Fastenschwindler

Ich komme gerade von einem sehr entspannten, genussvollen und gelungenen Abend nach Hause, und ich bin richtig glücklich darüber, diese Chance genutzt zu haben, um wieder einmal unter Leute zu kommen. Nachdem ich heute nachmittag bei einem kleinen Symposium mit dem störungsfreien Einsatz der Medien betraut war, fuhren wir vom Organisationsteam zusammen mit dem Referenten anschließend ins „Mirabelle“ in der Innenstadt, in dem ich noch nie vorher war; das Essen sollte eine kleine Belohnung für unseren Einsatz darstellen. Das „Mirabelle“ ist ein kleines französisches Restaurant direkt gegenüber vom Stadttheater in der Drei-Mohren-Straße, der Durchgangspassage von der Ludwigstraße zum Bismarckplatz. Als Vorspeise gab es Auberginenröllchen mit Schafskäse, als Hauptgang gefüllte Maispoularde und zum Dessert die – ohne Übertreibung – beste Mousse au Chocolat, die ich bis dato gegessen hatte. Flankiert wurde dieses Mahl von einem samtweichen Merlot, Espresso und einem Cognac. Das Gespräch verlief unterhaltsam und floss ungezwungen dahin, ohne dass ich, wie so oft, das Gefühl hatte, krampfhaft nach einem Gesprächsthema fahnden zu müssen. Und dabei beabsichtigte ich doch tatsächlich heute morgen noch, direkt nach dem Symposium wieder nach Hause zu fahren. Aber dann dachte ich mir: „Ach, wann passiert es mir schon mal, dass ich zum Essen eingeladen werde…“ – der richtige Gedanke, wie sich später herausstellte. Der Fastenschwindler des Abends war natürlich der Organisator der Veranstaltung selbst, der steif und fest behauptete, Espresso sei gar kein richtiger Kaffee.

Essen

Essen ist ein durchaus intimer Akt, dessen öffentliche Zurschaustellung leicht exhibitionistisch wirkt. Das Sich-Einverleiben kann auch als Selbstvergewisserung durch Zerstörung und Umwandlung gesehen werden. Ich werde mehr und nehme zu, indem ich etwas in meinem Schlund verschwinden lasse. Interessant dabei ist, dass der für die Nahrungsaufnahme zuständige Mechanismus des Kauens und Schluckens auch für die Sprache verwendet wird. Auf der ätherischen, gleichsam höchsten Stufe der Kommunikation, der Sprache, wird etwas mitgeteilt, was im Aufteilen des Essens seine Entsprechung findet. Im Kern geht es um die Botschaft, dass die Furcht vor dem Alleinsein und der drohenden Überwältigung durch unbekannte Mächte durch die lebendige Anwesenheit der anderen gemildert wird. Das gemeinsame Essen hat insofern etwas, das die Unterschiede weitgehend nivelliert. Dennoch bleibt das Geschäftessen ein Widerspruch in sich. Auch bei einem zu großen sozialen Gefälle will sich das Erlebnis der Gemeinschaft beim Essen nicht so recht einstellen. Die Tischgenossen sollte man also sorgfältig auswählen, wenn man Ernüchterung und Entfremdung vermeiden will. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der gemeinsame, ritualisierte Genuss mehr verbindet, als man auf den ersten Blick für möglich halten würde.