eigenen Sekte ausgetreten. Früher glaubte ich noch daran, dass das Glasperlenspiel Zuschauer zumindest faszinieren, wenn auch nicht bekehren könnte. Aber nun sehe ich, wie viel Eitelkeit mit diesem Gedanken verbunden war, und welche Opfer ich gebracht habe, um immer weiterspielen zu können. In meiner letzten Vorlesung vor drei Wochen ertappte ich mich bei dem Gedanken, ein Unzeitgemäßer zu sein, dessen Denken nicht zu der Zeit passt, in der er lebt. Welche Arroganz liegt darin! Und als ich den Kopf hob, schrumpfte der Hörsaal auf ein kalt belustigtes Augenpaar zusammen, das mich unter seiner Ablehnung zappeln ließ wie einen Fisch an der Angel. Ich dachte mir, ich würde ihnen von Freiheit, von Rebellion, von Abenteurertum erzählen, aber sie verstünden nur Autorität, Dominanz und Kontrolle. Und irgendwann, als ich eine besonders gelungene Wendung, einen Perspektivenwechsel vortragen wollte, stand eben dieses Augenpaar auf und rief in den Hörsaal: “Herr Professor, verschonen Sie uns mit Ihren romantischen Phantastereien! Liefern Sie uns nur die Fakten, die wir benötigen, um die Prüfung zu bestehen!” Das Augenpaar setzte sich wieder und erhielt tosenden Applaus. Ich nahm einen Schluck Wasser und fuhr mit betont fester Stimme fort, auch wenn sich der Hörsaal nach und nach leerte und nur Sie zurückblieben, ganz weit hinten, irgendwo im Dunkeln, zusammengesunken vor Scham, nur als Schatten zu erahnen. Ich lief damals hinaus, ich wollte Ihnen einfach nicht begegnen, ich konnte es in diesem Moment wohl auch nicht. Das war der Boden, den ich gespürt hatte. Ich war ganz unten angekommen. Ich rannte schließlich auf die Toilette und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Sie wissen es, Lea, aber wozu?

Der Brieftext ist ein Puzzlestück zu einer Erzählung, die ich 2008 begonnen hatte und für das Buchprojekt Sturmtief verwerten wollte. Weitere Puzzlestücke und Kapitelchen: The Tempest und Das Verhör.

Das Verhör

„Geben Sie es doch zu, und halten Sie uns nicht länger zum Narren.“ Der Kommisar verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Sein Gegenüber, ein blonder, junger Mann Mitte 20, blieb unbeeindruckt. „Ich werde mich nicht dazu äußern, bis mein Anwalt hier ist. Solange werde ich Sie belügen. Ich habe ein Recht darauf, Sie anzulügen.“ „Nein, verdammt, das haben Sie nicht. Immerhin sind Sie ein Verdächtiger in einem Mordfall.“ „Was haben Sie denn schon in der Hand?“ „Ihre Fingerabdrücke sind in der Nähe des Tatorts sichergestellt worden. Auf einer kleinen Wodkaflasche, um genau zu sein.“ „Und? Was heißt das denn schon? Es bedeutet lediglich, dass ich dort war. Aber zwischen diesen Fingerabdrücken und dem Ableben des Herrn Professors klafft eine riesige Lücke, die Sie mit nichts als Ihrer Phantasie ausfüllen können.“ „Wir wissen, wie es gelaufen ist, und Sie wissen es auch. Es ist ja nicht so, dass ein blutendes Loch im Schädel und ein tot herumliegender Mensch selbstverständlich sind.“ „Nun ja, rein fiktiv bin ich natürlich in den Wald gelaufen und habe dort ein mittelgroßes Stück Holz geholt. Anschließend habe ich mit diesem den Herrn Professor hinterrücks erschlagen.“ „Warum sagen Sie eigentlich immer Herr Professor?“ „Ich verachte ihn…“, rief er aus und verstummte plötzlich. Seine Augen wanderten auf den Boden, als betrachte er dort eine interessante Szene. Heiser vor Wut fuhr er fort, ohne den Blick zu heben: „Nein, ich verabscheue ihn nicht einmal. Wie erbärmlich. Ich hasse ihn, aus tiefstem Herzen und mit aller Kraft, derer ich fähig bin.“ Die Tür öffnete sich, und der Anwalt stürmte erregt und mit hochrotem Gesicht in den Raum. „Das Gespräch ist zu Ende“, zischte er und knallte seine Aktentasche auf den Tisch. Angrifflustig sah er den Kommissar an. „Ich decke Sie mit Dienstaufsichtsbeschwerden ein, bis Sie im Archiv den Staub von den Aktendeckeln pusten, da können Sie sicher sein.“

