Ordnen

Ich bin gerade sehr beschäftigt damit, meine Befindlichkeiten, meine Aussichten, meine Pläne und meine Wünsche zu ordnen. Es ist wie bei einer Entdeckungstour, und es gibt allerhand zu bestaunen: heftige Aversionen, unerwiderte Sympathien, stille Neigungen, neue Freundschaften. Ich weiß, dass das alles Zeit benötigt, um zu wachsen, sich für mich zu einem sinnvollen, lebenswerten Ganzen zusammenzusetzen, während doch nichts knapper ist als Zeit. So vieles drängt auf Planung, Erledigung und Kontrolle; nichts erscheint schlimmer als ein Bereich, in den man nicht blitzartig hineinswitchen und ebenso geistesgegenwärtig reagieren kann. Vor allem dieses Jahr ist von einer Energie gekennzeichnet, die mir nicht liegt, und die neben der Aktion auch ein Stückchen Selbstaufgabe fordert, um ganz für von anderen definierten Anforderungen zur Verfügung zu stehen.

Das ist das Tabu, und ich lebe es lustvoll aus: nämlich sich mit sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Lasst mich einmal die Frage stellen: will ich das überhaupt? und lasst mir die Zeit, um Luft zu holen und darüber nachzudenken. Lasst mich. Sein.

Ich bin nicht diese Rolle, ewig gut gelaunt, selbstbewusst, voller Tatendrang, unendlich kreativ und sensibel. Ich bin, aber das wisst ihr nicht und wollt es wahrscheinlich auch nicht wissen, ganz anders: viel zweifelnder, unsicherer, ängstlicher, egoistischer. Und viel näher am Scheitern als am Erfolg.

In jenen Nächten…

…als ich mich wieder und wieder an ihr gehauchtes „Ich hab dich so gern“ erinnerte, an jene vertrackte Form unserer Liebe, die nur schief gehen konnte, in jenen Nächten blieb mir außer der Ekstase der Erinnerung, dem Alkohol und den Zigaretten nur das Tagebuch. Ich führte es nur so im Vorübergehen, ohne jedes echte Interesse, mit einem halben Ohr nahm ich immer an den Geschehnissen um mich herum teil und folgte den geheimen Zeichen der Lust, die ich in roter Tinte auf die Zeilen bannte. Die vulkanische Eruption kam erst viel später, als sie mir überraschend ihren neuen Freund vorstellte und ich, berstend vor Zorn, sprichwörtlich alle Türen hinter mir zuschmetterte. Es war eine Liebe auf Zeit, geborgt bei irgendjemandem, sie hatte eine feine, aufgerissene Patina und schimmerte edler als die ersten Sätze, die wir aneinander richteten. Sehr viel später las mich dann R. auf wie einen Vogel mit gebrochenen Flügeln. Wir redeten kaum, aber sie war mir so nah, wie ich es mir nur wünschen konnte. Schließlich gab ich dem immer drängenderen Pochen des Zweifels nach, dass „das hier“ nicht das Richtige sei, dass ich weiterziehen müsse, fort, einem unbekannten Abenteuer entgegen. Und irgendwann erkannte ich, dass auch die akademische Welt und später das Büro nicht mein Zuhause waren, dass ich unterwegs heimatlos geworden war und ich mir keinen Ort vorstellen konnte, der mich vollständig und ganz in sich aufgenommen hätte.

Gemischte Gefühle

Warum kippt ausgerechnet dieses sonnige Frühlingswochenende? Warum ist mir nicht ein kleines Quantum Stabilität gegönnt, das ich brauche, um mich sicher zu fühlen? Ein, zwei Jahre würden als Verschnaufpause durchaus reichen. Könnte es nicht einmal so einfach sein wie bei anderen? Statt dessen beschleunigt jetzt auch noch die defekte Waschmaschine den freien Fall meines Kontostands nach unten, von rot nach tiefrot. Und schon wieder tritt diese Belanglosigkeit eine Welle los, die das Potential hat, mir auch noch die letzte Freude am Leben zu vergällen. Ich bin das gegenseitige Aufrechnen von Schuldgefühlen so leid, weil das Ergebnis ja schon feststeht und sich nicht ändert. Ich hoffe, dass ich morgen wenigstens meinen Chef in genießbarer Stimmung antreffe. Aber wenn sich diese Tendenz so fortsetzt, kommt er morgen entweder überhaupt nicht oder fertigt mich in zwei Minuten brutal ab. Ich sehe der Woche also durchaus mit gemischten Gefühlen entgegen.