Das Foto

„Du wirst es nicht glauben“, sagte Alban nach einer Weile, „aber ich war doch tatsächlich einmal Mitglied in einer Rockband mit dem sprechenden Namen ‚The Motherfuckers‘.“ Julia schmunzelte und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, während sie weiter die Fotos von Albans Familie betrachtete. Alban stellte sich hinter sie und sah ihr über die Schulter. „Wer ist denn das?“, fragte Julia, „etwa dein Bruder?“ und deutete mit dem Finger auf eine bereits etwas verblasste Fotografie, auf der ein junger Mann mit einer Gitarre und einem Strohhut zu sehen war. Alban schwieg auffällig, so dass Julia sich zu ihm umdrehte. Alban hatte das Gesicht wie zu einer spöttischen Mimik zusammengezogen, aber es sah so aus, als leide er unter einem plötzlichen, siedend heißen Schmerz. „Das ist Gregor, ein entfernter Bekannter.“ „Nun sag schon“, drängte Julia. „Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ Und Alban murmelte wie ein Bauchredner, mehr an sich selbst gerichtet: „Dafür, dass ich ihn kaum kenne, hasse ich ihn ziemlich heftig. Weißt du, ich werde bis zu meinem Tode Menschen Widerstand leisten, die glauben, ich müßte um Gnade winselnd vor ihnen auf die Knie fallen, nur weil sie einen schlechten Tag erwischt haben.“ Julia strich ihm mit ihrer Hand über die Wange. „Und was ist aus ihm geworden?“ „Er ist tot. Er kam bei einem Unfall ums Leben. Unsere ganze Familie stand am Grab und trauerte um ihn. Ich warf nur einen Klumpen Lehm auf seinen Sarg.“