Die Schuldmaschine

„Meine Damen und Herren, kommen wir nun zu unserem interessantesten Ausstellungsstück, nämlich der Schuldmaschine. Obwohl sie bereits vor einigen Jahren konstruiert wurde, verrichtet sie noch immer äußerst gewissenhaft ihren Dienst. Sehen Sie, hier an der Schalttafel…“ – der in einer blau-roten Uniform steckende Museumsführer drehte an einigen Reglern und drückte ein paar Knöpfe – „…können Sie Ihre Eingaben tätigen. Die Maschine errechnet einen Schuldquotienten und übermittelt das Ergebnis sofort an die Behörde, wo Ihr Fall durchleuchtet und geprüft wird. Und wenn Sie das ganz große Los gezogen haben, werden Sie in einigen Jahren in Handschellen abgeführt und aller Ehrenrechte beraubt. Aber, wenn Sie mich fragen, ist das ein Mythos, der sich über die Jahre hartnäckig gehalten hat. Es soll auch nur funktionieren, wenn sich der Delinquent tatsächlich schuldig fühlt.“ Rechts und links neben den offenstehenden Mündern und fragenden Gesichtern der Gruppe lösten sich zwei dunkel gekleidete Gestalten und postierten sich unauffällig neben dem Museumsführer. „Kommen Sie näher! Wenn Sie es erst einmal versucht haben, wird es Ihr größtes Unglück sein, nicht von den Behörden belästigt zu werden. Sie werden froh sein, sich Ihre Schuld einzugestehen, und wollen sie vor den eigens dafür eingerichteten Tribunalen nur noch hinausbrüllen, damit sie alle Welt zu hören bekommt. Glauben Sie mir, genau in diesem Moment werden Sie einen kleinen Zipfel ungeheuren Glücks verspüren, nach all dieser dumpfen Warterei auf den Vollzug, nach all diesen furchtbar quälenden Erwägungen der letzten Reste Ihrer Selbstrechtfertigung, nach all den Martyrien der leisen Hoffnung auf Freispruch.“ Die Maschine surrte leise und begann zu vibrieren. Zaghaft löste sich ein älterer, klappriger Mann aus der Gruppe und trat vor. „Oh, wollen Sie? Nur zu! Sie werden es nicht bereuen!“ Der ältere Mann wirkte sehr verlegen und kramte in den weitläufigen Taschen seines ausgebeulten Mantels. Als ihn der Museumsführer, eine rothaarige, vor Energie berstende Erscheinung am Arm packte, um ihn zur Maschine zu schleifen, murmelte das Männchen leise: „Egon Balthasar?“, aber der Museumsführer nahm ohne Umschweife seine Hand und legte sie auf die Tasten des Bedientableaus. Und wieder, fragend, pochend und leise: „Egon Balthasar?“ und wieder und wieder, bis der Museumsführer wie von einem giftigen Tier gebissen zurücktrat und mit kalkweißem Gesicht schrie: „Ja, der bin ich!“, schließlich aber mit den Armen rudernd rückwärts in die Arme der dunkel gekleideten Männer fiel. „Egon Balthasar, man zweifelt an Ihrer Unschuld und nimmt Sie vorsorglich in Haft.“, ging das leise Murmeln weiter. Man hörte das gräßliche Klicken der Handschellen. Nachdem er abgeführt worden war, traten nach und nach einige aus der Gruppe zögernd an die Maschine heran, bis sich schließlich alle in wilder Wollust vor ihr wälzten und einen Knopf zu ergattern hofften, den sie selbst bedienen durften.

