Der Suizid

Freitag, 19. Oktober 2007 23:58

Ich betrete das Haus meiner Großeltern, in dem gerade ein Fest stattgefunden hat. Die Tafel steht noch mitten im Wohnzimmer und ist mit halbgefüllten Tellern, Schüsseln und Gläsern überladen. Die Gäste haben jedoch das Haus verlassen – eine unheimliche Stille hat vom Haus Besitz ergriffen. Auf einem der Stühle an der Tafel sitzt seltsam erstarrt mein Bruder. Als ich von hinten an ihn herantrete, habe ich das Gefühl, er würde jeden Augenblick zu reden beginnen und zu Messer und Gabel greifen. Er wirkt beinahe durchsichtig, als wäre er aus Bernstein, und plötzlich weiß ich, dass er sich selbst umgebracht hat. Ich muss die Polizei und meine Mutter darüber informieren, aber es fällt mir in meiner Verwirrung äußerst schwer, die Tastenkombination 1-1-0 auf meinem Handy einzugeben. Die Stimme des Polizisten, dem ich meine Beobachtungen mitteile, klingt amüsiert, was in einem grellen Kontrast zu der grausigen Entdeckung steht, die ich gerade gemacht habe. “Suizid, Suizid!”, brülle ich immer wieder ins Telefon. Doch der Polizist am anderen Ende der Leitung versteht nicht, worüber ich mich so aufrege. Ich muss also meine Mutter sprechen. Da sie am anderen Ende des Dorfes mit Bekannten weiterfeiert, muss ich sie wohl oder übel dort aufsuchen. Ich will aber die Leiche meines Bruders nicht ungeschützt zurücklassen, da ich befürchte, jemand könnte sie während meiner Abwesenheit entfernen. Als ich nach einer Ewigkeit endlich meine Mutter begrüßen kann, scheint auch sie bester Dinge zu sein und kann gar nicht glauben, was ich ihr erzähle. Wieder bediene ich völlig umständlich mein Handy und rufe die Polizei an. Der Kommissar, mit dem ich nun verbunden werde, stellt mir in harmlosem Ton einige gezielte Fragen. Ich beginne zu ahnen, dass ich des Mordes an meinem Bruder verdächtigt werden könnte, und lege mir bereits gedanklich ein sicheres Alibi zurecht. Dumm nur, dass ich der erste war, der ihn gefunden hat, und nicht sagen kann, was sich vor seinem Tod im Einzelnen abgespielt hat.

Anmerkung: Dass mich der Traum heute sehr stark aufgewühlt und beschäftigt hat, möchte ich nicht ganz unerwähnt lassen. Dabei kam mir vieles wieder in den Sinn, was ich in letzter Zeit gelesen oder gesehen habe und in weitestem Sinn das Thema Geschwister aufgreift. Gut möglich, dass die Erzählung “Der Gottesbeweis” auf diese Weise nach einer Fortsetzung verlangt. Es wird Zeit, sich den Schatten zu stellen.

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Im Gleichschritt

Donnerstag, 11. Oktober 2007 16:37

Ich glaube, dass es ein Beispiel wahren Mutes ist, auf das Mutterkreuz als Mutter mehrerer Kinder zu spucken und es vor den versammelten NS-Funktionären in den Dreck zu werfen, wie es mir ein Augenzeuge geschildert hat. Alles andere ist Heiti-teiti, tut mir leid.

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Allerlei Unsortiertes

Sonntag, 25. März 2007 23:13

Das Weltkulturerbe zeigte sich heute wieder von seiner besten Seite – Wind, blauer Himmel, schöne Frauen. Auf den Plätzen mit Aussicht herrschte heute schon ein Getümmel, als hätte der Sommer bereits Einzug gehalten. Dabei fror ich gestern noch ganz erbärmlich. Es gab so viele Kleinigkeiten, über die ich mir heute den Kopf zerbrach, dass mir beinahe die Lust verging, irgendetwas davon festzuhalten – immer wieder die unnötigen Missverständnisse, die falschen Bilder und Rollen, die belastenden Verpflichtungen. Ich drehe mich gedanklich im Kreis. Es fehlt mir die Gelegenheit, mich auszutauschen, und meine e-mails laufen derzeit ins Leere. Es dauert Jahre, um so etwas wie Vertrauen aufzubauen, aber oft genügt ein Wort, um alles zu zerstören. Wo ist bitteschön das rote Telefon? Manchmal fühlt es sich so an, als liege nicht nur ein Weltmeer, sondern ein ganzes Universum zwischen meiner und anderen Welten. – Im Traum entere ich die Kommandobrücke eines riesigen Containerschiffs, das langsam vom Pier ablegt. M., mein älterer Bruder, lehnt mir gegenüber an der Wand und glüht geradezu vor Aufregung und Abenteuerlust. Als ich ihn frage: “Wo fahren wir denn hin?”, antwortet er lachend: “Ja, wir haben einen langen Weg vor uns. Das Schiff legt erst wieder in Alaska an.” Ich bin überrascht und glücklich, diese lange Reise zusammen mit ihm unternehmen zu dürfen. Seit Jahren spüre ich zum ersten Mal wieder ein Gefühl von Freiheit. Durch das Schiff laufen mehrere Wellen, die der anspringende Dieselmotor verursacht, während ich mir gleichzeitig vorzustellen versuche, wo sich Alaska auf dem Globus befindet. Ich frage mich, ob wir die Passage nördlich des amerikanischen Kontinents schaffen werden.

