Aus meinem Notizbuch

Aus meinem Notizbuch (06.09.2014):

[…] Das ist übrigens einer der Gründe, warum das Böse so schwer fassbar ist; Grausamkeit und Pathologie reichen dafür nicht aus. Oft tritt das Böse in einer Konstellation auf, die von einem intensiven Aufeinander-Bezogen-Sein gekennzeichnet ist und in der auch der scheinbar dominierende Part von dem scheinbar unterlegenen Part beeinflusst wird, so wie etwa die Gravitationskräfte des Mondes auf die Erde zurückwirken und nicht nur die Erde den Mond an sich bindet. Jemand, der von außen darauf blickt, wird die Natur dieser Bindung nicht verstehen und das Umeinander-Kreisen als eine Art persönlichen Konflikt missdeuten, in dem jeder der beteiligten Partner genauso viel Objektivität beanspruchen kann wie der andere und ein unabhängiges Urteil nicht möglich scheint, wiewohl im System selbst die Rollen klar verteilt sind und die innere Wahrheit allen Beteiligten unmittelbar zugänglich ist. Objektivität, Fairness, Regeln – alles das bestärkt die Position des dominierenden Parts und führt dazu, dass das zugrundeliegende System länger bestehen bleibt, entgegen der allgemeinen Erwartung, dass es dadurch aufgelöst oder verhindert werden könnte. […]

Allerlei Unsortiertes

Das Weltkulturerbe zeigte sich heute wieder von seiner besten Seite – Wind, blauer Himmel, schöne Frauen. Auf den Plätzen mit Aussicht herrschte heute schon ein Getümmel, als hätte der Sommer bereits Einzug gehalten. Dabei fror ich gestern noch ganz erbärmlich. Es gab so viele Kleinigkeiten, über die ich mir heute den Kopf zerbrach, dass mir beinahe die Lust verging, irgendetwas davon festzuhalten – immer wieder die unnötigen Missverständnisse, die falschen Bilder und Rollen, die belastenden Verpflichtungen. Ich drehe mich gedanklich im Kreis. Es fehlt mir die Gelegenheit, mich auszutauschen, und meine e-mails laufen derzeit ins Leere. Es dauert Jahre, um so etwas wie Vertrauen aufzubauen, aber oft genügt ein Wort, um alles zu zerstören. Wo ist bitteschön das rote Telefon? Manchmal fühlt es sich so an, als liege nicht nur ein Weltmeer, sondern ein ganzes Universum zwischen meiner und anderen Welten. – Im Traum entere ich die Kommandobrücke eines riesigen Containerschiffs, das langsam vom Pier ablegt. M., mein älterer Bruder, lehnt mir gegenüber an der Wand und glüht geradezu vor Aufregung und Abenteuerlust. Als ich ihn frage: „Wo fahren wir denn hin?“, antwortet er lachend: „Ja, wir haben einen langen Weg vor uns. Das Schiff legt erst wieder in Alaska an.“ Ich bin überrascht und glücklich, diese lange Reise zusammen mit ihm unternehmen zu dürfen. Seit Jahren spüre ich zum ersten Mal wieder ein Gefühl von Freiheit. Durch das Schiff laufen mehrere Wellen, die der anspringende Dieselmotor verursacht, während ich mir gleichzeitig vorzustellen versuche, wo sich Alaska auf dem Globus befindet. Ich frage mich, ob wir die Passage nördlich des amerikanischen Kontinents schaffen werden.