Der Gottesbeweis (Fragment 3)

„Du bist ein Grammatiker“, sagte sein Bruder. Der Satz sank in die folgende Stille ein und zog sehr weite Kreise. Sie schwiegen, wieder einmal, während draußen das Rauschen der Autobahn in rhythmischen Stößen auf- und abbrandete. a4-Da5, Aljechin gegen Maroczy, 1931. Er zog an seiner Zigarette und glaubte, bereits gewonnen zu haben. Der Rauch umströmte die weißen Bauern. Er würde gewinnen, da es einfach nicht logisch war, was sein Bruder tat. Im Schach traten die Defizite meistens schlagartig, wie unter einer grellen Beleuchtung, hervor, ohne Ankündigung, und wenn man in einer unübersichtlichen Stellung nicht die Nerven behielt, ging eine Partie meist verloren. Verloren hieß im Schach so viel wie: vernichtet, als Gegner nicht mehr existent, vom Brett gefegt. Er liebte die Struktur, die absolute Ordnung, die in den Dingen selbst enthalten zu sein schien und nie verschwand, selbst wenn sie auf einer höheren Ebene aufgehoben zu sein schien. Er kannte das Lateinische und Altgriechische, aber ihn interessierte einzig und allein das Sieb der Deklination und Konjugation, durch das er den Stoff der Wirklichkeit hindurchpressen konnte. Dass es die Grammatik gab, bewies ihm, dass die Realität grundsätzlich ordnungsfähig war. Er hörte jemanden reden und wußte instinktiv, was und wie derjenige dachte. Es war der Stil, an dem er den Charakter erkannte. Das reduzierte die Welt auf Schrift, Sprache, Symbole, Zeichen und Deutung. „Du bist ein Grammatiker“, sagte sein Bruder, drückte die Zigarette aus und blickte ihn herausfordernd an. Was erwartete er? Eine Szene? Sollte er aufspringen und ihn anbrüllen: „Ja, so ist es“? Er blieb sitzen, auch wenn sein Bruder Recht hatte. Nur nicht so, wie sein Bruder ihm unterstellte. Natürlich fehlte jede ironische Brechung in seinem Glauben, alles von der Sprache herleiten zu können. Er nahm seinen Glauben ernst. Aber er war auch nicht so blind, die Sprache für ein logisches Absolutum zu halten. „Wissen und Nichtwissen bilden die zwei Waagschalen. Und die Waage wird vom Gewicht des Nichtwissens aus dem Gleichgewicht gebracht.“ Er fröstelte. Er fröstelte, wenn er daran dachte, dass sein Bruder im Teppichmuster tausende kleine Totenköpfe erkannte. Wer war Aljechin von ihnen beiden? Wer war das Genie? Gab es etwas, das prinzipiell nicht erfassbar war, so sehr er sich auch bemühte? Immer wenn er den Sternenhimmel betrachtete, fühlte er sich hilflos in einem Ozean aus Möglichkeiten treiben. Nur Bachs Musik konnte ihn in solchen Augenblicken trösten. War auch das Grammatik? An jenem Ort, auf den sein Bruder zutrieb, gab es jedenfalls keinen Kosmos, zu dem man hätte aufblicken mögen. Er glich eher einem Inferno. Die Figuren verschwammen ihm plötzlich vor den Augen.

Der Gottesbeweis (Fragment 2)

