Film, Hinrichtung und das Gesicht

Ich bin ein Gefängniswärter, der im Todestrakt einen Mann betreut, der sich für vollkommen unschuldig hält. Ich bin überzeugt davon, dass er das Verbrechen, für das er hingerichtet werden soll, nicht begangen hat, aber ich kann ihm kaum helfen und höre ihm schweigend zu. „Ich werde sterben“, ruft er in einer wahnsinnigen Erregung aus, als er seine ausweglose Lage erkennt. Schließlich sinkt er resigniert in sich zusammen. Er liegt gefesselt auf einer Art Andreaskreuz aus silbrig glänzendem Edelstahl und redet weiter wie besessen, als sei das ein probates Mittel, seine Hinrichtung hinauszuzögern. Aus dem Dunkel nähert sich eine Hand und ein Arm seinem Gesicht und tupft sanft die Speichelreste mit einem roten Schwammtuch weg. Das Tuch ist mit Äther getränkt, um ihn zu betäuben. Er sieht die Hand und den Lappen mit dem scharfen Geruch verwundert an, als wären sie Gegenstände, die er hier auf gar keinen Fall erwartet hätte. Dem fiebrigen Glanz in seinen Augen ist anzumerken, dass er nicht weiß, was mit ihm geschieht. Dann fällt oder rutscht er das Kreuz hinunter und wird von einem gelben Seidentuch gewürgt, das um seinen Hals geschlungen ist. Unmittelbar darauf sehe ich vor mir das überdimensionale Gesicht einer Frau, die etwas zu erklären versucht und immer wieder ins Stocken gerät. Ich weiß, dass sie für die Hinrichtung des Mannes verantwortlich war und nun versucht, sich selbst von der Verantwortung freizusprechen. Als die Lippen der Frau gezeigt werden, bemerke ich, dass ich in einem Kino sitze und es sich bei den Großaufnahmen um einen Dokumentarfilm handelt. Ich bin verwirrt – war die Tatsache, dass ich Gefängsniswärter war, nur eine Folge davon, dass ich mich mit einer Person aus dem Film sehr stark identifiziert hatte? Als ich mich wieder auf den Film konzentriere, stelle ich mit Erschrecken fest, dass sich die Hautoberfläche der Frau verändert hat – sie ist beinahe narbig, mit feinen, klar voneinander abgegrenzten Runzeln überzogen und hat eine gräuliche Farbe wie verdorbenes Fleisch. Ihre Stimme soll Erleichterung vorspielen, sie versucht sogar ein nervöses Lachen, aber man spürt das bei ihr aufsteigende Entsetzen über ihre Tat. Schließlich zeigt der Film eine Szene in einer düsteren, öden Landschaft unter einem pechschwarzen Himmel, bei der im Vordergrund ein kahler Baum zu erkennen ist. Aus dem Hintergrund taucht das eingefallene, gespenstische Gesicht des Toten auf, und der ununterbrochene Monolog der Frau spitzt sich zu einem Schrei zu.