Cantus

Donnerstag, 6. Dezember 2012 19:07

Ich küsse deine schmelzenden
Spuren im Schnee, ich liebkose
das verbleichende Haar, das du verlorst
auf dem Weg zu mir, auf dem Weg
weg von mir.

Ich trinke das Gift deiner
verblassenden Zeilen,
strahlende Ritterin,
Schwester des Todes.

Nimm meine Hand und sieh:
hinter dem Horizont erlischt
der dunkle Gesang der Parzen.

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Sprich nur ein Wort

Sonntag, 4. März 2012 0:44

Im blauen Fermate
keimt schon die
Ahnung des Frühlings,
am Horizont strahlen
die weißen Birken.
Der gewaltige Fluss
gräbt sich sein Bett
und wirbelt Perlen
durch die noch
dunkleren Wasser.
Jemand befestigt sein
Haus und bricht auf.
Jemand atmet die
treibenden Wolken.
Jemand, jemand,
Adagio sostenuto.

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Orpheus

Samstag, 8. Oktober 2011 1:44

Nie, du der Hoffnung
längster Pfad, schließ
den Wanderer sanft
in deine Arme, ins
Hochzeitskleid deines
Versprechens.

Erfüllt von vager
Furcht taut ein Morgen
herauf zwischen
den Welten.

Doch nirgends singst
du den Choral der
Wolken vor schwach
mattiertem Blau.

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Phönix

Dienstag, 10. August 2010 2:01

In gelbroten Symphonien
taumeln die Feuer,
im schwarzen Atem
des verkohlenden Laubs,
im wirbelnden Zauber
der Lüfte.
Ein schaler Halbmond
singt das bittere
Klagelied des Mohns,
das süße Klagelied
der fernen Bestimmung.
Sanft vibrieren
die Häute des Farns,
es ruhen still
die glänzenden Tropfen
der Blutspur.
Zu dir, Geliebter, zu dir.

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Abschied, du Nachtigallenwort

Sonntag, 28. März 2010 12:14

Abschied, du Nachtigallenwort,
Das sich zu Gott versang,
Du Tränenkrug, drin hier und dort
ein Schluchzendes ertrank.

Küsst sich in dir ein Schwalbenpaar,
Das auseinander zieht?
Trennt dich der Tod, ein leises Haar,
Das Lieb von Liebe schied?

Nelly Sachs

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Ceres

Sonntag, 17. Januar 2010 0:41

Wie sahst du, Königin,
den Pluto, stillen Herrscher,
im Saume deines
bitterherben Kleids?
Seidentödliches Gespinst,
umflatterten dich die
Nachtfalter des Wahns?
Lös du den Bann und gib
dem Schicksalsflüchtling
Lethe zu trinken aus
dem Ratschluss der Götter.
Denn nur aus Mitleid
blickte er zurück auf
die zerschmetterte Ebene.

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Fremdländischer Duft

Sonntag, 19. April 2009 17:15

Wenn ich geschlossnen Augs in Abendglut
Einschlürfe deinen warmen Duft mit Beben,
Seh’ ich ein herrlich Ufer sich erheben
Aus einem Meer, drauf ewiges Leuchten ruht.

Ein schwellend Eiland, dem der Sonne Flut
Seltsame Bäume, saftige Frucht gegeben
Und schlanke Männer voller Kraft und Leben
Und Frauen, deren Blick voll Glanz und Mut.

Dein Hauch führt mich zu lieblichen Gestaden,
Im Hafen seh’ ich Schiff an Schiff beladen
Und von der langen Reise müd und schwer.

Ich schlürf den Duft von Tamarindenbäumen,
Der sich vermischt in meinen wachen Träumen
Dem Sang der Schiffer auf besonntem Meer.

Charles Baudelaire

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Venerae

Montag, 17. November 2008 19:14

Die Leuchtspur Einsamkeit,
Stein und Balken:
alles ist Heimat,
fernstes Sein
im Knistern der Zweige.

Aus den leeren Himmeln
der Städte ergießen sich
weltlose Schatten
in Gassen,
bestäubt von Asche.

Und zwischen den
todesheiseren Schlachten
formt sich im Mund
die klirrende Stille
zu einer Bitte.

Zu einem Abgott.

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Epiphanie

Mittwoch, 1. Oktober 2008 23:10

Im hellen Passionsduft der Mondsicheln
erglüht das Meer würziger Gräser,
blutet hin im schmelzenden Garten
der ruhende Ton der Laute.
Blaue Vogelstimmen weben
dem Müden ein hüllendes Tuch,
während vom schwarzen Tau aufglänzt
ein Haar. Dem braunen Corpus
entschweben die schimmernden Fäden
der Saiten mit dem Atem,
der leisesten Musik.

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Unio

Sonntag, 6. April 2008 11:29

Endlich, blutende Rose, sind wir
so weit voneinander entfernt,
dass ein Photon stürbe
auf dem Weg zwischen uns.
Rücken an Rücken liegen wir,
getrennt durch diese dünne
Folie, wundernden Auges.
Shibalba hält Hof
über dunklen Wassern
und verzehrt sich selbst.

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