Die Ballade vom guten Herzen

Es war einmal ein Jemand, der lebte am Hofe eines tyrannischen Fürsten und verrichtete dort niedere Dienste. Niemand kümmerte sich um ihn und sein Wohlergehen, bis er eines Tages drei Menschen traf, die seine Freunde sein wollten. Sie versprachen ihm das Glück seines Lebens, wenn er sie zukünftig begleiten werde. Er freute sich über dieses Angebot und zog mit ihnen von dannen, bis das Schloss des tyrannischen Fürsten ganz hinter dem Horizont verschwunden war und ihn dessen starker Arm nicht mehr einholen konnte.

Seine neuen Freunde kamen nach einiger Zeit zu ihm, legten ihm die Hand auf die Schulter und sagten: „Freund, gib uns dein Brot, das du bei dir hast. Du weißt ja, wir erschaffen eine glänzende Zukunft für uns alle, und dafür brauchen wir es.“ Und er gab es ihnen, weil er ein gutes Herz hatte, und sie nannten ihn „Freund“ und lachten und scherzten mit ihm. Das Brot war alsbald aufgezehrt, und seine Freunde vernahmen mürrisch den Klang seiner fröhlich klimpernden Talerchen. Denn während sie sich abmühten, schritt Jemand frei aus und stapfte voller Zuversicht neuen Zeiten entgegen. Da kamen sie zu ihm und sprachen: „Freund, gib uns doch deine Talerchen, die so fröhlich in deiner Tasche klimpern. Du weißt ja, was wir alle für dich tun, und dafür brauchen wir sie.“ Und er gab sie ihnen, weil er ein gutes Herz hatte, und sie nahmen sie schweigend und steckten sie ein, als gehörten sie ihnen und als stünden sie ihnen rechtmäßig zu.

Nun hatte Jemand immer noch ein fröhliches Lied auf den Lippen, während sie voranschritten. Da brüteten sie finster und sannen darauf, wie sie ihm seine Fröhlichkeit nehmen konnten. Und sie kamen zu ihm und sagten: „Freund, bestelle du unseren Garten. Unkraut ist darin und allerlei schadhafter Samen, und du musst ihn mit deinen Händen herausgraben. Benutze kein Gerät, auf dass keine nützliche Pflanze zu Schaden komme.“ Und er tat, wie sie ihm gesagt hatten, und grub den Garten um und verwandte seine liebe Müh und Not darauf. Sie aber hießen ihn einen schlechten und faulen Gärtner, der alles zerstöre, was er anfasse. Doch Jemand saß nach getaner Arbeit im Garten und blickte versonnen in den Himmel hinauf. Da zürnten sie ihm hinter seinem Rücken und riefen: „Wie kann er so unbedacht sein! Während wir uns hier für ihn aufreiben, verhöhnt er uns mit seinen Träumereien! Er weiß nicht, wie ernst die Lage ist!“ Und Jemand wußte wirklich nicht, wie ernst die Lage war.

