Heimweh, Fernweh

Gestern war der Tag der Nostalgiker: Frau Testsiegerin berichtet über ihre Lesung im Weinviertel, während Frau Svashtara von Belgrad träumt. Und ich machte mich heute auf, um ein Stück donauabwärts in Richtung Gäuboden zu fahren, obwohl ich gestern noch Zweifel hatte, ob das gut gehen könne. Nein, die Erinnerung schwieg nicht, nicht am scheußlichen Adlerrondell aus der Zeit des Nationalsozialismus und nicht beim Schrei der Raben, die ihre Nester anflogen. Zu oft hat mich ihr Krächzen in einen unruhigen Schlaf begleitet, als dass ich sie hätte vergessen können. Zu oft stand ich neben dem Sockel der Adlerskulptur und rauchte eine Zigarette, als dass ich diesen mit leiser Wehmut gewürzten Geschmack nun nicht mehr würde schmecken können. So stiegen in mir unwillkürlich die Tränen hoch, als ich am Herzogsschloss stand und die silbrig schimmernden Wirbel des Flusses betrachtete. Einmal ging ich noch den alten Weg zur Schule und roch die nassen Moose an den Mauern, einmal noch stand ich in der Turnhalle mit ihren überheizten Katakomben, einmal noch schlenderte ich die weißen, lichtdurchfluteten Gänge des Krankenhauses entlang, in dem ich meinen Zivildienst abgeleistet hatte. Jeden Sonntagabend brach während meiner Zeit im Internat ich mit schwerem Herzen auf, um im Exil der Stadt unterzutauchen. So nährte ich jahrelang die Hoffnung auf jenen dritten, neutralen Punkt, von dem aus sich meine Geschicke und diese Verflechtung der gegenseitigen Abhängigkeiten ordnen ließen. Auch Jahre danach konnte ich mich nur schwer von diesem Heimweh, das ein Fernweh war, lösen. Es blieb immer lebendig – wie jener Ton, der wie eine kleine, glänzende Kugel aus den Saiten des verstimmten Flügels stieg, an die Stuckdecke des alten Refektoriums schwebte und nur die johlenden Kameraden als Publikum hatte, die vor den Fenstern Fußball spielten.