Der Gottesbeweis (Fragment 3)

„Du bist ein Grammatiker“, sagte sein Bruder. Der Satz sank in die folgende Stille ein und zog sehr weite Kreise. Sie schwiegen, wieder einmal, während draußen das Rauschen der Autobahn in rhythmischen Stößen auf- und abbrandete. a4-Da5, Aljechin gegen Maroczy, 1931. Er zog an seiner Zigarette und glaubte, bereits gewonnen zu haben. Der Rauch umströmte die weißen Bauern. Er würde gewinnen, da es einfach nicht logisch war, was sein Bruder tat. Im Schach traten die Defizite meistens schlagartig, wie unter einer grellen Beleuchtung, hervor, ohne Ankündigung, und wenn man in einer unübersichtlichen Stellung nicht die Nerven behielt, ging eine Partie meist verloren. Verloren hieß im Schach so viel wie: vernichtet, als Gegner nicht mehr existent, vom Brett gefegt. Er liebte die Struktur, die absolute Ordnung, die in den Dingen selbst enthalten zu sein schien und nie verschwand, selbst wenn sie auf einer höheren Ebene aufgehoben zu sein schien. Er kannte das Lateinische und Altgriechische, aber ihn interessierte einzig und allein das Sieb der Deklination und Konjugation, durch das er den Stoff der Wirklichkeit hindurchpressen konnte. Dass es die Grammatik gab, bewies ihm, dass die Realität grundsätzlich ordnungsfähig war. Er hörte jemanden reden und wußte instinktiv, was und wie derjenige dachte. Es war der Stil, an dem er den Charakter erkannte. Das reduzierte die Welt auf Schrift, Sprache, Symbole, Zeichen und Deutung. „Du bist ein Grammatiker“, sagte sein Bruder, drückte die Zigarette aus und blickte ihn herausfordernd an. Was erwartete er? Eine Szene? Sollte er aufspringen und ihn anbrüllen: „Ja, so ist es“? Er blieb sitzen, auch wenn sein Bruder Recht hatte. Nur nicht so, wie sein Bruder ihm unterstellte. Natürlich fehlte jede ironische Brechung in seinem Glauben, alles von der Sprache herleiten zu können. Er nahm seinen Glauben ernst. Aber er war auch nicht so blind, die Sprache für ein logisches Absolutum zu halten. „Wissen und Nichtwissen bilden die zwei Waagschalen. Und die Waage wird vom Gewicht des Nichtwissens aus dem Gleichgewicht gebracht.“ Er fröstelte. Er fröstelte, wenn er daran dachte, dass sein Bruder im Teppichmuster tausende kleine Totenköpfe erkannte. Wer war Aljechin von ihnen beiden? Wer war das Genie? Gab es etwas, das prinzipiell nicht erfassbar war, so sehr er sich auch bemühte? Immer wenn er den Sternenhimmel betrachtete, fühlte er sich hilflos in einem Ozean aus Möglichkeiten treiben. Nur Bachs Musik konnte ihn in solchen Augenblicken trösten. War auch das Grammatik? An jenem Ort, auf den sein Bruder zutrieb, gab es jedenfalls keinen Kosmos, zu dem man hätte aufblicken mögen. Er glich eher einem Inferno. Die Figuren verschwammen ihm plötzlich vor den Augen.

Der Gottesbeweis (Fragment 2)