Der Knall. Herbst. Immer wieder erwachte er an dieser Stelle aus dem Traum. Und langsam stieg in ihm die Erinnerung daran hoch, wie er als Kind im Winter stundenlang mit seinem Vater in tief verschneiten Wäldern spazieren gegangen war. Die Sonne fiel schräg auf die vereisten Waldwege, die sie auf einer mehr als halbherzigen Pisch beschritten, nur mit Handwärmern und Ferngläsern ausgerüstet. Es schien ihm, als wolle sein Vater manchmal nur eine möglichst große Entfernung zwischen sich und ihrem Haus legen und für eine begrenzte Zeit aus dem Gefängnis der endlosen Streitereien ausbrechen. Auf einer dieser Wanderungen trug er voller Stolz das große Steiner-Fernglas, das er von seinem Vater wie eine Auszeichnung umgehängt bekommen hatte. Die Daten des optischen Systems konnte ihm sein Vater auswendig herunterbeten, wenn er ihn danach fragte und das Fernglas bewunderte. Sein Vater bewahrte es wie eine Reliquie in seinem winzigen Jagdkabinett auf, das in der Regel verschlossen war und das er nur an den Tagen betreten durfte, an denen sich sein Vater besonders großzügig zeigen wollte. Ein Hauch von Waffenöl, das sein Vater zur Reinigung seiner Schrotflinten benutzte, umwehte dessen Kleidung, als er knapp hinter ihm herging. Plötzlich rannte sein Vater vor ihm davon, und als er völlig verblüfft und unschlüssig dastand, rief sein Vater, sich halb umdrehend: „Ein Bär! Ein Bär kommt!“ Es dunkelte bereits, und sein Vater verschwand im Laufschritt hinter der nächsten Wegbiegung. Er hörte zwar noch sein Lachen und seine Schritte, doch die Geräusche entfernten sich immer mehr und wurden schwächer. Unter ihm öffnete sich die Falltür zu den höllischen Flammen seiner eigenen Angst. Sein Vater würde nicht eingreifen, während er mit dem Bären rang, er hatte ja gesehen, dass er selbst Angst vor ihm hatte. Kein Tier kam, aber dafür packte ihn die Panik vor der immer dichter sich auftürmenden Dunkelheit um so heftiger. Er lief los, um seinen Vater einzuholen, stürzte vornüber und landete mit dem Gewicht seines Körpers auf dem Fernglas. Eine Ewigkeit später, in der er sein rasches Ende herbeisehnte, erblickte er über sich das lachende Gesicht seines Vaters, der sich die Tränen aus den Augen wischte: „Hattest du Angst? Aber hier gibt es doch gar keine Bären!“ Als er aufstand, nahm ihm sein Vater das Fernglas ab; eine Linse war beim Fall zerbrochen. Sein Vater fluchte auf dem Heimweg ununterbrochen leise vor sich hin. Und obwohl seinem Vater klar war, dass er diesen Schaden im Grunde selbst verursacht hatte, spürte er doch die vernichtende Wut seines Vaters, die sich nicht an ihm entladen konnte, aber gerade deswegen in seiner Vorstellung alle Dimensionen sprengte. Ja, genau so ist es, dachte er sehr viel später, es gibt keinen wohlwollenden Gott, keinen deus benevolens. Gott erlaubt sich grausame Scherze mit uns und bestraft uns voller Wut, wenn wir unsere Panik nicht ertragen und beim Loslaufen über unsere eigenen Füße stolpern.

Der Gottesbeweis (Fragment 1)

Der Schuss in den blauen Herbsthimmel hallte noch einen Moment lang nach, und er roch ganz kurz den beißenden Geruch der abgefeuerten Schrotpatrone. Es war drei Uhr nachmittags. Etwas weiter vorne stand die Bracke im Schilf und suchte die nicht vorhandenen Enten. Vor dem irrsinnigen Gleißen und Glänzen des Herbstwaldes standen er und sein Vater in abgewetzten, grünen Jägerjacken, aber er sah sich selbst nicht als einen beweglichen Lichtpunkt, sondern als ein immer weiter schrumpfendes schwarzes Loch, das bald von der Landschaft überwältigt werden würde. Sein Vater hatte immer noch dieselben graublauen Augen, mit denen er jetzt knapp an ihm vorbeisah, resignierend und halb missmutig; dieselben graublauen Augen, die beschwörend auf ihn herabgeblickt hatten, als er als Kind im Bett lag und mit seinen Angstattacken rang – sein Vater umschloss dann mit seinen rauhen Händen seine Fußgelenke, und er konnte wieder einschlafen. Noch immer spürte er den Druck dieser Hände. Er liebte seinen Vater, und er hasste ihn, und je intensiver er ihn liebte, um so mehr schoss auch die Flamme des Hasses in ihm hoch. Sein Vater war unrasiert, und wie versteinert starrte er auf das flammende Schilf vor ihnen. Sie hatten heute noch kein Wild erlegt, und sie würden auch keines mehr erlegen. Als sein Vater nach der Pfeife griff, wusste er, dass die Jagd für heute vorüber war. Und wie von den Rändern einer unvollständigen Fotografie ausgehend begann sich dieser Nachmittag ganz leise zu verdunkeln und der Moment einzufrieren. Er sah die Landschaft immer unschärfer werden, und schließlich glitt er ganz langsam zu Boden. Er sah einen rötlichen Schimmer und erinnerte sich ganz kurz an Munchs Bild „Der Schrei“, während seine zitternden Finger über das Gras fuhren und sich in ein Häufchen Schnee krallten. Irgendjemand kam näher und sprach zu ihm. Er verstand es nicht. Dann drückte er ab.