In jenen Nächten…

…als ich mich wieder und wieder an ihr gehauchtes „Ich hab dich so gern“ erinnerte, an jene vertrackte Form unserer Liebe, die nur schief gehen konnte, in jenen Nächten blieb mir außer der Ekstase der Erinnerung, dem Alkohol und den Zigaretten nur das Tagebuch. Ich führte es nur so im Vorübergehen, ohne jedes echte Interesse, mit einem halben Ohr nahm ich immer an den Geschehnissen um mich herum teil und folgte den geheimen Zeichen der Lust, die ich in roter Tinte auf die Zeilen bannte. Die vulkanische Eruption kam erst viel später, als sie mir überraschend ihren neuen Freund vorstellte und ich, berstend vor Zorn, sprichwörtlich alle Türen hinter mir zuschmetterte. Es war eine Liebe auf Zeit, geborgt bei irgendjemandem, sie hatte eine feine, aufgerissene Patina und schimmerte edler als die ersten Sätze, die wir aneinander richteten. Sehr viel später las mich dann R. auf wie einen Vogel mit gebrochenen Flügeln. Wir redeten kaum, aber sie war mir so nah, wie ich es mir nur wünschen konnte. Schließlich gab ich dem immer drängenderen Pochen des Zweifels nach, dass „das hier“ nicht das Richtige sei, dass ich weiterziehen müsse, fort, einem unbekannten Abenteuer entgegen. Und irgendwann erkannte ich, dass auch die akademische Welt und später das Büro nicht mein Zuhause waren, dass ich unterwegs heimatlos geworden war und ich mir keinen Ort vorstellen konnte, der mich vollständig und ganz in sich aufgenommen hätte.

Freie Tage

Ich frage mich, ob ich morgen tatsächlich in meine Heimatstadt fahren sollte, um einige Fotos zu schießen und die Stationen der Jahre, die ich dort verbrachte, zu dokumentieren – Zeit hätte ich ja morgen genug. Oder wäre es nicht klüger, Erinnerungen Erinnerungen sein zu lassen und sie ihrer Patina nicht zu berauben? Sehr oft bereute ich es, meine Heimatstadt ohne Begleitung zu besuchen, und sei es auch nur, um im Wartezimmer eines Notars die bitteren Gesänge der Lerchen zu hören. Seit ich alle Verbindungen hinter mir abgebrochen habe, nimmt sie mich nicht mehr vollständig in sich auf, und ich verlasse sie jetzt immer wie ein enttäuschter Liebhaber. Ich bin in ihr nur noch ein Tourist, der einen unstillbaren Hunger nach einer bestimmten Perspektive, einem bestimmten Raum, einem bestimmten Ton hat – und doch einer Chimäre nachläuft. Ja, hier an dieser Stelle war etwas, Herzblut, Tränen, Jubel, aber jetzt ist sie taub und nichtssagend. Nichts wurde konserviert, und meine Spur hat der Regen verwischt. Das Museum der Augenblicke war und ist geschlossen.