Der Knall. Herbst. Immer wieder erwachte er an dieser Stelle aus dem Traum. Und langsam stieg in ihm die Erinnerung daran hoch, wie er als Kind im Winter stundenlang mit seinem Vater in tief verschneiten Wäldern spazieren gegangen war. Die Sonne fiel schräg auf die vereisten Waldwege, die sie auf einer mehr als halbherzigen Pisch beschritten, nur mit Handwärmern und Ferngläsern ausgerüstet. Es schien ihm, als wolle sein Vater manchmal nur eine möglichst große Entfernung zwischen sich und ihrem Haus legen und für eine begrenzte Zeit aus dem Gefängnis der endlosen Streitereien ausbrechen. Auf einer dieser Wanderungen trug er voller Stolz das große Steiner-Fernglas, das er von seinem Vater wie eine Auszeichnung umgehängt bekommen hatte. Die Daten des optischen Systems konnte ihm sein Vater auswendig herunterbeten, wenn er ihn danach fragte und das Fernglas bewunderte. Sein Vater bewahrte es wie eine Reliquie in seinem winzigen Jagdkabinett auf, das in der Regel verschlossen war und das er nur an den Tagen betreten durfte, an denen sich sein Vater besonders großzügig zeigen wollte. Ein Hauch von Waffenöl, das sein Vater zur Reinigung seiner Schrotflinten benutzte, umwehte dessen Kleidung, als er knapp hinter ihm herging. Plötzlich rannte sein Vater vor ihm davon, und als er völlig verblüfft und unschlüssig dastand, rief sein Vater, sich halb umdrehend: „Ein Bär! Ein Bär kommt!“ Es dunkelte bereits, und sein Vater verschwand im Laufschritt hinter der nächsten Wegbiegung. Er hörte zwar noch sein Lachen und seine Schritte, doch die Geräusche entfernten sich immer mehr und wurden schwächer. Unter ihm öffnete sich die Falltür zu den höllischen Flammen seiner eigenen Angst. Sein Vater würde nicht eingreifen, während er mit dem Bären rang, er hatte ja gesehen, dass er selbst Angst vor ihm hatte. Kein Tier kam, aber dafür packte ihn die Panik vor der immer dichter sich auftürmenden Dunkelheit um so heftiger. Er lief los, um seinen Vater einzuholen, stürzte vornüber und landete mit dem Gewicht seines Körpers auf dem Fernglas. Eine Ewigkeit später, in der er sein rasches Ende herbeisehnte, erblickte er über sich das lachende Gesicht seines Vaters, der sich die Tränen aus den Augen wischte: „Hattest du Angst? Aber hier gibt es doch gar keine Bären!“ Als er aufstand, nahm ihm sein Vater das Fernglas ab; eine Linse war beim Fall zerbrochen. Sein Vater fluchte auf dem Heimweg ununterbrochen leise vor sich hin. Und obwohl seinem Vater klar war, dass er diesen Schaden im Grunde selbst verursacht hatte, spürte er doch die vernichtende Wut seines Vaters, die sich nicht an ihm entladen konnte, aber gerade deswegen in seiner Vorstellung alle Dimensionen sprengte. Ja, genau so ist es, dachte er sehr viel später, es gibt keinen wohlwollenden Gott, keinen deus benevolens. Gott erlaubt sich grausame Scherze mit uns und bestraft uns voller Wut, wenn wir unsere Panik nicht ertragen und beim Loslaufen über unsere eigenen Füße stolpern.

Der Gottesbeweis (Fragment 1)

Der Schuss in den blauen Herbsthimmel hallte noch einen Moment lang nach, und er roch ganz kurz den beißenden Geruch der abgefeuerten Schrotpatrone. Es war drei Uhr nachmittags. Etwas weiter vorne stand die Bracke im Schilf und suchte die nicht vorhandenen Enten. Vor dem irrsinnigen Gleißen und Glänzen des Herbstwaldes standen er und sein Vater in abgewetzten, grünen Jägerjacken, aber er sah sich selbst nicht als einen beweglichen Lichtpunkt, sondern als ein immer weiter schrumpfendes schwarzes Loch, das bald von der Landschaft überwältigt werden würde. Sein Vater hatte immer noch dieselben graublauen Augen, mit denen er jetzt knapp an ihm vorbeisah, resignierend und halb missmutig; dieselben graublauen Augen, die beschwörend auf ihn herabgeblickt hatten, als er als Kind im Bett lag und mit seinen Angstattacken rang – sein Vater umschloss dann mit seinen rauhen Händen seine Fußgelenke, und er konnte wieder einschlafen. Noch immer spürte er den Druck dieser Hände. Er liebte seinen Vater, und er hasste ihn, und je intensiver er ihn liebte, um so mehr schoss auch die Flamme des Hasses in ihm hoch. Sein Vater war unrasiert, und wie versteinert starrte er auf das flammende Schilf vor ihnen. Sie hatten heute noch kein Wild erlegt, und sie würden auch keines mehr erlegen. Als sein Vater nach der Pfeife griff, wusste er, dass die Jagd für heute vorüber war. Und wie von den Rändern einer unvollständigen Fotografie ausgehend begann sich dieser Nachmittag ganz leise zu verdunkeln und der Moment einzufrieren. Er sah die Landschaft immer unschärfer werden, und schließlich glitt er ganz langsam zu Boden. Er sah einen rötlichen Schimmer und erinnerte sich ganz kurz an Munchs Bild „Der Schrei“, während seine zitternden Finger über das Gras fuhren und sich in ein Häufchen Schnee krallten. Irgendjemand kam näher und sprach zu ihm. Er verstand es nicht. Dann drückte er ab.