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“Es ist zu Ende!”

Sonntag, 18. März 2007 22:09

Heute stieß ich im Internet auf den Artikel eines jüdischen Journalisten, der in einer kleinen Stadt in Niederbayern alte Gefängniszellen der SS unter einer neu erbauten Berufsschule entdeckte. Auf dem Gelände des heutigen Industriegebiets der Stadt befand sich ein geheimer Testflughafen der Messerschmitt-Werke, auf dem während des Krieges jüdische Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Im Ort traf er überall auf eine Mauer des Schweigens, der Vertuschung und des Vergessens. Als er der Lehrerin, die ihn in die Katakomben der Schule führte, vorschlug, doch die Geschichte dieser Räume zu dokumentieren und diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, erwiderte sie scharf: “Es ist zu Ende!”, wobei sie den Kopf schüttelte. Und wenig später: “Ja, wir sind alle Söhne und Töchter von Nationalsozialisten, aber wir brauchen einen Neuanfang. Die Bürger der Stadt wissen nicht, was hier passiert ist. Die Ereignisse sind wie ein Schatten. Aber jetzt ist es endgültig vorbei.” Die Lehrerin war – meine Mutter. Im Übrigen sind die Kellerräume, wie der Journalist bemerkt, erstaunlich gut erhalten und in einem weit besseren Zustand als viele andere historische Gedächtnisstätten des NS-Terrors. Auf einem der Bilder steht an der Wand der Gefängniszelle in Frakturschrift “Gut Holz”. Das waren die letzten Worte, die die Häftlinge lasen, bevor sie in dieser Zelle hingerichtet wurden.

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Familiäres

Sonntag, 30. Juli 2006 9:49

Ich fahre mitten in der Nacht auf endlos langen und merkwürdig leeren Straßen mit meinem Vater von einem Fest nach Hause, als mein Vater die Bemerkung fallen läßt, er würde doch gerne meine Freundin näher kennen lernen und sie jetzt besuchen; auf dem Fest habe ich meine Freundin wohl meinen Eltern vorgestellt. Auf meine zögerlichen Einwände, es sei mitten in der Nacht und sie schlafe bestimmt, reagiert mein Vater äußerst beleidigt und meint, ich würde sie ihm vorenthalten. Ich stimme schließlich zu, um ihn nicht weiter zu verärgern. Das Haus meiner Freundin ist groß, geräumig und elegant. Da ich die Schlüssel besitze, öffne ich meinem Vater die Tür. Meine Freundin, die ich als meine Arbeitskollegin R. wiedererkenne, liegt auf ihrem Bett an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand nackt unter einem Laken und wirft uns beiden einen verwirrten Blick zu, bevor sie wieder einschläft. Die weißen Seidenschals an den Fenstern bauschen sich leicht im Wind, während mein Vater und ich uns durch die dunklen Gänge zur Küche entlang tasten. Diese ist mit einer dünnen, verschiebbaren Trennwand vom Wohnzimmer abgetrennt. Offensichtlich ist meine Freundin aufgestanden, denn sie erscheint kurz in der hellen Küche und trägt jetzt die Gesichtszüge von D., meiner ersten Freundin; sie freut sich, mich zu sehen, spricht aber kein Wort mit mir. Meine Mutter taucht plötzlich in der Küche auf und beginnt, das schmutzige Geschirr abzuwaschen. Ich will ihr helfen, finde aber kein Geschirrtuch, um das Geschirr abzutrocknen, und finde deswegen die übertriebene Aktivität meiner Mutter reichlich sinnlos. Als könnte sie meine Gedanken lesen, sieht sie mich bedauernd an und zuckt die Achseln. Im Wohnzimmer findet kurz danach eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen meiner Freundin und meinem älteren Bruder statt, den ich ebenfalls nicht hier vermutet hätte. Ich hege den Verdacht, dass meine Freundin mich mit meinem älteren Bruder betrogen haben könnte, denn warum sollte er sonst hier sein? Aber im Traum scheint mich das gar nicht weiter zu stören, ja, ich schmunzle sogar bei dieser Vorstellung. Mein Bruder verkraftet diese Tatsache aber anscheinend – im Gegensatz zu mir – überhaupt nicht. Da er sein schlechtes Gewissen mit Lautstärke zu übertönen versucht, wird er beim unvermittelt eskalierenden Streit so laut, dass in der Küche jedes Wort deutlich zu verstehen ist. Die Trennwand ist plötzlich verschwunden, und ich kann die Szene, die sich im Wohnzimmer abspielt, ganz deutlich sehen. Dennoch kann ich nicht zu meinem Bruder gehen und ihn beruhigen. Ich bin wie festgefroren und spüre, dass die Trennwand nur durch eine unsichtbare Glaswand ersetzt wurde. Mein Bruder schreit: “Ich kann nicht mehr! Seit Tagen spüre ich eine zweite Person hinter mir wie einen Schatten!” und reißt mit einer blitzschnellen Bewegung eine bläulich glänzende Pistole aus seinem Hosenbund, die er auf meine vor ihm knieende Freundin richtet. Ich kann nicht mehr hinsehen und schreie nun selbst, so laut ich kann: “Nein! Nein! Nein!”, bis ich in einer seltsam friedlichen Stimmung aufwache.

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