Es war ihm ganz gleichgültig geworden, wie andere über seine Zukunft dachten, denn es war nicht mehr seine Zukunft, und es war ihm auch ganz gleichgültig, was denn aus ihm werden solle. Da berieten sie im Flüsterton untereinander und wollten ihm nun auch noch das Träumen austreiben. So kamen sie zu ihm und sprachen: „Freund, gib uns doch das Häuschen, das dir gehört, und lass uns darin wohnen. Du kennst uns ja.“ Und er gab es ihnen, weil er ein gutes Herz hatte. Sie aber bespuckten ihn, hielten sich an keine Absprachen, ließen ihm keinen Schlaf und beschmutzten den Boden und die Wände seiner Wohnung. Sie gebärdeten sich wie seine Herren, hießen ihn aber einen bequemen Zeitgenossen, der das Leiden und Arbeiten verlernt habe. Da war alle Ehre und Stolz des Jemand zuschanden, und er dachte sehnsüchtig an den Hof des tyrannischen Fürsten zurück. Er hatte unter ihm zwar keine strahlende Zukunft zu erwarten, aber er konnte sich in den ruhigen Minuten davonstehlen und in den Himmel blicken, ohne dass sich jemand darum kümmerte oder daran störte. Dorthin konnte er aber nicht mehr zurück, denn der Fürst hätte ihn als Verräter in den Kerker werfen lassen.

Da nahm er sich einen Strick und erhängte sich am nächsten Baum, dessen Äste ihm stark genug schienen. Er wollte seinen Freunden nicht mehr zur Last fallen, weil er ein gutes Herz hatte. Diese aber lachten: „Sieh diesen Tölpel! Zu nichts hat er es gebracht, und zu was hätte er uns auch nütze sein sollen! Was für ein schwacher Mensch war er, und welche Hoffnungen hatten wir in ihn gesetzt!“ Und sie hielten sich die Bäuche vor Lachen und feierten erleichtert und erlöst von dem bösen Fluch, der sie heimgesucht hatte, ein Freudenfest.

Das Foto

„Du wirst es nicht glauben“, sagte Alban nach einer Weile, „aber ich war doch tatsächlich einmal Mitglied in einer Rockband mit dem sprechenden Namen ‚The Motherfuckers‘.“ Julia schmunzelte und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, während sie weiter die Fotos von Albans Familie betrachtete. Alban stellte sich hinter sie und sah ihr über die Schulter. „Wer ist denn das?“, fragte Julia, „etwa dein Bruder?“ und deutete mit dem Finger auf eine bereits etwas verblasste Fotografie, auf der ein junger Mann mit einer Gitarre und einem Strohhut zu sehen war. Alban schwieg auffällig, so dass Julia sich zu ihm umdrehte. Alban hatte das Gesicht wie zu einer spöttischen Mimik zusammengezogen, aber es sah so aus, als leide er unter einem plötzlichen, siedend heißen Schmerz. „Das ist Gregor, ein entfernter Bekannter.“ „Nun sag schon“, drängte Julia. „Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ Und Alban murmelte wie ein Bauchredner, mehr an sich selbst gerichtet: „Dafür, dass ich ihn kaum kenne, hasse ich ihn ziemlich heftig. Weißt du, ich werde bis zu meinem Tode Menschen Widerstand leisten, die glauben, ich müßte um Gnade winselnd vor ihnen auf die Knie fallen, nur weil sie einen schlechten Tag erwischt haben.“ Julia strich ihm mit ihrer Hand über die Wange. „Und was ist aus ihm geworden?“ „Er ist tot. Er kam bei einem Unfall ums Leben. Unsere ganze Familie stand am Grab und trauerte um ihn. Ich warf nur einen Klumpen Lehm auf seinen Sarg.“