Ein einfacher Plot

Ich beschäftige mich heute bereits den ganzen Tag über gedanklich mit einem Plot für eine Geschichte, der in Grundzügen etwa so aussehen könnte: ein naiver, junger Student erliegt dem dämonischen Charisma eines Kommilitonen, der zusammen mit anderen Mitstudenten, die ihm verfallen sind, in einer Art Wohngemeinschaft lebt. Nach anfänglich recht harmlosen Prüfungen wird er in die Gemeinschaft aufgenommen, muss aber dafür alle Brücken zu seiner Vergangenheit abbrechen. Im Rausch der ersten Euphorie stellt er jeden Kontakt zu seinen alten Freunden und zu seiner Familie ein und begründet dies mit der fast schon ideologisch geprägten Verachtung alles Konventionellen, Weltlichen und Materiellen. Er passt sich an, soweit es möglich ist, und wird so lange gedemütigt, bis er jedes Selbstwertgefühl verloren hat und nur noch Befehle ausführt, die ihm sein Kommilitone diktiert. Unglücklicherweise verliebt er sich in dessen Freundin und denkt schließlich darüber nach, entweder ihn oder sich selbst umzubringen. Er besorgt sich zwar eine Waffe, verliert aber den geplanten Mord wieder aus den Augen. Zudem gerät er psychisch immer weiter unter Druck und ist einem Nervenzusammenbruch nahe. Nachdem er sein gesamtes Geld auf seinen Kommilitonen überschrieben und außerdem mehrere Lebensversicherungen zu seinen Gunsten abgeschlossen hat, wird er eines Tages tot im Park aufgefunden. Ein Schuss in den Kopf beendete sein Leben, aber es bleibt in der Schwebe, ob es Mord oder Selbstmord war. – Der Plot sollte mit der Entdeckung der Leiche im Park beginnen. Ich glaube, es wäre für den Charakter des Plots äußerst wichtig, dass er nicht in das Schema der üblichen, reißerischen „Skulls & Bones“ – Stories abrutscht, die sich im Umfeld der amerikanischen Colleges bewegen. Sehr gut herausstellen könnte man die Anonymität der Massenuni, das klaustrophobische Element der Wohngemeinschaft und das psychische Pendeln zwischen Euphorie und Depression. Die Erzählung sollte bis zum Ende ein zügiges Tempo beibehalten und kriminalistische Elemente beinhalten, aber die klassische Frage nach dem Täter offen lassen, um den besten Effekt zu erzielen. Der eigentliche Träger der Handlung wären die Dialoge.

