Der Gottesbeweis (Fragment 1)
Samstag, 29. September 2007 14:28
Der Schuss in den blauen Herbsthimmel hallte noch einen Moment lang nach, und er roch ganz kurz den beißenden Geruch der abgefeuerten Schrotpatrone. Es war drei Uhr nachmittags. Etwas weiter vorne stand die Bracke im Schilf und suchte die nicht vorhandenen Enten. Vor dem irrsinnigen Gleißen und Glänzen des Herbstwaldes standen er und sein Vater in abgewetzten, grünen Jägerjacken, aber er sah sich selbst nicht als einen beweglichen Lichtpunkt, sondern als ein immer weiter schrumpfendes schwarzes Loch, das bald von der Landschaft überwältigt werden würde. Sein Vater hatte immer noch dieselben graublauen Augen, mit denen er jetzt knapp an ihm vorbeisah, resignierend und halb missmutig; dieselben graublauen Augen, die beschwörend auf ihn herabgeblickt hatten, als er als Kind im Bett lag und mit seinen Angstattacken rang – sein Vater umschloss dann mit seinen rauhen Händen seine Fußgelenke, und er konnte wieder einschlafen. Noch immer spürte er den Druck dieser Hände. Er liebte seinen Vater, und er hasste ihn, und je intensiver er ihn liebte, um so mehr schoss auch die Flamme des Hasses in ihm hoch. Sein Vater war unrasiert, und wie versteinert starrte er auf das flammende Schilf vor ihnen. Sie hatten heute noch kein Wild erlegt, und sie würden auch keines mehr erlegen. Als sein Vater nach der Pfeife griff, wusste er, dass die Jagd für heute vorüber war. Und wie von den Rändern einer unvollständigen Fotografie ausgehend begann sich dieser Nachmittag ganz leise zu verdunkeln und der Moment einzufrieren. Er sah die Landschaft immer unschärfer werden, und schließlich glitt er ganz langsam zu Boden. Er sah einen rötlichen Schimmer und erinnerte sich ganz kurz an Munchs Bild “Der Schrei”, während seine zitternden Finger über das Gras fuhren und sich in ein Häufchen Schnee krallten. Irgendjemand kam näher und sprach zu ihm. Er verstand es nicht. Dann drückte er ab.
Thema: Die blaue Blume |
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