Es war einmal ein Schmetterling

Es war einmal ein Schmetterling, der die Farbe seiner Flügel verloren hatte. Lange Zeit flog er unruhig hin und her, fand keinen Schlaf, und auch das Saugen des Nektars bereitete ihm keine Freude mehr. Jedem, den er traf, klagte er sein Leid; aber seine Freunde hatten nur ein Achselzucken für ihn übrig und flogen wieder weiter. Eines Tages, es war bereits sehr spät geworden, landete er auf einer goldenen Blüte vor der Höhle einer alten Erdkröte und schaukelte im Abendwind, ganz in seine traurigen Gedanken und in seine Sehnsucht versunken. Als er die Kröte aus ihrem Erdloch kommen sah, rief er ihr zu: „Ich hoffe, ich habe dich nicht gestört. Lass mich nur ein wenig Ruhe finden, bevor ich mich wieder auf den Weg mache.“ „Nein, du störst mich nicht, ich bin sogar froh, dich zu sehen. Ich bekomme doch sonst nur selten Besuch.“ Die Kröte kam näher heran und betrachtete voller Verwunderung die seltsam farblosen Flügel des Schmetterlings. „Wie ich sehe, ist dir ein sehr merkwürdiges Missgeschick widerfahren.“ „Ohja“, seufzte der Schmetterling. „Ich wüßte nur zu gerne, wie ich wieder farbige Flügel bekommen könnte.“ „Ich habe schon viel gesehen, gehört und erfahren. Schau, ich gebe dir diesen Rat: wenn du die Regenbogenfarben siehst und in deren Quelle fliegst, werden deine Flügel wieder strahlen vor Farbe.“ Der Schmetterling war überglücklich, als er das hörte. Und das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich wieder von der Kröte verabschiedete. Noch am gleichen Abend begann er, nach den Regenbogenfarben zu suchen, von denen die Kröte gesprochen hatte. Als er in die Siedlungen der Menschen flog, sah er einen wundersamen Schimmer aus einer Hütte, der ihn magisch anzog. „Gleich“, sagte er sich, „gleich wird es soweit sein.“ Er flog taumelnd noch näher und erkannte die Farben des Regenbogens, die an der Wand der Hütte tanzten; es war ein sich im Schein einer Kerze drehender Kristall, der die Reflexionen hervorrief. „Wie wunderbar“, rief der Schmetterling und stürzte sich in das Licht, wo er kurz aufflammte und verbrannte.

Und hier eine andere Version…

The Tempest

Sonnenuntergang

Sorgfältig nahm er das zusammengefaltete Blatt Papier aus dem Umschlag. Es verströmte einen leisen, flüchtigen Duft, der ihn an zurückliegende, glücklichere Zeiten erinnerte. Es war ein Brief, den die Studentin Lea Winter an ihren Professor, Alexander Baer, geschrieben hatte. Die beiden hatten sich sehr gut gekannt, vielleicht zu gut. „Wie auch immer“, murmelte er halblaut und zog seine Schreibtischlampe zu sich heran, um die feine und zierliche Handschrift besser entziffern zu können.

„Lieber Alexander, ich schreibe dir vor allem wegen unseres letzten Gesprächs in der Cafeteria der Philosophischen Fakultät. Verzeih, wenn ich es jetzt ausnutze, dass du mir vor einigen Monaten deine Privatadresse gegeben hast, damit ich dich jederzeit wegen meiner Magisterarbeit über Peruglio erreichen konnte. Aber du machtest damals einen so bemitleidenswerten Eindruck, dass ich nun diese Zeilen an dich richte. Ich weiß, dass du weder über Telefon noch über einen Computer verfügst und diese Errungenschaften unserer modernen Zivilisation für Teufelszeug hältst, auch wenn ich nie ganz verstanden habe, was der eigentliche Grund für diese heftige Abwehr war. Aber es ist nun mal so: ich habe mich in dich verliebt, in diesen kleinen, verletzlichen Phönix, der unter all der Asche noch ab und zu zaghaft mit den Flügeln schlägt und den ich in diesem wehen Blick erkenne, den er mir durch den Tränenschleier hindurch sendet. Wie schrieb Peruglio: ‚Unter dem Hundsstern finde ich meinen staubigen Pfad; hier noch voller Schatten, doch dort schon in gleißendem Licht.‘ Auch auf dich wartet ein ganzes Universum voller Möglichkeiten. Hier ist der Schlüssel, um diese Tür zu öffnen.“

Das ist ein Auszug aus einer Erzählung, die ursprünglich für das Buchprojekt ‚Sturmtief‘ gedacht war. Ich bin auch schon einigermaßen weit gekommen, aber überhaupt nicht zufrieden mit meiner Idee, die ich einfach nur für überspannt halte. Soll ich die angefangene Erzählung nun zu Ende schreiben?