Benni

Die Verkäuferin der Bademodenabteilung aus dem Kaufhaus gegenüber hatte einen überaus eleganten Riechkolben, den sie wie keine andere als Instrument ihres Abscheus der gemeinen Welt gegenüber einzusetzen wußte. Da sie eine Blumenkleidfetischistin war, trug sie ihre floralen Phantasien jeden Tag auf der Flaniermeile zwischen Dom und Bahnhof spazieren und grüßte andeutungsweise mit einem huldvollen Blick jeden Bekannten, der ihr begegnete. Mitch spielte ihr eines Tages einen recht groben Streich, indem er einen eigens zu diesem Zweck erworbenen Schokoladenkuchen zwischen sich und ihrem wogenden Busen zerquetschte und, mit Mühe seinen Ernst bewahrend, versuchte, die Überreste von ihr abzuwischen, bis sich ihr Gezeter irgendwo beim hohen C zersprang wie ein Glas in der Vitrine, das man zu hart anfaßte. Eines Tages kam sie mit geröteten Augen in den Laden, den ich alleine bewachte, und gab vor, Kopfschmerztabletten kaufen zu wollen, wobei sie immer wieder von unterdrückten Schluchzern durchgeschüttelt wurde. „Hören Sie, er ist es nicht wert“, sagte ich, ohne zu wissen, worum es ging. Sie riss ihre Augen auf, die mich plötzlich zornig anfunkelten: „Woher wollen Sie das wissen? Er war der beste Kerl, den es hier auf der Welt gab. Was wäre gewesen, wenn ich ihn nicht gehabt hätte…“ Und wieder wollte sich ein unaufhörlicher Strom von Tränen und Schluchzern Bahn brechen. Ich führte sie zu einem Stuhl, ließ sie sich setzen und sagte zu ihr: „Beruhigen Sie sich doch!“ Blitzschnell nahm sie meine Hand und drückte einen zerknitterten Geldschein hinein. „Helfen Sie mir!“ flehte sie flüsternd. „Bitte! Kommen Sie um acht zum Hinterausgang, aber erzählen Sie niemandem davon. Bitte!“ Ihre mascaraverschmierten Augen traten beinahe aus den Höhlen. Plötzlich erhob sie sich abrupt, als ob nichts gewesen wäre, strich ihr Kleid glatt und sagte sehr laut und betont, als sollten es auch andere imaginäre Kunden im Laden hören: „Vielen Dank für Ihre Kopfschmerztabletten! Es geht mir bereits viel besser!“ Sie marschierte aus dem Laden und drehte sich nicht einmal um. Noch Minuten danach grübelte ich, ob der Vorfall nicht ein Spuk gewesen war. Um acht wartete ich am Hintereingang des Kaufhauses auf sie. Sie kam und nahm nur kurz Notiz von mir. Ich folgte ihr in einigem Abstand, von Neugier getrieben. Die Gassen leerten sich allmählich, und die Dunkelheit senkte sich auf die Stadt herab. Ihre Gestalt schien immer mehr zu einem Schatten zu verblassen, der vor mir flüchtete. Als sie ein Haus betrat, folgte ich ihr in einen schwarzen, muffig riechenden Flur, den kein Licht erhellte. Als sich am gegenüberliegenden Ende des Flurs eine Tür öffnete, ging ich dem undeutlichen Lichtspalt entgegen. Ich betrat ein großes Gartengrundstück, das ringsherum mit Bäumen bepflanzt und von der Straße aus kaum einsehbar war. Ich spähte in die Dunkelheit hinaus. Wenig später hörte ich sie im Schatten einer Kastanie ächzen. Als ich näherkam, sah ich, wie sie wie eine Furie mit einem Spaten hantierte und anscheinend ein riesiges Loch in der Erde aushob. Hatte sie etwa ihren Mann umgebracht und wollte ihn hier begraben? Warum hatte sie dann ausgerechnet mich um ihre Mithilfe gebeten? Ich wartete eine Weile und wollte mich möglichst leise und unauffällig zurückziehen, als sie auf mich zurannte und mich am Arm packte. „Ich schaffe es doch nicht ganz.“ Der Mond ging als rote Scheibe über dem Horizont auf. Hatte ich es mit einer Wahnsinnigen zu tun? „Mein armer, kleiner Benni. Als er noch ein Welpe war, hatte er ein ganz flauschiges Fell. Und nun ist er tot.“ Sie hielt sich an mir fest und weinte in meinen Hemdsärmel.

