Essen

Essen ist ein durchaus intimer Akt, dessen öffentliche Zurschaustellung leicht exhibitionistisch wirkt. Das Sich-Einverleiben kann auch als Selbstvergewisserung durch Zerstörung und Umwandlung gesehen werden. Ich werde mehr und nehme zu, indem ich etwas in meinem Schlund verschwinden lasse. Interessant dabei ist, dass der für die Nahrungsaufnahme zuständige Mechanismus des Kauens und Schluckens auch für die Sprache verwendet wird. Auf der ätherischen, gleichsam höchsten Stufe der Kommunikation, der Sprache, wird etwas mitgeteilt, was im Aufteilen des Essens seine Entsprechung findet. Im Kern geht es um die Botschaft, dass die Furcht vor dem Alleinsein und der drohenden Überwältigung durch unbekannte Mächte durch die lebendige Anwesenheit der anderen gemildert wird. Das gemeinsame Essen hat insofern etwas, das die Unterschiede weitgehend nivelliert. Dennoch bleibt das Geschäftessen ein Widerspruch in sich. Auch bei einem zu großen sozialen Gefälle will sich das Erlebnis der Gemeinschaft beim Essen nicht so recht einstellen. Die Tischgenossen sollte man also sorgfältig auswählen, wenn man Ernüchterung und Entfremdung vermeiden will. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der gemeinsame, ritualisierte Genuss mehr verbindet, als man auf den ersten Blick für möglich halten würde.