Bildrechte: © Martina Merten / PIXELIO

Das System

Die Maschinerie funktionierte tadellos. In seinem System durfte es keine Abweichungen geben, und falls wider Erwarten doch Abweichungen auftraten, mussten ihre Auswirkungen sofort limitiert und ausgemerzt werden. Was er erreicht hatte, hatte er nicht dem Glück, sondern seiner vorausschauenden Übersicht, eiserner Selbstdisziplin und seiner brillanten Intelligenz zu verdanken. Es war ein perpetuum mobile, das auch noch weiterschwingen würde, wenn er nicht mehr da sein würde.

Der Tag begann immer mit dem gleichen Ritual: er duschte noch vor sechs mit kaltem Wasser, zog sich an und betätigte dann die Glocke, die alle Träume von einem anderen, wunderschönen Ort mit einem schrillen Läuten zerriss. Wenn sich die Türen öffneten, stand er bereits davor und trieb die verschlafenen, müden, geistlosen Körper zur Eile an. Die Ausdünstungen, die ihm entgegenschlugen, nahmen ihm schier den Atem, so dass er sich jeden Tag aufs Neue ekelte und in den Räumen die Fenster öffnete. Erst der Eishauch der hereinströmenden Luft beruhigte ihn wieder. Ihm und nur ihm war dieser Gestank anvertraut worden, und er würde dafür sorgen, dass daraus zivilisierte Menschen hervorgingen, die den rechten Pfad kannten.

Immer wieder scharten sie sich noch im Morgengrauen um ihn, den strengen und gerechten Zuchtmeister; er wußte, was er seiner Hand und seiner Stimme zu verdanken hatte. Schläge waren ein notwendiges Korrelat seiner Macht, die sich auch im leicht erhöhten Stand niederschlug, von dem aus er sie jeden Morgen begrüßte. Immer wieder wetterte er gegen ihre Verdorbenheit und die Last ihrer Fleischlichkeit, die sich der Sublimation verweigerte, an. Und sie blickten auf ihn und sagten nichts. Nichts. Ihre Augen waren leer, und nur er würde ihnen die Köpfe füllen, damit sie seine Gedanken auf den Lippen tragen würden. Er würde in ihrer Dunkelheit das Licht anzünden. Wenn er sich erhob, um das Morgenlied zu singen, schmetterte er aus voller Brust, und sie schmetterten mit, oder sie waren verloren. Er wettete gegen die Zeit, und er gewann immer.

Danach gab er sie frei, aber nur zum Schein; denn wenige Stunden später kehrten sie leer und hungrig zurück. Sie durften nicht essen, bevor er nicht den Löffel angefasst und sie ob ihrer knurrenden Mägen ermahnt hatte. Sie waren so schwach, dass sie sich beinahe um die dürftigen Speisen rangelten, aber ihre Schwäche belustigte ihn ein wenig. Kurz und ein wenig. Später beobachtete er sie, im bequemen Ledersessel sitzend, durch große Glasfenster hindurch, wie sie ihrer Arbeit nachgingen. Jeder Laut erstarb, da seine Aufseher diese wilden Tiere bändigten. Sie beugten sich über ihre tränenfeuchten Bücher und verstanden doch kein Wort. Er sah sie, und sie sahen ihn: das sollte genügen, um sie anzuspornen. Etwas, das sie nicht begreifen konnten, sollten sie zumindest aus der Ferne zu bewundern wissen. Die Sphärenharmonie, die über ihnen schwebte, konnte nur er hören.

Der Klang glich dem schrillen Läuten der Glocke, das die unnötigen und äußerst kurzen Pausen anzeigte. Er lächelte zufrieden und beugte sich dann wieder über die Namenslisten der Schüler aus der 5. und 6. Klasse. In jeder Zeile stand ein Betrag.

Jede Seele hatte ihren Preis, den sie sich erst verdienen musste.