Aus dem Prolog

Aus dem Prolog eines begonnenen und nicht zu Ende geführten Romanprojekts stammt der folgende Text:

Als die alten Götter, aus allen Wunden blutend und verfolgt von einer Horde mordgieriger Menschen, auf ihrer Flucht in ein stilles Tal kamen, versammelten sie sich im Kreis um eine Feuerstelle, an der einer von ihnen ein Feuer entfacht hatte. Schweigend hüllten sie sich in ihre zerrissenen Mäntel; schließlich erhob sich der erste und sprach: „Lasst uns hier einen Ort schaffen, an dem sich der Neid, die Missgunst und der Hass nicht niederlassen können. Niemand soll von hier weggehen mit einem Schatten auf der Seele und jeder glücklich nach dem Besuch an diesem Ort in sein Leben zurückkehren.“ Sie reichten sich die Hände und blieben noch eine Weile am Feuer sitzen, bis sich einer nach dem anderen in das schon angebrochene Dunkel zurückzog.

Das letzte Versteck

Als es klingelte, fuhr er aus einem traumlosen Schlaf hoch. Die Jalousien waren halb herabgelassen und brachen die Strahlen der Sonne. Ein paar Staubflocken tanzten in den Lichtstreifen. Es war früher Nachmittag. Mit einem flüchtigen Blick sah er die zwei hochgewachsenen Polizisten, die am Zaun standen. Sie hatten ihn entdeckt, daran bestand kein Zweifel, und seine Fluchtmöglichkeiten waren begrenzt. Er hatte das im Wissen um die Sicherheit seines Verstecks einkalkuliert. Die schwarze Ledertasche, die in der Ecke glänzte, war mit dicken Bündeln aus Banknoten vollgestopft und würde ihm ein sorgloses Leben garantieren. Wochenlang war nach ihm gefahndet worden, aber das Bild der Überwachungskameras war nicht besonders scharf. Eigentlich war darauf wenig mehr zu erkennen als die Tatsache, dass er einen schwarzen Strumpf über seinem Kopf trug. Alles, was die Polizei gegen ihn in den Hände hatte, war einer seiner falschen Namen. Er wartete noch auf seinen Pass, und dann würde er in wenigen Tagen nach Afrika und von dort weiter nach Südamerika fliegen. Er würde seine Beute nicht sinnlos ausgeben. Vor einigen Tagen hatte er per e-mail das erste Bild seines neuen Domizils erhalten: äußerlich eher bescheiden, aber mit einem riesigen eingezäunten Grundstück am Rande einer kleinen, unauffälligen Siedlung. Noch immer starrte er aus dem Fenster im ersten Stock, während es zum zweiten Mal klingelte. Er mußte etwas unternehmen. Eine Flucht über die Feuertreppe wäre zu waghalsig gewesen, also entschied er sich dafür, die Polizisten unverfroren nach ihrem Anliegen zu fragen. Er schnappte sich seine neue Jacke und lief nach unten. In der Tasche fühlte er das Relief seines alten Ausweises. Seltsamerweise gab ihm das ein Gefühl der Sicherheit, als er aus der Haustüre trat. „Guten Tag, was gibt es denn?“ fragte er unsicher, und einer der Polizisten baute sich vor ihm auf und sagte: „Am Montag ist hier in der Straße in einem Haus eingebrochen worden. Ist Ihnen vielleicht etwas Merkwürdiges aufgefallen?“ Er überlegte fieberhaft, was er antworten sollte. „Nein, hier ist es eigentlich immer sehr ruhig.“ Verdammt! Mußte das sein? „Ruhig.“ Das klang höchst verdächtig. Aber es war ihm einfach so herausgerutscht. Die beiden Polizisten sahen sich an und zogen die Augenbrauen hoch. „Ja, das kriegen wir hier ständig zu hören. Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich bitte bei uns.“ „Ja, das werde ich tun.“ Um dem spröden Eindruck seiner letzten Worte etwas entgegenzusetzen, schob er seine Hand aus der Jackentasche, um sie den Polizisten zur Verabschiedung zu reichen. Dabei zog er seinen Ausweis mit, der kurz durch die Luft trudelte und mit einem lauten Klatschen vor den Füßen der Polizisten landete. Einer der Polizisten bückte sich und hob den Ausweis auf. Als er ihm den Ausweis entgegenhielt, konnte er das Zittern seiner Hand nicht mehr unterdrücken. Er fixierte den Ausweis und nahm ihn halb in die Hand, als der Polizist sagte: „Halt! Sie sind verhaftet!“ und so tat, als wolle er den Ausweis zurückziehen. Seine Augen weiteten sich, er verkrampfte sich und hielt die Luft an. Schließlich gab der Polizist nach, tippte sich schmunzelnd kurz an die Schirmmütze und stieg unter dem meckernden Gelächter seines Kollegen in den Polizeiwagen. Die Flugtickets auf seiner Kommode erschienen ihm später wie ein Traum, und er spielte kurz mit dem Gedanken, sich zu stellen.

Das Sommerhaus

Das Sommerhaus lag fast nur einen Steinwurf vom braunen, trägen Altwasser der Donau entfernt, das in der Sommerhitze leicht brackig wurde und aus dem in den Abendstunden dunkle Wolken von Stechmücken aufflogen. H. erinnerte sich an Herrn Schmidschneider, der das Sommerhaus als vorübergehender Gast wie ein Gutsbesitzer in Beschlag nahm und alle mit einem jovialen Ton begrüßte, die sich auf das Grundstück verirrten. Vor allem die leicht nordische Dialektfärbung passte nicht in die bayerische Ebene, durch die sich der Fluss zu Füßen eines ausgedehnten Mittelgebirgspanoramas schlängelte. Das Sommerhaus hatte eine klassische Veranda, auf der Herr Schmidschneider die Abendstunden in einem Schaukelstuhl verbrachte, genüßlich an seiner Pfeife ziehend. Die Mücken bereiteten ihm keine Probleme. Um so mehr litt seine Frau darunter, die sich wie ein verhärmter Schatten im Inneren des Hauses zu schaffen machte und deren Gesicht nur höchst selten durch den Spalt der offenstehenden Eingangstür hindurch zu erahnen war. H. weinte hemmungslos wie ein kleines Kind, als das Sommerhaus in der Abenddämmerung in Sichtweite kam. Jetzt war es beinahe verfallen und in sich zusammengesunken und trotzte dem Licht, als hätte ein böser Fluch einen Bannkreis um das Haus gezogen. H. kam es noch immer vor wie ein Spuk, als die Polizei eines Tages einen blau leuchtenden Kordon um das Haus gebildet hatte und schwarz gekleidete Herren ein undefinierbares Knäuel, das einmal ein Mensch gewesen sein sollte, auf einer abgedeckten Trage aus dem Haus transportierte. Herr Schmidschneider, der Psychiater gewesen war, mußte viele unangenehme Fragen beantworten, bis die Ermittler den Fall eindeutig unter Suizid verbuchten. Allerdings zogen sich die Ermittlungen wochenlang hin, und Herr Schmidschneider verbrachte seinen Urlaub im Untersuchungsgefängnis, bis er in die Freiheit entlassen wurde und dem Sommerhaus endgültig den Rücken kehrte. H. hatte seit dieser Zeit nie wieder etwas von ihm gehört. Was wollte H. hier? Er stellte sich diese Frage mehrere Male, aber er wußte keine Antwort darauf. Es schien ihm, als wäre er bereit, so lange zu warten, bis er eine Antwort darauf gefunden hätte. Jedenfalls hatte ihn sein Weg hierher und nicht nach Rotterdam geführt, wie er es ursprünglich geplant hatte.

Die Legende

Um den kaiserlichen Palast hatte sich schon seit Jahren eine fiebrige und emsige Menschenmenge versammelt, die jeden Laut, der von den inneren Kammern durch die verschlossenen Türen nach außen drang, abfing, seine Botschaft deutete und die Sensation als eine Welle der Erregung von innen nach außen trug. Am letzten Mauerring hielten die Paladine und Fürsten ihr Ohr auf den Stein gepresst, während die einfachen Beamten, die in der Menge fast untergingen, ihre Ohren hilflos dem Palast entgegenstreckten. An den ausgefransten Rändern der Menschenmasse in den Vororten setzten sich Läufer und berittene Boten in Bewegung, um den Strahl des seltenen kaiserlichen Wortes in die fernsten Ecken des Reiches zu tragen. In den Fensternischen kauerten Späher, die gegen Bezahlung jedem Neugierigen ihre Beobachtungen mitteilten, die sie durch schwere samtene Vorhänge hindurch glaubten gemacht zu haben. Die Wächter hielten sich grau und müde an ihren Hellebarden fest, mit denen sie den Zugang zum Palast versperrten. Seitdem sie ihren Dienst angetreten hatten, litten sie unter einer unheilbaren Schlaflosigkeit; die zitternde, gespannte Erwartung der Masse übertrug sich auf ihre geschwächten Körper, und schließlich gab es niemanden mehr, der diese schwere Aufgabe auf sich nehmen wollte. Die Legende berichtet jedoch von einem Hirtenjungen, dem es gelang, über einen unterirdischen Kanal zufällig in die innersten kaiserlichen Gemächer einzudringen. Erstaunt nahm er die kostbaren Seidentapeten, die zart schimmernden Porzellanvasen und die grellrot gefärbten Teppiche wahr, die die Gemächer schmückten. Vor allem aber fiel ihm auf, dass niemand diese Räume bewohnte. So laut und so oft er auch rief, niemand antwortete ihm. Als der Tag zur Neige ging und der Hirtenjunge Hunger verspürte, suchte er nach einem Ausgang und öffnete versehentlich die schweren Flügeltüren, vor denen sich die atemlose Masse drängte. Und als sie über seinen bereits reglosen Körper hinwegflutete, hauchte er noch: „Ich bin es nicht!“

Herr K. und der reiche Herr

Herr K. wohnte in Untermiete bei einem reichen Herrn, der sich, wie er selber behauptete, ihm gegenüber immer äußerst großzügig verhalten habe, und zwar nur aus reiner Sympathie heraus und nicht etwa deswegen, weil er auf seine kümmerliche Mietzahlung angewiesen sei. Er hatte nur eine seltsame Angewohnheit, die K. zunächst gleichmütig aufzunehmen verstand, ihn aber allmählich immer mehr in rasende Wut versetzte: der Herr lief mehrere Male am Tag an seinem Fenster vorüber, hielt dann kurz an, betrachtete durch das Fenster hindurch K. wie ein interessantes Tier, das er in einem Käfig hielt, bestaunte die Einrichtung und schnitt dazu Grimassen, als missfalle ihm alles, was er zu Gesicht bekäme, und ging dann mit der Andeutung eines Kopfschüttelns weiter. Oder er fuchtelte wild mit den Armen, rief laut den Namen seiner Haushälterin und warf dem wie immer am Schreibtisch sitzenden und untätigen K. im Vorübergehen einen erzürnten Blick zu. Eines Tages ging K. zu ihm hin und bat ihn, dieses Verhalten doch zu
unterlassen; es störe ihn ungemein und er könne sich so in seiner Wohnung nicht unbeobachtet fühlen. Der reiche Herr beachtete ihn anfangs kaum, er seufzte nur ab und zu und blickte in eine imginäre Ferne, als stünde er einem unverständigen Kind gegenüber, packte ihn aber dann mit einer blitzschnellen Bewegung so fest am Arm, dass K. beinahe vor Schmerz aufgeschrien hätte, und sah ihm beschwörend in die Augen: „Aber Herr K.! Sie haben doch nichts zu verbergen, oder?“